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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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JOHANN GOTTFRIED HERDER - Shakespeare



In Griechenland entstand das Drama, wie es in Norden nicht entstehen konnte. In Griechenland wars, was es in Norden nicht sein kann. In Norden ists also nicht und darf nicht sein, was es in Griechenland gewesen. Also Sophokles' Drama und Shakespeares Drama sind zwei Dinge, die in gewissem Betracht kaum den Namen gemein haben. [...]

Die griechische Tragödie entstand gleichsam aus einem Auftritt, aus den Impromptus des Dithyramben, des mimischen Tanzes, des Chors. Dieser bekam Zuwachs, Umschmelzung: Äschylus brachte statt einer handelnden Person zween auf die Bühne, erfand den Begriff der Hauptperson und verminderte das Chormäßige. Sophokles fügte die dritte Person hinzu, erfand die Bühne — aus solchem Ursprünge, aber spät, hob sich das griechische Trauerspiel zu seiner Größe empor, ward Meisterstück des menschlichen Geistes, Gipfel der Dichtkunst, den Aristoteles so hoch ehret und wir freilich nicht tief gnug in Sophokles und Euripides bewundern können. [...]
Wie sich alles in der Welt ändert: so mußte sich auch die Natur ändern, die eigentlich das griechische Drama schuf. Weltverfassung, Sitten, Stand der Republiken, Tradition der Heldenzeit, Glaube, selbst Musik, Ausdruck, Maß der Illusion wandelte: und natürlich schwand auch Stoff zu Fabeln, Gelegenheit zu der Bearbeitung, Anlaß zu dem Zwecke. Man konnte zwar das Uralte oder gar von andern Nationen ein Fremdes herbeiholen und nach der gegebnen Manier bekleiden: das tat alles aber nicht die Würkung: folglich warin allem auch nicht die Seele: folglich wars auch nicht das Ding mehr. Puppe, Nachbild, Affe, Statue, in der nur noch der andächtigste Kopf den Dämon finden konnte, der die Statue belebte. Lasset uns gleich zu den neuen Atheniensern Europens [1] übergehen, und die Sache wird, dünkt mich, offenbar.
      Alles, was Puppe des griechischen Theaters [2] ist, kann ohne Zweifel kaum vollkommner gedacht und gemacht werden als es in Frankreich geworden. Ich will nicht bloß an die sogenannten Theaterregeln denken, die man dem guten Aristoteles beimißt, Einheit der Zeit, des Orts, der Handlung, Bindung der Szenen, Wahrscheinlichkeit des Brettergerüstes usw., sondern wirklich fragen, ob über das gleißende, klassische Ding, was die Corneille, Racine und Voltaire gegeben haben, über die Reihe schöner Auftritte, Gespräche, Verse und Reime, mit der Abmessung, dem Wohlstande, dem Glänze - etwas in der Welt möglich sei. [...]
Shakespeare fand vor und um sich nichts weniger als Simplizität von Vaterlandssitten, Taten, Neigungen und Geschichtstraditionen, die das griechische Drama bildete, und da also nach dem ersten metaphysischen Weisheitssatze aus nichts nichts wird, so wäre, Philosophen überlassen, nicht bloß kein griechisches, sondern, wenns außerdem nichts gibt, auch gar kein Drama in der Welt geworden und hätte werden können. Da aber das Genie bekanntermaßen mehr ist als Philosophie und Schöpferein ander Ding als Zergliederer: so wars ein Sterblicher, mit Götterkraft begabt, eben aus dem entgegengesetztesten Stoff und in der verschiedensten Bearbeitung dieselbe Wirkung hervorzurufen, Furcht und Mitleid! und beide in einem Grade, wie jener erste Stoff und Bearbeitung es kaum vormals hervorzubringen vermocht! - Glücklicher Göttersohn über sein Unternehmen! Eben das Neue, Erste, ganz Ver-schiedne zeigt die Urkraft seines Berufs. Shakespeare fand keinen Chor vor sich, aber wohl Staats- und Marionettenspiele! - wohl! er bildete also aus diesen Staats- und Marionettenspielen, dem so schlechten Leim! [3], das herrliche Geschöpf, das da vor uns steht und lebt! Er fand keinen so einfachen Volks- und Vaterlandcharakter, sondern ein Vielfaches von Ständen, Lebensarten, Gesinnungen, Völkern und Spracharten - der Gram um das Vorige wäre vergebens gewesen; er dichtete also Stände und Menschen, Völker und Spracharten, König und Narren, Narren und König zu dem herrlichen Ganzen! Er fand keinen so einfachen Geist der Geschichte, der Fabel, der Handlung: er nahm Geschichte, wie er sie fand, und setzte mit Schöpfergeist das verschiedenartigste Zeug zu einem Wunderganzen zusammen, was wir, wenn nicht Handlung im griechischen Verstände, so Aktion im Sinne der mittlem oder in der Sprache der neuern Zeiten Begebenheit..., großes Ereignis nennen wollen [...]
Fand Shakespeare den Göttergriff, eine ganze Welt der disparatc-sten Auftritte zu einer Begebenheit zu erfassen; natürlich gehörte es eben zur Wahrheit seiner Begebenheiten, auch Ort und Zeit jedesmal zu idealisieren, daß sie mit zur Täuschung beitrügen. [...] Wenn er die Begebenheiten seines Drama dachte, im Kopf wälzte, wie wälzen sich jedesmal Örter und Zeiten so mit umher? Aus Szenen und Zeitläufen aller Welt findet sich wie durch ein Gesetz der Fatalität eben die hierher, die dem Gefühl det Handlung die kräftigste, die idealste ist; wo die sonderbarsten, kühnsten Umstände am meisten den Trug der Wahrheit unterstützen, wo Zeit-und Ortwechsel, über die der Dichter schaltet, am lautesten rufen: 'Hier ist kein Dichter! ist Schöpfer! ist Geschichte der Welt!" [...]
Eben da ist also Shakespeare Sophokles' Bruder, wo er ihm dem, Anschein nach so unähnlich ist, um im Innern ganz wie er zu sein. Da alle Täuschung durch dies Urkundliche, Wahre, Schöpferische der Geschichte erreicht wird und ohne sie nicht bloß nicht erreicht würde, sondern kein Element mehr [...] von Shakespeares Drama und dramatischem Geist bliebe, so sieht man, die ganze Welt ist zu diesem großen Geist allein Körper, alle Auftritte der Natur an diesem Körper Glieder, wie alle Charaktere und Denkarten zu diesem Geiste Züge - und das Ganze mag jener Riesengott des Spinoza, Pan! Universum! [4] heißen. Sophokles blieb der Natur treu, da er eine Handlung eines Orts und einer Zeh bearbeitete; Shakespeare könnt ihr allein treu bleiben, wenn er seine Weltbegebenheit und Menschenschicksal durch alle der Örter und Zeiten wälzte, wo sie — nun, wo sie geschehen [...]

Krstdruck: A. Marcus und E. Webers's Verlag, Bonn
1912, S. 24-

   Erläuterungen: [1] Zu den Franzosen im Zeitalter Ludwig X

I

V.

und ihren Dramatikern.
      — [2] Lediglich äußerliche Nachahmung der griechischen Tragödie. — [3] Lehm. —
[4] Vgl. Spinozas Lehre von der 'Allgöttlichkeit" der Welt, die Herder in seinen

Gesprächen 'Ãœber Gott" rechtfertigt.
     

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