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KLAUS SCHAEFER - Die Hoch- und Spätromantik - zwei Phasen einer neuen Entwicklungsetappe der deutschen Literatur



Die deutsche Romantik zwischen dem Untergang des 'Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation" und der Gründung des 'Deutschen Bundes"


Neue Schriftsteller und ihre Gruppierungen
Als Napoleon im Oktober 1806 durch den Sieg bei Jena und Auerstädt seine Herrschaft über Mitteleuropa festigte, war bereits neben die Frühromantiker eine jüngere Generation von Dichtern mit ihrer ersten großen Leistung an die Öffentlichkeit getreten: mit dem ersten Band der Sammlung 'Des Knaben Wunderhorn".
      Zwei Jahre später bildete sich in Heidelberg um die programmatische 'Zeitung für Einsiedler" ein Zentrum der Romantik, das unter der Bezeichnung 'Heidelberger Romantik" in die Literaturgeschichte eingegangen ist und das berufen war, fruchtbare Beiträge und Anregungen für die Entwicklung der deutschen Nationalliteratur zu liefern. Ihm gehörten Achim von Arnim, Clemens Brentano und Joseph Görres an; bereits 1807 hatte sich ferner der Student der Philosophie und Rechtswissenschaft Joseph von Eichendorff an der Universität Heidelberg immatrikulieren lassen, und auch Ludwig Uhland veröffentlichte - obgleich nicht in Heidelberg lebend - Gedichte im 'Einsiedler". Verbindung zum Heidelberger Kreis hatten auch die Brüder Grimm. Im Jahre 1809 wandten sich Arnim und Brentano nach Berlin, dem Mittelpunkt der deutschen patriotischen Bewegung vor dem Ausbruch der Befreiungskriege, wo sie zusammen mit Heinrich von Kleist, dem Staatsrechtler Adam Müller und anderen die Gruppe der 'Berliner Romantik" bildeten.
      Diese jüngeren Romantiker knüpften zunächst an die von der Frühromantik erarbeiteten ästhetischen und weltanschaulichen

Positionen an; dennoch fanden vor allem innerhalb der 'Heidelberger Romantik" gewichtige Akzentverschiebungen statt, die uns berechtigen, von einer neuen Phase innerhalb der romantischen Literaturbewegung zu sprechen. Das Bewußtsein über die von den jüngeren Romantikern eingenommenen neuen Positionen war den Beteiligten so deutlich, daß - wie Eichendorff in 'Erlebtes" berichtet - einerseits die Heidelberger von den Jenaer Romantikern nicht als zünftig anerkannt wurden, andererseits beispielsweise Arnim von der 'kalten Schlegelschen Kritikluft" sprach und ebenso wie Brentano mehrfach in seinem Briefwechsel die Jenaer abfällig als 'Clique" bezeichnete. Die sich in diesen Äußerungen ausdrückenden Veränderungen erklären sich vornehmlich aus einer neuen nationalen Problemstellung.
      Der Einfluß der patriotischen Bewegung auf die romantische Literatur
Die jüngere Romantik ist in ihren Besonderheiten nicht zu verstehen ohne den Einfluß der fortschreitenden Besetzung Deutschlands durch die Truppen des nachrevolutionären Frankreichs. Im Verlauf der drei Koalitionskriege hatten sich die Zielsetzungen von französischer Seite aus verschoben: Aus dem ursprünglich gerechten Verteidigungskrieg des jungen bürgerlichen Staates gegen die feudale europäische Reaktion war ein Eroberungskrieg der französischen Großbourgeoisie geworden, der auf die Beherrschung Europas zielte. In diesem Sinn verloren Napoleons Kriege seit der Gründung des Rheinbundes und ganz offensichtlich seit dem Tilsister Frieden endgültig ihre progressiven Elemente und nahmen einen eindeutig aggressiven Charakter an. [...]
Das, was sich bereits im 'Wunderhorn" angekündigt hatte, was besonders die 'Heidelberger Romantiker" in dieser Phase der Romantik befähigte, überdauernde Werke zu schaffen und fruchtbare Anregungen zu geben, waren die jetzt infolge der politischen Verhältnisse in verstärktem Maße in die romantische Literatur eindringenden Tendenzen eines gesteigerten Nationalgefühls und der - romantisch verstandenen - Volksverbundenheit.
