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JOHANNES R. BECHER - Unser Bund



Wenn unser Bund das wird, was er sein kann und wozu unserer Ansicht nach die Kräfte vorhanden sind, dann wird dieser Augenblick, wo wir hier versammelt sind, nicht nur eine Bedeutung haben für die gesamte proletarisch-revolutionäre Literatur, sondern er wird ein Ereignis sein in der Geschichte der Arbeiterbewegung.


      Der Bund ist nicht entstanden vom grünen Tisch aus, er ist nicht die Konstruktion irgendeines Gehirns, er ist nicht gegründet worden, wie so vieles gegründet ist — nein, damals, als unsere Werke und unsere Kameraden von der Klassenjustiz verfolgt wurden, unter diesem Druck verbanden wir uns und blieben verbunden: und der Bund war da. Was wir heute zu tun haben, ist, diese Tatsache zu bestätigen, zu sagen, es war gut so — und einen Schritt weiter zu gehen.
      Einem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller erwachsen sofort eine Unzahl Aufgaben.
      Unser Bund ist vor allem die praktische Feststellung, der lebendige Beweis dafür, daß es eine proletarisch-revolutionäre Literatur gibt. Sie ist da, sie kann nicht geleugnet werden. Es wird euch bekannt sein, daß ihre Existenzmöglichkeit bestritten wird, nicht nur im bürgerlichen Lager, sondern auch weit bis in die revolutionären Kreise hinein. An diese 'Literatur von unten" glauben wir, auf der Arbeit an ihr liegt unser Hauptgewicht, von ihr hoffen wir, daß sie die schärfste und brauchbarste künstlerisch-literarische Waffe sein wird im Klassenkampf, sie — nicht die bürgerlich-radikalen Intellektuellen — ist die erste Front. Man kann auf unsere Literatur nichtwarten, mit verschränkten Armen dasitzen und jammern, daß sie noch nicht in der Glorie eines Meisterwerks sich präsentiert. Wer so nur auf fertige Resultate setzt, der beweist damit schlagend, daß er von einem Werden und von einer Entwicklung nichts versteht. Die 'Literatur von unten" muß nicht erwartet werden, sie muß angeregt und sorgsam gepflegt werden. Wir müssen mit all unseren Kräften uns einsetzen dafür, daß wir einen kräftigen literarischen Nachwuchs heranziehen, der aus den Fehlern von uns, der älteren Generation, gelernt hat, dem es gelingt, einen eindeutigen, klassenkämpferischen Inhalt in einer einfachen überzeugenden Form zu gestalten. Junge proletarische Schriftsteller brauchen wir, die sich frei halten von allen Formspielereien und Formdilettantismen, die immun sind gegen ideologische Verschwommenheiten und gegen Exaltiertheit des Gefühls und des Gedankens. Diese literarische Generation ist da. Sie will wachsen. Mit ihr stehen und fallen wir. Diese junge Generation ist das Zement unseres Bundes.
      Unser Bund nun, wenn er lebensfähig sein und die ihm gestellten Aufgaben erfüllen will, unser Bund darf keine Namen kennen und keine Namenlosen. Hier bei uns wird nicht gebuhlt und geweihräuchert. Hier in unseren Reihen ist jeder ein Lernender. Gerade die Haupteigenschaft des proletarisch-revolutionären Schriftstellers ist die Bescheidenheit, das Wissen darum, daß er nichts weiter ist als ein Organisator der Erfahrungen anderer. Der proletarisch-revolutionäre Schriftsteller lebt sich nicht selber, er steht im Dienst, im Dienst seiner Klasse und damit im Dienste der Menschheit. Tausende, ungezählte Hunderttausende sind Mitarbeiter an seinem Werk, und er — was er tut, ist ein Sprechen, ein Herausstellen dessen, was rings um ihn geschieht, mit ihm gefühlt und gedacht wird.
      Die Zeit ist nicht so, daß wir fürchten müssen, überflutet zu werden. Es ist nicht die Zeit, daß sich Revolutionsschmarotzer und Rahmabschöpfer in unsere Reihen drängen. Wir leben nicht in einem fetten Jahr der Revolution, wir leben in einer für jeden Revolutionär kargen und bitteren Zeit. Gerade diese Tatsache bietet uns Gewähr dafür, daß die, die heute mit uns sind, auch morgen und übermorgen, wenn es wieder einmal hart auf hart geht, mit uns bleiben werden. Und ich glaube für uns alle zu sprechen, wenn ich sage, daß wir Mitglieder des Bundes, so wie wir heute bereit sind, für unsere Sache mit der Feder zu kämpfen, auch einmal bereit sein werden, wenn notwendig, nicht nur mit der Waffe der Feder zu kämpfen.
