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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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MARTIN OPITZ - Buch von der deutschen Poeterei



Das I. Kapitel

Vorrede
[...]
Wiewohl ich mir von der deutschen Poeterei, auf Ersuchung vornehmer Leute und dann zu besserer Fortpflanzung unserer Sprachen, etwas aufzusetzen vorgenommen, bin ich doch solcher Gedanken keineswegs, daß ich vermeine, man könne jemanden durch gewisse Regeln und Gesetze zu einem Poeten machen: Es ist auch die Poeterei eher getrieben worden, als man je von derselben Art, Amte und Zugehör geschrieben: und haben die Gelehrten, was sie in den Poeten [...] aufgemerket, nochmals durch richtige Verfassungen zusammengeschlossen und aus vielen Tugenden eine Kunst gemacht. Bei den Griechen hat es Aristoteles vornehmlich getan; bei den Lateinern Horatius; und zu unserer Voreltern Zeiten Vida und Scaliger so ausführlich, daß weiter etwas darbei zu tun vergebens ist. Derentwegen ich nur etwas, so ich ingemeine von aller Poeterei zu erinnern vonnöten zu sein erachte, hiervor setzen will, nachmals das, was unsere deutsche Sprache vornehmlich angehet, etwas umständlicher vor Augen stellen. [...]


Das I

II.

Kapitel
Von etlichen Sachen, die den Poeten vorgeworfen werden, und derselben Entschuldigung
Aus oberzählten Sachen ist zu sehen, wie gar unverständig diejenigen handeln, welche aus der Poeterei nicht weiß ich was für ein geringes Wesen machen und wo nicht gar verwerfen, doch nicht sonderlich achten; auch wohl vorgeben, man wisse einen Poeten in öffentlichen Ã"mtern wenig oder nichts zu gebrauchen, weil er sich in dieser angenehmen Torheit und ruhigen Wollust so verteufe, daß er die andern Künste und Wissenschaften, von welchen man rechten Nutz und Ehren schöpfen kann, gemeiniglich hintan setze. Ja, wenn sie einen gar verächtlich halten wollen, so nennen sie ihn einen Poeten: wie dann Erasmo Rotterodamo geschähe von groben Leuten. Welcher aber zur Antwort gab: Er schätzte sich dessen Lobes viel zu unwürdig; denn auch nur ein mittelmäßiger Poete höher zu halten sei als zehen Philosophastri. [...]
Er [der Poet] muß von sinnreichen Einfällen und Erfindungen sein, muß ein großes unverzagtes Gemüte haben, muß hohe Sachen bei sich erdenken können, soll anders seine Rede eine Art kriegen und von der Erden emporsteigen. Ferner so schaden auch dem guten Namen der Poeten nicht wenig diejenigen, welche mit ihrem ungestümen Ersuchen auf alles, was sie tun und vorhaben, Verse fodern. Es wird kein Buch, keine Hochzeit, kein Begräbnüs ohn uns gemacht; und gleichsam als niemand könnte alleine sterben, gehen unsere Gedichte zugleich mit ihnen unter. Man will uns auf alten Schüsseln und Kannen haben, wir stehen an Wänden und Steinen, und wenn einer ein Haus, ich weiß nicht wie, an sich gebracht hat, so sollen wir es mit unsern Versen wieder redlich machen. Dieser begehret ein Lied auf eines andern Weib, jenem hat von des Nachbarn Magd geträumet, einen andern hat die vermeinte Buhlschaft einmal freundlich angelacht, oder, wie dieser Leute Gebrauch ist, vielmehr ausgelacht; ja, des närrischen Ansuchens ist kein Ende. Müssen wir also entweder durch Abschlagen ihre Feindschaft erwarten oder durch Willfahren den Würden der Poesie einen merklichen Abbruch tun. Denn ein Poete kann nicht schreiben, wenn er will, sondern wenn er kann und ihn die Regung des Geistes, welchen Ovidius und andere vom Himmel herzukommen vermeinen, treibet. [...] Daß ferner die Poeten mit der Wahrheit nicht allzeit übereinstimmen, ist zum Teil oben dessenthalben Ursache erzählet worden, und soll man auch wissen, daß die ganze Poetereiim Nachäffen der Natur bestehe, und die Dinge nicht so sehr beschreibe wie sie sein, als wie sie etwan sein könnten oder sollten. Es sehen aber die Menschen nicht alleine die Sachen gerne, welche an sich selber eine Ergetzung haben; als schöne Wiesen, Berge, Felde, Flüsse, zierlich Weibesvolk und dergleichen: sondern sie hören auch die Dinge mit Lust erzählen, welche sie doch zu sehen nicht begehren: als wie Herkules seine Kinder ermordet, wie Dido [] sich selber entleibet, wie die Städte in den Brand gesteckt werden, wie die Pest ganze Länder durchwütet und was sonsten mehr bei den Poeten zu finden ist. Dienet also dieses alles zu Ãoberredung und Unterricht, auch Ergetzung der Leute; welches der Poeterei vornehmster Zweck ist. [...]

