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JOHANNES R. BECHER - Der prägnante Punkt



'Wenn man zu jung ist, urteilt man nicht richtig; ist man zu alt, desgleichen. Wenn man nicht genug an eine Sache denkt, wenn man zuviel an sie denkt, versteift man sich darauf und vernarrt sich in sie. Wenn man sein Werk, unmittelbar nachdem man es fertiggestellt hat, betrachtet, ist man noch ganz davon eingenommen.


      Betrachtet man es aber zu lange danach, hat man keinen Zugang mehr dazu. So verhält es sich mit Gemälden, wenn man sie aus zu großer Entfernung oder zu sehr aus der Nähe betrachtet. Nur ein unendlich kleiner Punkt ist die richtige Stelle, die anderen sind zu nahe, zu weit, zu hoch, zu niedrig. In der Malkunst gibt ihn die Perspektive an. Aber in der Wahrheitslehre und Moral - wer will ihn da angeben?"
Blaise Pascal
Diese Stelle Pascals korrespondiert mit einer Äußerung Goethes: 'Ich raste nicht, bis ich einen prägnanten Punkt finde, von dem sich vieles ableiten läßt, oder vielmehr, der vieles freiwillig aus sich hervorbringt und mir entgegenträgt, da ich dann im Bemühen und Empfangen vorsichtig und treu zu Werke gehe." Darauf also, auf die Auffindung dieses prägnanten Punktes vor allem kommt es an, das muß man unseren jungen Schriftstellern und sich selber immer wieder von neuem vorhalten, und viel nutzloses Herumexperimentieren kommt daher, daß man sich nicht leidenschaftlich und intensiv genug diesen prägnanten Punkt erarbeitet. Dieser prägnante Punkt ist eigentlich der Stand-Punkt, der uns gleichermaßen Ãœberblick, Rückschau und Detailerkenntnis vermittelt, der uns in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft blicken läßt und uns gleichermaßen den Blick öffnet und uns die Möglichkeit eröffnet, auf den Grund der Dinge zu blicken.
      Zur Auffindung dieses prägnanten Punktes bei der Vornahme einer Arbeit oder während derer Herausarbeitung genügt es nicht, wenn sich der Künstler auf irgendeinen Einfall oder gar eine Intuition verläßt, sondern man muß sich inzwischen gewisse Kenntnisse angeeignet haben und sich erkenntnismäßig immer weiter vervollkommnen, um einen für die Gestaltung günstigeren Standort zu gewinnen. [...]
Beim Nachdenken über den 'prägnanten Punkt" bin ich dahin gelangt, daß ich mich frage: Wo befindet sich der prägnante Punkt, wenn ich, nur um ein Beispiel zu gebrauchen, das Leben des Waldes, dieses wunderbar, myriadenfältig atmenden Waldwesens darstellen will. Ein Waldarbeiter wird über seiner schweren Arbeit, die er tagtäglich zu leisten hat und die ihm zum Beruf geworden ist, wohl kaum in der Lage sein, diesen prägnanten Punkt in sich selbst darzustellen. Er ist eben dem Bilde zu nahe gerückt, ja er gehört mit zum Bild. Jemand, das erübrigt sich auszuführen, der überhaupt noch keinen Wald gesehen hat, ist selbstverständlich ebenfalls nicht der prägnante Punkt, den wir suchen. Auch ein Spaziergänger, der ab und zu einmal durch den Wald streift, verkörpert kaum den prägnanten Punkt. Wir haben schon erfahren, daß man mit einem Gegenstand handelnd verbunden sein muß, um ihn erkennen, gestalten zu können. Aber dieses handelnde Verbundensein darf nicht in dem Sinne überhandnehmen, daß die Tätigkeit den betreffenden Menschen verschlingt, ihn überhaupt nicht zum Bewußtsein kommen läßt. Also scheint uns im Falle des Waldes der prägnante Punkt eher dort zu liegen, wo jemand, wie zum Beispiel der Jäger, handelnd mit dem, was im Wald vorgeht, verbunden ist und zugleich doch nicht durch seine Tätigkeit abgezogen wird von dem, was im Wald vor sich geht... Die Auffindung des prägnanten Punktes ist besonders für den Schriftsteller wichtig, um solche Gestalten zu erfinden, die den prägnanten Punkt darstellen, und um nicht den prägnanten Punkt in Gestalten zu legen, die ihn niemals verkörpern können [...]
Man spricht von einem 'ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht". Dieser ruhende Pol ist identisch mit dem prägnanten Punkt, und als Beispiel möchte ich folgendes anführen: Bei der Beschäftigung mit dem Plan eines größeren Zeitgedichts mußte ich mich natürlich auch damit befassen, den Standort zu finden, von dem aus ich mein Thema am besten übersehen und gestalten konnte. Diese Suche nach dem prägnanten Punkt, nach dem 'ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht" war schon eine entscheidende dichterische Vorarbeit. Nun wird man vielleicht sagen, der gegebene Standort ist doch ein Betrieb, ein wirtschaftlicher, politischer, geschichtlicher Schwerpunkt sozusagen. Von diesem Betrieb aus kannst