Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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JOACHIM G. BOECKH, GÜNTER ALBRECHT, KURT BÖTTCHER, KLAUS GYSI, PAUL GÜNTER KROHN, HERMANN STROBACH



Geschichte der deutschen Literatur. Bd. 5: 1600-17

   [...]
Die innerhalb der Literaturentwicklung des 16. und 17. Jahrhunderts - die sich insgesamt als Übergangsepoche vom Feudalismus zum Kapitalismus darbietet - kurz vor 1600 gesetzte Zsur bezeichnet den Anfang einer neuen gesellschaftlichen und literarischen Entwicklung im territorialfrstlichen DeutscHland. Diese neue Periode war - obgleich zeitweise eine Verflechtung der Interessen des Feudaladels und der wirtschaftlich starken sowie gebildeten Schichten des Brgertums bestand - ebenfalls mit harten ideologischen Auseinandersetzungen ausgefllt.

      Charakteristisch ist, da die Literaturschaffenden, der Zahl nach berwiegend Gelehrte brgerlicher Herkunft, meist im Dienst der frstlichen Hfe standen oder doch - innerhalb ihres engen heimatlichen Territoriums - unmittelbar deren Einflssen ausgesetzt waren. Diese Hfe besaen eine doppelte Funktion: Einerseits boten sie als Bildungszentren nach dem Niedergang der Stdte und whrend des Dreiigjhrigen Krieges den Intellektuellen die bentigten Wirkungsmglichkeiten, andererseits aber beschnitten sie die brgerliche Ideologie. Dennoch haben die brgerlichen Schriftsteller zwei bedeutende kmpferische Leistungen fr ihr Jahrhundert vollbracht: Auf theoretisch-sthetischem Gebiet erarbeiteten sie die Grundlagen einer auf die deutsche Sprache und Literatur orientierten Poetik und frderten dadurch die praktische Ausbildung bestimmter Genres und eines kunstvollen Sprachstils, zum andern schufen sie in der literarischen Praxis Voraussetzungenund erste groe Zeugnisse fr eine brgerliche, vom patriotischen Gedanken und vom Kampf fr den Frieden des Volkes durchdrungene realistische deutsche Nationalliteratur. Dem staatlich zerrissenen, unter dem Joch des Krieges leidenden Vaterland versuchten sie eine deutsche Nationalliteratur zu geben, die sich der auslndischen Vorbilder nicht zu schmen brauchte. So konnte, nachdem die Wunden des Dreiigjhrigen Krieges vernarbt waren, wiederum eine qualitativ neue Stufe in der Zeit um und nach 1700 erreicht werden; denn die folgende, sich ideologisch und sthetisch emanzipierende brgerliche Literatur des 18. Jahrhunderts beT zeichnet, obwohl der Feudalabsolutismus politisch und gesellschaftlich herrschte und tiefe Spuren in vielen dichterischen Werken hinterlie, eine grundstzlich neue Periode der deutschen Literaturentwicklung.
      Die Literatur des 17. Jahrhunderts wurde von einem durch die Machtflle der Hfe geschwchten Brgertum getragen und zeigte zwar groe dichterische Leistungen innerhalb des brgerlichen Bereichs , produzierte andererseits aber auch eine vielfltige Apologetik des Feudalabsolutismus.
      [• ■ ■]
Die deutsche Literatur des 17. Jahrhunderts hat auch wichtige
Anregungen aus der Literatur anderer europischer Nationenerhalten und verarbeitet. Welcher Art waren diese Einflsse undwarum fanden sie einen aufnahmebereiten Boden?
Fr einen jungen Adligen und auch fr den heranwachsenden brgerlichen Gelehrten, fr den Studenten war es damals blich, mit dem Ausland in Verbindung zu treten. Ein junger Mensch dieser Kreise, der sich umfassend bilden wollte, strebte danach, die Universitten und Bildungssttten vor allem Italiens und Frankreichs, in wachsendem Mae aber auch die der Niederlande, aufzusuchen. Hierdurch ergab sich eine sehr enge Berhrung mit dem geistigen Leben der betreffenden Lnder, ein Kontakt, der unmittelbarer und lebendiger war, als es gewhnlich angenommen wird.
