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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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PAUL RILLA - Aus: Literatur - Kritik und Polemik



Literaturgeschichte, unter den Zwang historischen Denkens gestellt, kann nur durch die genaue Fixierung gesellschaftlicher Begriffe zu ihrer Methode kommen. [...] Begriffe wie 'Freiheit" und 'Gleichheit" haben ebenso ihre literarische wie ihre politische Geschichte. Aber daß sich politische und literarische Geschichte nicht trennen lassen, erfährt man, sobald man auf die gesellschaftlichen Zustände zurückgeht, in denen die Begriffe wurzeln, sobald man die gesellschaftlichen Veränderungen untersucht, die auch den Inhalt der Begriffe verändern. Wenn die Ideen der großen französischen Revolution in der Literatur der Aufklärungszeit enthalten waren, so heißt das keineswegs, daß die Revolution eben nichts anderes war als die Vollstreckerin des Vernunftprogramms der Literatur, sondern es heißt, daß dieselben sozialen Verhältnisse, die zur revolutionären Lösung drängten, sich in den gleichzeitigen literarischen und philosophischen Ideen niederschlugen. [...]

Die historisch-materialistische Methode, welche auf die tatsächlichen Bedingungen zurückgeht, unter denen Literatur entsteht, setzt eben damit den Geist, den Gedanken, die Idee in ihre echte historische Funktion ein. Sie ist weit davon entfernt, ein mechanisch selbsttätiges System von materieller Ursache und geistiger Wirkung. aufzustellen. Sie dringt tief unter die Oberfläche gradliniger 'Abhängigkeiten", um die komplizierte Verflochtenheit der materiellen und geistigen Prozedur aus der Dialektik des gesellschaftlichen

Prozesses zu begründen. Von Engels, dem Mitbegründer des dialektischen Materialismus, gibt es aus der Zeit nach dem Tode von Marx, aus dem Jahre 1890, ein paar briefliche Äußerungen, worin er sich gegen eine Vulgarisierung der Ökonomischen Theorie des Marxismus verwahrt, wie sie von gewissen neueren 'Marxisten" — er setzt sie in Anführungszeichen - praktiziert werde. Von einer 'automatischen Wirkung der ökonomischen Lage", schreibt er, könne nicht die Rede sein, 'sondern die Menschen machen die Geschichte selbst", freilich 'auf der Grundlage vorgefundener tatsächlicher Verhältnisse, unter denen die ökonomischen, sosehr sie auch von den übrigen politischen und ideologischen beeinflußt werden mögen, doch in letzter Instanz die entscheidenden sind und den durchgehenden allein zum Verständnis führenden roten Faden bilden". Gegenüber einer Zurechtkonstruierung dürftiger historischer Kenntnisse unter dem Vorwand des historischen Materialismus, der damit zur Phrase werde, stellt Engels fest: 'Unsere Geschichtsauffassung aber ist vor allem eine Anleitung beim Studium, kein Hebel der Konstruktion ä la Hegelianertum. Die ganze Geschichte muß neu studiert werden, die Daseinsbedingungen der verschiedenen Gesellschaftsformationen müssen im einzelnen untersucht werden, ehe man versucht, die politischen, privatrechtlichen, ästhetischen, philosophischen, religiösen usw. Anschauungsweisen, die ihnen entsprechen, aus ihnen abzuleiten." Und gegenüber dem ökonomischen Automatismus, den man sich hier und da bequemerweise vorstelle, betont Engels die Wechselwirkung aller historischen Faktoren: 'Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische usw. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren aufeinander und auf die ökonomische Basis. Es ist nicht, daß die ökonomische Lage Ursache, allein aktiv ist und alles andere nur passive Wirkung. Sondern es ist Wechselwirkung auf Grundlage der in letzter Instanz stets sich durchsetzenden ökonomischen Notwendigkeit." [...] Eben dieses umfassende Wissenschaftssystem ist es, worauf die historische Unwiderstehlichkeit der materialistischen Methode beruht. [1]

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PAUL  RILLA  -  Aus:  Literatur  -  Kritik  Polemik    





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