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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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MANFRED NAUMANN - Gesellschaft — Literatur - Lesen. Literaturrezeption in theoretischer Sicht



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Man kann sich die Beziehungen zwischen literarischer Produktion und Rezeption, zwischen den Autoren, den Werken und den Lesern so vorstellen: Die Autoren schaffen Werke, diese durchlaufen in der Gestalt des Buches eine Sphre der Zirkulation und des Austauschs, um dann in der Rezeption Gegenstnde der individuellen Aneignung, des Genusses fr die Leser zu werden; die literarische Produktion, der Autor, das Werk sind der Ausgangspunkt, die Rezeption, der Leser der Endpunkt der literarischen Kommunikation.

      Marx rumte ein, da diese Vorstellung von den Beziehungen zwischen Produktion und Konsumtion in der Tat einen Zusammenhang zwischen beiden ausdrcke; aber, wie er hinzufgte, einen flachen. [1] Von hier aus wird zwar deutlich, da die literarische Produktion die Rezeption in Gang setzt, da die Autoren ihre Werke fr die Leser schaffen und da die Werke auf die Leser wirken. Was aus dieser Perspektive jedoch nicht verdeutlicht werden kann, istder Sachverhalt, da die literarische Produktion nicht nur die Rezeption in Gang setzt, sondern diese auch die Produktion, da die Leser nicht nur Werke in Empfang nehmen, sondern auch ganz bestimmte Werke fordern, da die Autoren sich nicht nur ihr Publikum schaffen, sondern da das Publikum auch seine Autoren hervorbringt, da die Werke nicht nur auf die Leser einwirken, sondern die Leser auch auf die Produktion der Werke, da also die Rezeption nicht nur einen Endpunkt darstellt, sondern auch einen Ausgangspunkt fr neue literarische Produktion.
      'Flach auf der Hand liegende Vorstellungen" knnen freilich nicht dadurch vertieft werden, da man ihnen andere 'flach auf der Hand liegende Vorstellungen" gegenberstellt. Aus dem Sachverhalt, da es nicht allein die Autoren sind, die die Literaturgeschichte produzieren, kann nur der von Engels hinlnglich charakterisierte 'Meta-physiker" [2], fr den Ursache und Wirkung in starrem Gegensatz zueinander stehen, den Schlu ziehen, es seien deshalb allein die Leser, die diese hervorbrchten. [3] Die literarische Produktion bleibt innerhalb ihres Verhltnisses zur Rezeption das bergreifende M oment. Das geht allein schon aus der Tatsache hervor, da es ohne Autoren keine Werke, keine Gegenstnde der Rezeption gibt. Eine Theorie der Rezeption kann nur von den Gegenstnden aus entwik-kelt werden, die rezipiert werden, und, da diese Gegenstnde nicht einfach da sind, sondern produziert werden, von der Produktion dieser Gegenstnde aus. [...]
Da die Produktion bergreifend ist, ergibt sich weiterhin [...] , da sie der Rezeption nicht nur den Gegenstand, sondern dem Gegenstand auch ein Bedrfnis nach seiner Rezeption und in der Gestalt des 'Kunstsinns", der 'Schnheitsgenufhigkeit" das subjektive Vermgen schafft, ihn zu rezipieren. Wie erst durch die Musik, in welcher der Gegenstand auf musikalische Weise angeeignet ist, ein 'musikalisches Ohr" erzeugt wird, so wird erst durch die Literatur, in welcher der Gegenstand auf literarische Weise angeeignet ist, ein literarischer Sinn. Dies ist allerdings nicht so zu verstehen, als sei es die Literatur allein, durch deren Rezeption sich in den Menschen dieser Sinn bilden wrde. Sie schafft die Grundvoraussetzung dafr: 'Wer den Dichter will verstehen, mu in Dichters Lande gehen." [4] Das Bedrfnis danach entwickelt sich jedoch in Verbindung mit anderen geistig-kulturellen Bedrfnissen, die man im Begriff eines sthetischen Grundbedrfnisses zusammenfassen kann [5], deren Befriedigung auch 'den idealen innerlichen treibenden Grund" fr die neue literarische Produktion vermittelt.

     
Ferner schaffen die Werke, nicht nur den rezeptiven Bedrfnissen das Material zu ihrer Befriedigung und die Fhigkeit zu ihrer Rezeption, sondern auch die Weise ihrer Rezeption. Jedes Werk weist eine innere Konsistenz, eine ihm eigene Struktur, eine Individualitt, eine Reihe von Merkmalen auf, die den rezeptiven Prozessen bestimmte Leitlinien vorgeben fr die Weise seiner Rezeption, fr ihre Wirkungen und auch fr die Bewertungen des Werkes. Die Qualitt dieser Rezeptionsvorgabe ist letztlich abhngig von der Gesamtheit der genetischen Voraussetzungen ihrer Existenz. Die Rekonstruktion dieser Voraussetzungen im Zusammenhang mit der Werkanalyse und der Iiterarstheti-schen Interpretation ist die Aufgabe der historisch-genetischen Forschung. Im Rahmen unserer Ausfhrungen kann das Zustandekommen von qualitativen Unterschieden in den Rezeptionsvorgaben daher nur unter verallgemeinernden Gesichtspunkten beschrieben werden.