      Während die Frühromantik auf ihre gesellschaftliche Umwelt hauptsächlich ablehnend, mit radikaler Gegenposition und ohne echte produktive Wirkung auf die Wirklichkeit reagierte, sahen sich die jungen Romantiker unmittelbar von ihrer Zeit angesprochen, mittels der Literatur einen Beitrag zur Lösung der nationalen Probleme zu leisten. So wandten sie sich unter diesem neuen Gesichtspunkt der Sammlurig und Pflege der deutschen Volksdichtung zu, um dadurch dem bei der Vorbereitung der Befreiungskriege erwachten Interesse am deutschen Bauern und einfachen Bürger sowie dem Bewußtsein der kulturellen Einheit Deutschlands Ausdruck zu verleihen; so begannen sie, sich liebevoll wissenschaftlich mit der deutschen Sprache zu beschäftigen und die deutsche Geschichte als Quelle nationaler Besinnung aufzufassen. Die jüngeren Romantiker intensivierten die Bestrebungen der Frühromantik und vollendeten gewissermaßen, was diese begonnen hatte. Die Hinwendung zur nationalen Ãœberlieferung war ja bereits - von Herders Bemühungen hier einmal abgesehen - mit Wacken-roders und Tiecks Bestrebungen erfolgt; verwiesen sei nur auf ihr gemeinsames Nürnberg- und Dürer-Erlebnis sowie auf Tiecks Beschäftigung mit den Volksbüchern und Volksmärchen. Es können in diesem Zusammenhang noch Friedrich Schlegels 'Gespräch über die Poesie", in dem er fordert, 'die Formen der Kunst überall bis auf den Ursprung erforschen", sowie August Wilhelm Schlegels wenige Jahre später gehaltenen Berliner Vorlesungen erwähnt werden, deren dritter Teil der Literatur des Mittelalters gewidmet ist. Zum ersten Mal wurde von ihm unter anderem das Nibelungenlied als das große deutsche Nationalepos in bewundernswerter Weise charakterisiert.
      Wenn auch diese Bemühungen dazu beitrugen, im zerstückelten und teilweise besetzten Deutschland ein Nationalbewußtsein zu fördern und wenn auch unbestreitbar wertvolle künstlerische und wissenschaftliche Leistungen vollbracht bzw. vorbereitet wurden, so sind doch andererseits die Grenzen dieser Tendenzen nicht zu übersehen.
      Sie bestehen vor allem darin, daß die Romantiker bei ihrer Hinwendung zur Volkskunst von einem mystischen 'Volks"-Begriff ausgingen, z. T. auch eine undialektische Gegenüberstellung von 'Volks"- und 'Kunstpoesie" vornahmen und dabei zu einer Abwertung der derart falsch verstandenen 'Kunstpoesie" gelangten. Indem die Romantiker unter Berufung auf das germanische Altertum oder ein idealisiertes patriarchalisch-feudales Mittelalter auf eine soziale Differenzierung des Begriffes 'Volk" verzichteten und mit ihm die Gesamtheit aller Klassen und Schichten umfaßten, propagierten sie — gewollt oder ungewollt - deren Harmonie.

     
War die romantische Haltung zwar geeignet, ein Nationalgefühl in allen sozialen Schichten zu fördern, so spiegelte sich in ihr doch gleichzeitig das Unvermögen, zu Teilen auch das Widerstreben der Romantiker, auf dem Wege der Demokratisierung zu einer echten und umfassenden Lösung der nationalen Frage beizutragen bzw. auch die vom Sturm und Drang sowie von der Klassik vorgezeichneten Wege einer Volkskunst-Rezeption in deren Sinne weiterzugehen.
      Dies vor allem muß bei einer Darstellung des von den Romantikern geförderten Nationalbewußtseins beachtet werden: War es einerseits Ausdruck und Frucht des nationalen Aufbegehrens gegenüber den Unterdrückern - und Dichter wie Eichendorff, Arnim, Fouque und Wilhelm Müller haben als mehr oder minder aktive Teilnehmer an den Befreiungskriegen bewiesen, daß sie auch bereit waren, ihrer Proklamation des Patriotismus die Tat folgen zu lassen —, so bedeutete es andererseits seinem sozialen Inhalt nach eine Rücknahme gegenüber den Bemühungen des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, ein betont antifeudales Nationalbewußtsein zu formen.
