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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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JOHANN ELIAS SCHLEGEL - Gedanken zur Aufnahme des dänischen Theaters



[...]
Denn eine jede Nation schreibt einem Theater, das ihr gefallen soll, durch ihre verschiedenen Sitten auch unterschiedliche Regeln vor, und ein Stück, das für eine Nation gemacht ist, wird selten den andern ganz gefallen. Wir können uns hiervon besonders durch den großen Unterschied des französischen und des englischen Theaters überzeugen. Beide sind in ihrer Art sehr schön; und doch wird nicht leicht ein englisches Stück auf dem französischen, noch ein französisches auf dem englischen Theater vollkommen Beifall erwarten dürfen. [...]

Ich mache diese Anmerkungen, bloß um zu beweisen, daß ein Theater, welches gefallen soll, nach den besöndern Sitten und nach der Gemütsbeschaffenheit einer Nation eingerichtet sein muß, und daß Schauspiele von französischem Geschmacke in England und von englischem in Frankreich gleich übel angebracht sein würden. Wenn ich dieses in Deutschland schriebe, so würde ich es zugleich in der Absicht sagen, einige eben so verwegene als wie unwissende Kunstrichter von ihren verkehrten Begriffen zu überführen, da sie ein Theater [...], nämlich das englische Theater deswegen für schlecht, verwirrt und barbarisch ausgeben, weil es nicht nach dem Muster des französischen eingerichtet ist, und weil die Poeten in England, wie ein sinnreicher Poet und, wo ich nicht irre, Steele selbst sagt, ihre Stücke nicht nach Rezepten machen wie das Frauenzimmer seine Puddings.
      Bei Einrichtung eines neuen Theaters muß man also die Sitten und den besondern Charakter seiner Nation in Betrachtung ziehen und zugleich den edelsten Endzweck vor Augen haben, der durch Schauspiele überhaupt und der insonderheit bei unserer Nation erhalten werden kann. [...]
Das Theater würde seine Natur verändern und nicht mehr unter die Ergetzlichkeiten gehören, wenn man nicht festsetzte, daß der Hauptzweck desselben in demjenigen Vergnügen beruht, das die Nachahmung der menschlichen Handlung erwecket. Dieses Vergnügen ist um desto edler, weil es ein Vergnügen für den Verstand und nicht allein für die Sinnen ist. Ein Stück, bei welchem noch so viel Kunst verschwendet, aber die Kunst zu ergetzen vergessen worden ist, gehört in die Studierstube und nicht auf den Schauplatz. Ein Stück hingegen, das nur diesem Hauptzwecke Genüge tut, hatein Recht, auch den vernünftigsten Leuten bloß aus dieser Ursache zu gefallen; wo nämlich nichts wider die guten Sitten darin enthalten ist. Was aber wider die guten Sitten streitet, kann für einen vernünftigen Menschen kein Ergetzen sein. Denn es hat in Ansehung unsers Verstandes eben die Wirkung, die das Unflätige in Ansehung unserer Sinnen hat. Wohlerzogenen und feinen Leuten erweckt es Ekel. Groben und ungeschliffenen Menschen aber kann auch der Kot zum Gelächter dienen.
      Obgleich das Vergnügen der Hauptzweck des Theaters ist, so ist es doch nicht der einzige Zweck desselben. [...] Lehren ist ohne Zweifel eine viel wichtigere Sache als Ergetzen. Gleichwohl ist das Theater, das seinem Wesen nach bloß zum Ergetzen gemacht ist, zum Lehren sehr geschickt. [...]
Ein anderer und nicht zu verachtender Endzweck der Schauspiele ist die Auszierung und Verbesserung des Verstandes bei einem ganzen Volke. [...]
So vielerlei Arten von sittlichen Handlungen es gibt, welche eine Reihe von Absichten, Mitteln und Folgen in sich enthalten; und so vielerlei die Personen sind, von denen solche Handlungen vorgenommen werden; so vielerlei Arten theatralischer Stücke gibt es. Wenn ich also die Handlungen in so weit betrachte, als sie entweder das Lachen oder ernsthafte Leidenschaften erregen; und wenn ich die Personen ihrem Stande nach in hohe und niedrige einteile, so werde ich folgende Arten von Schauspielen herausbringen: Erstlich Handlungen hoher Personen, welche die Leidenschaften erregen; zweitens Handlungen hoher Personen, welche das Lachen erregen; drittens Handlungen niedriger Personen, welche die Leidenschaften erwecken; viertens Handlungen niedriger Personen, welche das Lachen erwecken, fünftens Handlungen hoher oder niedriger oder vermischter Personen, welche teils die Leidenschaften, teils das Lachen erregen. Die erste Art von diesen Handlungen ist der Grund zu denjenigen Schauspielen, die man Tragödien nennt, und aus den andern insgesamt entstehen Komödien, worunter auch die Schäferspiele gehören. [...]
Nichts ist geschickter, die Zuschauer in der Aufmerksamkeit zu erhalten, nichts tut hierinnen eine so ungemeine Wirkung, als wenn man in die Handlung eine Person von einem solchen Charakter einflicht, daß der Zuschauer sie lieb gewinnt, daß er für sie leidet und wünschet. Diese Person muß an der Handlung einen Anteil haben und in eine solche Lage gebracht werden, daß man bis zum Ausgange ungewiß bleibt, ob derselbe sie entweder glücklich machen oder doch vor einem gedrohten Unglücke in Sicherheit setzen oder ob er sie auch vollkommen unglücklich machen werde. Denn nie kann man zuverlässiger von der Aufmerksamkeit des Zuschauers versichert sein, als wenn sein Herz an der Handlung Anteil nimmt. Eine solche Person braucht nicht allemal die Hauptperson, dem Charakter nach, zu sein. [...]
Sowohl in der Wahl, Verschiedenheit und Feinigkeit als auch der genauen Bestimmung der Charaktere zeiget sich besonders die Größe des Meisters. [...]
Die Wahrheit zu gestehen, beobachten die Engländer, die sich keiner Einheit des Ortes rühmen, dieselbe großenteils viel besser als die Franzosen, die sich damit viel wissen, daß sie die Regeln des Aristoteles so genau beobachten. Darauf kömmt gerade am allerwenigsten an, daß das Gemälde der Szenen nicht verändert wird.

