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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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JOSEPH GÃ-RRES - Einleitung zu: Die teutschen Volksbücher



Die Schriften, von welchen hier die Rede ist, begreifen weniger nicht als die ganze eigentliche Masse des Volkes in ihrem Wirkungskreis. Nach keiner Seite hin hat die Literatur einen größeren Umfang und eine allgemeinere Verbreitung gewonnen, als indem sie, übertretend aus dem geschlossenen Kreis der höheren Stände, durchbrach zu den unteren Klassen, unter ihnen wohnte, mit dem Volke selbst zum Volke, Fleisch von seinem Fleisch und Leben von seinem Leben wurde. Wie Halm an Halm auf dem Felde in die Höhe steigt, wie Gräser sich an Gräser drängen, wie unter der Erde Wurzel mit Wurzel sich verflicht und die Natur einsilbig aber unermüdet immer dasselbe dort, aber immer ein anderes sagt, so tut auch der Geist in diesen Werken. Wie sehen wir nicht jedes Jahr in der höheren Literatur die Geburten des Augenblicks wie Saturn seine Kinder verschlingen, aber diese Bücher leben ein unsterblich, unverwüstlich Leben. Viele Jahrhunderte hindurch haben sie Hunderttausende, ein ungemessenes Publikum, beschäftigt. Nie veraltend sind sie, tausend und tausendmal wiederkehrend, stets willkommen; unermüdlich durch alle Stände durchpulsierend und von unzählbaren Geistern aufgenommen und angeeignet, sind sie immer gleich belustigend, gleich erquicklich, gleich belehrend geblieben für so viele, viele Sinne, die unbefangen ihrem inwohnenden Geiste sich geöffnet. [...]

