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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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JOHANN GOTTFRIED HERDER - Adrastea



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Gibt es feste Formen des Schönen, die allen Völkern und Zeiten gemein sind? Verfeint sich mit dem Fortgang der Zeiten das Ideal der Schönheit?
Man hat den beliebten französischen Ausdruck: 'Nachahmung der schönen Natur" als unbestimmt und unzureichend getadelt; der Tadel ist begründet, wenn der genannte Ausdruck ohne fernere Erklärung das Hauptgesetz aller Künste des Schönen sein soll. Sonst aber, hätte die Natur uns nicht schöne Formen dargestellt, die wir nachahmen, unter denen wir wählen, die wir vielleicht verbinden können, woher sollten wir sie nehmen? Ohne Natur und ohne uns selbst könnten wir uns weder Natur noch Empfindung erfinden.

      Warum hat die Bildhauerkunst die festesten Regeln? Weil ihr Ideal selbst ein gegebnes Naturbild ist, die Gestalt des Menschen; unser edles Gebilde, mit Seele begabt, eine in alle Glieder ergossene Menschenseele, ist, nach Unterschieden des Alters und Charakters, der bildenden Kunst ewiges Vorbild. Welche Nation an eine Bildsäule tritt, kennet und fühlt ihren Ausdruck; also auch über die Regeln der Kunst, die sie darstellt, müssen alle Nationen eins werden. [...]
Anders scheint es mit dem zu sein, was in der Luft verhallet, der Musik und der Sprache. Wer kann dies Wellen ergießende Meer, wo jede Woge mit dem Augenblick verschwindet, unter einen Blick fassen, in eine'Form beschränken? Daher urteilen Nationen, Zeiten, Menschen über Musik und Poesie so verschieden! Daher verändern sich diese so sehr mit Nationen, Zeiten, Menschen! So scheint es; die Regeln des Einverständnisses liegen aber dennoch sowohl im Material der Kunst als im Subjekt der diese Künste genießenden, immer nur menschlichen Empfindung. Die Verhältnisse der Harmonie sind allen Völkern dieselbe; die Empfänglichkeit unsres Organs kann gradweise geübt, also auch berechnet und kompensiert werden; mithin ist ein allgemeiner Maßstab, ein Einverständnis möglich. Und wollten auch die Meister der Kunst aus verschiedenen Zeiten und Völkern ihre Eigenheit nicht verleugnen, das musikalische Ohr des Verstandes ordnet dennoch sie alle, indem es jeden in seiner Eigenheit schätzt und aus ihr ins Allgemeine emporhebt. Die Sprachen gehen auf einer Wolke von Willkürlichkeiten, die Schälle in ihnen sind dem Ungewohnten sogar oft widrig; beim völligen Verständnis derselben öffnet sich indes ein Ohr der Seele, das, über alles Willkürliche erhoben, sie wie reine Musik der Gedanken und Gesinnungen höret. Kühn also treten wir vor jedes Kunstwerk auch der Sprache, vergessen diese und vernehmen in ihr mit dem Verstände nur das Werk des Verstandes. Unserm Blick verschwinden Völker und Zeiten.
      Natürlich, daß sich mit diesen das Ideal des Schönen immer höher und höher hebet; wie eine Sonne der Menschheit gehet es auf, die über alle Völker und Zeiten leuchtet. Je mehr Kunstwerke aus verschiedenen Völkern und Zeiten uns zur Vergleichung dastehn, desto heller sehen wir, was jedem mangelt, worin dies und jenes vorzüglich glänzet. Von sichtlichen Formen steht die Bildhauerei im Vorhofe des großen Tempels, die Schauspielkunst mit allen ihren Geschwistern im Adytum desselben, der Geist des Epos schwebt über dem ganzen Bau, und der lyrische Chor umschließt seine beiden Seiten. Heut und hierin hat dieses, gestern und darin hat jenes Volk, jene Sprache triumphieret. Wer sich an eine Zeit, gehöre sie Frankreich oder Griechenland zu, sklavisch schließt, das Zeitmäßige ihrer Formen für ewig hält und sich aus seiner lebendigen Natur in jene Scherbengestalt hineinwähnet, dem bleibt jene unerreichbare lebendige Idee fern und fremde, das Ideal, das über alle Völker und Zeiten reichet.
     
