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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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OLGA SMOLJAN - Friedrich Maximilian Klinger. Leben und Werk



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Der Sturm und Drang war eine Bewegung der Jugend. Die davon begeisterten jungen Menschen nannten sich selbst 'Kraftgenies". Demonstrativ ignorierten sie die 'öffentliche Meinung", demonstrativ lehnten sie allgemeingültige Regeln ab. Sie bemühten sich, frei und ungezwungen zu leben und zu handeln, formlos zu schreiben und grob zu reden. Sie legten entgegen der herrschenden Mode die gepuderten Perücken ab; überhaupt bemühten sie sich, diejenigen zu frappieren, die die bestehenden Anstandsregeln für unantastbar hielten. Ãoberall warfen sie der damaligen deutschen Gesellschaft den Fehdehandschuh hin; überall äußerte sich der rebellische Charakter der Bewegung.

      Die 'Kraftgenies" waren von der großen Bedeutung ihrer Neuerungen, von der reinigenden Wirkung ihrer Rebellion überzeugt. Lebenswahrheit war die Losung des Sturm und Drang. Ihre Dichtung gab der Literatur zweifellos einen neuen Gehalt. Es war der Drang zur Wirklichkeit, das Leben eroberte sich die Literatur, es brach mit allen seinen Widersprüchen ungeschminkt in die Dichtung ein. Die besten Bestrebungen der Bewegung bahnten dem Realismus den Weg.
      Die Sturm-und-Drang-Dichter sahen den extremen Individualismus, den die entstehende Bourgeoisie hervorrief. Ihnen offenbarte sich auch die andere Seite der entstehenden Gesellschaft - die Dynamik eines neuen Lebens. Sie gestalteten in ihren Werken die von Herder formulierten Gedanken von der unaufhörlichen Entwicklung des Lebens.
      Das Hauptanliegen für die Stürmer und Dränger war die möglichst vollständige Befreiung des Menschen aus allen seinen Fesseln. Da sie aber noch nicht erkennen konnten, daß die Revolution der Weg ist, der die Gesellschaft dahin führt, so versuchten sie, den Menschen nicht 'von außen", sondern 'von innen" zu 'befreien". Das war ein Irrtum, entsprach aber einem Gesetz der geschichtlichen Entwicklung. Daraus entsprangen Ãobertreibungen aller Art, die verstiegenen Bestrebungen, alle Kräfte und Leidenschaften des Menschen zu befreien und alle Rechte seiner starken Persönlichkeit durchzusetzen.
      Goethe und Klinger, Lenz und Leisewitz, Wagner und Heinse, Schubart, Maler Müller und Bürger und endlich Schiller sind die eigentlichen Vertreter der Bewegung. Durch diese Namen sind die 70er und beginnenden 80er Jahre des 18. Jahrhunderts gekennzeichnet; es ist die stürmischste Periode in der Geschichte der deutschen Literatur. Zwei berühmte Namen stehen am Anfang und am Ende dieser Reihe: Goethe und Schiller.' Der 'Götz" steht am Anfang des Sturm und Drang, die frühen Dramen Schillers bilden gleichsam den Epilog der Bewegung.
      In den 'Räubern", in der 'Verschwörung des Fiesco zu Genua" und in 'Kabale und Liebe" hat die Bewegung ihre stärkste und revolutionärste Verkörperung gefunden. Indem Schiller sich zu einer echt revolutionären Gesinnung und zum offenen politischen Protest erhebt und das Problem der Revolution behandelt, eilt er allen seinen alten Zeitgenossen, den Dichtern des Sturm und Drang, weit voraus. Engels hatte von den frühen Dramen Schillers eine hohe Meinung. Er sprach von den 'Räubern" als 'der Verherrlichung eines hochherzigen Jünglings, der der ganzen Gesellschaft offen den Krieg erklärte" [1]. 'Kabale und Liebe" nannte Engels das 'erste deutsche politische Tendenzdrama" [2].
      Unter dem Banner des Sturm und Drang hatten sich Dichter mit verschiedenen Anschauungen und verschiedenen Bestrebungen gesammelt. Zu ihnen gehörte Christoph' Daniel Schubart, einer der fortschrittlichsten Menschen seiner Zeit, ein echter Demokrat und glühender Patriot, der wegen seiner journalistischen Tätigkeit fast zehn Jahre im Gefängnis zubrachte, zu ihnen gehörten auch Dichter, deren Forderungen nicht über die Parole 'Freiheit des Gefühls" hinausgingen, und schließlich Dichter, deren Schaffen nicht allein von dem Grundsatz des protestierenden Rebellen geöeitet wurde, sondern daneben auch von dem Traum, an irgendeinem Fürstenhof ein Obdach zu finden. Auch die ästhetischen Auffassungen der Stürmer und Drängerwaren keineswegs gleichartig. In der Ablehnung der alten literarischen Regeln im allgemeinen einig, waren sie es in ihren Kunstanschauungen durchaus nicht, von den starken Abweichungen in ihrem Schaffen ganz abgesehen. Die realistische Richtung fand Ausdruck in Goethes und Maler Müllers Dichtungen, die in dieser Beziehung von dem naturalistischen Drama Heinrich Leopold Wagners 'Die Kindsmörderin" wesentlich abwichen.
      Handelt es sich doch um diejenigen Merkmale der Dramen, die allen Sturm-und-Drang-Dichtern gemeinsam waren, um die Züge, die das Bild der Bewegung formten, so prägten diese sich besonders stark und leidenschaftlich in den Werken Friedrich Maximilian Klingers aus. Es hat seinen guten Grund, daß diese ganze literarische Bewegung ihren Namen einem Bühnenstück Klingers verdankt. [3].
     

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