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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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JOHANN GOTTFRIED HERDER - Volkslieder. Zweiter Teil



[...]
Endlich kann ich nicht umhin, noch mit ein paar Worten merken zu lassen, was ich für das Wesen des Liedes halte. Nicht Zusammensetzung desselben als eines Gemäldes niedlicher Farben, auch glaube ich nicht, daß der Glanz und die Politur seine einzige und Hauptvollkommenheit sei: sie ists nämlich nur von einer, weder der ersten noch einzigen Gattung von Liedern, die ich lieber Kabinett- und Toilettstück, Sonett, Madrigal [1] u. dgl. als ohne Einschränkung und Ausnahme Lied nennen möchte. Das Wesen des Liedes ist Gesang, nicht Gemälde: seine Vollkommenheit liegt im melodischen Gange der Leidenschaft oder Empfindung, den man mit dem alten treffenden Ausdruck: Weise nennen könnte. Fehlt diese einem Liede, hat es keinen Ton, keine poetische Modulation, keinen gehaltenen Gang und Fortgang derselben; habe es Bild und Bilder und Zusammensetzung und Niedlichkeit der Farben, so viel es wolle, es ist kein Lied mehr. Oder wird jene Modulation durch irgend etwas zerstört, bringt ein fremder Verbesserer hier eine Parenthese von malerischer Komposition, dort eine niedliche Farbe von Beiwort u.f. hinein, bei der wir den Augenblick aus dem Ton des Sängers, aus der Melodie des Gesanges hinaus sind und ein schönes, aber hartes und nahrungsloses Farbenkorn kauen; hinweg Gesang! hinweg Lied und Freude! Ist gegenteils in dem Liede Weise da, wohlangeklungne und wohlgehaltne lyrische Weise, wäre der Inhalt selbst auch nicht von Belange, das Lied bleibt und wird gesungen. Ãœber kurz oder lang wird statt des schlechtem ein besserer Inhalt genommen und drauf gebauet werden; nur die Seele des Liedes, poetische Tonart, Melodie, ist geblieben. Hätte ein Lied von guter Weise einzelne merkliche Fehler; die Fehler verlieren sich, dieschlechten Strophen werden nicht mitgesungen; aber der Geist des Liedes, der allein in die Seele wirkt und Gemüter zum Chor regt, dieser Geist ist unsterblich und wirkt weiter. Lied muß gehört werden, nicht gesehen; gehört mit dem Ohr der Seele, das nicht einzelne Silben allein zählt und mißt und wäget, sondern auf Fortklang horcht und in ihm fortschwimmet. Der kleinste Fels, der sie daran hindert, und wenns auch ein Demantfels wäre, ist ihr widrig; die feinste Verbesserung, die sich gibt, statt den Sänger zu geben, die hundert Sänger und ihre tausend Gesänge über einen Leisten zieht und modelt, von dem jene nichts wußten; so willkommen die Verbesserung für alle Meister und Gesellen des Handwerks sein mag und so viel sie an ihr, wie es heißt, lernen mögen, für Sänger und Kinder des Gesanges ist sie

— purer puter [2] Schneiderscherz Und trägt der Schere Spur,

- nichts mehr vom großen vollen Herz Der tönenden Natur.
      Auch beim Ãœbersetzen ist das Schwerste, diesen Ton, den Gesangton einer fremden Sprache zu übertragen... Oft ist kein ander Mittel, als, wenns unmöglich ist, das Lied selbst zu geben, wie es in der Sprache singet, es treu zu erfassen, wie es in uns übertönet, und, festgehalten, so zu geben. Alles Schwanken aber zwischen zwo Sprachen und Singarten, des Verfassers und Ãœbersetzers, ist unausstehlich; das Ohr vernimmts gleich und haßt den hinkenden Boten, der weder zu sagen noch zu schweigen wußte. Die Hauptsorge dieser Sammlung ist also auch gewesen, den Ton und die Weise jedes Gesanges und Liedes zu fassen und treu zu halten; obs überall geglückt sei, ist eine andere Frage. Indessen mag diese Anmerkung wenigstens den Inhalt mancher Stücke rechtfertigen; nicht der Inhalt, sondern ihr Ton, ihre Weise war Zweck derselben. Ist diese gelungen, klingt sie aus einer andern in unsre Sprache rein und gut über; so wird sich in einem andern Liede schon der Inhalt geben, wenn auch kein Wort des vorigen bliebe. Immer ists alsdann aber besser, neue bessere Lieder zu geben als verbesserte, d.i. verstümmelte alte. Beim neuen Liede sind wir völlig Herr über den Inhalt, wenn uns nur die Weise des alten beseelet, bei der Verbesserung sind wir meistens ohn alle Weise, wir nähen und flicken; daher ich alte Lieder wenig oder gar nicht geändert habe. - Dies ist meine Meinung über das Wesen des Liedes [...]
Erstdruck: [Anon.:] Volkslieder. Nebst untermischten andern Stücken. Zweiter Theil. Leipzig, in der Wygandschen Buchhandlung. 1779. S. 33—36.
      Textvorlage: Herders Sämmtliche Werke. Herausgegeben von Bernhard Suphan. 25. Band. Weidmannsche Buchhandlung. Berlin 1885, S. 332-334. Erläuterungen: | IJ Durch strengen Aufbau gekennzeichnete Gedichtformen. - [2] Rein und lauter.
     

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JOHANN  GOTTFRIED  HERDER  -  Volkslieder.  Zweiter  Teil    





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