Ist dem Volke so viel Kunstsinn als Sinn für Wahrheit und Ehrbarkeit nötig?
'Volksstimme, Gottesstimme", hieß es einst; und obwohl dies Lob über die Grenzen dessen, worüber das Volk seine Stimme geben kann, nicht ausgedehnet werden darf, so zeiget es wenigstens, daß in Sachen, die das Volk belangen, seinem Wahrheitssinn Achtung gebühre. Die meisten Erfahrungen, die ersten Realkenntnisse haben wir vom Volk erhalten, und es ist lustig zu denken, in welcher unwissenden Verlegenheit der Philosoph a priori sein würde, hätten durch ein scherzhaftes allgemeines Einverständnis Weiber und der gemeine Mann ihm die gemeinsten Erfahrungen, ewige Geheimnisse der Natur, verschwiegen oder falsch erzählet. Jetzt noch hangen wir in den wichtigsten Dingen nicht etwa nur von Nachrichten, sondern auch von Urteilen, Gesinnungen, noch mehr aber von der ganzen Denkart und Beschaffenheit des Volkes ab. Wer es sich zum Feinde macht, wer es zu verfinstern, zu verblenden, zu berücken gedenkt, der sehe zu, daß er nicht von ihm berückt und verfinstert werde.
      Mit menschlicher Teilnehmung, mit freundlicher Barmherzigkeit handelten also die Weisesten und Besten jeder Zeit gegen das Volk; das rem populi tractas war ihnen etwas Großes: auch in dem, was sie dem Volk gaben oder entzogen, dachten sie edelmütig, redlich.
      Ein Volk mit Kenntnissen überschnellen und übereilen, die ihm nicht gehören, ist ebenso vernunftlos und unbarmherzig, als ihm die Augen ausstechen wollen und das ihm nötige Licht versagen. Es unzeitig verwirren, schwächen, aus seiner Bahn locken, seinen Charakter verderben, ist ebenso schändlich als schädlich. Was könnt ihr dem Volk geben, wenn ihr ihm sein Herz und Vergnügen, seinen täglichen Fleiß und Frohsinn, seine glücklichen Schranken geraubt habt und es auf die dürren Weiden eurer nie ersättigten Begierden, eurer lechzenden Kenntnisse, eurer Kunstspekulationen und Subtilitäten hinaustreibet? Jemand an Vergnügen gewöhnen, denen er nicht nachgehen kann und darf, ist schon grausam; grausamer, wenn diese Vergnügen falsch sind. Ihr raubt ihm die Gesundheit, indem ihr ihn lüstern macht nach einer Lustseuche.
      Das arme deutsche Volk! Umstände ließen es nicht zu, daß es frühzeitig überfeint würde, Umstände, die in seinem Körperbau und Klima, in seiner Erziehung und Lebensweise, in seiner Verfassung und Geschichte lagen. Dagegen ward ihm von Feinden selbst in den frühesten und durch alle Zeiten das Lob der Gesundheit, der Treue und Keuschheit, der Ordnung in seinem Hauswesen, des Fleißes, der regelmäßigen Sittlichkeit nicht versaget. [...]

Sehet z. B. die Geschichte des deutschen Liedes, ja der schönen Künste in Deutschland überhaupt an; gegen andre Völker wie dürftig, ja in manchem wie grob, wie hölzern! Zumal wenn man nachahmen wollte, wozu man weder Geschick noch Trieb und Veranlassung hatte, wie ungeschickt, wie hölzern! Was dagegen für Deutsche diente, was ihnen aus Kopf, Herz und Hand entsprang, nützliche Künste und Erfindungen, Ordnungen und Gewerke, in der Literatur Lehre, Fabeln, Sinnsprüche, das war altdeutscher Witz und Geist. [...] Lehrhaft und fromm, ordnungliebend, keusch, gutmütig war und blieb die deutsche Muse. An Lebhaftigkeit also hinter andern Völkern zurück, wovon abermals der Grund im Charakter wie in der Geschichte des geduldig-gutmütigen Volks lieget; aber wer spät kommt, kommt er nicht noch? Die langsam, aber unermüdet fortwandernde Schnecke kam jenem vermessenen Hasen voran, der sich verachtend-stolz niederlegte und einschlief.
      Aber was geschah? Auf einmal nahmen wir uns zusammen, hüpften, sprachen - übertrieben. Wir ahmten nach, was irgend auf der Erde nachzuahmen war, so weniges für uns gehörte. [...][...] steigt ihr, um euren eigentümlichen Kunstsinn und Kunstgeschmack zu zeigen, damit euch alle Nachbarn verhöhnen, so tief hinab, ihr Deutschen? [...] Wenn dies [...] Kunstsinn der allein echten, seligmachenden Poesie ist, unser Volk wird dadurch nicht selig. Zerstört ihr ihm sein Heiligtum, [...] damit er das Widrigste als reines Kunstprodukt empfangen lerne -, was habt ihr ihm damit gegeben ? Deutsche Nationallieder? Gewiß nicht. Kunstprodukte? Verschont das Volk damit. Diesen Kunstsinn weiß es nirgend zu gebrauchen. Er bleibe euch und führe euren Namen, ihr Kunsterfinder. [...]
Erstdruck: Adrastea. Herausgegeben von J. G. Herder. Erster Band. Erstes Stück. Leipzig, bei Johann Friedrich Hartknoch, 1801, S. 79-83; dass., 10. Stück Leipzig, bei Johann Friedrich Hartknoch 1803, S. 287-292. Textvorlage: Herders Sämmtliche Werke. Hg. v. Bernhard Suphan. 23. Bd. Weid-mannsche Buchhandlung, Berlin 1885, S. 73-76; dass., 24. Bd. Berlin 1886, S. 271-275.
     

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