      [-••]
Ich will [...] die Gewohnheit, die Einheit der Zeit und des Ortes zu beobachten, keineswegs in Verachtung bringen; sondern ich sage es bloß, um einer jeden Regel ihren rechten Wert zu bestimmen, damit man nicht fortfahre, wie viele tun, nach der äußerlichen Form der Schauspiele ihre innerliche Schönheit zu schätzen. Ich weiß vielmehr aus eigener Erfahrung in theatralischen Werken, daß nichts leichter ist, als die Einheit der Zeit und des Ortes zu beobachten, wenn man sich nur bemüht, seine Handlung beständig in Bewegung zu erhalten, und wenn man keine Person in andern Absichten auftreten oder abgehen läßt, als um die Handlung zu befördern und zu ihrem Ende zu gelangen. Ja, eben diese Einheiten helfen zur Einheit der Handlung, das ist, zum beständigen Fortgange der Handlung, wenn man sie gehörig zu beobachten und beides, die Zeit und den Ort, wohl zu wählen weiß. [...]
Die Deutschen haben den Fehler begangen, daß sie ohne Unterschied allerlei Komödien aus dem Französischen übersetzet haben, ohne vorher zu überlegen, ob die Charaktere derselben sich auch auf ihre Sitten schickten. Sie haben also aus ihrem Theater nichts anders als ein französisches in deutscher Sprache gemacht. [...]
Ich kann noch hinzusetzen, daß es überhaupt ein großer Schade für den Witz einer Nation ist, wenn man sich immer mit Ãœbersetzungen fremder Werke behilft und die Ermunterung der guten Köpfe in seinem Vaterlande verabsäumt. Das Theater ist allemal das vornehmste Feld und die bequemste Gelegenheit, wo die witzigen Köpfe einer Nation sich üben können; man muß es also nicht so dicht mit ausländischen Arbeiten besetzen, daß den einheimischen der Platz benommen wird. [...]

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