Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

Index
» Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte
» JOHANNES R. BECHER - Das große Bündnis

JOHANNES R. BECHER - Das große Bündnis



[•••]
Wenn ich nun von unserer realistischen, von unserer revolutionären Literatur spreche, so gilt der heißeste Gruß, der Ausdruck der engsten brüderlichen Solidarität unseren Freunden in Deutschland selbst, die es unter den Bedingungen der schlimmsten Verfolgung und der täglichen Bedrohung durch die faschistischen Henker verstehen, Schulter an Schulter mit den heroischen Arbeitern Deutschlands illegal zu arbeiten, das künstlerische Wort der Revolution unter die Massen zu bringen, mitzuarbeiten an den illegalen Zeitungen und Flugblättern des unterirdischen Deutschland, dieses eigentlichen und wahren Deutschland, dem unsere grenzenlose Liebe gilt. Es ist natürlich, daß im literarischen Wirken unserer Freunde die sogenannten kleinen Formen das Vorrecht haben. Wir wissen aus der praktischen Erfahrung des Klassenkampfes, von welcher Bedeutung ein schlagender Zweizeiler ist, angemalt an eine Häuserwand bei Nacht und Nebel, oder auf Flugzetteln, von der Höhe eines Warenhauses unter die Menge geworfen. Der innigste praktische Kontakt mit den kämpfenden, todesmutigen Arbeitern — könnte es etwas geben, das ein besserer Nährboden wäre für die Entwicklung einer streitbaren realististischen Kunst, einer revolutionären, echt volkstümlichen Kunst!

Wir wissen: es gibt auch in unserer Literaturbewegung nichts, das nützlicher und förderlicher wäre als die ehrliche schöpferische Selbstkritik. Bei aller nationalen Verschiedenheit in den Formen und Erscheinungen ist es mehr oder minder selbstverständlich, daß die entscheidenden Grundprobleme unserer Entwicklung dieselben gewesen sind wie in anderen Ländern. Wie in anderen Ländern ist unsere Bewegung entstanden aus zwei Quellen, zwei Elementen. Wir haben in der Zeit seit dem Kriegsende zahlreiche Arbeiterschriftsteller aufstehen sehen, die versuchten, das Leben und den politischen Kampf der deutschen Arbeiter zu schildern, die revolutionäre Wahrheit im künstlerischen Wort zu verkünden. Wir haben ihre Talente heranwachsen sehen. Das erfordert viel gründliches Studium, viel Arbeit an sich selbst: lernen, lernen und nochmals lernen! Und die Besten unter ihnen, ob sie nun ihr bewußtes Leben als Industriearbeiter oder als Gemeindehirten begonnen haben, sind heute bereits fähig, Werke zu verfassen, die nach Form und Inhalt über dem Niveau stehen, das wir in diesen Jahrzehnten in ili'i durchschnittlichen bürgerlichen Literatur festgestellt haben.

     
Auf der anderen Seite kamen zu unserer Bewegung Schriftsteller, ursprünglich Vertreter der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Intelligenz, die den Weg ins Lager der proletarischen Revolution fanden. So wie der proletarische Schriftsteller ehrlich, zäh, hartnäk-kig um seine literarische Qualifizierung kämpfen muß, so müssen diese vom anderen Lager zu uns gekommenen Freunde ehrlich, zäh, hartnäckig sich auseinandersetzen mit all den überlieferten Vorstellungen und literarischen Formen, in denen sie aufgewachsen waren. Es zeigt sich, daß die neuen großen Inhalte, die Inhalte unseres Klassenkampfes; nach anderen Formen, neuen Formen verlangen, die diesen geistigen Inhalten entsprechen. Und so wie in unserer Bewegung jene beiden Elemente verschmelzen, sich gegenseitig fördern und unterstützen, so entsteht im alltäglichen engen Bündnis mit dem Kampf der Arbeiter die Literatur des sozialistischen Realismus. Denn in diesem Zeichen, wenn auch unbewußt oder halbbewußt, ist unsere revolutionäre deutsche Literatur gewachsen. Und wie wir immer in der Sowjetliteratur unser Vorbild und unsere Lehrmeisterin gesehen haben, so erwarten wir auch heute von diesem Kongreß eine große befruchtende Wirkung auf unsere weitere literarische Tätigkeit. Dieser Kongreß, der vor allem im Zeichen der Qualität, der Forderung nach schöpferischer Höherbildung der Gestaltüngsformen, nach reicherer ästhetischer Kultur steht, wird uns wichtige Fingerzeige geben, wird uns anspornen, im Kunstwerk den revolutionären Klassengedanken und die ästhetischen Kunstformen einander besser durchdringen zu lassen. [...]
Erstdruck: Internationale Literatur. Redakteur der deutschen Ausgabe: J. R. Becher. Moskau 1934, H. 5.
      Textvorlage: Zur Tradition der sozialistischen Literatur in Deutschland. Eine Auswahl von Dokumenten. Hg. und kommentiert von der Deutschen Akademie der Künste. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 21967, S. 591-608.
     

 Tags:
JOHANNES  R.  BECHER  -  Das  große  Bündnis    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com