      Allerdings darf dabei nicht vergessen werden, daß die nationale Konzeption der Romantik im Vergleich mit der ultrareaktionären feudal-partikularistischen Fraktion in Preußen noch eine relativ progressive Komponente enthielt; sie setzte sich nämlich durchweg für einen einheitlichen deutschen Nationalstaat und teilweise sogar für die Beteiligung des Volkes an diesem zu errichtenden Staatswesen ein, worin sich zweifellos die Forderungen der Volksmassen nach echter Beteiligung an den Ergebnissen der Befreiungsbewegung widerspiegelten.
      Besaßen die Vertreter der Frühromantik, die ja Ende der sechziger Jahre oder in der ersten Hälfte der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts geboren waren, noch mehr oder weniger unmittelbare Beziehungen zur großen Aufstiegsphase des Bürgertums - ohne daß ihre Verwurzelung fest genug war, um in der Konfrontierung mit der neuen historischen Konstellation die welthistorische und die nationale Perspektive im Auge behalten zu können, wie es vorbildlich Goethe gelang -, so war diese Berührung bei den jüngeren Romantikern, die durchweg in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre oder erst in den achtziger Jahren geboren waren, nur noch in Ausnahmefällen gegeben. Daher mußte der bereits bei den Frühromantikern beobachtete Prozeß der Zurückdrängung auf unhistorische antikapitalistische Positionen nun immer reibungsloser vor sich gehen. Hierauf beruht die durch die Befreiungskriege noch verstärkte zeitweilige relative Einigkeit innerhalb des in sich stark differenzierten romantischen Lagers; mit einer derart enttäuschten bürgerlichen Intelligenz vermochten sich zunehmend auch feudal-antikapitalistische Kreise zu solidarisieren und umgekehrt.
      Die Romantiker waren bei der Gegenüberstellung mit den zwiespältigen Folgen der französischen Besatzung außerstande oder nicht willens, den vom Sieger importierten oder geförderten bürgerlichen Fortschritt als historisch notwendig zu würdigen oder gar anzuerkennen; Im Gegenteil fand jener bereits bei der Begründung der Frühromantik Pate stehende Antikapitalismus, der sich gegen die persönlichkeitsbeengenden Auswirkungen des kapitalistischen Systems wandte, nun neue Nahrung durch den Umstand, daß die Bourgeoisie von Napoleon und seinen Armeen repräsentiert wurde, von der Kraft also, die die Formierung der deutschen Nation ernsthaft gefährdete. Dieses Fehlen einer Position, von der aus eine produktive künstlerische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit möglich gewesen wäre, hatte umgehend zur Folge, daß die Romantiker in sozialer Hinsicht objektiv die reaktionären Feudalkräfte unterstützten - eine Tendenz, die im Laufe der Jahre immer deutlicher wurde und einen ersten Höhepunkt 1810 im erbitterten Kampf gegen die Reformen Steins und Hardenbergs in den von Kleist herausgegebenen 'Berliner Abendblättern" sowie in der von Arnim anläßlich des preußischen Krönungstages gegründeten 'Christlich-deutschen Tischgesellschaft" fand. Die Spannweite der Standpunkte im einzelnen war dabei beträchtlich: Sie umfaßte die Kritik an Einzelerscheinungen des feudalabsolutistischen Staatswesens bei gleichzeitiger Akzeptierung der wesentlichen Grundlagen der gegenwärtigen feudalen Staatsordnung über die Orientierung auf ein für die Neugestaltung der Gegenwart als vorbildlich erkanntes, idealisiertes, ständisch aufgebautes patriarchalisches Mittelalter bis zur hemmungslosen Lobpreisung der mittelalterlichen Feudalordnung, der 'alten herrlichen Ritterwelt" . Die einigenden Klammern waren jedoch die antirevolutionäre Stoßrichtung ihrer Bemühungen und ihr historisch noch nicht legitimierter Antikapitalismus. Letzterer ist allerdings nichtsdestoweniger dadurch bedeutsam geworden, daß von seiner Position aus bereits die künstlerische Widerspiegelung der von diesen Generationen besonders sensibel registrierten inhumanen und kunstfeindlichen Züge der kapitalistischen Entwicklung in Angriff genommen werden konnte.

