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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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JOHANN ELIAS SCHLEGEL - Vergleichung Shakespeares und Andreas Grypbs bei Gelegenheit des Versuchs



Wie sorgfältig Shakespeare gewesen, seine Charaktere zu bilden, sieht man daraus, daß er meistens ihre ganzen Charaktere einem andern in den Mund gelegt und sie so beschreiben lassen, daß fast nichts hinzuzusetzen übrig bleibt. [...]

Man sieht, daß diese Charaktere alle eine ziemlich große Ã"hnlichkeit mit den historischen Charakteren haben; obgleich Shakespeare, nach dem Urteile der Engeländer, seine Menschen selber gemacht hat. Dieses ist eine große Regel für diejenigen, die ein gleiches wagen wollen. Man kann den Charakter einer Person, die aus der Geschichte bekannt ist, zwar etwas verändern und entweder höher treiben oder etwas weniger von seinen Tugenden und Lastern in ihm abbilden, als die Geschichte es ihm zuschreibet. Aber wenn man weiter gehen wollte, so würde man mit seiner Menschenmacherei mehr zum Romanschreiber als zum Dichter werden, und es würdelächerlich sein, sooft einem ein Fehler, den man wider den Charakter gemacht hat, vorgeworfen wird, sich damit entschuldigen wollte, daß man seine Menschen selber machte. Man wird mir erlauben, daß ich, um den Wert dieser großen Tugend des Shakespeare recht ins Licht zu setzen, eine Ausschweifung auf andre Nationen mache, welche sich zuweilen nicht undeutlich zu rühmen scheinen, daß ihre theatralischen Personen zwar die Namen der historischer Personen führen, aber von jenen ganz unterschieden sind. Denn sind es die Namen, die in der Historie bekannt sind: so wird einem Zuschauer, der nicht ungelehrt ist, indem er diesen Namen hört, auch dieser Charakter beifallen. Und anstatt, daß er ein Vergnügen über die Ã"hnlichkeit, die der nachgeahmte Held mit dem wahren hat, empfinden sollte, wird er ein Mißvergnügen über die Unähnlichkeit dieser beiden Helden empfinden. Dieses wird nicht so leicht geschehen, wenn der Charakter in den Hauptumständen ähnlich und nur in Nebenumständen verändert wird. Man pflegt auch von den größten Helden nur ihre Haupttugenden und ihre Hauptlaster im Gedächtnisse zu behalten. Unähnlichkeiten, die nicht merklich sind, sind im Absehen auf unsre Empfindung keine Unähnlichkeiten. Dennoch ist es nicht zu leugnen, daß ein Charakter, welcher auch die kleinsten Züge des historischen nachmalet, deswegen hoch zu schätzen sei; weil er auch die genauesten Kenner der Geschichte, welche die Ã"hnlichkeit am besten beurteilen können, befriedigen wird. Hingegen wird ein selbstgemachter Held den größten Vorteil darinnen haben, daß die Züge desselben viel verwegner scheinen und dessen Charakter in der Bildung künstlicher und gefährlicher sein wird; weil man leichtlich Dinge, die nicht sein können, malen wird, wenn man Dinge malt, die nicht sind. Man findet die Gemütsbewegungen viel heftiger und ausdrücklich in den Gesichtern abgebildet, die der Maler selbst gedichtet hat, und ein Konterfei, welches nach einem Menschen gemacht ist, zeiget hingegen mehrenteils Gelassenheit oder doch nur gelinde Gemütsbewegungen. Es ist also eine erlaubte Kühnheit, seine Helden selbst zu machen, wenn sie nur die Geschichte nicht offenbar Lügen strafen. Es ist keine Kunst, seiner Einbildung den Zügel schießen zu lassen und sein Hirngespinst dann unter dem ersten Namen zu verkaufen, der einem in das Maul kömmt. Und es ist eine lobenswürdige Mühsamkeit, die innersten Winkel der Geschichte zu durchstören und den alten Helden wieder lebendig zu machen.
      Wer das erste tut, der wird leicht unwahrscheinlich; wer das andre tut, ist es schon, und wer den dritten Weg wählt, der ist sicher, es nicht leicht zu werden.