      Je unbefriedigender der Zustand in dem von der politischen und konfessionellen Spaltung so schwer benachteiligten sowie unter dem Krieg leidenden und von der feudal-klerikalen Reaktion bedrckten Deutschland war, desto mehr mute auf diese Menschen, wenn ihnen humanes Denken und Liebe zum Vaterland am Herzen lagen, das Bild wirken, das sich ihnen beim Kennenlernen der Literaturen der Nachbarstaaten bot.

     
Zwei Dinge vor allem waren es, die tiefe Aufmerksamkeit und den Willen zu wetteifernder Nachahmung erregten. In Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, England, den Niederlanden und in Polen waren Literaturen entstanden bzw. im Entstehen, die mit vollem Bewutsein national waren. Und diese Literaturen hatten die jeweilige lingua vulgaris, die Volkssprache, zu hellem Glanz gebracht, sie hatten bewiesen, da sich eine Literatur, die sich der Nationalsprache bedient, durchaus neben die Dichtung der Antike und unbedingt neben die neulateinische stellen kann. Das war ein erregender Ansporn, nun auch eine deutsche Dichtung zu schaffen, die den Vergleich mit der Literatur anderer Nationen nicht zu scheuen brauchte, zumal die allgemeinen Bedingungen hierfr auch in Deutschland herangereift waren. [...]
[...] grob skizziert kann man sie in zwei Phasen teilen, deren Zsur etwa um die Jahrhundertmitte, genauer fixiert im Dezennium nach dem Ende des 30jhrigen Krieges liegt.
      In der ersten dieser beiden Phasen wird das bewute Ringen brgerlicher Schriftsteller um eine eigenstndige, knstlerisch ausgereifte deutsche Nationalliteratur sichtbar. Dabei gehen praktische Ausbung und theoretische Fundierung Hand in Hand. Es galt zunchst, eine am Vorbild des Auslands, vor allem der Lyrik , geschulte deutsche Dichtersprache zu entwickeln, die Formen und den Ausdruck zu kultivieren. Gleichzeitig aber mute ein stndiger Kampf gegen die fremdsprachlichen Uber-wucherungen des Deutschen gefhrt werden, wie sie besonders an den Hfen Mode geworden waren. [•••]
Der deutsche Weg fhrte zum groen Teil von der Theorie, der Poetik, dem Vorsatz, etwas Bestimmtes zu schaffen, mhsam zum praktischen Ziel. Fast jeder Anregung, fast jedem auslndischen Ansto wurde gefolgt. Doch nicht von allen; manch ein Dichter ging wenig beeinflut vom Vorbild des Auslandes und auch vom hfischen Geschmack eigene Wege.
      Der Neubeginn um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert unter dem Einflu des Auslands brachte zunchst die Anerkennung und Einstellung auf die nationale, in der Volkssprache verfaten schnen Literatur mit sich. Man lernte und bersetzte, kopierte und schuf Theorien und dachte — zum erstenmal seit der Blte des Humanismus - wieder darber nach, was 'Dichten", was die Aufgabe der Literatur sei. Man bekam das Gefhl fr die Wrde der Dichtung, und damit wuchs die Überzeugung von der ge-seilschaftlichen Achtung des Schriftstellers. Dichtung solle zwar Freude bereiten, hie es, doch solle sie - in Anlehnung an die antike Auffassung — auch ntzlich sein, sie solle belehren, innerlich reich machen , und zwar entweder im Sinne einer Belehrung zum hfischen Tugendideal oder einer auf die Erziehung zur selbstbewuten, brgerlich-individuellen Persnlichkeit gerichteten Tendenz . Der Dichter stellte sich neben den Gelehrten, war oft selbst ein 'Gelehrter", und Wissenschaft und Dichtung waren damals, als die gesamten geistigen Bestrebungen der Zeit in der schnen Literatur weitgehend ihren Ausdruck fanden , eng miteinander verknpft. Theoretische Errterungen ber poetische Regeln sowie satirische Auseinandersetzungen nahmen einen breiten Raum ein. Daneben spielten — entsprechend der historischen Situation im Zeitalter der erstarkenden Gegenreformation — der Konfessionshader sowie die persnlichen religisen Probleme innerhalb und auerhalb der Kirche eine groe Rolle. Viele Dichter knpften an die mystischen Strmungen vergangener Perioden an, weil sie in ihrem Streben nach dem 'wahren Christentum" mit den religisen Lehren der offiziellen Kirchen, mit der Ideologie der Feudalordnung, die - besonders im katholischen Bereich — oft genug im Widerspruch zur ppigen Weltlichkeit der Geistlichen standen, unzufrieden waren. Ähnlich wie in der nationalbetonten Satire drckten sich auch in Mystik und Sektierertum Kritik an der kirchlichen Orthodoxie mit ihrer Bevormundung der menschlichen Persnlichkeit und dem Streben nach nationaler wie auch sozialer Bewutheit aus. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte also - immanent oder offen zutage tretend — das Sichzurechtfinden des brgerlichen Denkens inmitten einer hfisch bestimmten Welt. Die Renaissance hatte Impulse geweckt, die auf die Entdeckung und Ausbildung der individuellen Persnlichkeit gerichtet waren, und so fanden die am Ausgang des 16. Jahrhunderts offenbar gewordenen Anstze zu einer persnlich bestimmten lyrischen Kunstdichtung jetzt eine historisch bedeutsame Nachfolge und Ausbildung.
