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MANFRED HAHN/DIETER SCHLENSTEDT/ FRANK WAGNER - Thesen zum deutschen Roman im 20. Jahrhundert



Die proletarische Epik entwickelte sich zunächst in zwei Schüben, an deren jeweiliger stofflicher Orientierung sich allgemeinere Veränderungen ablesen lassen : 1927-1930 sind Krieg und revolutionäre Nachkriegskrise wichtig. Unter dem Aspekt der Klassenkämpfe am Ende der relativen Stabilisierung und gerichtet auf sie werden im Stoffbereich vor allem das Entstehen einer revolutionären Front in der Arbeiterbewegung, die proletarische Einheit, der Verrat der SPD-Führung erfaßt [...] 1930 bis 1933/35 findet sich eine deutliche Wendung zur Gegenwart bzw. jüngsten Geschichte. In Parallelentwicklung zur breiten Strömung des bürgerlichen Zeitromans werden hier Sujets aus dem Bereich der relativen Stabilisierung, der Krise und Arbeitslosigkeit, der Auseinandersetzung mit dem Faschismus, des revolutionären Aufschwungs seit 1928 aufgebaut - Braune: 'Das Mädchen an der Orga Privat" ; 'Junge Leute in der Stadt" ; Neukrantz:



'Barrikaden am Wedding" ; Bredel: 'Maschinenfabrik N & K" ; 'Rosenhofstraße" ; 'Der Eigentumsparagraph" ; Marchwitza: 'Schlacht vor Kohle"; 'Walzwerk" , auch Hotopp, Schönstedt, Bauer u. a. Diese Werke sind zum großen Teil als Lehrbeispiele organisierten Klassenkampfes direkt auf den aktuellen Kampf bezogen. Allgemein zeichnen sich in der Entwicklung des sozialistischen Realismus im Roman folgende Züge ab:
1. Die sozialistische Epik leistet Bedeutendes beim Aufgreifen von Stoffen und Themen, die auf die sich zuspitzenden politischen und ökonomischen Klassenkämpfe bezogen waren . Dabei liegt eine ihrer Leistungen besonders auch in dem Vermögen zur realen Darstellung von Gesellschaftsbeziehungen, die die Hauptklassen der modernen Gesellschaft, besonders das Proletariat, ins epische Spielfeld bringt. Die Stofferoberungsformen Bericht, Reportage, Autobiographie haben in diesem Zusammenhang ihre große Bedeutung.
      2. Mit dieser neu gespannten Aufnahmefähigkeit in der sozialistischen Epik sind die großen Potenzen dieser Literatur schon angedeutet. Diese zeigen sich vor allem auch in den Bildern von der Weitung der Persönlichkeit durch Anschluß und Teilnahme an der revolutionären Bewegung. In der Entfaltung eines Anspruchs auf Glück, in der selbstbewußten Sicherheit der Persönlichkeit, die um die gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten und Entwicklungsrichtungen weiß und wissend für sie eintritt, in der Bereitschaft zum persönlichen Einstehen für den gefaßten Gedanken, in der Entscheidungsfähigkeit, in den Gefühlen der Solidarität etc. deutet diese Epik schon die neuen menschlichen Züge an, die zukunftsbestimmend sind und die in bürgerlicher Literatur nicht entwickelt werden können. Bei allen Vereinfachungen, bei allem Voluntarismus, die sich hier äußern mögen, haben wir eine Verallgemeinerung praktischer Gesellschaftserfahrungen vor uns, die wenige Zeit später schon reiner hervortreten . - Die charakterisierten Leistungen werden in der hier behandelten Anfangsphase durch verschiedene Faktoren eingeschränkt: Die erzählenden Werke dieser Phase sind meist auf die Zeichnung politischen Bewußtseins und Verhaltens, des sozialen Milieus orientiert, sind vor allem operativ auf die nächsten Aufgaben konzentriert; sie sind vorwiegend auf Probleme der Avantgarde gerichtet und stellen die Beziehungen zwischen Avantgarde und Masse nicht selten vereinfacht problemlos dar.
      Der Hauptzug der Romanentwicklung im Exil besteht darin, daß die Zeitgeschichtsdarstellung extensiv oder intensiv Epochendimensionen gewinnt. Am Beginn der Exilperiode laufen mehrere Erscheinungen wenig verbunden, freilich in innerer Beziehung, nebeneinander her:
1. Romane, die ein Funktionsmodell des, imperialistischen Zeitalters zu geben suchen . Sie zielen auf den Mechanismus der- imperialistischen Herrschaft und enthalten bzw. provozieren den Drang zur Veränderung, zur Entscheidung. Dabei bleiben bewußt wesentliche nationalhistorische Voraussetzungen und Charakteristika des deutschen Faschismus aus dem Spiel.
      2. Zeitgeschichtsromane, die auf die Erfassung der neuen Gegebenheiten, auf die Darstellung der weltanschaulich-historischen Voraussetzungen des Faschismus und auf die Entscheidungsproblematik gerichtet sind, die Selbstbestimmung erneuern und eigene oder andere Gestaltungen 'aufheben". In vielfältigen Formen zeigt sich hier Ãœbergewicht und Gewinn des Dokumentarischen .
      3. Der historische Roman, der in seinen wichtigsten Leistungen als Epochen- und Menschheitsbilanz und -programm auftritt.
      Unverkennbar macht sich - ab der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre - eine stärkere Historisierung, eine Vertiefung des Menschenbildes geltend. Anfang der vierziger Jahre tritt eine Reihe von Romanen in den Vordergrund, die dem zeitgeschichtlichen Ausschnitt in diesem Sinne größeren Gehalt zu geben vermögen. [...]
Damit wird die Reihe von Epochenromanen vorbereitet, die - um die Mitte der vierziger Jahre — das Ende der Periode und den Übergang zur Nachkriegsperiode markieren.
     

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