Das

V.

Kapitel
Von der Zugehör der Deutschen Poesie und erstlich von der Invention oder Erfindung und Disposition oder Abteilung der Dinge, von denen wir schreiben wollen
Die Tragödie ist an der Majestät dem heroischen Gedichte gemäße, ohne daß sie selten leidet, daß man geringen Standes Personen und schlechte Sachen einführe: weil sie nur von königlichem Willen, Todschlägen, Verzweiflungen, Kinder- und Vatermorden, Brande, Blutschanden, Kriege und Aufruhr, Klagen, Heulen, Seufzen und dergleichen handelt. Von derer Zugehör schreibet vornehmlich Aristoteles und etwas weitläufiger Daniel Heinsius [2]; die man lesen kann.
      Die Komödie bestehet in schlechtem Wesen und Personen; redet von Hochzeiten, Gastgeboten, Spielen, Betrug und Schalkheit der Knechte, ruhmrätigen Landsknechten, Buhlersachen, Leichtfertigkeit der Jugend, Geiz des Alters, Kuppelei und solchen Sachen, die täglich unter gemeinen Leuten verlaufen. Haben derowegen die, welche heutiges Tages Komödien geschrieben, weit geirret, die Kaiser und Poetentaten eingeführet; weil solches den Regeln der Komödien schnurstracks zuwider lauft. [...]
Die Lyrica oder Gedichte, die man zur Musik sonderlich gebrauchen kann, erfodern zuföderst ein freies lustiges Gemüte und wollen mit schönen Sprüchen und Lehren häufig gezieret sein. [...]
Das

VI.

Kapitel

Von der Zubereitung und Zier der Worte
Dieses sei nun von der allgemeinen Zugehör der poetischen Rede: weil aber die Dinge, von denen wir schreiben, unterschieden sind, als gehöret sich auch zu einem jeglichen ein eigener und von den andern unterschiedener Charakter oder Merkzeichen der Worte. Denn wie ein anderer Habit einem Könige, ein anderer einer Privatperson gebühret, und ein Kriegsmann so, ein Bauer anders, ein Kaufmann wieder anders hergehen soll: so muß man auch nicht von allen Dingen auf einerlei Weise reden; sondern zu niedrigen Sachen schlechte, zu hohen ansehliche, zu mittelmäßigen auch mäßige und weder zu große noch zu gemeine Worte brauchen.
      In den niedrigen poetischen Sachen werden schlechte und gemeine Leute eingeführet; wie in Komödien und Hirtengesprächen. Darum dichtet man ihnen auch einfältige und schlechte Reden an, die ihnen gemäße sein. [...]
Hergegen in wichtigen Sachen, da von Göttern, Helden, Königen, Fürsten, Städten und dergleichen gehandelt wird, muß man ansehliche, volle und heftige Reden vorbringen und ein Ding nicht nur bloß nennen, sondern mit prächtigen hohen Worten umschreiben. [...]
Die mittele oder gleiche Art zu reden ist, welche zwar mit ihrer Zier über die niedrige steiget und dennoch zu der hohen an Pracht und großen Worten noch nicht gelanget. [...]
Erstdruck: Martini Opitii Buch von der Deutschen Poeterey. In welchem alle jhre eigenschafft vnd zuegehör gründtlich erzehlet, vnd mit exempeln außgeführet wird. Gedruckt von der Fürstlichen Stadt Brieg, bey Augustino Gründern. In Verlesung David Müllers Buchhändlers in Breßlaw. 1624.
      Textvorlage: Buch von der deutschen Poeterei von Martin Opitz. Abdruck der ersten Ausgabe . Siebente erläuterte Auflage. Vorwort und Erläuterungen von Henrik Becker. VEB Max Niemeyer Verlag. Halle 1962, S. 7-31. Erläuterungen: [ ] Dido, Königin von Karthago, nahm sich aus Liebesleidenschaft das Leben, als Ã"neas sie verließ und seinen göttergewollten Weg nach Italien weiterverfolgte. - [2] Daniel Heinsius war mit seinen theoretischen Schriften und seinen Dichtungen, die er als niederländischer Renaissancepoetiker hervorgebracht hat, ein bedeutender Anreger für Opitz und die deutsche Literatur des 17. Jahrhunderts.

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