du zweifellos am besten deine Zeit erfassen. Darauf aber muß ich antworten: Dieser Rat ist für mich unbrauchbar, denn es ist nun einmal so, daß ich zwar nicht 'betriebsfremd" bin - und wie kann ich es sein, da ich mit der Arbeiterschaft politisch ja über dreißig Jahre verbunden bin -, aber der Betrieb ist für mich, da ich aus dem Bürgertum stamme, nun einmal nicht solch ein originaler Erlebnis-Standort, wie ich ihn benötige. Doch eine unmittelbare erlebnishafte Beziehung habe ich zur Natur, und überhaupt scheint mir meine Stärke zu sein, die Zeitumstände in einer mehr indirekten Art zu gestalten. So fand ich als einen prägnanten Punkt für dieses Zeitgedicht Saarow, einen früheren eleganten Villenort, der eine reichhaltige Geschichte hinter sich hat und in dem sich nun wiederum wichtige geschichtliche Ereignisse abspielen. Die Trümmer hochherrschaftlicher Villen sprechen eine doppelte Sprache, erstens vonder Hochherrschaf tlichkeit, wie sie sich hier um den Scharmützelsee etabliert hatte, und zweitens davon, wie diese Hochherrschaftlich-keit elend zugrunde ging. Die Geschichte vom Auf- und Niedergang des Bürgertums ist also in Saarow deutlich sichtbar vorhanden — darüber hinaus der Krieg und dann die Ereignisse des Jahres fünfundvierzig und der Zeit bis heute. Alles das rotiert in diesem Ort, und zwar manchmal recht turbulent. Die Gespaltenheit Deutschlands wirkt sich auch hier ganz konkret aus: Schiebertum, Verrat, Sabotage. Diese ganze verderbliche Hinterlassenschaft des zweiten Weltkrieges treffen wir hier an, und noch mancher der alten Villenbesitzer sitzt auf seinem irgendwie doch schon sinnlos gewordenen Eigentum, aber es mit allem Mitteln hütend und verteidigend, und nun erscheint die neue Zeit, und zwar keineswegs nur in Gestalt der sich abwechselnden Bürgermeister und der neuen Parteien, sondern vor allem auch in Gestalt von Erholungsheimen, die den Werktätigen gehören, sie erscheint im Zeichen eines FD J-Lagers, sie erscheint in den zahllosen Segelbooten, die sich wieder auf dem See tummeln und den Gewerkschaften gehören. Wie man sieht, hat sich Saarow in seiner Einsamkeit nie der Geschichte entziehen können, und da solch ein Ort eben schon räumlich begrenzt und besser übersichtlich ist, schien er mir besonders geeignet zu sein, dort ein Zeitgedicht sich abspielen zu lassen. Ein Ort wie Saarow ergibt auf Grund der eben geschilderten Eigenschaften eine gewisse poetische Konzentration, womit keineswegs gesagt sein soll, daß diese Methode, einen prägnanten Punkt zu finden, eine allgemeigültige ist. Eher möchte ich sagen, die Methode ist eine mir besonders eigene, wobei ich jedoch glaube, daß für jeden Schriftsteller aus dem besonders Eigenen eines anderen Schriftstellers zu lernen ist; auch für den Literaturkritiker und den Literaturfreund sind solche 'schöpferischen Gedanken" aufschlußreich.
      Wir müssen das vorher Gesagte einschränken, beziehungsweise noch konkreter fassen. Die Stelle über den 'prägnanten Punkt" läßt Prägnanz vermissen. Es handelt sich um den Plan eines großen Zeitgedichts, dessen Charakter vor allem darin bestehen soll, womöglich die ganze Gesellschaft zu zeigen, und zwar in der Form poetischer Standbilder. Also muß ich für diese Darstellung einen Punkt finden, wo ich sie alle beisammen habe. Man kann nun einwenden, daß der Ort, an dem ich sie alle beisammen habe - in diesem Falle Saarow -, einen Museumscharakter, wenn nicht einen
Panoptikumscharakter ergibt, denn ich kann ja jene, die ich dort beisammen habe, nur in ihrer Ruhestellung, das heißt in ihrem Villendasein zeigen, nicht in Aktion. Das stimmt. Das ist richtig. Und zweifellos werden die Standbilder auf diese Weise eher Grabtafeln sein , eine an die andere gereiht und nur ab und zu lose miteinander verbunden. Und ich werde bemüht sein müssen, die Leute nicht in ihrem Villendasein wie in einer Gruft zu versenken, sondern sie dort herauszuführen und sie in ihrem aktiven gesellschaftlichen Leben auftreten zu lassen.
      Also haben wir'den 'prägnanten Punkt" Saarow konkretisiert in der Richtung, daß er nur für diese Art geplanten Zeitgedichts seine Gültigkeit habe.
      Erstdruck: Johannes R. Becher: Verteidigung der Poesie. Vom Neuen in der Literatur. Auf bau-Verlag. Berlin 1952.
      Textvorlage: Johannes R. Becher: Gesammelte Werke. Hg. v. Johannes-R.-Becher-Archiv der Deutschen Akademie der Künste. Bd. 13: Bemühungen I. Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 1972, S. 232 f., 246 u. 335 ff.
     

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