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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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LUDWIG ACHIM VON ARNIM - Von Volksliedern ■ An Kapellmeister Reichardt



[...] Ein schnes Lied in schlechter Melodie behlt sich nicht, und ein schlechtes Lied in schner Melodie verhlt sich und verfngt sich, bis es herausgelacht; wie ein Labyrinth ist es: einmal hinein, mssen wir wohl weiter; aber aus Furcht vor dem Lindwurm, der drin eingesperrt, suchen wir gleich nach dem ausleitenden Faden. So hat diese leere Poesie uns oft von der Musik, vielleicht die Musik selbst herabgezogen. Neues mute dem Neuen folgen, nicht weil die Neuen soviel Neues geben konnten, sondern weil soviel verlangt wurde: so war einmal einer leichtfertigen Art von Liedern zum Volke Bahn gemacht, die nie Volkslieder werden konnten. In diesem Wirbelwind des Neuen, in diesem vermeinten urschnellen Paradiesgebren auf Erden waren auch in Frankreich fast alle Volks-lieder erloschen; noch jetzt sind sie arm daran - was soll sie an das binden, was ihnen als Volk festdauernd? Auch in England werden Volkslieder seltener gesungen; auch Italien sinkt in seinem nationalen Volksliede, in der Oper durch Neuerungssucht der leeren Leute; selbst in Spanien soll sich manches Lied verlieren und nichts Bedeutendes sich verbreiten. - O mein Gott, wo sind die alten Bume, unter denen wir noch gestern ruhten, die uralten Zeichen fester Grenzen, was ist damit geschehen, was geschieht? Fast vergessen sind sie schon unter dem Volke, schmerzlich stoen wir uns an ihren Wurzeln. Ist der Scheitel hoher Berge nur einmal ganz abgeholzt, so treibt der Regen die Erde hinunter, es wchst da kein Holz wieder; da Deutschland nicht so weit verwirtschaftet werde, sei unser Bemhen. [...]