      Dabei gehen wir davon aus, da das Werk das Produkt einer Ttigkeit ist, in welcher der Autor mit Notwendigkeit eine Beziehung eingeht zur Wirklichkeit, zu den Adressaten und zum Literaturproze. Dies ist selbstverstndlich nicht so zu verstehen, als ob whrend des Schaffensprozesses diese Beziehungen in einem zeitlichen Nacheinander hergestellt wrden. Der Schaffensproze ist gerade dadurch charakterisiert, da diese Beziehungen sich untrennbar ineinander verschrnken. Andererseits knnen einzelne von ihnen einen besonderen Akzent erhalten, was Rckwirkungen auf die Qualitt der Rezeptionsvorgabe haben kann. Auf jeden Fall ist die Art und Weise, wie diese Beziehungen einander zugeordnet sind, fr die Vorgabe, die das Werk fr seine Rezeption enthlt, von ausschlaggebender Bedeutung. Sie mssen daher auch, obwohl sie die Einheit des Werkes durch ihr Zusammenwirken konstituieren, getrennt voneinander betrachtet werden, um ihre Funktionen bei der Strukturierung der Rezeptionsvorgaben sinnfllig machen zu knnen. Wenn diese Beziehungen im folgenden mit unterschiedlicher Ausfhrlichkeit dargestellt werden, dann sind damit keine Urteile ber ihre Wertigkeit verbunden. Die unterschiedliche Akzentuierung ergibt sich vielmehr aus unserer rezeptionstheoretischen und wirkungssthetischen Themenstellung. 'Autor" und 'Adressat" gebrauchen wir dabei als Begriffe, die von den historisch konkreten Schriftstellern und Lesern abstrahieren. Sie bezeichnen die logischen Voraussetzungen jeder beliebigen schriftstellerischen Ttigkeit, deren Ergebnis ein schrifttextliches Werk ist. 'Wirklich-keit" steht fr 'objektive Wirklichkeit" oder 'objektive Realitt" — Begriffe, die 'in dem durch die Grundfrage der Philosophie abgesteckten Rahmen die materielle Welt, die auerhalb des menschlichen Bewutseins und unabhngig von ihm existiert und von diesem widergespiegelt wird" [6], bezeichnen. Die Beziehungen Autor—Wirklichkeit, Autor—Adressat, Autor—Literaturproze werden konkret stets innerhalb einer historisch bestimmten Wirklichkeit geknpft, die durch die jeweils herrschende Gesellschaftsformation mit ihren jeweils konkret historischen materiellen und ideologischen gesellschaftlichen Verhltnissen geprgt ist, die den genannten Beziehungen ihren konkret historischen Inhalt vermitteln. [...]
Als Aussage ber die Wirklichkeit in ihrem Bezug zum Menschen ist es zugleich eine Botschaft an die Leser ; es steht in Beziehung zu anderen Werken, hat Literaturcharakter und ist geprgt von der individuellen Eigenart seines Urhebers . Als Produkt, das seine individuelle, unwiederholbare Eigenart aus den gesellschaftlich-geschichtlichen, literaturgeschichtlichen Bedingungen seines Entstehens erhalten hat, ist es wirkungssthetisch auf Leser, auf Rezeption und Wirkung, auf Wahrnehmung von Funktionen strukturiert. Als Vorgabe fr die Rezeption hat es die Tendenz, den Umgang mit dem Leser von sich aus zu regeln, die Weise und die Wirkung seiner Rezeption zu bestimmen.
