Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

Index
» Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte
» LUDWIG TIECK - Shakespeares Behandlung des Wunderbaren

LUDWIG TIECK - Shakespeares Behandlung des Wunderbaren



Man hat oft Shakespeares Genie bewundert, das in so vielen seiner Kunstwerke die gewöhnliche Bahn verläßt und neue Pfade sucht; bald Leidenschaften bis in ihre feinsten Schattierungen, bald bis zu ihren entferntesten Grenzen verfolgt; bald den Zuschauer in die Geheimnisse der Nacht einweiht und ihn in einen Kreis von Hexen und Gespenstern versetzt; ihn dann wieder mit Feen und Geistern umgibt, die jenen fürchterlichen Erscheinungen völlig unähnlich sind. Man hat zu oft über die Kühnheit, mit der Shakespeare die gewöhnlichen Regeln des Dramas verletzt, die ungleich größere Kunst übersehen, mit der er den Mangel der Regel unbemerkbar macht; denn eben darin besteht der Probierstein des echten Genies, daß es für jede verwegene Fiktion, für jede ungewöhnliche Vorstellungsart schon im voraus die Täuschung des Zuschauers zu gewinnen weiß; daß der Dichter nicht unsere Gutmütigkeit in Anspruch nimmt, sondern die Phantasie, selbst wider unsern Willen so spannt, daß wir die Regeln der Ästhetik mit allen Begriffen unsers aufgeklärteren Jahrhunderts vergessen und uns ganz dem schönen Wahnsinn des Dichters überlassen; daß sich die Seele nach dem Rausch willig der Bezauberung von neuem hingibt und die spielende Phantasie durch keine plötzliche und widrige Ãœberraschung aus ihren Träumen geweckt wird.


      In dieser größten unter den dramatischen Vollkommenheiten wird Shakespeare vielleicht stets unnachahmlich bleiben; [...] Denn so sehr seine Meisterstücke auch von seinen Zeitgenossen und späteren Dichtern, von Engländern und Deutschen nachgeahmt sind, so hat sich doch keiner nach ihm in jenen magischen Kreis gewagt, in welchem er so groß und furchtbar erscheint. Die wenigen, die es versucht haben, ihn hierin zu erreichen, stehen gegen ihn wie Beschwörer da, denen trotz ihren geheimnisvollen Formeln [...] kein Geist gehorcht; und die am Ende nur Langeweile erregen, weil sie die Kunst nicht besitzen, den richtenden Verstand einzuschläfern.
      Shakespeare war in seinem Zeitalter mehr als jeder andere Schriftsteller der Dichter seiner Nation; er schrieb nicht für den Pöbel, aber für sein Volk; und die dramatischen Meisterstücke der Alten, selbst wenn er sie gekannt hätte, waren daher nicht das Tribunal, vor das er seine Schauspiele zog, sondern durch ein aufmerksames Studium des Menschen hatte er gelernt, was auf die Gemüter wirkt, und nach seinem eigenen Gefühl und den Regeln, die er aus der Erfahrungabstrahiert hatte, dichtete er seine Kunstwerke. Eben daher kommt es, daß die meisten seiner Stücke bei der Vorstellung und beim Lesen so allgemein wirken und notwendig wirken müssen; denn vielleicht hat kein Dichter in seinen Kunstwerken so sehr den theatralischen Effekt berechnet als Shakespeare, ohne doch leere Theatercoups zum besten zu geben oder durch armselige Ãœberraschungen zu unterhalten. Er hält die Aufmerksamkeit ohne die Kunstgriffe mancher intriganten Dichter und ohne den Beistand der Neugier bis zum Schluß in Spannung und erschüttert durch kühne Schläge seines Genies innig und bis zum Erschrecken.
      Seine wunderbare Welt besteht daher nicht aus den römischen oder griechischen Gottheiten oder aus unwirksamen allegorischen Wesen, die man vor ihm und selbst noch zu seiner Zeit häufig auf dem Theater sah, obgleich die Zuschauer durch diese an die übernatürlichen Wesen gewissermaßen gewöhnt waren, — sondern als Volksdichter ließ er sich zu der Tradition seines Volkes hinab.
      Da die Phantasie des gemeinen Volks den Aberglauben erschafft und ausschmückt, so ist es natürlich, daß in den Produkten der erhitzten und geängstigten Einbildungskraft immer ebensoviel Kindisches als Schreckliches liegt, ebensoviel widrige und abgeschmackte Züge als schöne und fürchterliche. Hätte Shakespeare ohne Unterschied diese Vorstellungsarten des Volks adoptiert, so hätte er freilich wohl auf den Beifall des Pöbels rechnen können, aber jeder Leser von einigem Geschmack und geläuterter Phantasie hätte dann auch unwillig die Mißgeburten seines Gehirns aus den Händen geworfen. Er zeigte aber hier sein feineres Gefühl; als einem echten Dichter war es ihm nicht genug, sich zu den Vorstellungsarten des Volkes herabzulassen, sondern er hob diese Vorstellungen zugleich zu seinem eigenen Geiste hinauf; — er begegnete der Phantasie des Volks, aber er forderte von diesem auch eine Veredlung und Verfeinerung des Gefühls. In dieser Vereinigung veredelte er den gemeinen Aberglauben zu den schönsten poetischen Fiktionen, er sonderte das Kindische und Abgeschmackte davon ab, ohne ihm das Seltsame und Abenteuerliche zu nehmen, ohne welches die Geisterwelt dem gewöhnlichen Leben zu nahe kommen würde.
      Shakespeare ist ein ganz verschiedener Künstler als Tragiker und in seinen sogenannten Lustspielen. Jeder Leser wird beim ersten Anblick auf die Bemerkung geführt sein, daß das Wunderbare im 'Macbeth" und 'Hamlet" dem Wunderbaren im 'Sturm" und 'Sommernachtstraum" durchaus unähnlich sei. [...]
Erstdruck: Der Sturm. Ein Schauspiel von Shakspeare, für das Theater bearbeitet von Ludwig Tieck. Nebst einer Abhandlung über Shakspears Behandlung des Wunderbaren. Berlin und Leipzig, bey Carl August Nicolai. 1796. Textvorlage: Shakespeares Behandlung des Wunderbaren. In: Tiecks Werke. Auswahl in sechs Teilen. Hg., mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Eduard Berend. Sechster Teil. Kritische Schriften. Deutsches Verlagshaus Bong Sc Co. Berlin/Leipzig/ Wien/Stuttgart [1908], S. 66-68.
     

 Tags:
LUDWIG  TIECK  -  Shakespeares  Behandlung  Wunderbaren    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com