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JOHANNES R. BECHER - Meine poetische Konzeption



Meine Bemerkungen sind Bemühungen. In der 'Verteidigung der Poesie", in der 'Poetischen Konfession", in 'Macht der Poesie" und in dem abschließenden Band 'Das poetische Prinzip" bin ich bemüht, unsere allgemeine ästhetische Theorie von der künstlerischen


Gesetzmäßigkeit dadurch zu ergänzen und zu vertiefen, daß ich einige Gedanken über den spezifischen Charakter der einzelnen Gattungen, der lyrischen vor allem, aufzeichne und den Literaturwissenschaftler anregen will, diese konkrete Seite der ästhetischen Theorie zu behandeln. Es scheint mir in diesem Zusammenhang notwendig zu sein, das Wesen der einzelnen Gattungen neu zu bestimmen, sie voneinander abzugrenzen und gewissermaßen den Gattungen eine Verfassung zu geben. Keine Literatur formiert sich neu, ohne daß nicht auch die Literaturtheorie daran wesentlichen Anteil nimmt, aber nicht nur im großen und allgemeinen, sondern indem sie auch die absolute Bestimmtheit des Gegenständlichen in den einzelnen Dichtungsarten, den Genres, neu herausarbeitet. Die klassische Literatur, die Literatur unserer Kunstperiode, hat in dem Briefwechsel Goethe-Schiller sich eingehend mit den Genrefragen beschäftigt und eine neue Genreordnung festgelegt. Meines Erach-tens ist es notwendig, daß wir unsere ästhetische Theorie in diesem Sinne konkretisieren und uns den Problemen der verschiedenen Gattungen zuwenden. [...]
Meine poetische Konzeption geht von einer Bemerkung Hegels aus, daß die Lyrik sich von allen anderen Kunstgattungen dadurch unterscheide, daß in ihr das Subjekt Objekt der Gestaltung sei. Meiner poetischen Konzeption nach ist also der Lyriker ein Selbstgestalter. Er ist in seiner Lyrik der 'Held". Indem er sich gestaltet, gestaltet er seine Zeit. Es kommt allerdings auf das Ich an. In der Lyrik ist es vielleicht notwendig, daß sich die Persönlichkeit noch mehr akzentuiert, noch stärker, überzeugender in ihrem Profil herausarbeitet als in der Prosa, in der Dramatik. Es kommt beim Lyriker darauf an, inwieweit diese Persönlichkeit imstande ist, eine gewisse Zeitspanne in sich selber zu solch einem Ausdruck zu bringen, daß in dieser Selbstgestaltung die entscheidenden, die wesentlichen Probleme der Zeit enthalten sind. So erblicke ich meinen Auftrag als Dichter darin, die erste Hälfte unseres Jahrhunderts, den Zeitraum vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis, sagen wir, zur Jahrhundertmitte, in meinen Dichtungen zu gestalten, Jahrhundertwende, erster Weltkrieg, Nachkriegszeit 1919 bis 1933, Verbannung, zweiter Weltkrieg, Heimkehr, Auferstehung aus Ruinen, das Neue unseres Lebens. Wenn man mich als Dichter beurteilt» so muß man fragen, inwieweit diese Zeit in meinen Dichtungen lebendig geworden ist und wie weit sie darin lebendig geblieben ist und Dauer verheißt. Wenn mir einige meiner Kritiker im Zusammenhang mit meinen Bemühungen entgegnen, ich hätte viele Gedichte geschrieben, die keineswegs dauerhaft sind, so meine ich, daß diese Kritik wenig mit meinen Bemühungen zu tun hat, aber irgend etwas, könnte ich auf diesen Vorwurf entgegnen, muß ich doch schließlich mit meinen hochverehrten Klassikerkollegen gemein haben, denn unzweifelhaft werden auch diese nicht mit allem und jedem, was sie geschrieben und veröffentlicht haben, die Zukunft erreichen. Aber nicht darum geht es. Es geht nicht darum, daß jemand zwanzig 'vollendete" Gedichte veröffentlicht hat. Wenn Gottfried Benn meint, auf die fünf vollendeten Gedichte, die ein Dichter verfaßt hat, käme es an, oder wenn gar Rilke einmal gesagt hat, im Grunde schreibe jeder Dichter nur ein Gedicht, so sind das Auffassungen, die zu meiner Konzeption des Poetischen in einem prinzipiellen Widerspruch stehen. Es gibt Gedichte, die auch nicht so ganz und gar vollendet sind und die über die Gestaltung des betreffenden Dichters Entscheidendes aussagen. Nicht nur in der Lyrik, auch in der ganzen Literatur kennen wir Werke, die keineswegs als vollkommen zu bezeichnen sind, die aber dennoch eine entscheidende Wirkung ausgeübt haben und sogar eine ästhetische Anziehungskraft besitzen, wie sie vollendeten Schöpfungen nicht immer eigen sind. Es wäre an der Zeit, auch dieses Phänomen einmal zu untersuchen.
      Wenn meine poetische Konzeption also darin besteht, daß ein Dichter sich in seiner Ganzheit selbst gestalten muß, so heißt das, daß ich auch aus den Werken eines Dichters erfahre, wie dieser Dichter sich zur Liebe verhält, zur Landschaft, wo er geboren ist, welche Städte er durchwandert hat, von welchen Milieus, von welchem Klima er umgeben ist, welche Dichter er verehrt, welche Menschen in seinen Gedichten abgebildet sind. Ãoberhaupt erwarte ich von solch einem Dichter einen allumfassenden tiefen Charakter, dem nichts Menschliches und darum auch nichts Unmenschliches fremd ist. Wenn mir jemand entgegnet, daß meine Konzeption nicht haltbar sei, da sie nur für eine Reihe von Dichtern zutrifft, aber die Geschichte der Literatur voll von großen markanten Persönlichkeiten sei, auf die meine Konzeption nicht zutreffe, so kann ich ihm nur antworten, ich bestreite nicht, daß verschiedene poetische Konzeptionen möglich sind und ich selbstredend keineswegs den Anspruch erhebe, daß meine poetische Konzeption die allein richtige, die 'alleinseligmachende" sei. Im Gegenteil, die Existenz meiner poetischen Konzeption fordert geradezu, als für ihre eigene