      Aber gerade weil das Werk fr die Rezeption bestimmt ist, ist es, wenn es zwar produziert, aber noch nicht zum Gegenstand der Rezeption geworden ist, noch nicht wirklich vollendet. Es ist nicht nur fr Leser bestimmt, sondern es bedarf auch der Leser, um ein wirkliches Werk zu werden. Unter den Bedingungen des Intervalls zwischen literarischer Produktion und Rezeption endet der Schaffensproze in der Gestalt des schrifttextlichen Werkes, das eine von seinem Produzenten und vom Akt seines Hervorbringens gesonderte Existenz hat. Die lebendige geistige Arbeit, die in den literarisch-knstlerischen Schaffensprozessen verausgabt wird, endet weder im 'Nichts" noch in der 'bloen Subjektivierung des Gegenstndlichen"; in der Gestalt des aus ihr hervorgehenden Werkes setzt sie sich vielmehr selbst wieder als Gegenstand. Sie wird 'aus der Form der Ttigkeit in der des Gegenstandes, der Ruhe fixiert, materialisiert"; sie vergegenstndlicht sich in einem 'Sein" [7]. In dem mit dem schrifttextlichen Werk vorliegenden Produkt der literarisch-knstlerischen Ttigkeit hat sich das Werden des Werkesin das 'Sein" des Werkes verwandelt. Aus der Ttigkeit ist 'versachlichte Ttigkeit" geworden. Fr das Werk in diesem Zustand aber treffen die Bestimmungen zu, die fr die Produkte menschlicher Ttigkeit — im Gegensatz zu den bloen Naturgegenstnden — im allgemeinen gelten: Sie knnen 'der Mglichkeit nach" und 'der Wirklichkeit nach" existieren. Da die Produktion nmlich darauf gerichtet ist, nicht nur schlechthin 'Naturstoff", sondern diesen in einer fr die Menschen brauchbaren Form anzueignen, bewhrt sich das Produkt, ist das Produkt ein 'wirkliches" Produkt 'nicht als versachlichte Ttigkeit, sondern nur als Gegenstand fr das ttige Subjekt". Als 'versachlichte Ttigkeit" ist das Produkt ein Produkt nur 'der Mglichkeit nach". Ein Produkt 'der Wirklichkeit nach" wird es erst als Gegenstand 'fr das ttige Subjekt", d. h. in der Konsumtion. Erst hier erhlt es 'den letzten finish", wird es vollendet. [8]
In dem Intervall, das mit dem Abschlu seiner Entstehungsgeschichte, seiner literarsthetischen Hervorbringung durch das 'ttige Subjekt" und seiner Trennung von diesem beginnt und das immer dann endet, wenn es zum Rezeptionsgegenstand fr das 'ttige Subjekt" wird und damit in seine Wirkungsgeschichte eintritt, hat auch das literarische Werk eine Existenz nur der 'Mglichkeit nach". [9] Solange die Werke, indem sie rezipiert werden, nicht wieder dem gesellschaftlichen und individuellen Bewutsein einverleibt werden, aus dem sie in vergegenstndlichter Gestalt herausgetreten sind, haben sie den Status einer unvollendeten Existenz, sind sie nicht 'fertig", sind sie nur potentielle Werke. Genau das meinte Goethe mit der Bemerkung, das nur 'aus Wort und Buchstaben" bestehende Werk msse von den Menschen 'ins Leben des Geistes und des Herzens" [10] zurckgerufen werden, damit es wirkend werde. Nach ihrer Trennung von den 'ttigen Subjekten", die sie hervorgebracht haben, werden die Werke zu wirklichen Werken immer dann, wenn sie sich in der Rezeption mit 'ttigen Subjekten" wieder verbinden.
      Da die Leser dabei 'ttig", aktiv sind, darf nicht metaphorisch verstanden werden. Der produktionssthetischen Aktivitt auf Seiten der Autoren — die eine wirkungssthetische Komponente in sich schliet — entspricht eine rezeptionssthetische Aktivitt [11] auf Seiten der Leser. Im Begriff Lesen ist aus der Gesamtmenge , menschlicher Ttigkeiten eine Ttigkeit ausgegliedert. Wie jede andere Ttigkeit, so ist auch das Lesen seiner Struktur nach primr durch den Gegenstand bestimmt, auf den es sich richtet, in unserem Fall also durch das literarische Werk, dessen Spezifik als literars-

Seite der Beziehung ist, die sich in dieser Ttigkeit herstellt. Wenn wir zunchst einmal von den gesellschaftlich-geschichtlichen, biographisch-individuellen und speziell literaturgeschichtlichen Vermittlungen absehen, durch die das Vorher [13] des Rezeptionsprozesses, die Vorgnge innerhalb der aktuellen Beziehung zwischen "Werk und Leser und das Nachher, die Folgen der Lektre, bedingt sind, lt sich das Wechselverhltnis zwischen der werk- und der leserbedingten Seite als ein Spezialfall der allgemeinen Dialektik der Aneignung charakterisieren: Indem der Leser sich das Werk aneignet, baut er es fr sich um; indem er die im Werk 'schlummernden Potenzen" entwickelt , unterwirft er sie 'seiner eigenen Botmigkeit". Zugleich aber gilt: Indem er das Werk fr sich umbildet, verndert er sich auch selbst; indem er im Werk liegende Mglichkeiten realisiert, erweitert er seine eigenen Mglichkeiten als Subjekt; indem der Leser das Werk rezipiert und es dabei verwirklicht, wirkt das Werk auf ihn ein. Die rezeptionssthetische Ttigkeit ist ein Vorgang, der sich in der Einheit dieser gegenstzlichen Bestimmungen vollzieht. Indem die Sprache die Grenzen zwischen den Begriffen Rezeption und Wirkung nicht eindeutig markiert, bewahrt sie mit den beiden Begriffen etwas von der Zweiseitigkeit des Verhltnisses auf, das sich in der Lektre einstellt. Der Begriff Rezeption ist vom Leser aus gebildet: Er besagt, da der Leser sich das Werk als Gegenstand 'nimmt", der ihm gegeben ist. Der Begriff Wirkung dagegen akzentuiert die Werk-Seite: das Werk nimmt sich, indem es rezipiert wird, auch den Leser; es wirkt auf den Leser ein. Die Werke sind das Bewirkende, die Vorgnge im Leser in und nach der Lektre das Bewirkte; zugleich sind die Leser aber auch die Nehmenden und die Werke das von ihnen in Besitz Genommene. Indem die Leser sich zum Subjekt des rezeptiven Verhltnisses machen, machen sie sich zugleich zum Objekt eines Wirkungszusammenhangs, und umgekehrt: indem die Werke auf die Leser eine Macht ausben, bemchtigen sich ihrer zugleich die Leser. Die Leser sind ttig und empfangend in einem; die Werke sind die Gegenstnde ihrer Ttigkeit und zu gleicher Zeit leiten sie diese Ttigkeit an. Wir haben also keine Kausalrelation vor uns, in der die Werke als Ursache und die Vorgnge im Leser als Wirkung auftreten oder, umgekehrt, in der die Wirkung der Werke ihre Ursachen in den Lesern hat. Vielmehr handelt ek sich um die besondere Formeines Wechselverhltnisses, dessen beide Glieder sich gegenseitig durchdringen.
