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PETER WEBER - Das Menschenbild des bürgerlichen



Die Untersuchung der Genesis von Lessings 'Miß Sara Sampson" ergab, daß die Entwicklung des neuen Dramenstils Ausdruck des Bestrebens war, die ideologische Bindung an den Hof zu durchbrechen und mit den Mitteln des Trauerspiels solche Menschen zu formen, deren moralischer Altruismus geeignet schien, eine Gesellschaft harmonischer menschlicher Beziehungen aufzubauen. Der feudalabsolutistisch geprägten Gesellschaft in ihrer Gesamtheit wird damit jene 'Brüderlichkeit" entgegengestellt, die als das eigentlich moralische Element des zu einem späteren Zeitpunkt der historischen Entwicklung auch politisch und sozial bestimmten Citoyen-Ideals einen utopischen Zukunftsentwurf darstellt, der über die revolutionäre Vernichtung des Ancien regime, über die bürgerliche Gesellschaft auch in ihrer politischen Selbstbestimmung hinausweist. Der Stilcharakter der 'Miß Sara Sampson" ist deshalb nicht nur Ausdruck des Bruchs mit dem heroischen Trauerspiel, sondern auch ästhetische Bedingung für die künstlerische Gestaltung dieses utopischen Modells, das Lessing erst am Ende seines dramatischen Schaffens im 'Nathan" unter verändertem Aspekt des ideologischen Kampfes wieder als zentrales Thema aufnimmt.


      Das entscheidende Stilmerkmal von Lessings bürgerlichem Trauerspiel ist die Gestaltung eines privaten Sujets. Der idyllische Gegenstand trennt das bürgerliche Trauerspiel von demjenigen der höfisch orientierten Aufklärung, das am öffentlichen bzw. politisch bedeutsamen Gegenstand das Ideal des aufgeklärten Herrschers zu gestalten suchte. Neben der Wahl des privaten Gegenstandes, neben dem Verzicht auf direkt politische Probleme und politisch-soziale Konflikte ist es für das bürgerliche Trauerspiel charakteristisch, daß die Gestaltung des gewählten Gegenstandes keine historisch-soziale Konkretheit ergibt. Die ökonomische Lage der handelnden Personen und ihre Stellung innerhalb der gesellschaftlichen Gesamtstruktur spielt für den Handlungsgang und die Aussage des Stückes eine völlig untergeordnete Rolle. Die Lösung der Personen aus ihrer gewöhnlichen Lebenssphäre und das fremdnationale Milieu sind Vehikel dieser Abstraktion, deren Wesen darin besteht, daß es Lessing nicht um die Lebensfragen eines bestimmten Standes, sondern um die Gestaltung nichtständischer Geselligkeit und Moral an einem der höfischen Sphäre entzogenen Gegenstand geht, um ein bürgerlich-antiständisches Gegenbild zur bestehenden Gesellschaft.
      In diesem Sinne hat sich das Menschenbild gegenüber der heroischen Tragödie gewandelt. Tugend ist nicht mehr Pflichterfüllung eines 'vernünftig" Regierenden und stoische Schicksalsbejahung des Regierten, sondern Empfindungsfähigkeit für das Leiden des Mitmenschen und entsprechendes altruistisches Handeln. Daraus folgt unter dem Aspekt der Publikumswirksamkeit als drittes Stilmerkmal das Aufgeben der sozialen Differenzierung, die die Oberen 'Vernunft" und die Unteren gleichmütiges Ertragen aller Gravamina lehren soll. Das Didaktische tritt überhaupt an die zweite Stelle. In erster Linie geht es um die unmittelbare Formung gesellschaftlich bedeutsamer Emotionen durch direkte Einflußnahme auf den moralischen Habitus des Zuschauers, die Erweckung der Mitleidfähigkeit.
      Textvorlage: Peter Weber: Das Menschenbild des bürgerlichen Trauerspiels. Germanistische Studien. Hg. v. H. Kaufmann, G. Scholz, H.-G. Thalheim, Rüt-ten & Loening, Berlin 1970, S. 198-199.
      Eine nicht unmittelbar das behandelte Thema weiterführende Anmerkung des Originaltextes wurde von uns nicht wiedergegeben.

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