      Ich sehe eine weitere Aufgabe des Bundes darin, daß wir unsklarwerden. Die marxistische Theorie ist bis zu einem hohen Grad der Vollendung fortgeschritten, was das Gebiet der Politik und der Ökonomie betrifft. Die Anwendung des Marxismus auf die Literatur, marxistische Kritik, marxistische Ästhetik, ist ein Gebiet, das auf weite Strecken noch völlig unerforscht ist und auf dem es noch reichlich zu schaffen gibt.
      Ihr werdet einverstanden damit sein, wenn ich als eine Aufgabe des Bundes bezeichne die offene kritische Auseinandersetzung unter uns selbst. Wir sind im Gegensatz zu den Dichtern und Schriftstellern der Sowjetunion nicht in der Lage, eine Massenkritik zu organisieren, in der Weise etwa, daß in einer Zelle Bücher besprochen werden und der Autor Rede und Antwort steht. Wir sind in der verzweifelten Lage, daß augenblicklich in Deutschland so etwas wie eine schöpferische Kritik überhaupt nicht existiert. Auf unserer Seite gibt es solch eine erzieherische Kritik nicht, wie sie ein Franz Mehring vorbildlich ausgeübt hat. Wir selbst — auch wir gehen viel zu schnell kritiklos über die wichtigsten Ereignisse dahin. Der verweichlichten, verlotterten Atmosphäre, die der bürgerliche Literaturbetrieb geschaffen hat, der sind auch wir ausgesetzt, das berüchtigte 'Gehenlassen" frißt sich in uns hinein. Wir laufen nebeneinanderher, aneinander vorüber, einander entgegen. Die Möglichkeiten, voneinander zu lernen, einander hochzubringen, sind auf Grund dieser gegenseitigen Fremdheit minimal. Wir wollen ein Kollektiv werden. Nicht ein solches, wo nur ein Name neben dem anderen steht und wo jeder im Grunde nichts mit dem anderen zu tun hat. Ein Kollektiv kann nicht erschwindelt, es muß erarbeitet werden. Der Bund ist heute ein Ansatz, ein bescheidener Anfang eines solchen Kollektivs. Wir kämpfen für das gleiche Ziel, dieselbe Weltanschauung durchdringt uns; mag vielleicht der Weg des einen oder des anderen noch nicht ganz derselbe sein, aber wir sind willens, den kürzesten und schnellsten Weg zu gehen, der zum Ziel führt.
      In einem solchen Bund wird auch das möglich sein, was uns Dichtern und Schriftstellern noch ganz besonders am Herzen liegen muß: die Erörterung handwerklicher Fragen. Die Technik des Schreibens, Komposition, Sprachprobleme, Gestaltung — sind Angelegenheiten, die wir im Interesse der Wirksamkeit und der Durchschlagskraft unserer Arbeiten wirksam behandeln müssen. Gerade in den letzten Jahren sind mannigfaltige Probleme dieser Art aufgetaucht, ohne daß sie, selbst nur andeutungsweise, vor einem größeren Kreis besprochen worden wären. Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß unser Bund den Kampf auf-nehmen muß gegen jede Art bürgerlicher Literatur, auch gegen eine bestimmte Art sogenannter Arbeiterdichtung. Die Voraussetzung eines solchen Kampfes ist die Kenntnis der gegnerischen Literatur. Es wird zu untersuchen sein, ob in der vergangenen und gegenwärtigen Literatur Bestandteile vorhanden sind, von denen wir lernen können, oder die wir, mit entsprechenden Korrekturen versehen, übernehmen müssen. Wir müssen heraus aus der Isolierzelle, fort von unserem Mauerblümchendasein. Es wäre noch einiges zu sagen - für manchen vielleicht die Hauptsache — über Verlage, Zeitschriften, Zeitungen, über die Möglichkeiten, die uns proletarisch-revolutionären Schriftstellern gegeben sind, unsere Arbeiten in die Öffentlichkeit um zusetzen. Ich weiß, dieses Thema wird schon in den nächsten Zusammenkünften sicher so ausgiebig behandelt werden, daß ich mich heute nicht weiter darüber zu äußern brauche.
      Unser Aufgabenkreis ist also groß. Ist gewaltig, denn wir haben das Versäumte von Jahren nachzuholen. Wir brauchen ein bestimmtes Maß von Disziplin und organisatorischer Umsicht, um dies alles zu bewältigen. Ãœberstürzen wir nichts, gehen wir ruhig und nüchtern an unsere Arbeit heran, und wir werden es schaffen.