     
Waren die Bemühungen der Frühromantiker u.a. dadurch gekennzeichnet, daß sie versuchten, auf subjektiv-idealistische Weise, also spekulativ die ihnen von der gesellschaftlichen Realität versagte bürgerlich-humanistische Aktivität wenigstens im ideellen Raum zu retten, so mußte nach jener unabwendbaren Einbeziehung in die welthistorischen Ereignisse, von denen Deutschland nun unmittelbar selbst betroffen wurde, die Unproduktivität dieser Haltung deutlich werden. Der die Frühromantik kennzeichnende chiliastische Zukunftsglaube sowie die spekulative Hoffnung auf eine idealistisch-utopische Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse hatten sich endgültig als weltfremd und untauglich erwiesen; die Alternative für die jüngeren Romantiker bestand in der mehr oder weniger bewußten Orientierung auf die real existierenden sozialpolitischen und ideologischen, vorwiegend restaurativ-reaktionären Stützpfeiler des Antikapitalismus bzw. auf bürgerlich-liberale Kräfte des Antifeudalismus. Die Romantiker gewannen jedoch zunächst durch ihre — wenn auch noch so differenzierte - Eingliederung in die nationale Bewegung eine neue, relativ produktive Beziehung zur Wirklichkeit. Das Ende der Befreiungskriege mußte schließlich endgültig erweisen, ob es ihnen gelungen war, aus ihren neuen Erfahrungen tragfähige sozialpolitische und ästhetische Verallgemeinerungen zu ziehen, oder ob es sich um ein Zwischenspiel handelte, das nicht verhindern konnte, daß sich nach 1813/14 endgültig der Krisencharakter romantischen Denkens und Schaffens offenbarte.
      Die Ergebnisse der Befreiungskriege desillusionierten zunehmend jene Romantiker, die zwischen 1806 und 1813 ihre Kunst in den Dienst einer Erweckung des Nationalbewußtseins gestellt hatten.
      Befreiung, Restauration und Enttäuschung
Mit dem Sieg der partikularistisch-feudalen Reaktion verlor die Literatur der Romantik wieder ihre relativ progressiven Tendenzen. Dabei unterscheidet sich diese Etappe, die «Spätromantik», nicht prinzipiell von der vorhergehenden. Sie ist vor allem dadurch gekennzeichnet, daß die schon vorhandenen reaktionären Züge nun verstärkt im Sinne einer Apologie der Restauration hervortraten. Gleichzeitig aber machten sich im künstlerischen Schaffen Ansätze einer Kritik aus den eigenen Reihen und einer die Romantik überwindenden Vorbereitung des kritischen Realismus bemerkbar. Neben die bereits bekannten Vertreter romantischen Dichtens stellten sich neue Schriftsteller: 1812 hatten Uhland, Kerner und Schwab - die bedeutendsten Repräsentanten des schwäbischen Dichterkreises - mit ihrem 'Poetischen Almanach" eine erste Sammlung ihrer Dichtungen vorgelegt; Rückert, Müller und Waiblinger begannen zu schreiben; und während Werner und Müllner ihre Schicksalstragödien verfaßten, traten E. T. A. Hoffmann,, Fouque, Chamisso und Hauff an die Öffentlichkeit.
      Romantische Reaktionen auf die Ergebnisse der Befreiungskriege
Die über Frankreich siegreichen reaktionären Feudalmächte Europas waren bestrebt, auf dem Wiener Kongreß die schon während der Befreiungskriege zurückgedrängte nationale Bewegung der Volksmassen endgültig zu liquidieren und die Gefahren abzuwenden, die für das feudale System aus dem Aufstieg der bürgerlichen Klasse bereits entstanden waren.
      Zur Sicherung der feudalen Klassenherrschaft und zur Unterdrückung der freiheitlichen und kapitalistischen Entwicklung wurde Deutschland in 34 selbständige Staaten und vier freie Städte zersplittert, am 8. Juni 1815 der 'Deutsche Bund" aus der Taufe gehoben und jede oppositionelle Regung mundtot gemacht. Damit war die Grundforderung auch der Romantiker nach einem zentralisierten deutschen Einheitsstaat mißachtet, eine Forderung, die trotz aller Widersprüchlichkeit und Verschwommenheit ein Abglanz der nationalen Erfordernisse war.