      Die Vermittlung zwischen beiden stellt sich durch die wertende Beziehung her, die der Leser mit Notwendigkeit zum Werk eingeht, wenn er es rezipiert. Das Werk selbst fordert diese Beziehung heraus, da die sthetische Ttigkeit, in der es produziert wurde, durch eine wertende Beziehung zu ihrem Gegenstand selbst strukturiert ist. In die Rezeptionsvorgabe ist ein Appell an den Leser eingeschrieben, das Werk auf die Ganzheit seiner Person, auf seine gesamte rationale und emotionale Lebensttigkeit, auf sein Bewutsein, sein Unterbewutsein, seine gesamte Psyche zu beziehen. Der Leser kann nicht umhin, auf diesen Appell zu reagieren. Indem der Leser das Werk auf sich bezieht, wirkt das Werk auf ihn ein. Die Leser machen sich die Werke zum Gegenstand des sthetischen, emotionalen, intellektuellen Genusses, indem sie durch sie ihre Lesebedrfnisse und Literaturinteressen befriedigen, zu Mitteln der Erkenntnis, Wissenserweiterung und Information, der Lebenshilfe, Identittsfindung, Selbstverwirklichung und Selbstbesttigung, der Unterhaltung, Ablenkung und des Spiels, der Erbauung und des Trosts; zu Mitteln, um einen Autor nher kennenzulernen, um ihre literarsthetischen und literaturgeschichtlichen Kenntnisse zu erweitern, um in die Schnheiten der poetischen Sprache, in die Technik, die Gesetzmigkeiten der Literatur einzudringen. Indem aber die Werke auf diese Weise zu Mitteln und Objekten der Leser werden, setzen sich die Leser zugleich ihren Wirkungen aus.
      Die beiden Seiten knnen in den Rezeptionsprozessen einander durchaus verschieden zugeordnet sein. Das Werk kann an den Leser so weit heranrcken, da die subjektive Konstituante weitestgehend reduziert ist: Der Leser wird von ihm 'mitgerissen" und 'gefesselt"; er erleidet, das Werk genieend, seine Wirkungen ohne die Mglichkeit einer kritischen Distanz. Die sich dabei automatisch einstellende positive Wertung wird, wenn berhaupt, in mndlichen oder schriftlichen Texten vergegenstndlicht, die nach dem Muster 'Der Roman hat mir gefallen, war spannend, interessant, rhrend" usw. formuliert sind. Umgekehrt kann der Rezeptionsproze aber auch durch ein Wegrcken des Werkes vom Leser charakterisiert sein. Dieses distanzierte Lesen braucht den Genu am Werk keinesfalls einzuschrnken, im Gegenteil, dieser kann sich sogar, wenn sich das Interesse auf das Werk selbst, seine sthetische Struktur, seine Sprache usw. konzentriert, auf eine besondere Weise vertiefen; die Wirkungen knnen sich dadurch potenzieren. Eine solche Lek-i.tre, die bei Gedichten meistens vorausgesetzt werden mu, wird oftmals durch ein Besinnen unterbrochen; der Leser dringt in das Innere des Werkes ein; er horcht bewut auf die Botschaft, die es fr ihn bereithlt. Die Wertungen erfolgen begrndeter; das Werk wird auf literaturgeschichtliche Prozesse, auf weltanschaulichsthetische Auffassungen bezogen. Eine Perversion dieser Leseweise liegt dann vor, wenn das Werk so weit wegrckt, da der Leser dem Gensse entsagt. Goethe schrieb dazu: 'Es gibt dreierlei Arten Leser: eine, die ohne Urteil geniet, eine dritte, die ohne zu genieen urteilt, die mittlere, die genieend urteilt und urteilend geniet; diese reproduziert eigentlich ein Kunstwerk aufs neue." [14] Johannes R. Becher fgte dem hinzu, 'da die erste Art Leser, die ohne Urteil geniet, sich um den vollen Genu bringt, der eben im urteilenden Genieen besteht, und da die dritte Art Leser, die, ohne zu genieen, urteilt, an Urteilsvermgen einbt, da zu dem ganzen Urteil auch der Kunstgenu gehrt" [15].
