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LION FEUCHTWANGER - Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans



Damit wären wir bei der Beantwortung der ersten der beiden Fragen, die an den Autor historischer Romane immer wieder gestellt werden. Die erste Frage lautet: wenn Sie zeitgenössische Inhalte geben wollen, warum dann wählen Sie nicht zeitgenössische Stoffe statt der Vergangenheit?

Erlauben Sie mir, diese Frage aus meinen eigenen schriftstellerischen Erfahrungen heraus zu beantworten. Ich habe zeitgenössische Romane geschrieben und historische. Ich darf, nach schärfster Gewissensprüfung, erklären, daß ich in meinen historischen Romanen die gleichen Inhalte zu geben beabsichtigte wie in den zeitgenössischen. Ich habe nie daran gedacht, Geschichte um ihrer selbst willen zu gestalten, ich habe im Kostüm, in der historischen Einkleidung, immer nur ein Stilisierungsmittel gesehen, ein Mittel, auf die einfachste Art die Illusionen der Realität zu erzielen. Andere haben ihr Weltbild, um es klarer aus sich heraus zu projizieren, in eine größere räumliche Entfernung gerückt, es in irgendeiner exotischen Gegend angesiedelt. Ich habe mein Weltbild zum gleichen Zwecke zeitlich distanziert, das ist alles.
      Ich kann mir nicht denken, daß ein ernsthafter Romandichter, dermit geschichtlichen Stoffen arbeitet, in den historischen Fakten etwas anderes sehen könnte als ein Distanzierungsmittel, als ein Gleichnis, um sich selber sein eigenes Lebensgefühl, seine eigene Zeit, sein Weltbild möglichst treu wiederzugeben. [... ]
So viel zu der ersten der beiden Fragen. Die zweite Frage, die unsereiner immer wieder zu hören bekommt, ist die: wenn ein Leser sich für die Vergangenheit, für Geschichte interessiert, tut er dann nicht besser, eine exakte wissenschaftliche Darstellung zur Hand zu nehmen statt des fiktiven Gebildes eines Romanschriftstellers?
Nun, der Leser, der im historischen Roman Belehrung sucht, begeht den gleichen Irrtum wie der Autor, der mit dem Historiker in Wettbewerb treten will. Was ist denn ein Historiker? Ein Mann, der an der Hand von Fakten Gesetze der Entwicklung der Menschheit aufzuzeichnen sucht. Der Autor historischer Romane aber will, wie wir gesehen, nichts dergleichen aufzeichnen, sondern nur sich und sein Weltbild. Es ist also zwischen dem ernsthaften Autor historischer Romane und dem ernsthaften Historiker der gleiche Unterschied wie etwa zwischen dem Komponisten und dem Forscher, der sich mit den Problemen der Akustik befaßt. Vom Autor eines historischen Romans historische Belehrung fordern, heißt vom Komponisten einer Melodie Aufschlüsse über die Technik der Radioübertragung verlangen.
      Ich habe mich immer bemüht, das Bild meiner Wirklichkeit bis ins kleinste Detail treu wiederzugeben, aber niemals habe ich mich darum gekümmert, ob meine Darstellung der historischen Fakten exakt war. Ja, ich habe oft die mir genau bekannte aktenmäßige Wirklichkeit geändert, wenn sie mir illusionsstörend wirkte. Im Gegensatz zum Wissenschaftler hat, scheint mir, der Autor historischer Romane das Recht, eine illusionsfördernde Lüge einer illu-sionsstörenden Wahrheit vorzuziehen. Hindenburg tadelte seinen Porträtisten scharf, weil der die Knöpfe der Uniform nicht richtig wiedergegeben hatte; Liebermann hatte andere Meinungen von Porträtmalerei. Es ist unschwer zu beweisen, daß Homer, die Autoren der Bibel, Shakespeare und zahllose Autoren historischer Dichtungskunst bis herunter auf unsere Zeit mit der ihnen genau bekannten aktenmäßigen Wirklichkeit erstaunlich kühn umsprangen.