      Diese Situation macht es verständlich, daß sich ein Gefühl tiefer Enttäuschung und Niedergeschlagenheit im deutschen Volk verbreitete. Während die deutschen Burschenschaften den Kampf gegen die Reaktion aufnahmen und sich 1817 auf der Wartburg zum historischen Fortschritt und zur Einheit Deutschlands bekannten, während sich das Bürgertum ökonomisch und ideologisch auf künftige Klassenauseinandersetzungen vorbereitete, waren nun auch die Romantiker gezwungen, in ihrer persönlichen Haltung und in ihrem Schaffen endgültig und offen Farbe zu bekennen. Mit dem Fortfall der in den Jahren der Vorbereitung und Durchführung der Befreiungskriege gewonnenen relativ schöpferischen Beziehung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit mußte sich nun erweisen, ob es den Romantikern möglich gewesen war, auf Grund ihrer neuen Erfahrungen den Anschluß an die aufklärerisch-klassische Tradition zu gewinnen bzw. gegebenenfalls Positionen zu erringen, die zumindest objektiv die Traditionslinie des bürgerlichen Realismus fortzusetzen geeignet waren.
      Die konkrete historische Gelegenheit einer wie auch immer er-sehnten Verbesserung der deutschen Zustände war endgültig vertan; alle Möglichkeiten, die mit dem Abfall von den klassischrealistischen Standorten verlorene schöpferische Subjekt-Objekt-Beziehung durch gesteigerte Aktivität im ideellen Bereich bzw. durch den Anschluß an eine echte Volksbewegung zu kompensieren, waren ausgemessen.
      Unter diesen Bedingungen ergab es sich nun bezeichnenderweise für die Mehrzahl der Romantiker, daß sie endgültig in eine Krisensituation gestürzt wurden; die Lösungen, die sie fanden, offenbarten dabei lediglich die längst latenten Tendenzen der Romantik.
      Bitter war die Kritik, die Görres in dem von ihm seit 1814 im preußischen Coblenz herausgegebenen 'Rheinischen Merkur" an der politischen Entwicklung übte, da sich seine Hoffnung auf ein ständisches großdeutsches Kaiserreich als Illusion erwiesen hatte. Es nimmt nicht wunder, daß die preußische Regierung seine Propaganda für die Ãœbernahme der deutschen Kaiserkrone durch das Haus Habsburg und seine Attacken auf den Wiener Kongreß im Januar 1816 mit dem Verbot der Zeitung und 1819 gar mit einem Haftbefehl beantwortete, der ihn zur Flucht zwang. Arnim ließ 1817 den ersten Band des großangelegten historischen Romans 'Die Kronenwächter" erscheinen, in dem er seiner Sehnsucht nach einem - feudalen - Einheitsstaat Ausdruck verlieh, und Uhland veröffentlichte im gleichen Jahr die Flugschrift 'Keine Adelskammer", in der er sich unter Berufung auf Freiheit und Menschenwürde gegen das Zweikammersystem, gegen die Heiligung des Aristokratismus durch Verfassungen wandte.
      Aber während Uhland unter dem Druck der Restauration vorübergehend verstummte und Arnim sich auf sein Gut Wiepersdorf zurückzog, vollendete sich bei Görres ein für die Romantiker typischer Prozeß: Er schloß nach seiner Rückkehr nach Preußen auf der Basis des Katholizismus seinen Frieden mit der 'Heiligen Allianz". Zwar nährte er nach wie vor die Sehnsucht nach einer geeinten konstitutionellen Monarchie. Zwar suchte er noch immer nach einer Möglichkeit, die vom Wiener Kongreß restaurierte 'hohle gespenstische Wichtigkeit der alten Ordnung" auf unrevolutionäre Weise zu verändern, aber nun machte sich die soziale Heimatlosigkeit des romantischen Individualismus verstärkt bemerkbar. Sie äußerte sich in einer isolierten Haltung allen Ständen und Klassen gegenüber, denen er durchweg 'Entartung, Schlaffheit und Teutschvergessenheit" nachsagte, und sie äußerte sich schließlich darin, daß er in seiner Resignation den einzigen Halt im Gottvertrauen zu finden glaubte. Die der romantischen Bewegung von Anfang an immanente Tendenz zur Anlehnung an den Katholizismus, in dessen konservativ-ständischer Ideologie ein Gegengewicht zu der in ihren Erscheinungsformen und Auswirkungen als disharmonisch erkannten kapitalistischen Entwicklung gesehen wurde, forderte ihre Konsequenzen: Bereits 1808 waren Friedrich und Dorothea Schlegel konvertiert; 1810 unternahm Zacharias Werner, der drei Jahre später sogar zum Priester geweiht wurde, denselben Schritt. Auch Brentano - wie Görres Katholik von Geburt an — kehrte 1817 zum Glauben seiner Kindheit zurück und zeichnete ab 1819 die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerich in Dülmen auf.
