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MAXIM GORKI - Vorwort zum 'Sammelband proletarischer Schriftsteller



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Ich bin fest überzeugt, daß das Proletariat seine eigene Belletristik hervorbringen kann, so wie es unter großen Anstrengungen und gewaltigen Opfern seine eigene Tagespresse geschaffen hat.

      Diese Ãoberzeugung gewann ich auf Grund meiner langjährigen Beobachtungen der Mühen, die Hunderte und aber Hunderte von Arbeitern, Handwerkern und Bauern unbeirrt bei den Versuchen aufwenden, ihre Gedanken über das Leben, ihre Beobachtungen und Gefühle auf dem Papier darzulegen. [...]
Der Schriftsteller muß alles oder wenigstens möglichst viel wissen. Er muß es verstehen, aus dem Chaos von Eindrucken, aus. dem bunten Wirrwarr von Gefühlen das Objektive, das Allgerneingültige, das Typische auszuwählen, er muß in der Lage sein, das Engpersönliche, Subjektive abzuschütteln, da es unbeständig ist, sich stets verändert und bald spurlos vergeht. Wenn er ersteres zu tun vermag, wird er ein künstlerisch und sozial bedeutendes Werk schaffen; wenn ihm letzteres nicht gelingt, wird er eine Anekdote ohne sozial-erzieherische Bedeutung schreiben, f...]
Die Arbeit des Schriftstellers ist äußerst schwer: Erzählungen über Menschen schreiben bedeutet nicht einfach 'erzählen", es bedeutet, Menschen mit Worten zu zeichnen, so wie man sie mit Pinsel oder Bleistift zeichnet. Man muß die beständigsten Charakterzüge im jeweiligen Menschen herausfinden, man muß den tieferen Sinn seiner Handlungen begreifen und darüber mit so genauen und klaren Worten schreiben, daß der Leser auf den Seiten des Buches, hinter den schwarzen Zeilen, hinter dem Netz von Worten das lebendige Antlitz des Menschen erblickt und daß das Verhältnis von Gefühlen und Handlungen des Helden der Erzählung bei ihm keinen Zweifel erweckt. Der Leser muß spüren: Alles, was er gelesen hat, ist gerade so gewesen und konnte nicht anders sein.
      Echte Kunst entsteht dort, wo sich zwischen Leser und Autor ein inniges Vertrauensverhältnis entwickelt. Es ist Aufgabe des Schriftstellers, all das, wovon der Speicher seiner Eindrücke, Seele genannt, übervoll ist, in die Welt, auf die Menschen ausströmen zu lassen. Und wenn der Schriftsteller 'aus tiefster Seele" wie zu seinem besten Freund von den Freuden und dem Leid unseres Lebens, vom Schlechten und Guten, Lächerlichen und Gemeinen spricht, wird er verstanden, wird er vom Leser als Freund anerkannt werden. [...]
Erstdruck: Vorwort zum 'Sammelband proletarischer Schriftsteller" 1914. Textvorlage: Maxim Gorki: Gesammelte Werke in Einzelbänden. Hg. v. Eva Kosing und Edel Mirowa-Florin. Bd. 23: Ãober Literatur. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1968, S. 106-108.
     

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