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KLAUS KÃ"NDLER - Drama und Klassenkampf. Beziehungen zwischen Epochenproblematik und dramatischem Konflikt in der sozialistischen Dramatik der Weimarer Republik



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Die Realismusproblematik, das zeigt die Entwicklung der sozialistischen Dramatik seit 1918, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Beziehungen des dramatischen Konfliktes zur Epochenproblematik. Indem sich das sozialistische Drama den objektiven Konflikten der Gesellschaft, dem Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat zuwendet, vollzieht sich seine Hinwendung zum Realismus. Am literaturgeschichtlichen Prozeß der Gattungsentwicklung seit 1918 war deutlich geworden, daß diese Wendung weltanschaulich-politische Voraussetzungen hatte, auf deren Grundlage die spezifisch ästhetischen Fragen erst beantwortet werden konnten. Doch war ebenso zu erkennen gewesen, daß sowohl die theoretischen Erkenntnisse über das Wesen der Epoche neue ästhetische Probleme aufwarfen wie umgekehrt ästhetische Experimente Vorstöße zu neuen ideologischen Positionen einzuleiten vermochten. Beides war allerdings nur unter der Bedingung möglich, daß jeweils die Gestaltung von realen gesellschaftlichen Konflikten ins Auge gefaßt wurde. Das Primat hatte also die - im Vergleich etwa zum Expressionismus - neue Einstellung des Dramatikers zu den Beziehungen von Literatur und Wirklichkeit, die sich im dramatischen Werk unmittelbar auf die Konfliktgestaltung auswirkt. Da diese Hinwendung zur Epochenproblematik seitens des Dramatikers identisch ist mit seinem politischen Engagement für deren historisch-progressive Lösung, war sie untrennbar mit der Erarbeitung eines parteilichen Standpunktes zu den Konflikten der Epoche verbunden. Ã"sthetisch geht dieses Engagement als Prinzip der Parteilichkeit in den dramatischen Konflikt ein. Auf diese Weise bildet sich die Methode des sozialistischen Realismus heraus.

      Entwicklungsgeschichtlich betrachtet, scheint es allerdings so, als würden zunächst die weltanschaulich-theoretischen und die ästhetischen Aspekte relativ unabhängig voneinander erarbeitet. Die Theoretiker des proletarischen Theaters und ihre Gegner trennten undialektisch Kunst und Propaganda, verschiedene Vertreter des Arbeitertheaters sahen einen Gegensatz zwischen Kunst und Agitation, und selbst von Brecht wurde, besonders im Zusammenhang mit seinen Lehrstücken, eine einseitig das Didaktische betonende Auffassung von der Funktion der sozialistischen Kunst vertreten. Im Kampf gegen bestimmte bürgerliche Theorien von der Autonomie der Kunst oder des Ã"sthetischen gerieten ästhetische Ãoberlegungen überhaupt in den Verdacht, bürgerlich-reaktionär zu sein. Die Gleichsetzung der künstlerischen Arbeit mit den Methoden von Agitation und Propaganda ließ Stücke entstehen, in denen die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem im künstlerischen Schaffens- und Wirkungsprozeß aus den Augen verloren wurde, die eine politische These nur illustrierten und die darum eben jenes von Becher an der Prosa kritisierte, abstrakte, unrealistische Schema aufwiesen. Doch bedeutet das nicht, daß in diesem Zusammenhang von einer un- oder gar antirealistischen Phase der sozialistischen Dramatik gesprochen werden kann. Vielmehr zeigt sich hier die Kompliziertheit des Weges zum Realismus, der unsere Untersuchung im einzelnen nachzugehen hatte. Zumindest entstanden Stücke, die potentiell realistisch waren, weil sie das literarische Werk in die welthistorischen Auseinandersetzungen zwischen Bourgeoisie und Proletariat einordneten. Inhalt und Anliegen werden von den objektiv vorgegebenen Aufgaben der geschichtlichen Entwicklung und des revolutionären Kampfes abgeleitet. Ein didaktisches Anliegen gehört zur Funktion der sozialistischen Kunst, und realistische Literatur ist immer eine erkennende und aufklärerische, freilich stets unter Berücksichtigungder spezifisch ästhetischen Dialektik von Allgemeinem und Besonderem. Die Lehrstücke, die im Schaffen Brechts, aber auch in dem Wolfs und besonders in den Produktionen des Arbeitertheaters anzutreffen waren, müssen als ein Durchgangsstadium gelten, in dem das neugewonnene realistische Gesellschaftsbild noch nicht ästhetisch differenziert gestaltet werden konnte. Vor allem mußte die proletarische Gegenwelt zur herrschenden Ordnung differenziert werden, um das Profil von proletarischen Helden, von Volksgestalten herausarbeiten zu können . Freilich kann sich die entstehende Dramatik des sozialistischen Realismus nicht auf die Herausarbeitung des proletarischen Helden beschränken, da eben eine parteiliche Beziehung zur Epochenproblematik auf der Durchdringung der antagonistischen Klassengegensätze beruhte. Gerade am Schaffen Brechts zeigte sich jedoch, daß eine auf Durchdringung des herrschenden Systems abzielende, dessen Veränderbarkeit erkennende und poetisch kenntlich machende Dramatik darauf nicht verzichten konnte und aus aktuellem politischem Anlaß darauf nicht verzichten durfte. Erst als die Qualitäten des Helden der Epoche, der deshalb ihr eigentlicher Held ist, weil er Träger des gesellschaftlichen Fortschritts ist, nicht bloß weltanschaulich bewußt geworden und theoretisch durchdrungen waren, sondern auch literarisch fixiert werden konnten, durfte eine auf sozialistischem Bewußtsein beruhende Beziehung von dramatischem Konflikt und Epochenproblematik in der literarischen Praxis als verwirklicht gelten. Von dieser Grundlage aus erschlossen sich dann auch neue Möglichkeiten zur literarisch, zur dramatisch gestalteten Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft. Brecht hat dieses beziehungsreiche Ineinandergreifen von aktueller geschichtlicher wie literaturtheoretischer Problematik in seinem 'Brief an das Arbeitertheater ,Theatre Union' in New York, das Stück ,Die Mutter' betreffend" ausgedrückt. [2] Deshalb runden Stücke wie 'Die Mutter" oder 'Die Matrosen von Cattaro" die nach 1917/18 einsetzende Entwicklung des sozialistischen Realismus ab und müssen als deren Höhepunkt in dem Sinne betrachtet werden, daß nun die Grundkonflikte der Epoche nicht allein vom Standpunkt des revolutionären Proletariats aus bewertet werden, sondern daß das Proletariat, daß der Held der Epoche auch in der literarischen Praxis die seiner historischen Stellung adäquate literarische Gestaltung erfährt.

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