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JOHANN JAKOB BODMER - Die Diskurse der Maler



[...]

XX. Diskurs des ersten Teils.
      Die Natur ist in der Tat die einzige und allgemeine Lehrerin derjenigen, die recht schreiben, malen und ätzen; ihre Prefessionen treffen darinne genau überein, daß sie sämtlich dieselbe zum Original und Muster ihrer Werke nehmen, sie studieren, kopieren, nachahmen. Sie führet die Feder der Schreibern, sie hilft den Malern die Farben reiben und den Bildhauern die Lineamente zeuhen. Keiner von allen diesen kann etwas fertigen, wenn er sich nicht mit ihr beratet und die Regeln seiner Kunst von ihr entlehnt. Der Skribent, der die Natur nicht getroffen hat, ist wie ein Lügner zu betrachten; und der Maler sowohl als der Bildhauer, der abweichende Kopien derselben machet, ist ein Pfuscher. Der erste saget Salbadereien, und die andern machen Chimären.
      Alles, was keinen Grund in der Natur hat, kann niemand gefallen als einer dunkeln und ungestalten Imagination. Was würdet ihr von einem Schriftsteller urteilen, der mit burlesken Expressionen ein Sterb-Gedichte anfüllete und traurige Klag-Töne in eine Hochzeit-Ode mischete? Eben dasselbe, was von einem Maler, der die Delphine in die Wälder und die Hirsche in die See versetzte, oder von einem Bildhauer, der den Oberteil einer Statuen bis an die Hüften zu einer schönen Frauens-Person hauete und den untern in einem Fischschwanz zusammenzöge. Hingegen ergötze uns auch die Beschreibung und die Abschilderung des Lasters, der Bosheit, der Häßlichkeit, des Erschrecklichen, des Traurigen, wenn sie nur natürlich sind. [...]
Ihr seht aus diesem, worinne die Verwandtschaft der Schreibern,der Malern und der Bildhauern bestehet, nämlich in der Gleichheit des Vorhabens; sie suchen sämtlich die Spur der Natur, sie belustigen durch die Ähnlichkeit, welche ihre Schriften, Bilder und Gemälde mit derselben haben, sie machen sich lachenswürdig, wenn sie davon abtreten. Aber sie unterscheiden sich voneinander in der Ausführung ihres Vornehmens, welches sie auf ungleiche Manieren verfolgen. Denn der eine bildet die Natur mit den Worten aus, mit welchen er alles, was ihm diese einzige Lehrmeisterin, bei der er in die Schule gehet, sehen oder nur gedenken läßt, so lebhaft abmalet, daß der Zuhörer oder Leser keine Mühe hat, sie darinnen zu erkennen; der andere bedienet sich des Pinsels und der Farben, mit denen er dasjenige, was ihm in die Augen fällt, in seiner wahren Proportion, Stellung, Gestalt und Farbe beschreibet; und dieser findet in einem Holze oder in einem Steine die ganze Figur, die Gliedmaßen und die Forme eines Menschen, eines Tieres oder was für einer Sache ihr wollet, verborgen und weiß die Kunst, dieselben mit Griffeln und Stempeln herauszubringen.
      Von allen diesen Meistern verdienet der erste einen Vorzug, weil seine Kunst ungleich mehr begreifet als der andern ihre. Diese letztern schränken sich mit denen Objekten ein, welche vor die Augen kommen, da der andere nicht nur entwirft, was das Gesichte, sondern was einen jeglichen Sinn rühret und reget; ja was weit mehr ist, die Werke des Gemütes und die Gedanken selbst, zu welchen keiner von denen äußerlichen Sinnen durchdringet. Man kann zwar in einem gewissen Verstände auch von den Malern und Bildhauern sagen, daß sie die Gedanken auszudrücken wissen, man kann nämlich aus der Physiognomie, den Gebärden und Mienen, welche die Stellung und das Angesicht bezeichnen, schließen, von welcher Passion das Gemüte mag eingenommen sein und welche Gedanken ihm eine solche mag gegeben haben, maßen diese Zeichen bei allen Menschen, in einer gleichen Neigung, die gleichen sind; aber weil diese Art zu reden sehr weitläuftig, langsam und unvollkommen ist, so kommet sie mit der andern in keine Vergleichung. Der Schreiber wird auch mit einem Zuge der Feder zu verstehen geben, was der Maler mit vielen Bildern nicht tun kann. Wie will dieser es anfassen, auch einen Menschen vorzustellen, dessen Charakter dem Skribenten ein leichtes ist, klar und lebhaft auszudrücken? Geschickt von Gestalt, geistreich; lasterhaft; raubbegierig, verschwenderisch, blutdurstig; hart, unermüdet, verwegen, verschlagen; beredt, unwissend; er wird nötig finden, fast eine jegliche von diesen Qualitäten und Passionen mit einer eigenen Bildnis zu bemerken, welche dennoch noch der Zweideutigkeit wird unterworfen sein.
      Indessen, da ich diesfalls dem Schreiber den Rang gebe, so hat auf der andern Seite der Maler und der Bildhauer den Vorteil, daß seine Schildereien und seine Statuen einen größern Einfluß auf die Imagination haben und stärkere Impressionen in dieselbe machen als es die Beschreibungen tun, denn was man siehet und betastet, kann man sich viel leichter fürbilden als was man höret, inmaßen das Gegenwärtige mehr Macht hat über uns als das Entfernte und Vergangene. Das Mitleiden presset mir die Tränen häufiger aus, wenn ich mit meinen Augen die Glut sehe durch die Gassen einer Stadt schleichen und sich an ein Haus nach dem andern anhängen, die Kinder mit der Mutter, die Frau am Halse des Mannes ergreifen usw. als wenn ich es nur erzählen höre. [...]
Erstdruck: Die Discourse der Mahlern. Erster Theii. Zürch. Drückts Joseph Lindinner / 1721. XX. Discours.
      Textvorlage: Die Discourse der Mahlern 1721-1722. Mit Anmerkungen herausgegeben von Theodor Vetter. Erster Teil. VerlagJ. Huber. Frauenfeld 1891, S. 97-100.
     

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