      In der Tat ist die Rezeption eines literarischen Werkes nicht Erwerb eines Wissens, das vom Erleben abgetrennt werden knnte. Eine solche Rezeption ist vielmehr nur der Spezialfall, Resultat einer besonderen Abstraktion innerhalb der Lektre, die bei einer theoretischen Betrachtung des Werkes einsetzt. In ihrer nicht theoretisch spezialisierten Form ist die Lektre ein komplexer Vorgang, der das Erleben gerade einschliet. Fr dieses Erleben trifft zu, was fr das Erleben allgemein gilt: 'Es besteht kein Zweifel, da uns irgend etwas so, wie es im unmittelbaren Erleben gegeben ist, auf keine andere Weise gegeben sein kann. Aus keiner Beschreibung, und sei sie noch so lebendig, knnte ein Blinder die Farbigkeit der Welt, ein Tauber den musikalischen Charakter ihrer Tne so erkennen, als wenn er sie unmittelbar wahrnhme. Keine psychologische Abhandlung ersetzt dem Menschen, der nicht selbst Liebe, Kampfesgeist und Schaffensfreude erfahren hat, das, was er empfindet, wenn er es selbst erlebt." [16] — Den Leser knnen auch indirekte Wirkungen der literarischen Werke erreichen. Jeder kann sich auch anderswo ber die literarischen Werke informieren als bei ihnen selbst, z. B. durch die Äuerungen anderer ber ihre Lektre. Doch ersetzt keine Rezension, kein Romanfhrer, keine Literaturgeschichte das eigene Kennenlernen des Werkes. Sekundr erworbenes Wissen ber das Werk und seine genetischen und funktionalen Zusammenhnge kann eine Hilfe fr die individuelle Rezeption sein und diese mehr oder weniger prgen — aber es kann sich nicht an ihre Stelle setzen. Das Eigentliche, Besondere, das Literatur zu geben vermag, lt sich nur im Verkehr des einzelnenmit dem einzelnen Werk erlangen. Dabei lassen sich Erleben und Erkennen nur abstrakt unterscheiden: 'Das Bewutsein der konkreten, lebendigen Persnlichkeit...", schreibt Rubinstein, 'ist immer gleichsam in ein dynamisches, nicht vllig bewut gewordenes Erleben eingetaucht, das eine mehr oder weniger deutlich beleuchtete, wechselnde, in ihren Konturen nicht fest bestimmte Folie bildet, aus der das Bewutsein herausragt, von der es sich aber nie ganz lsen kann. Jeder Bewutseinsakt ist von einer mehr oder weniger dumpfen Resonanz begleitet, die er in den weniger bewut gewordenen Erlebnissen hervorruft, so wie umgekehrt oft das undeutliche, aber sehr intensive Spiel der nicht vllig bewut gewordenen Erlebnisse im Bewutsein Resonanz findet." [17]
Die komplexen psychischen Prozesse, die sich innerhalb der Lektre abspielen, erhalten eine differenzierte Prgung durch die Qualitt des Gegenstands, auf den sich die rezeptive Ttigkeit richtet, und durch diese Ttigkeit selbst, die von den 'ttigen Subjekten" innerhalb konkreter materieller und ideologischer gesellschaftlicher Verhltnisse ausgefhrt wird. Die konkrete individuelle Werkrezeption ist immer ein durch viele Glieder vermittelter gesellschaftlicher Vorgang.
      Die produzierten Werke haben, bevor sie in die Hand der Leser gelangen, immer bereits Formen der gesellschaftlichen Aneignung hinter sich; sie sind durch gesellschaftliche Institutionen fr die Rezeption ausgewhlt, zugnglich gemacht und in den meisten Fllen auch schon bewertet worden. Als Vermittlungsinstanzen fungieren Verlage, Buchhandlungen, Bibliotheken sowie die Literaturkritik, die Literaturpropaganda, der Literaturunterricht in den Schulen, die Literaturwissenschaft und alle anderen Institutionen, die zwischen den produzierten Werken und den Lesern materiell oder ideell vermitteln. Nicht also Literatur oder Werke 'an sich" sind es, zu denen der Leser in der Lektre eine Beziehung herstellt. Vielmehr sind es Werke, die aus dem Potential der produzierten Werke nach ideologischen, sthetischen, konomischen und anderen Gesichtspunkten von gesellschaftlichen Institutionen selektiert, propagiert, bewertet wurden und denen die Wege zu Lesern durch Manahmen der verschiedensten Art auch zustzlich noch gebahnt werden. Mit der individuellen Entscheidung, aus den selektierten Werken ein bestimmtes zu whlen, konstituiert der Leser zugleich ein gesellschaftliches Verhltnis.
