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MAXIM GORKI - Wie ich schreiben lernte



Die Kunst des literarischen Schaffens, die Kunst, Charaktere und 'Typen" zu gestalten, erfordert Phantasie, Vorstellungsvermögen, 'Einfälle". Wenn der Schriftsteller einen ihm bekannten Krämer, Beamten oder Arbeiter beschreibt, fertigt er eine mehr oder wenigergelungene Photographie eben dieses einen Menschen an, aber das wird nur eine Photographie sein, die jeglicher sozial-erzieherischen Bedeutung entbehrt und kaum etwas dazu beiträgt, unsere Kenntnisse vom Menschen und vom Leben zu erweitern und zu vertiefen.

      Wenn der Schriftsteller es aber versteht, aus zwanzig, fünfzig oder hundert Krämern, Beamten oder Arbeitern die charakteristischen Klassenmerkmale, Gewohnheiten, Geschmacksrichtungen, Gesten, Glaubensansichten, die Redeweise jedes einzelnen zu abstrahieren und sie in einem Krämer, Beamten oder Arbeiter zu vereinen, schafft er einen 'Typ", und das ist dann Kunst. Die Breite des Beobachtungsfeldes und der Reichtum an Lebenserfahrung verleihen dem Künstler nicht selten eine Kraft, die sein persönliches Verhältnis zu den Fakten, seine subjektiven Ansichten überwindet. Balzac war subjektiv ein Anhänger der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, schilderte aber in seinen Romanen die Gemeinheit und Banalität des Bürgertums mit erstaunlicher und schonungsloser Klarheit. Es gibt viele Beispiele dafür, daß der Künstler ein objektiver Historiker seiner Klasse, seiner Epoche ist. In diesen Fällen ist die Arbeit des Künstlers von gleichem Wert wie die des Naturwissenschaftlers, der die Lebens- und Ernährungsbedingungen der Tiere, die Ursachen der Vermehrung und des Aussterbens erforscht und ein Bild ihres erbitterten Lebenskampfes zeichnet.
      Im Kampf ums Dasein hat der Selbsterhaltungstrieb im Menschen zwei mächtige schöpferische Kräfte entwickelt, das Erkenntnisvermögen und die Phantasie. Das Erkenntnisvermögen ist die Fähigkeit, Naturerscheinungen und Fakten des sozialen Lebens zu beobachten, zu vergleichen, zu studieren, kurz gesagt: Erkennen ist Denken. Phantasie ist in ihrem Wesen ebenfalls ein Nachdenken über die Welt, aber es ist ein Denken vornehmlich in Bildern, ein 'künstlerisches" Denken; man kann sagen, die Phantasie ist die Fähigkeit, den elementaren Naturerscheinungen und den Dingen menschliche Eigenschaften, Gefühle, ja sogar Absichten zu verleihen. [...]
Wir unterscheiden in der Literatur zwei grundlegende 'Strömungen" oder Richtungen: Romantik und Realismus. Realismus nennt man die wahrheitsgetreue, ungeschminkte Darstellung der Menschen und ihrer Lebensbedingungen. Definitionen für die Romantik gibt es mehrere, aber eine genaue, völlig erschöpfende Definition, mit der sich alle Literaturhistoriker einverstanden erklären würden, existiert vorläufig noch nicht, sie ist noch nicht erarbeitet worden. In der Romantik muß man ebenfalls zwei ganz verschiedene Richtungen unterscheiden. Die passive Romantik versucht, den Men-sehen entweder mit der Wirklichkeit zu versöhnen, indem sie diese mit schönen Farben ausschmückt, oder aber ihn von der Wirklichkeit abzulenken und zu einem fruchtlosen Versenken in sein eigenes Innenleben, zu Gedanken über die 'verhängnisvollen Rätsel des Lebens", über die Liebe, über den Tod hinzuführen, zu Rätseln, die nicht durch Spekulation und Betrachtung, sondern nur durch die Wissenschaft gelöst werden können. Die aktive Romantik dagegen ist bestrebt, den Lebenswillen des Menschen zu stärken, ihn zur Rebellion gegen die Wirklichkeit und gegen jeden Druck durch die Wirklichkeit aufzurütteln. [...]
Entstanden: 1928. - Textvorlage: Maxim Gorki: Ãober Weltliteratur. Hg. v. Ralf Schröder. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1969, S. 198-201.
     

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