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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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JOHANN GOTTFRIED HERDER - Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker



Je wilder, d. i. je lebendiger, je freiwürkender ein Volk ist, desto wilder, d. i. desto lebendiger, freier, sinnlicher, lyrisch handelnder müssen auch, wenn es Lieder hat, seine Lieder sein. Je entfernter von künstlicher, wissenschaftlicher Denkart, Sprache und Letternart [1] das Volk ist, desto weniger müssen auch seine Lieder fürs Papier gemacht und tote Letternverse [2] sein; vom Lyrischen, vom Lebendigen und gleichsam Tanzmäßigen des Gesanges, von lebendiger Gegenwart der Bilder, vom Zusammenhange und gleichsam Notdrange des Inhalts, der Empfindungen, von Symmetrie der Worte, der Silben, bei manchen sogar der Buchstaben, vom Gange der Melodie und von hundert andern Sachen, die zur lebendigen Welt, zum Spruch- und Nationälliede gehören und mit diesem verschwinden - davon, und davon allein hängt das Wesen, der Zweck, die ganze wundertätige Kraft ab, den diese Lieder haben, die Entzückung, die Triebfeder, der ewige Erb- und Lustgesang des Volks zu sein! Das sind die Pfeile des wilden Apollo, womit er Herzen durchbohrt und woran er Seelen und Gedächtnisse heftet! Je länger ein Lied dauern soll, desto stärker, desto sinnlicher müssen diese Seelenerwecker sein, daß sie der Macht der Zeit und den Veränderungen der Jahrhunderte trotzen - [___] Nichts ist stärker und ewiger und schneller und feinerals Gewohnheit des Ohrs! Einmal tief gefaßt, wie lange behält dasselbe! In der Jugend, mit dem Stammeln der Sprache gefaßt, wie lebhaft kommt es zurück, und so schnell rnit allen Erscheinigungen der lebendigen Welt verbunden, wie reich und mächtig kommt es wieder! [...]

Nichts in der Welt mehr Sprünge und kühne Würfe [...] als Lieder des Volks, und eben die Lieder des Volks haben deren am meisten, die selbst in ihrem Mittel [3] gedacht, ersonnen, entsprungen und geboren sind und die sie daher mit so viel Aufwallung und Feuer singen und zu singen nicht ablassen können. Mir ist z. B. ein Jägerlied bekannt, [. ..] bei allem Simpeln und Populären ist kein Vers ohne Sprung und Wurf des Dialogs, der in einem neuen Gedichte gewiß Erstaunen machte und über den unsre lahme Kunstrichter als so unverständlich, kühn, dithyrambisch schreien würden. [. ..)

Erstdruck: [Anon.:] I. Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker. In: Von Deutscher Art und Kunst. Einige Fliegende Blätter. Hamburg, 1773. Bey Bode. S. 3-70.
      Textvorlage: Von Deutscher Art und Kunst. Einige Fliegende Blätter . Herausgegeben von H. Lambel. G. J. Göschensche Verlagshandlung. Stuttgart 1892, S. 10-11, 34.
      Frläuterungen: [1] Schreibart. [2] Nicht zum Vortrag bestimmte Verse. [3] In ihrer Mitte.
     

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