      Eine entscheidende Rolle bei der Überbrckung des Abstandszwischen den produzierten Werken und den Lesern spielen gesellschaftliche Rezeptionsweisen. Mit diesem Begriff bezeichnen wir den Sachverhalt, da sich gem den objektiven gesellschaftlichen Funktionen, die der Literatur durch die materiellen und ideologischen Verhltnisse in einer Gesellschaftsformation vermittelt sind, bestimmte Denkweisen, Bewertungsnormen gegenber der berlieferten und der zeitgenssischen Literatur herausbilden. Diese sind als Konkretisierungen des Bewutseins der Gesellschaft, ihrer Klassen, Gruppen, Schichten in bezug auf die mit der Literatur zusammenhngenden Probleme aufzufassen: Vorstellungen z. B. davon, was Literatur war, ist, sein soll, bewirken kann, bewirken mte; wie Werke, Autoren, Strmungen, Schulen, ganze literarische Epochen, die Literaturgeschichte berhaupt zu bewerten, zu interpretieren, zu verstehen sind; welche Werke und Autoren die Leser lesen sollen und welche nicht; Vorstellungen von Normen fr die Realisierung der in der literarischen Produktion und Rezeption begrndeten Mglichkeiten fr eine spezifische Weise der gesellschaftlichen Kommunikation und Bewutseinsbildung. An der sprachlichen Fixierung der gesellschaftlichen Rezeptionsweisen sind alle auf ideologischem Gebiet Ttigen beteiligt, vor allem aber Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker, Literaturpdagogen. Durch ihre Publikationen, Lehrveranstaltungen, Vortrge tragen sie dazu bei, ber den Verlauf der Literaturgeschichte, ber die Bedeutung von Werken und Autoren, ber die Funktion der Literatur, des Knstlers, des Werkes, des Lesers Auffassungen zu entwickeln, die im 'Vorher" der individuellen Rezeptionsprozesse, whrend ihres Verlaufs und in ihrem 'Nachher" mehr oder weniger stark als Regulative wirken. Über die Entstehung und Wirkung von gesellschaftlichen Rezeptionsweisen liegen noch wenig Untersuchungen vor. In welcher Richtung diese zu betreiben wren, hat z. B. Franz Mehring in seiner 'Lessinglegende" gezeigt. Gegen die herrschenden brgerlichen 'Legenden", d. h. Rezeptionsweisen in bezug auf Lessing und seine Epoche entwickelte Mehring die Grundlagen einer historisch-materialistischen Rezeptionsweise, die die gesellschaftliche Rezeption der Literatur dieser Periode durch die marxistische Arbeiterbewegung und spter durch die sozialistische Gesellschaft nachhaltig prgte. Groe Verdienste um die Entwicklung einer neuen Rezeptionsweise in bezug auf die klassische deutsche Literatur erwarb sich Georg Lukcs. Paul Rilla traf charakteristische Merkmale brgerlicher Rezeptionsweisen przise, wenn er schrieb: 'Und es endete mit jener Mythisierung des Goethe-Bildes, bei der sich der Leser berhaupt keine historischen Skrupel mehrzu machen und berhaupt nichts mehr zu denken brauchte, da ihm die beruhigende Erffnung zuteil wurde, da das Genie sowohl ber historische Bedingungen wie ber alles gedankliche Erfassen erhaben sei." [18] ■{...]
Verallgemeinernd lt sich konstatieren, da die Werke, ehe sie zum Gegenstand der individuellen Rezeption werden, je nachdem, wie weit ihre Entstehungszeit zurckliegt, schon durch eine mehr oder weniger groe Anzahl gesellschaftlicher Rezeptionsweisen hindurchgegangen sind. Durch die Vermittlungsorgane, die in dem Intervall zwischen den produzierten Werken und dem Beginn der individuellen Rezeptionsprozesse ttig sind, wird mit der Rezeptionsvorgabe zugleich auch immer eine Anweisung darauf geliefert, welche Rezeptions- und Wirkungsvorgnge bei und nach ihrer Realisierung vonstatten gehen. Diese Regulative knnen so mchtig sein, da die Rezeption bestimmter Werke und auch von Werken einer ganzen literarischen Epoche entweder verhindert oder so gesteuert wird, da ihre Wirkungen funktionelle Aufgaben erfllen, die der qualitativen Beschaffenheit ihrer Vorgaben widersprechen. Hierin liegt die Teilwahrheit der These begrndet, da auch humanistische Rezeptionsvorgaben fr das imperialistische Gesellschaftssystem stabilisierend wirken. Es handelt sich aber in der Tat nur um eine Teilwahrheit. Die Anweisungen der gesellschaftlichen Rezeptionsweisen werden nmlich keineswegs im strikten Sinne befolgt. Die Individuen befinden sich nicht in mechanischer Abhngigkeit von den herrschenden Verhltnissen der literarischen Kommunikation. Die gesellschaftlichen Rezeptionsbedingungen — angefangen von dem Angebot der zur Verfgung stehenden Werke, von den Impulsen, bestimmte Werke oder Literatur berhaupt zur Hand zu nehmen, bis hin zur gesellschaftlichen Verstndigung ber die Rezeptionsergebnisse — wirken sich fr bestimmte Individuen, Gruppen, Klassen in jeweils bestimmt-historischer