     
Unser Gryph ist diese letztere Bahn gegangen, und sein Gedicht ist der Wahrheit auf dem Fuße nachgefolgt. Ich muß es gestehen, ich finde nirgends, daß er seinen Helden so vollständige Bilder voneinander in den Mund geleget. Aber ihre Gemütsbeschaffenheit entdecket sich in ihren Taten, und man sieht mit leichter Mühe, daß er die Charaktere, die er nicht vorgeschrieben, in den Gedanken behalten. [...]
Will man nun sagen, daß Gryph mit Wissen und Willen seine Charaktere so genau beobachtet hat: so sieht man an ihm einen Mann, der nicht minder als Shakespeare hoch zu achten ist: ob er gleich seine Kunst mehr als jener verstecket hat. Sagt man aber, daß er unvermerkt so natürlich geworden, indem er der Geschichte gefolget: so sieht man, was es für ein Vorteil ist, sein Vorbild recht aufmerksam vor Augen zu haben.
      Dieses kann ich unterdessen nicht leugnen, der Engelländer hat einen großen Vorzug in den verwegnen Zügen, dadurch er seine Charaktere andeutet, welcher Vorzug eine Folge der Kühnheit ist, daß er sich unterstanden, seine Menschen selbst zu bilden, und welchen wenigstens ein andrer so leicht nicht erlangen wird. Denn wir sehen teils einen Charakter, den wir selbst machen, allezeit vollkommener ein als einen solchen, den wir aus der Geschichte nehmen. Andern teils aber ist derjenige, der aus Behutsamkeit auf der eingeschränkten Bahn gehet, die ihm von den Geschichten gelassen worden, selten kühn genug, etwas dergleichen zu wagen. [...]
Beide, sowohl Shakespeare als Gryph, sind in ihren Gemütsbewegungen edel, verwegen und noch etwas über das gewöhnliche Maß der Höhe erhaben. Beide sind auch zuweilen schwülstig und verfallen auf weit ausgeführte und weit hergeholte Gleichnisse [...]. Der Unterschied zwischen beiden ist in ihren Gemütsbewegungen bloß dieser, daß Shakespeare zwischen jeglicher Gemütsbewegung einigen Raum läßt; Gryph aber alles zu Gemütsbewegungen machen will und dadurch, wenn die Materie dazu zu schwach ist, in etwas Ãobersteigendes und Lächerliches fällt. [...]
Wir könnten ebenfalls eine nicht unangenehme Vergleichung zwischen den Sittensprüchen dieser beiden Dichter machen, welche bei beiden pathetisch sind. Bei Shakespeare aber scheint überall eine noch tiefere Kenntnis der Menschen hervorzuleuchten als bei dem Gryph, obgleich die Sittensprüche auch bei diesem letztern deswegen nicht gemein sind. [...]
Einen Fehler hat Shakespeare vor Gryphen, außer denenjenigen, die die Einrichtung und die drei Einheiten eines Trauerspiels betref-fen, zum voraus; daß er nämlich die edlen Regungen, die er erwek-ket, durch niedrigere Bilder immer wieder einreißet und daß er einem nicht zuläßt, ihn lange ungestört zu bewundern. [...] Em Poet, der Trauerspiele schreibt, tut es, um in seinen Zuschauern edle Regungen und Leidenschaften vermittelst der Nachahmung zu erwecken: und alles, was dieses hindert, ist ein Fehler, es mag so gut nachgeahmet sein als es will. Eben deswegen verbannet man daraus alle gemeinen Reden großer Herren, auch so gar alle Bonmots derselben, die etwas an sich haben, das zum Lachen beweget. Die Natur dient also nicht zur Entschuldigung, wenn man großen Herren schlechte Redensarten und Schimpfwörter in den Mund leget. Zu diesem Fehler kommen auch viele kalte Szenen bei dem Shakespeare. Hieher gehöret, wenn Brutus den Lucius eine Lampe in seine Studierstube setzen und hernach ihn in den Kalender sehen heißt, wenn er seinen Schlafpelz fordert, wenn Cinna, der Poet, unter den Pöbel fällt, wenn ein Poet zu den uneinigen Feldhern ins Zelt dringet; wenn man auf dem Schauplatze eins auf gute Freundschaft trinkt, und was dergleichen mehr ist. Sonderlich aber, wenn man einander mehrmals fragt, was die Glocke geschlagen? gerade, als ob es in Rom Schlaguhren gegeben hätte. [...]
Ich glaube nunmehr, daß ich dem Shakespeare sein völliges Recht habe widerfahren lassen und daß diejenigen, die alte Poeten lieben, wo mehr ein selbstwachsender Geist als Regeln herrschen, und die sich nicht abschrecken lassen, etwas Rauhes zu lesen und die Tugenden eines Poeten zu bewundern wissen, ohne seine Fehler hoch zu achten, eine genauere Vergleichung dieser beiden Leute mit vielem Vergnügen machen werden. Ich habe weder Platz noch Lust gehabt, ihnen alle Schönheiten dieser großen Leute zu zeigen: und noch weniger haben wir diesen Platz anfüllen wollen, mehr Fehler von ihnen anzuführen, woran mehr ihre Zeiten als sie selber Schuld haben. [...]

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