      Der Erfolg gibt ihnen recht. Ihre Bücher, ihre erfundenen Legenden, Epen, Dramen, Romane, ihre erfundenen Menschen und Taten, ihre 'Lügen" erweisen sich als lebendiger als die Tatsachen, wie sie die Wissenschaftler mit Hilfe kritisch gesichteten Materials treulich ermittelt haben. Der Zeitgenosse der Makkabäer, der die Geschichte von der Königin Esther erfand, hat eine stärkere Wirkung über die Zeit hinweg erreicht als die Chronisten, die die geschichtlichen Fakten der Wiedererstehung des jüdischen Nationalstaates aufzeichneten. Der erfundene Haman ist noch heute für zahllose Menschen ein viel lebendigerer Feind dieses Nationalstaates als der tatsächliche König Antiochus, sein historisches Original. Daß das historische Urbild des Landvogts Geßler ein bestimmter Feudalbeamter namens Peter von Hagenbach war, wissen außer mir vielleicht noch fünfhundert Menschen, und abgesehen von den zehn Pfund Honorar, die ich für die Artikel erhielt, in dem ich diese meine Entdeckung mitteilte, hat diese Wissenschaft niemandem Nutzen gebracht. Den völlig frei erfundenen Wilhelm Teil aber kennt jedermann, und diese Kenntnis hat allerlei und recht spürbare Folgen gehabt. Eine gute Legende, ein guter historischer Roman ist in den meisten Fällen glaubwürdiger, bildhaftwahrer, folgenreicher, wirksamer, lebendiger als eine saubere, exakte Darstellung der historischen Fakten.
      Und damit wären wir bei dem wichtigsten Punkt. Daß es Sinn hat, zeitgenössische Romane zu schreiben, bestreiten wenige. Daß es Sinn hat, historische Wissenschaft zu treiben, bestreiten wenige: aber vielen will es nicht eingehen, daß es Sinn hat, historische Romane zu schreiben.
      Dabei ist die Wissenschaftlichkeit dessen, was man heute Geschichtsschreibung nennt, äußerst fragwürdig. Nichts gegen den Historiker, der auf der Basis der Hegeischen Philosophie an Hand von Fakten die Grundlinien der Entwicklung der Menschheit, die Gesetze dieser Entwicklung, ihre Dialektik darzulegen sucht. Aber wer unter anderen Gesichtspunkten historische Fakten zusammenstellt, darf der den Anspruch darauf erheben, ein Wissenschaftler zu sein? Gibt er nicht, wie immer er seinen Stoff anordnet, einfach durch seine Anordnung der Fakten ein subjektives Bild, gibt er nicht im besten Falle Kunst? Der alte Skeptiker Talleyrand hat seine Erfahrung auf diesem Gebiet in dem Satz zusammengefaßt: 'Nichts läßt sich leichter arrangieren als Fakten." Und Lytton Strachey formuliert glücklich: 'Geschichte ist offenbar nichts als eine Zusammenstellung angehäufter Fakten." Werden diese Fakten aber ohne Kunst zusammengestellt, dann ergeben sie Geschichte so wenig, als Butter, Eier und Petersilie Anspruch darauf erheben können, ein Omelett zu sein. [... ]
Er [der Autor historischer Romane] sieht, mit dem Philosophen, seine Aufgabe darin, die natürliche klare Beziehung von Leben und

Historie herzustellen, das Vergangene, die Geschichte, für die Gegenwart und die Zukunft fruchtbar zu machen, f...)
Ich für mein Teil habe mich, seitdem ich schreibe, bemüht, historische Romane für die Vernunft zu schreiben, gegen Dummheit und Gewalt, gegen das, was Marx das Versinken in die Geschichts-losigkeit nennt. Vielleicht gibt es auf dem Gebiet der Literatur Waffen, die unmittelbarer wirken: aber mir liegt, aus Gründen, die ich darzulegen versuchte, am besten diese Waffe, der historische Roman, und ich beabsichtige, sie weiter zu gebrauchen.
      Erstdruck: Internationale Literatur, Redakteur der deutschen Ausgabe: Johannes R. Becher. Moskau 193S, H. 9.
      Textvorlage: Lion Feuchtwanger: Centum opuscula. Rudolstadt o. J., S. 510—515. Mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags.
     

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LION  FEUCHTWANGER  -  Vom  Sinn  Unsinn  historischen  Romans    





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