Form aus. Auf die dialektische Determiniertheit der Individuen in der 'Gesellschaft als dem umfassenden Bezugssystem fr die Ttigkeit und Entwicklung des Menschen" [19] braucht hier nur verwiesen zu werden. Wenn wir die Lesefhigkejt voraussetzen, dann ist, im Rahmen seiner dialektischen Determiniertheit durch das gesellschaftlich-geschichtliche Sein und Bewutsein, das Vorher der Lektre in bezug auf den Leser bestimmt durch seine Weltanschauung und Ideologie; durch seine Zugehrigkeit zu einer Klasse, Schicht und Gruppe; durch seine materielle Situation ; durch seine Bildung, sein Wissen, sein Kulturniveau, seine stheti-sehen Bedrfnisse; durch sein Alter, eventuell auch durch sein Geschlecht, und nicht zuletzt durch sein Verhltnis zu den anderen Knsten und vor allem durch die Literatur selbst, die der Leser schon rezipiert hat. Jeder individuellen Werkrezeption sind immer schon andere Rezeptionen vorausgegangen. Das Kennenlernen von Literatur beginnt in einem so frhen Stadium der persnlichen Entwicklung — mit dem Anhren poetisch eingefrbter Geschichten, Mrchen, Reime usw., da die dabei erworbenen Fhigkeiten, poetische Werke zu verstehen, gleichsam als 'natrliche" Eigenschaft des Menschen erscheinen. Es handelt sich aber um gesellschaftlich-kulturelle Fhigkeiten, die der Leser im Laufe seines Lebens erworben hat. Dabei werden die gesellschaftlichen Fhigkeiten, die Regeln des Umgangs mit der Literatur, in der Aneignung durch die Individuen entsprechend der konkreten sozialhistorischen und individuellen Situation subjektiv 'gebrochen". Hier prgt sich auch die jeweils besondere Art individueller Differenziertheit aus, die die Literatur- und Werkaneigung mitbedingen — Persnlichkeitskonstanten 'als Aneignungen, Verinnerlichungen und Verfestigungen der vornehmlich gesellschaftlich bestimmten Verhaltensnormen und -regulative durch Lernen..., wobei die angeborenen Grundlagen dieser Konstanten in ihrer individuellen Variabilitt bercksichtigt werden mssen" [20]. Auf diesen vielschichtigen, gesellschaftlich und individuell bedingten Grundlagen bilden die Leser bestimmte Lesemotivationen, Lesebedrfnisse, Literaturinteressen [21] aus, bestimmte Qualitten des 'literarischen Sinns" [22], bestimmte Erwartungen, Ansprche und Einstellungen der Literatur gegenber, die in ihrer Gesamtheit nicht nur fr die Auswahl des Werkes aus dem gesellschaftlich vermittelten Literaturangebot ausschlaggebend sind, sondern auch die komplizierten Wirkungs- und Wertungsprozesse bei und nach der Realisierung der Rezeptionsvorgabe mitbestimmen. Dabei mu stets bercksichtigt bleiben, da auch die mehr oder weniger zufllige persnliche Situation, in der sich der Leser befindet, auf den Verlauf und das Ergebnis der Lektre einwirkt. Die subjektiven Situationen sind so vielfltig wie das Leben selbst und vermitteln den Rezeptionsprozessen zustzliche Varianten. Der Leser bringt in seine Beziehung zum Werk gewissermaen seine gesamte, sich stndig verndernde und auch situationsbedingte Erfahrung ein: '... alles, was er irgendwann einmal erfahren und erlebt hat, alle seine Ideale, Gedanken und Bestrebungen, kurz, die ganze Information, die er als biosoziales Wesen sowohl in der Sphre des Bewutseins als auch in der Sphre des Unterbewutseins in sich trgt." [23]

Die in der Rezeption gewonnenen Erfahrungen, Erkenntnisse, genuvoll erlebten Werte — Resultat des Wechselverhltnisses zwischen der Rezeptionsvorgabe und den gesellschaftlich-geschichtlichen, biographisch-individuell mehrfach 'gebrochenen" Bedingungen, unter denen sie realisiert wird — wirken auf die Wahrnehmungs-, Fhl- und Denkweise des Lesers, auf seine Verhaltens- und Handlungsweise mehr oder weniger tief, allgemein und dauernd ein. Wir knnen deshalb von einem Vorgang der 'Interiorisation" [24] literarisch vermittelter Erfahrungen sprechen. Ein Problem liegt dabei in der weitgehenden Unbewutheit solcherart angenommener Wirkungen. Es handelt sich nicht um einen Inter-iorisationsvorgang, der im Inneren der Persnlichkeit verluft. Er bewirkt Besttigung oder Vernderung im Verhalten und Handeln, in den vertretenen Ansichten und in der gesellschaftlichen Aktion — gerade dadurch geht die Wirkung in die Gesellschaft ein, wird aus der individuellen Wirkung eine gesellschaftliche Wirkung, gewinnt die Literatur geschichtsbildende Kraft. Doch es ist nur in Ausnahmefllen mglich, diese Wirkung der Literatur etwa an der Wirkung eines Werkes oder auf einen Leser nachzuweisen. Sie ist Teil vielfltiger anderer gesellschaftlicher Einwirkungen, Anregungen, Impulse und lt sich nur selten von dieser Gesamtheit isolieren und damit der Erforschung zugnglich machen.
