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JOHANN WOLFGANG GOETHE - Ãober das Lehrgedicht



Es ist nicht zulässig, daß man zu den drei Dichtarten: der lyrischen, epischen und dramatischen, noch die didaktische hinzufüge. Dieses begreift jedermann, welcher bemerkt, daß jene drei ersten der Form nach unterschieden sind und also die letztere, die von dem Inhalt ihren Namen hat, nicht in derselben Reihe stehen kann.
      Alle Poesie soll belehrend sein, aber unmerklich; sie soll den Menschen aufmerksam machen, wovon sich zu belehren wert wäre; er muß die Lehre selbst daraus ziehen, wie aus dem Leben.
      Die didaktische oder schulmeisterliche Poesie ist und bleibt ein Mittelgeschöpf zwischen Poesie und Rhetorik, deshalb sie sich denn bald der einen, bald der andern nähert, auch mehr oder weniger dichterischen Wert haben kann, aber sie ist so wie die beschreibende, die scheltende Poesie immer eine Ab- und Nebenart, die in einer wahren Ã"sthetik zwischen Dicht- und Redekunst vorgetragen werden sollte. Der eigene Wert der didaktischen Poesie, d. h. eines lehrreichen, mit rhythmischem Wohllaut und Schmuck der Einbildungskraft verzierten, lieblich oder energisch vorgetragenen Kunstwerkes, wird deshalb keineswegs verkümmert. Von gereimten Chroniken an, von den Denkversen der altern Pädagogen bis zu dem Besten, was man dahin zählen mag, möge alles gelten, nur in seiner Stellung und gebührenden Würde.
      Dem näher und billig Betrachtenden daher fällt sogleich auf, daß die didaktische Poesie um ihrer Popularität willen schätzbar sei; selbst der begabteste Dichter sollte es sich zur Ehre rechnen, auch irgendein Kapitel des Wissenswerten also behandelt zu haben. [...]
Erstdruck: lieber Kunst und Alterthum. Von Goethe. Sechsten Bandes erstes Heft. Stuttgard, in der Cottaischen Buchhandlung 1827, S. 47-50. - Den hier wiedergegebenen Anfang des Aufsatzes hatte Goethe schon als Beilage zu seinem Brief an Zelter vom 2S./29. November 1825 niedergeschrieben, vgl. Goethes Briefe. Hamburger Ausgabe in 4 Bänden. Bd. 4 Textkritisch durchgesehen und mit Anmerkungen versehen von Karl Robert Mandelkow. Christian Wegner Verlag. Hamburg 1967, S. 157-158.
      Textvorlage: Goethe: Schriften zur Literatur. Hg. v. der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Historisch-kritische Ausgabe. Band 1: Text, bearbeitet von Edith Nahler. Akademie-Verlag. Berlin 1970, S. 69.
     

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