      Bereits die Frühromantiker hatten ein ausgeprägtes religiöses Empfinden entwickelt. Das Mittelalter konnte eben seine große Anziehungskraft deshalb ausüben, weil es in der idealisierenden Sicht der Romantiker durch eine festgefügte katholische Glaubensgmeinschaft zusammengeklammert war, die den immer stärker der bürgerlichen Entfremdung und Vereinzelung ausgesetzten Romantikern als vorbildhaft erschien. Wenn es auch verschiedene Nuancen und Entwicklungen innerhalb romantischer Religiosität gab — sie reichten vom Versuch einer überkonfessionellen Verschmelzung des subjektiven Idealismus mit christlichen Anschauungen bis zur Apologie eines mystisch-reaktionären Katholizismus, in dem der romantische Irrationalismus schließlich sein zeitgenössisches, fest institutionell organisiertes Sammelbecken fand -, so blieb sie als Grundzug allen Phasen der romantischen Entwicklung zu eigen. Für Friedrich Schlegel beruhte das Wesen des Romantischen geradezu 'allein auf dem [...] Christentum".
      Auch an dem Wechsel der Traditionswahl wurde der Abfall gegenüber der deutschen Aufklärung, dem Sturm und Drang und der Klassik besonders deutlich: 'Die lebensvolle Welt der Griechen ist für uns nicht mehr als etwa eine Dresdener Antikengalerie", schrieb beispielsweise Zacharias Werner am 15. Juni 1805 an Iffland, und da andererseits zu der 'total prosaischen Wirklichkeit" von den Romantikern kein schöpferisches Verhältnis hergestellt wurde, blieb dem Dichter 'jetzt fast nichts anderes übrig, als den Katholizismus von seiner ästhetischen Seite zur Folie seiner ... Kunstgebilde zu machen." Neben dem katholischen Mystizismus drangen nun verstärkt

Elemente des Irrationalismus und Obskurantismus in die romantische Dichtung ein; das Unvermögen, die Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung zu erkennen, verführte die Mehrzahl der Romantiker zur Gestaltung einer von Phantastik und Dämonie durchsetzten Welt.
      Befanden sich die romantischen Dichter mit diesen Reaktionen bereits im Einklang mit der 'Heiligen Alliance", so bedurfte es nur noch eines kleinen Schrittes, um zu ihrem aktiven politischen Verfechter zu werden. Friedrich Schlegels Entwicklung zum Legationsrat Metternichs war paradigmatisch. Franz Mehring faßte die neuen Sachverhalte in dem Satz zusammen: 'Bei Leipzig und Waterloo hatten nicht die Völker, sondern die Fürsten gesiegt; in deren Dienst verkam die Romantik." Dieses 'Verkommen" im Dienst der Fürsten wurde übrigens dadurch erleichtert, daß sich bereits unmittelbar nach den Befreiungskriegen in Westfalen, Sachsen und im ostelbischen Teil Preußens der 'preußische Weg des Kapitalismus in der Landwirtschaft" , die ständige Kapitalisierung unter weitgehender Beibehaltung der alten feudaljunkerlichen Einrichtungen, herausbildete.
      Die spätromantische Literatur trug nicht nur durch ihre Tendenzen zum militanten Katholizismus und zum Irrationalismus dazu bei, die während der Befreiungskriege erwachten Volksmassen wieder geistig zu entmachten und von revolutionären Aktionen abzulenken; sie, die den bürgerlichen und werktätigen Menschen pauschal als Spießer oder Philister verachten zu können glaubte, leistete in Wirklichkeit ihren eigenen, nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Entwicklung gerade des mit allem zufriedenen, sich auf sein enges Dasein beschränkenden biederen Spießbürgers, der eine verhängnisvolle Rolle in unserer nationalen Geschichte gespielt hat.