Existenz lebensnotwendig, das Vorhandensein anderer poetischer Konzeptionen und den Wettstreit mit ihnen. Zwar bin ich überzeugt, daß meine poetische Konzeption die für unsere Zeit heute allumfassendste und tiefste ist, aber der Beweis dafür ist nur zu erbringen im Wettstreit mit anderen Konzeptionen.
      Ich möchte aber, um jedes Mißverständnis auszuschließen, auch darauf hinweisen, daß meine poetische Konzeption das Problem der Literaturgesellschaft in ein und demselben Dichter in sich einschließt, das bedeutet, daß für mich die höchste Erfüllung meiner poetischen Konzeption ein Dichter wäre, der nicht nur die verschiedenen lyrischen Formen anwendet, sondern dessen Persönlichkeit so umfassend und so tief ist, daß er sich auch der epischen, der dramatischen Gattung, möglichst vieler Gattungen bedient. Wie die Vielartigkeit der Metrik nicht nur eine formale Angelegenheit ist, sondern wie in dieser Vielartigkeit die Reichhaltigkeit eines menschlich-dichterischen Wesens zum Ausdruck gelangt, so zeigt auch die Reichhaltigkeit der verschiedenen Genres, über die ein Dichter verfügt, einen inneren reichen Charakter an, der sich nicht damit begnügen kann, sich nur in einem Genre dichterisch auszule-ben. [...]
Es wäre unvollständig, wenn ich nicht betonen würde, daß zu meiner Konzeption der Poesie auch die Notwendigkeit gehört, die Poesie nicht nur innerhalb ihrer eigenen Grenzen, sondern auch außerhalb ihrer zu verteidigen. Der Dichter muß auch im öffentlichen Leben der Gesellschaft hervortreten und mitbeteiligt sein an der Veränderung der menschlichen Ordnung, damit sie eine solche wird, worin auch die Dichtung den ihr gemäßen Platz findet. Jede meiner gesellschaftlichen Tätigkeiten und Funktionen ist von diesem Standpunkt aus zu betrachten. Auch die Tatsache, daß ich zum Minister berufen wurde, ist ein poetischer Akt, und wer zu trennen meint zwischen dem Dichter und dem Minister, der hat mich gründlich mißverstanden. Vielleicht verteidige ich die Dichtung ein wenig zuviel außerhalb ihrer selbst, so daß die Gefahr besteht, daß das zu Verteidigende, was mich selber betrifft, darunter leidet. Nun, ich hoffe, sollte sich hier ein Mißverständnis ergeben haben, noch rechtzeitig den entsprechenden Ausgleich zu finden. Also auch meine Ost-West-Gespräche entspringen einem poetischen Postulat, und überall handelt es sich bei mir um Verteidigung der Dichtung, welche Funktion ich auch innehabe, wenn auch nicht immer unmittelbar über Dichtung gesprochen wird.
      Die Poesie zieht alles an sich, um sich seiner zu bemächtigen, denn für sie gibt es keine unpoetischen Menschen, keine unpoetischen Gegenstände, wenn sie auch in kluger Selbstbeschränkung weiß, daß sich nicht alles und jedes zur poetischen Durchdringung und Gestaltung gleichermaßen und besonders eignet. Aber vor allem weiß sie zweierlei: daß 'in jedem Menschen ein Dichter gestorben ist" und daß 'Kunst wird sein einst: Allen das Gemäße". 'Der Mensch formiert daher auch nach den Gesetzen der Schönheit", heißt es bei Marx, und Kunst ist eine ästhetische Aneignung der Welt. Daß in dieser Formierung des Schönen und in dieser ästhetischen Aneignung der Welt erkenntnismäßige Elemente, gesellschaftliche Faktoren enthalten sind, ist unbestreitbar.
      Meine Bemühungen haben dahin geführt, daß sie bemerkt wurden und daß sie Anlaß gegeben haben zu Bemerkungen über die Bemerkungen, das heißt, daß sie Folgen haben und sich fortsetzen. Ich bin überzeugt, daß sie zur Selbstverständigung über unsere literarischen Probleme einiges beitragen können, und zwar gerade dort, wo bisher kaum eine Arbeit geleistet wurde, nämlich 'in der Mitte der Dinge selbst", dort, wo die Poesie sie selbst wird, in der eigentlichen poetischen Substanz. Wir haben bisher den 'Begriff angestrengt", um das gesellschaftliche Bewegungsgesetz der Literatur zu begreifen. Wir müssen, wenn wir eine neue Ã"sthetik schaffen wollen, welche der unabdingbare Bestandteil einer neuen Literatur ist, uns bemühen, die Literatur in den spezifischen Arten ihres ganzen Charakters zu begreifen, und darum müssen wir künftighin auch bestrebt sein, den Gattungsbegriff anzustrengen.
      Erstdruck: Johannes R. Becher: Das poetische Prinzip. Aufbau-Verlag. Berlin 1957. Textvorlage: Johannes R. Becher: Gesammelte Werke. Herausgegeben vom Johannes-R.-Becher-Archiv der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin. Bd. 14: Bemühungen

II.

Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 1972, S. 449-459.
     

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