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JOHANNES R. BECHER - Verteidigung der Poesie



Für manchen Leser mag es eine Enttäuschung sein, daß in dem vorliegenden Buch, das den Titel trägt 'Verteidigung der Poesie -Vom Neuen in der Literatur", kaum die Rede ist von der Technik des Gedichts und den verschiedenen Arten der Dichtung. Darin kommt unser besonderer Standpunkt dem Prinzip der Poesie gegenüber zum Ausdruck. Die Selbstverständigung der Dichtkunst hat damit zu beginnen, daß wir uns darüber verständigen, welches das Wesen, die Substanz, der Geist des Dichters sei. Die vorliegenden Abhandlungen und Bemerkungen beschränken sich darauf, zu solch einer Selbstverständigung beizutragen und auf diese Weise auch dem Verständnis des Lesers von Gedichten zu dienen. Die Probleme der Dichtkunst liegen nicht dort, wo man sie gemeinhin vermutet, sie liegen vor allem außerhalb des Erlangens technischer Fähigkeiten, sie liegen im Leben, in der Ansicht vom Leben, im Weltanschaulichen, in der Tiefe der Ausbildung der menschlichen Persönlichkeit. Eine neue Kunst beginnt nie mit neuartigen Formen, eine neue Kunst beginnt immer mit dem neuen Menschen. Wenn wir also von Dichtkunst sprechen und von anderen Fragen der Literatur, so wollen wir nicht ins Technische abschweifen, sondern in die Mitte der Dinge, in medias res vordringen, und dabei werden wir erkennen, daß die Lebensfrage der Dichtkunst keineswegs eine ist, die nur sie berührt, sondern eine Frage, die uns alle gleichermaßen angeht und deren Lösung auch von denen gefordert wird, deren Beruf sinteresse es nicht ist, sich mit Poesie zu beschäftigen. [...]

Verteidigt die Poesie, ihr Dichter, verteidigt sie innerhalb der Dichtung und verteidigt sie außerhalb ihrer. Ich hoffe, daß ich euch überzeugt habe, daß man aus seiner Haut fahren muß, um sich seiner Haut zu wehren. Wehrt euch eurer Haut, verteidigt die Dichtung!
Verteidigt sie allem und jedem gegenüber, was ihr feindlich entgegensteht und was bemüht ist, ihren Wert herabzusetzen, ihren Wert zu verfälschen. Verteidigt sie ebenso gegen ihre Feinde wie auch gegen ihre falschen Freunde, die sich gar als Beschützer der Dichtung ausgeben und auf diese Weise danach trachten, sie hinterhältig auszutilgen. Verteidigt sie gegen jene Kritikaster, jenen arroganten Klüngel von Marodeuren und Aasjägern, wie er in der Literatur sein Unwesen treibt - und für die jedes Edle und Erhabene in der Dichtung nur dazu dient, daran ihren Witz zu wetzen und damit Geschäfte zu machen.
      Auch ihr, Freunde der Dichtung, treue Lesergemeinde der Poesie, seid aufgerufen, die Dichtung zu verteidigen gegen ihre Verleumder und ihre Verfolger und manchmal auch, das wollen gerade wir Dichter uns offen eingestehen, gegen die Dichter selbst, die an der ewig gültigen Bedeutung großer Dichtung irrewerden und einem Zeitgeschmack nachgeben, worin die Dichtung zur okkulten Wichtigtuerei, zu einem selbstgefälligen, sentimentalen Geschmuse oder zu einer elendiglichen Gebrauchsreimerei erniedrigt wird.
      Ihr guten Kritiker, ihr wahrhaften Freunde der Poesie, verteidigt sie mit den Dichtern zusammen gegen Stilwidrigkeit und eine Manier, wie sie dem Wesen der Dichtung widerspricht, verteidigt mit der Dichtung zugleich die Schönheit, Reinheit und Fülle der Sprache, und auch ihr, Kritiker, ebenso wie ihr, Freunde der Dichtung, stimmt mit den Dichtern darin überein, daß die Verteidigungslinie der Dichtung überall dort verläuft und die Positionen ihrer Verteidigung bis dorthin vorgeschoben sind, wo das Recht auf das Leben selbst, auf ein menschenwürdiges Leben aller, wo der Friede und wo die Freiheit verteidigt werden!
Erstdruck: Johannes R. Becher: Verteidigung der Poesie. Vom Neuen in der Literatur. Aufbau-Verlag Berlin 19S2.
      Textvorlage: Johannes R. Becher: Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Johannes-R.-Becher-Archiv der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin. Bd. 13: Bemühungen I. Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 1972, S. 228 f. u. 407 f.
     

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