      Gelangte die Klassik durch Goethes Werk trotz der Enttäuschung über die Auswirkungen der kapitalistischen Entwicklung in Deutschland aus Einsicht in deren Notwendigkeit zur prinzipiellen Bejahung der Entwicklungstendenzen, behielt sie immer die historische Perspektive im Blickwinkel, so ging den nicht mehr fest in den bürgerlich-progressiven Traditionen verwurzelten Romantikern diese Perspektive verloren.
      Die Romantik fußte mit ihren staatsrechtlichen und historischen Anschauungen weitgehend auf den Vorstellungen des Engländers Edmund Burke , die dieser 1790 in seinen von Friedrich Gentz übersetzten 'Betrachtungen über die Französische Revolution" niedergelegt hatte. Burke vertrat bereits im Interesse einer Erhaltung der Bourgeoisie-Herrschaft in England die antirevolutionäre These, daß die Entwicklung der Gesellschaft 'organisch" vor sich gehe und jeder gewaltsame Eingriff - d. h. jede Revolution - zerstörend wirke, weil er den Gesetzen der Geschichtsentwicklung zuwider sei. Das Bestehende sei bereits dadurch legitimiert, daß es 'organisch" gewachsen sei. Auf dieser Grundlage entwickelten nun Adam Müller 1804 in der 'Lehre vom Gegensatz" und 1809 in seinen 'Elementen der Staatskunst" sowie vor allem Karl Ludwig von Haller in seinem Hauptwerk 'Restauration der Staatswissenschaft" ihre Auffassungen, die den Bruch mit dem Naturrecht bedeuteten und die großen Einfluß auf die Dichter der Romantik gewannen. Der Gedanke der historischen Entwicklung wurde durch den Begriff 'organische Entwicklung" ersetzt und damit eine gegenrevolutionäre Waffe gewonnen, die man zur Rechtfertigung einer hierarchischen Monarchie und zur Abwehr aller bürgerlichen Forderungen nach einem Verfassungsstaat einsetzte. Es ist dabei bezeichnend, daß auch das Staatsrecht eine enge Verbindung mit der Religion herstellte, indem die bestehende Ordnung als 'gottgewollt" deklariert wurde.
      Die gleichen Gedanken leiteten den Begründer der historischen Rechtsschule, Friedrich Carl von Savigny , der mit ihrer Hilfe das geltende Recht verteidigte und die Rechtswissenschaft nur auf die Beschäftigung mit der Geschichte des Rechts verwies. Sie bildeten auch die Grundlage für die reaktionäre Geschichtswissenschaft um Leopold von Ranke , die den gesellschaftlichen Fortschritt leugnete und damit auf die wertende, in die Zukunft orientierende Funktion der Geschichtswissenschaft verzichtete.
      Hand in Hand hiermit ging der gleichzeitig einsetzende Ver-leumdungs- und Verfälschungsfeldzug der reaktionären Ideologen gegen die Befreiungsbewegung des Volkes von 1813. Während Platen 1817 in seiner Epistel 'An Joseph von Xylander" das Volk mit den Versen 'Ihr habt mit eurem Blute/Das Vaterland befreit" pries, schrieb Friedrich Gentz 1818: 'Daß [...] alle Aufgebote, alle Landstürme und alle ,heiligen Scharen' von Deutschland und allenfalls von Europa ohne die erhabenen Entschließungen der Fürsten die Weisheit und Eintracht ihrer Kabinette, das Genie ihrer Feldherren und die Tapferkeit ihrer regelmäßigen Heere ihn nicht bezwungen haben würden — das leuchtet dem gemeinsten Verstände ein." Es war eine bewußte Irreführung, wenn schließlich die Befreiungskriege, die dem Volk zwar die Befreiungvom napoleonischen Joch, nicht aber auch die soziale und politische Freiheit gebracht hatten, von den Historikern der kleindeutschen Schule um Heinrich von Treitschke in 'Freiheitskriege" umgefälscht wurden.
     

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