      Wer ist ein proletarisch-revolutionärer Schriftsteller? Einer der die Welt vom Standpunkt des revolutionären Proletariats aus sieht und sie gestaltet. Und — ich will mit Maxim Gorki fortfahren: 'Ihr fragt mich: »Welches sind die Kennzeichen eines wirklich proletarischen Schriftstellers?' Ich glaube, daß es nicht viele solche Kennzeichen gibt. Zu diesen gehört der aktive Haß des Schriftstellers gegen alles, was den Menschen von außen, und auch gegen alles, was ihn innerlich bedrückt, gegen alles, was die freie Entwicklung und das Wachstum der menschlichen Fähigkeiten behindert, unerbittlicher Haß gegen alle Faulheit, alles Parasitentum, jede Trivialität, gegen Schleicher und Taugenichtse aller Art... Die beste der bis jetzt von den überzeugten oder schlauen Propheten ausgedachten Theorien ist die Evolutionstheorie, der langsam allmählichen Entwicklung der Formen des öffentlichen und Staatslebens.
      Aber Ãœberzeugung und Schlauheit bleiben sich gleich. Ihr wißt schon, daß die Evolution der kapitalistischen Gesellschaft zu einem vierjährigen blutigen Gemetzel geführt hat, das viele der gesündesten Menschen vernichtet hat, daß in dieses Gemetzel die Sozialisten, die an rettende Evolution glaubten, einbezogen wurden, daß durch diesen Krieg das zivilisierte Europa unglaublich verwilderte, sich die Zahl der Spitzbuben, die aus dem Blute Nutzen zogen, ungeheuer vermehrte — daß diese ,Evolution' mit einem neuen, noch schrecklicheren Gemetzel droht.
      Und ihr wißt, daß der Plan zur allgemeinen Abrüstung, den die Sowjetunion vorgeschlagen hat, von jenen Kulturmenschen abgelehnt wurde, die an die rettende Evolutionstheorie glauben.
      Ihr müßt begreifen und stets daran denken, daß diese schändliche Feigheit des Völkerbundes nichts anderes als der endgültige Bankrott der europäischen Kultur und der kapitalistischen Klassengesellschaft ist, die ihr echtes menschenfeindliches Wesen offenbart hat.
      Und wenn ihr ehrliche Menschen sein wollt, müßt ihr Revolutionäre sein."
1905 rief Maxim Gorki: 'Geht zum Volk! Kämpft mit ihm! Helft ihm, sich aus dem Zustand des Kniens zu erheben!" Heute, 1928, können wir rufen:
Geht mit dem Proletariat! Werdet Klassenkampf er! Kämpft mit ihm in allem Großen und Kleinen! Gebraucht eure Kunst als Waffe! Erklärt dem Krieg den Krieg!
Unser Bund soll zwischen den Schriftstellern ein kameradschaftliches Band sein. Er soll eine Verbindung schaffen zwischen uns und den Massen. Der Kampf der Arbeiterklasse ist unser Lebenselement, wir wollen immer tiefer auf proletarischem Grund und Boden Wurzel fassen. Und der Bund soll uns noch fester binden an die Sache, der wir dienen, an die große Sache der sozialen Revolution, die die beste Sache der Welt ist.
      Je fester wir uns auf diese Art binden, desto freier werden wir sein. Wir haben das Wesen der bürgerlichen Freiheit erkannt, die eine Freiheit einzelner auf Kosten tierischer Unfreiheit der Mehrzahl der Menschen ist. Wir bekennen uns zur Freiheit des Sozialismus, die eine Freiheit der Menschen nicht gegeneinander, sondern eine Freiheit der Menschen miteinander ist. Wir bekennen uns zum Kampf um diese Freiheit, zum revolutionären Klassenkampf ...
      Ich habe am Anfang davon gesprochen, daß dieser Augenblick heute zu einem Ereignis in der Geschichte der Arbeiterbewegung werden kann. Ich will zum Schluß offen sagen, was ich glaube: Dies zu verwirklichen: An uns, an uns, nur an uns liegt es. In diesem Sinne an die Arbeit!
Entstanden: 1928.
      Textvorlage: Zur Tradition der sozialistischen Literatur in Deutschland. Eine Auswahl von Dokumenten. Hg. und kommentiert von der Deutschen Akademie der Künste. Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 21967, S. 91-97.
     

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