{...] Zunchst hngt wohl dieses Herabsinken schnerer Bildung mit einer allgemeinen groen Erscheinung der vorigen Jahrhunderte zusammen, ich meine, mit dem allgemeinen Klage- und Elendwesen. Dieses sonderbare Bewutsein, wie ein Trumender lt es das Glck aus der Hand fallen, weil ihm trumet, es falle, er msse danach greifen, und nun hlt es Glck und Traum fr nichts, weil es ihm nicht fortdauert. Als vorzeiten die Flagellanten [1] in Selbstgeielung wehklagend durch alle Straen den Strom der Vorbergehenden in ihren Ton hineinrissen, f...] so verstummte in dieser spteren Selbstpeinigung der Furcht noch einmal aller edle Gemtston. Die Regierungen glaubten es ihre Pflicht, diesen Jammer zu stillen statt ihn in sich ausgehen zu lassen, aber sie waren demselben Zeitgeiste unterworfen; statt einer hheren Ttigkeit machten sie gegenttige Bemhungen; das Fieber sollte sich schwcher zeigen, indem sie die gesamte Kraft des Krpers minderten, von dem Zwecke des Fiebers hatten sie keine Vorstellung, es war ihnen ein Miverhltnis, weiter nichts. Die notwendigen Lasten des brgerlichen Vorteils wurden Einheimischen wie Fremden versteckt und heimlich, das Regierungswesen schien daher den Regierten dunkel und sndig. Noch mehr, es wurden ihnen Grenzen des Notwendigen gesetzt; man schnitt die Freude davon ab - so ward ihrem Leben aller Wert genommen, es entstand eine Sehnsucht nach dem Tode, an sich selbst Tod, der mit seinem Knochenarm dem Lebenden eine Fallgrube grbt. In der Liebe ist keine Furcht, sagt Johannes [2]; es war diese Klage ber die Selbstentleibung von Deutschland wie jene der Kriemhilde [3], welche immer neue Verzweiflung herbeifhrte. Die Spaltung war gemacht, der Keil eingetrieben, bald sollte der Staat nicht mehr fr die Einwohner, sondern als Idee vorhanden sein; manches Volk kannte seinen eigenen Namen nicht mehr, und wo ein Staat sich selbst geboren, da sah man, da die andern eigentlich nur noch Namen waren. [...]
Die Gelehrten indessen versaen sich ber einer eigenen vornehmen Sprache, die auf lange Zeit alles Hohe und Herrliche vom Volke trennte, die sie endlich doch entweder wieder vernichten oder allgemein machen mssen, wenn sie einsehen, da ihr Treiben, die Sprache als etwas Bestehendes fr sich auszubilden, aller echten Bildung entgegen ist, da sie doch notwendig ewig flssig sein mu, dem Gedanken sich zu fgen, der sich in ihr offenbart und ausgiet; denn so und nur so allein wird ihr tglich angeboren, ganz ohne knstliche Beihilfe. Nur wegen dieser Sprachtrennung in dieser Nichtachtung des besseren poetischen Teiles vom Volke mangelt dem neueren Deutschlande grtenteils Volkspoesie; nur wo es ungelehrter wird, wenigstens berwiegender in besondrer Bildung der allgemeinen durch Bcher, da entsteht manches Volkslied, das ungedruckt und ungeschrieben zu uns durch die Lfte dringt wie eine weie Krhe; wer auch gefesselt vom Geschfte, dem lt sie doch den Ring niederfallen des ersten Bundes. Mit wehmtiger Freude berkmmt uns das alte, reine Gefhl des Lebens, von dem wir nicht wissen, wo es gelebt, wie es gelebt, was wir der Kindheit gern zuschreiben mchten, was aber frher als Kindheit zu sein scheint und alles, was an uns ist, bindet und lst zu einer Einheit der Freude. Es ist, als htten wir lange nach der Musik etwas gesucht und fnden endlich die Musik, die uns suchte! —
Es wird uns, die wir vielleicht eine Volkspoesie erhalten, in dem Durchdringen unserer Tage, es wird uns anstimmend sein, ihre noch brigen lebenden Tne aufzusuchen; sie kmmt immer nur auf dieser einen ewigen Himmelsleiter herunter; die Zeiten sind darin feste Sprossen, auf denen Regenbogenengel niedersteigen; sie gren vershnend alle Gegenstzler unsrer Tage und heilen den groen Ri der Welt, aus dem die Hlle uns anghnt, mit ihrem Zeigefinger zusammen. Wo Engel und Engel sich begegnen, das ist Begeisterung. [...]
Wo Deutschland sich wiedergebiert, wer kann es sagen? Wer es in sich trgt, der fhlt es mchtig sich regen. — Als wenn ein schweres Fieber sich lst in Durst, und wir trumen, das langgewachsene Haar in die Erde zu pflanzen, und es schlgt grn aus und bildet ber uns ein Laubdach voll Blumen, die schnen weichen den spten schneren: so scheint in diesen Liedern die Gesundheit knftiger Zeiten uns zu begren. Es gibt oft Bilder, die mehr sind als Bilder, die auf uns zuwandeln, mit uns reden: wre so doch dieses! Dochbewhrt die tiefe Kunstverehrung unserer Zeit, dieses Suchen nach etwas Ewigem, was wir selbst erst hervorbringen sollten, die Zukunft einer Religion, die dann erst vorhanden, wenn alle darin als Stufen eines erhabenen Gemts begriffen, ber das sie selbst begeistert ausfloriert. In diesem Gefhle einer lebendigen Kunst in uns wird gesund, was sonst krank wre, diese Unbefriedigung an dem, was wir haben, jenes Klagen der Zeit. Wir denken umher und werden aufmerksam, wie so vieles uns nimmer abgestoen, wenn wir es nicht verkehrt angezogen, wie der grere Teil der Welt, eine fremde Atmosphre, durch unsere Luft htte hindurchgehen knnen, fr uns unschwer, fr uns unwarm, keine Macht ber uns habend als unsre Furcht davor.,Groe Kunst des Vergessens, in dir scheidet sich alle fremde Pestilenz von unsrer Heimat; fort mit dem Fremden im Fremden, die Welt klimatisiert sich uns; fort mit dem Fremden im Einheimischen! [...,]
Jeder kann da, was sonst nur wenigen aus eigener Kraft verliehen, mchtig in das Herz der Welt rufen; er sammelt sein zerstreutes Volk, wie es auch getrennt durch Sprache, Staatsvorurteile, Religionsirrtmer und mige Neuigkeit, singend zu einer neuen Zeit unter seiner Fahne. Sei diese Fahne auch nicht gestickt mit Trophen, vielleicht nur das zerrissene Segel der schiffenden Argonauten oder der versetzte Mantel eines armen Singers [...], wer sie trgt, der suche darin keine Auszeichnung, wer ihr folgt, der finde darin seine Schuldigkeit, denn wir suchen alle etwas Hheres, das Goldne Vlies, das allen gehrt, was der Reichtum unsres ganzen Volkes, was seine eigene innere, lebende Kunst gebildet, das Gewebe langer Zeit und mchtiger Krfte, den Glauben und das Wissen des Volkes, was sie begleitet in Lust und Tod: Lieder, Sagen, Kunden, Sprche, Geschichten, Prophezeiungen und Melodien. Wir wollen allen alles wiedergeben, was im vieljhrigen Fortrollen seine Demantfestigkeit bewhrt, nicht abgestumpft, nur farbespielend geglttet, alle Fugen und Ausschnitte hat zu dem allgemeinen Denkmale des grten neueren Volkes, der Deutschen, das Grabmal der Vorzeit, das frohe Mal der Gegenwart, der Zukunft ein Merkmal in der Rennbahn des Lebens. Wir wollen wenigstens die Grundstcke legen, was ber unsre Krfte andeuten, im festen Vertrauen, da die nicht fehlen werden, welche den Bau zum Hchsten fortfhren, und der, welcher die Spitze aufsetzt allem Unternehmen. Was da lebt und wird und worin das Leben haftet, das ist doch weder von heute noch von gestern; es war und wird und wird sein; verlieren kann es sich nie, denn es ist; aber entfallen kann es fr lange Zeit, oft wenn wir es brauchen, recht eifrig ihm nachsinnen und denken. Es gibt eine Zukunft und eine Vergangenheit des Geistes, wie es eine Gegenwart des Geistes gibt, und ohne jene, wer hat diese?
Erstdruck: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. L. Achim v. Arnim. Clemens Brentano. [1. Bd.] Heidelberg, bey Mohr und Zimmer. Frankfurt bey J. C. B. Mohr. 1806.
      Textvorlage: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. Gesammelt von Ludwig Achim von Arnim und Clemens Brentano. Hg. v. Hans-Gnther Thalheim. 3. Bd. Rotten & Loening. Berlin 1966. S. 303-335.
      Erluterungen: [1] Angehrige einer sptmittelalterlichen christlichen Gesellschaft, die durch Geielung ihres Krpers von Gott Sndenvergebung zu erlangen hofften. — [2] Apostel und Evangelist des Neuen Testaments. — [3] Gestalt aus dem Nibelungenlied, burgundische Knigstochter und Gattin Siegfrieds.
     

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