      Nachprfbar aber uern sich solche Wirkungen dort, wo sie nicht 'stumm" verarbeitet im Denken und Handeln weiterdauern, sondern ausdrcklich bestimmt und beschrieben werden — in mndlichen oder schriftlichen Texten, die Beobachtungen ber die Wirkungen der eigenen Lektre oder der anderer enthalten. Die sprachlich fixierten Ausknfte ber die Wirkung, Bewertung, Rezeption von Literatur oder einzelnen Werken belegen die gesellschaftliche und individuelle Wirkung der Literatur und knnen, indem sie an die Autoren zurckgekoppelt werden, produktiv in den Fortgang des literarischen Prozesses eingreifen. Die Formulierung solcher Texte durch die Leser stellt eine Aktivitt dar, die eine literaturproduktive Funktion hat. Solche Zeugnisse rezeptorischer Akte verndern gegebenenfalls das Adressatenbild der Autoren und wirken auf diese vermittelte Weise als 'innerlich treibender Grund" der neuen literarischen Produktion. [...]
Gerade der soeben erwhnte Sachverhalt einer mglichen Rckkoppelung der Rezeptionsergebnisse in das Vorher neuer literari-scher Produktionsprozesse weist darauf hin, da die historisch-funktionale Literaturforschung [25], die in der Untersuchung der Rezeption und Wirkung von Literatur ihren speziellen Gegenstand hat, und die historisch-genetische Literaturforschung nicht unabhngig voneinander betrieben werden knnen. Die produzierte Literatur, deren Funktionsweise die historisch-funktionale Forschung untersucht, wird zum Element der Entstehungsbedingungen neuer Literatur. In bestimmter Weise gilt das auch fr die soziologische Wirkungsforschung [26], die fr die Befragung lebendiger Leser zum Zwecke der Untersuchung von Rezeptionsprozessen und ihrer Ergebnisse besondere Methoden zur Verfgung stellt.
      Die marxistischen Untersuchungen, die sich auf diesem Feld bewegen, gehen von der Erkenntnis aus, da die Beziehung zwischen Werk und Leser einerseits die Basis fr die gesellschaftlich-geschichtliche, individuelle und speziell auch literaturproduzierende Wirkung von Literatur ist, andererseits aber das Zusammentreffen zwischen einem Leser und einem Werk in seinem Vorher, in seinem Verlauf und in seinem Nachher so viele Varianten aufweist, da von hier aus verallgemeinernde Schlsse nur schwer mglich sind. Die individuelle Werkrezeption ist zugleich Endpunkt und Ausgangspunkt einer Kette von gesellschaftlich-geschichtlichen, biographisch-individuellen und speziell literaturgeschichtlichen Ereignissen und Prozessen, von Vermittlungen und Wechselwirkungen sozialer, psychologischer und sthetischer Natur, so da jeder Versuch, von hier aus zu allgemeinen Gesetzmigkeiten vorzustoen, unberwindliche Schwierigkeiten mit sich bringt. Die individuelle Werkrezeption stellt nur scheinbar das einfachste Verhltnis dar, durch das sich die gesellschaftliche Aneignung von Literatur vermittelt. So konkret sie, da sie die wirkliche Voraussetzung fr die Realisierung der Rezeptionsvorgaben ist, zu sein scheint: Tatschlich stellt sie eine Abstraktion von einer Vielzahl mannigfaltiger Bestimmungen dar. Sie ist die Erscheinungsform der gesellschaftlichen Literaturaneignung. Die gesellschaftliche Literaturaneignung wiederum steht im Gefge von Produktion, Vermittlung und Funktion der Literatur innerhalb gesellschaftlich und klassenmig bedingter literarischer Verhltnisse, die Teil des gesellschaftlichen und geschichtlichen Gesamtzusammenhangs sind. Von diesem Gesamtzusammenhang aus sind auch die Beziehungen konkretisierbar, die die 'ttigen Subjekte" eingehen, wenn sie durch ihre rezeptive Ttigkeit die in der Literatur und ihren Werken enthaltenen Werte realisieren und produktiv machen.

     
Erstdruck u. Textvorlage: Gesellschaft — Literatur - Lesen. Literaturrezeption in theoretischer Sicht. Von Manfred Naumann , Dieter Schlenstedt und Karlheinz Barck, Dieter Kche, Rosemarie Lenzer. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1973, S. 36-39, 83-97. Autor des Beitrages: Manfred Naumann.

     

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