Auf zwiefach verschiedene Weise aber hat jene innere, im Volke wach gewordene Poesie sich im Volke selbst geäußert. Einmal im
Volkslied, [...] Wie aber in diesen Liedern der im Volke verborgene lyrische Geist in fröhlichen Lauten zuerst erwacht und in wenig kunstlosen Formen die innere Begeisterung sich offenbart und, bald gegen das Ãoberirdische hin gerichtet, vom Heiligen spricht und singt, so gut die schwere, wenig gelenke Zunge dem innern Enthusiasmus Worte geben kann, dann aber wieder der Umgebung zugewendet von dem Leben und seinen mannigfaltigen Beziehungen dichtet, jubelt oder klagt und scherzt, so muß auf gleiche Weise auch der epische Naturgeist sich bald ebenfalls dichtend und bildend zu erkennen geben und auch mit seinen Gestaltungen den ihm in dieser Region gezogenen Kreis anfüllen. [...] Diese Dichtungen sind die Volkssagen, die die Tradition von Geschlecht zu Geschlechte fortgepflanzt, indem sie zugleich mit jenen Liedern, durch die Gesangweise, die sich dem Organe eingeprägt, einmal gebildet, vor dem Untergange sich bewahrten. In den frühesten Zeiten entstanden die meisten dieser Sagen, da, wo die Nationen, klare, frische Brunnen der quellenreichen, jungen Erde, eben erst entsprudelt waren, da, wo der Mensch gleich jugendlich wie die Natur mit Enthusiasmus und liebender Begeisterung sie anschaute und von ihr wieder die gleiche Liebe und die gleiche Begeisterung erfuhr, wo beide, noch nicht alltäglich sich geworden, Großes übten und Großes anerkannten: in dieser Periode, wo der Geist noch keine Ansprüche auf die Umgebung machte, sondern allein die Empfindung, wo es daher nur eine Naturpoesie und keine Naturgeschichte gab, mußten notwendig in diesem lebendigen Naturgefühle die vielfältig verschiedenen Traditionen der mancherlei Nationen hervorgehen, die kein Lebloses anerkannten und überall ein Heldenleben, große gigantische Kraft in allen Wesen sahen, überall nur großes, heroisches Tun in allen Erscheinungen erblickten und die ganze Geschichte zur großen Legende machten. [...]
Was aber die didaktischen, lehrenden unter den Volksbüchern betrifft, so sind sie eben ihres innern reflektierenden Charakters wegen durchaus modern, und in demselben Grade mehr modern, wie das Verständige in ihnen mehr vorherrscht. [...]
Fragen wir aber nun noch nach dem allgemeinen Charakter, der alle diese Schriften gemeinschaftlich bezeichnet, dann müssen wir uns vor allem überzeugen, daß, sollten diese Gebilde Wurzel greifen in der Menge und eine eigene, selbständige Existenz in ihr gewinnen, eine innere Sympathie zwischen ihnen und der Nation selbst bestehen mußte. Es muß ein Moment für diese Wahlverwandtschaft in ihnen sein und ein gleiches entsprechendes im Volke, und im Zug und Gegenzug konnte dann alles in Liebe sich verbinden und eins werden in der allgemeinen Lust und Vertraulichkeit. Wir sahen eben, wie das Element, welches das Volk zur Bildung hergegeben, jene uralte Sagenpoesie war, die wie ein leises Murmeln fortlief durch alle Geschlechter, bis der letzten eines sie zur vollen Sprache bildete. Das parallel gegenüber eingreifende Moment in den Büchern aber ist der durchaus stammhafte, sinnlich kräftige, derbe, markierte Charakter, in dem sie gedacht und gedichtet sind, mit Holzstöcken und starken Lichtern und schwarzen Schatten abgedruckt, mit wenigen festen, groben, kecken Strichen viel und gut bezeichnend. So nur kann die Poesie dem Volke etwas sein, nur für den starken, derb anschlagenden Ton hat dieser grobgefaserte Boden Resonanz, und die starke Fiber kann dem tief Einschneidenden nur ertönen. Nur dadurch wird die Poesie zur Volkspoesie, daß sie seinen Formen sich eingestaltet. Hat die Natur in diesen Formen ihre bildende Kraft offenbaren wollen, dann darf die Kunst auf keine Weise sich scheuen, ihr zu folgen in dieser Metamorphose und im Worte wieder auszuprägen, was jene stumm und still gestaltete. [...]
Wenn man, was wir in diesen wenigen Blättern über den Charakter und das Wesen dieser Bücher beigebracht, erwägt, wenn man, sooft die Hoffart auf unsere feinere Poesie uns übernehmen will, bedenkt, wie es das Volk doch immer ist, was uns im Frühlinge die ersten, die wohlriechendsten und erquickendsten Blumen aus seinen Wäldern und Hegen bringt, wenn auch später freilich der Luxus unserer Blumengärten sich geltend macht, deren schönste Zierden aber immer irgendwo wild gefunden werden, wenn man sich besinnt, wie überhaupt alle Poesie ursprünglich doch immer.von ihm ausgegangen ist, weil alle Institution und alle Verfassung und das ganze Gerüste der höheren Stände immer sich zuletzt auf diesen Boden gründet und in den ersten Zeiten die gleiche poetische wie politische und moralische Naivität herrschend war, dann können wir wohl endlich voraussetzen, daß jedes Vorurteil gegen dies große Organ im allgemeinen Kunstkörper verschwunden sei, und wir haben uns Bahn gemacht zur gehörigen Würdigung dieser Schriften im einzelnen. [...]
Erstdruck: Die teutschen Volksbücher. Nähere Würdigung der schönen Historien-, Wetter- und Arzneybüchlein, welche theils innerer Werth, theils Zufall, Jahrhunderte hindurch bis auf unsere Zeit erhalten hat. Von J. Görres, Professor der Physik an der Secondärschule zu Coblenz. Heidelberg, bey Mohr und Zimmer. 1807. S. 1-26. Textvorlage: Joseph Görres: Die teutschen Volksbücher. Mit einem Nachwort hg. v. Lutz Mackensen. Herbert Stubenrauch/Verlagsbuchhandlung. Berlin 1925, S. 1-26.
     

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