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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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PETER WEBER - Das Menschenbild des bürgerlichen Trauerspiels



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Die Zuspitzung des Widerspruchs zwischen gesamtgesellschaftlichem Interesse und feudaler Ordnung ließ die Schule Wolffs zerbrechen, sie enthüllte gleichzeitig die apologetische Tendenz der Theoreme Gottscheds.

      Nicht zufällig rückten seit diesem Zeitpunkt die Vertreter der jungen literarischen Generation von Gottsched ab. Die Bedeutung der Schweizer ist für diesen Prozeß von sekundärer Bedeutung; wo ihre Positionen für Ideologen der neuen Literaturprogrammatik eine Rolle spielen, erklärt diese Rezeption noch nicht das Wesen der neuen literarischen Epoche. Von grundlegender Bedeutung ist in dieser Hinsicht die veränderte Stellung der jungen Generation zur feudalen Ständegesellschaft, ihre Absage an das von Gottsched praktizierte soziale Engagement. Suchte Gottsched ein 'Amt" von offiziell anerkannter Bedeutung und das höfische Mäzenat als soziale Grundlagen seiner literarischen Wirksamkeit, so erstrebt die junge Generation die Sezession aus staatlichen und ständischen Bindungen und bildet private Zirkel im Freundeskreis. Sezessionistische Ideologie und eine neue Struktur der Geselligkeit sind Ausdruck der gesellschafdichen Bewußtwerdung der 'Mittelklasse", die gegen Mitte des Jahrhunderts 'Breite" und innerhalb der 'tätigen" Intelligenz 'ungeheures Ãœbergewicht" gewann. [1] Diese Intelligenz war in die privilegierten Stände nicht mehr integrierbar und den Krisenerscheinungen der Feudalordnung in besonderem Maße ausgesetzt; aus unmittelbaren Lebenserfahrungen ergab sich die Desillusionierung über die soziale Harmonie der Gesellschaft. [...] Der private Charakter der sezessionistischen Freundschaften sowie die mitunter konträren weltanschaulichen Konsequenzen, die innerhalb dieser Verbindungen aus der kritischen Stellung zur offiziellen Gesellschaft gezogen wurden, zeigen den Mangel einer sich abzeichnenden historischen Alternative an, die relative Stabilität der Ständegesellschaft, und bedeuten, daß weder im Sozialen noch im Ideologischen ein konsequenter Bruch mit ihr vollzogen werden konnte. Einerseits war es noch nicht möglich, ja im allgemeinen noch nicht einmal beabsichtigt, die soziale Existenz auf der Grundlage freier schriftstellerischer Produktion zu sichern - gewöhnlich gelang es nur bis zum Abschluß des Studiums bzw. bis zur Begründung einer eigenen Familie, sichder Einfügung in den Ständemechanismus, der Ãœbernahme eines [...] Amtes zu entziehen. Andererseits konnten die Freundschaftsbünde noch nicht zum Ausgangspunkt einer sozial-politischen Opposition werden. Sie waren vielmehr Ausdruck moralisierender Abgrenzung von der feudalabsolutistischen Gesellschaft, Zirkel geselligen Lebensgenusses im Privaten, Gruppen gemeinsamer Diskussion und literarischer Gestaltung.
      Besitzt die Wendung gegen ständisch-offizielle Lebensformen auch in den literarischen Produktionen sämtlicher Freundschaftsbünde entscheidende thematische Bedeutung, so ist doch ihre jeweilige Ausprägung im Sujet, der soziale Bereich ihrer Gestaltung und ihre weltanschauliche Spezifik durchaus unterschiedlichen Charakters. In der ersten Hälfte der vierziger Jahre überwiegen zunächst Gedichte, die weltabgeschiedenen Lebensgenuß eines Einsamen oder zweier Freunde bzw. eines Liebespaares zum Motiv haben. Die lediglich zweisame Freundschaftsbeziehung ohne jede Absicht der Wirkung nach außen entspricht als gesellige Struktur diesen frühen literarischen Produkten. [...]
Einen Schritt über die ausgesprochen 'idyllische" Geselligkeit hinaus gingen bereits die sogenannten Bremer Beiträger, ein Freundeskreis, der sich als Gremium gleichberechtigter Redaktionsmitglieder formierte. Die Tendenz zum öffendichen drückt sich neben dem publizistischen Hauptinteresse in der wachsenden Zahl der Mitarbeiter aus. Hatten Gärtner, Cramer und Johann Adolf Schlegel die 'Neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes" in Absage an die von dem Gottschedanhänger Johann Joachim Schwabe herausgegebenen 'Belustigungen des Verstandes und des Witzes" im Sommer 1744 gegründet, so traten bald darauf Rabener, Konrad Arnold Schmid, Ebert und Zachariä dem Kreis bei. Ihnen folgten 1745 Johann Elias Schlegel als auswärtiger Mitarbeiter und Geliert, nicht viel später Klopstock und sein Vetter Johann Christoph Schmidt. In der 'Sammlung vermischter Schriften, von den Verfassern der bremischen neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und des Witzes", die nach dem Eintritt der Mitarbeiter in 'Ämter" und ihrer räumlichen Trennung von 1748 bis 1757 der weiteren gemeinsamen Publikation diente, erscheinen außerdem die Namen von Gleim und Cronegk. Hinzu treten Beziehungen, die sich in gemeinsamer Publikation manifestieren, jedoch wesentliche Anregungen vermitteln, wie etwa die Freundschaft zwischen Ebert, Giseke und Hagedorn.
      Diese gesellige Struktur ist nicht mehr als schlechthin 'idyllisch"zu betrachten; sie nähert sich vielmehr jener von Goethe [...] als 'soziale oder civische" bezeichneten 'Epoche", als deren Charakteristika er die Ausdehnung der 'engen Kreise", ihre 'lebhaftere innere Zirkulation" und die 'Einwirkung fremder Sprachen" ansieht. [2] Was den letzten Punkt betrifft, so ist insbesondere hervorzuheben, daß durch die Ubersetzertätigkeit Eberts im Kreise der Beiträger die Rezeption der englischen Literatur einsetzt. Der Erweiterung der Kommunikation in weltanschaulichen und künstlerischen Fragen und der Tendenz zu öffentlicher literarischer Wirksamkeit entspricht eine höhere Form der literarischen Gestaltung sezessionistischer Geselligkeit, die Ausweitung der Thematik über die privaten Freundschafts- und Liebesbeziehungen hinaus, die Gestaltung von Sujets umfassenderer sozialer Bezüge.
     

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