      Alle diese Tendenzen — zeitkritische und von echter Religiositt bestimmte, zu individueller Aussage und nationalen Forderungen drngende Ansichten - kamen in erster Linie in der Lyrik zum Durchbruch. Die anderen Gartungen standen noch, abgesehen von mancherlei theoretischen Errterungen, im Hintergrund. Alle Bemhungen aber wurden beeinflut und berschattet vom nationalen Unglck des Dreiigjhrigen Krieges, der ber Jahrzehnte das Sehnen des Volkes nach Frieden und Einigung bestimmte und dementsprechend dazu beitrug, in der brgerlichen Dichtergeneration gemeinsames Hoffen und Harren wachsen zu lassen. In unserer Darstellung wird deutlich, wie zeitbewegende Inhalte sich eine neue Form suchten und wie ferner bestimmte Motive — so Kriegsleid und Friedenssehnsucht, aber auch stoische Schicksalsergebenheit und verworrene, vom Konfessionshader durchschttelte Religiositt und Jenseitssehnsucht — im Vordergrund standen, wie die ungeheure Widersprchlichkeit des damaligen Lebens, das Hin und Her der Kriegswirren sowie die krassen Gegenstze zwischen Unteren und Oberen der Kunst und Literatur den Charakter der Polaritt, einer inneren Spannung, Unruhe und Zerrissenheit -verliehen. Aus diesem erlebten Spannungsverhltnis zur Wirklichkeit resultiert eines der beherrschendsten Motive dieser Dichtung, das der vanitas [...] Die Auffassung von der Eitelkeit alles Irdischen, von der unabwendbaren Vergnglichkeit alles Existenten mute gerade dem kritischen Brger des 17. Jahrhunderts naheliegen, der tagtglich Tod und Verderben ber Menschen hereinbrechen sah, in Kriegslufen sein Domizil fters wechseln mute, der die ungeheure, ausweglos scheinende Not des Volkes erlebte, von gefolterten Mrtyrern hrte, die sich gegen die Herrschenden emprten, ,aber auch manche eben errichteten Throne strzen sah. Freilich reichte die urschliche Erkenntnis gesellschaftlicher Zusammenhnge meist nicht weiter als zur Annahme unheilvoller hfischer Intrigen und Rnkespiele, wenn nicht gar gttlicher strafender Schicksalsfgungen. Und hier gesellt sich zum biblischen 'Alles ist eitel" das Motiv der Einsamkeit, wie es am erschtterndsten Gryphius gestaltet hat: darin ist mehr ausgedrckt als das Gefhl des Zweifels und der persnlichen leidgeprgten Verlassenheit - es spricht daraus die eindringliche Stimme eines groen Dichters, der nicht die Macht einer progressiven und tragenden Klasse hinter sich hat, der sich als einzelner gegen die Welt gestellt sieht und dennoch immer wieder Anstze findet, national zu empfinden und fr Deutschland zu hoffen: Es werden Deine Mauern nicht mehr in Jammer stehen!
Die in der Literatur der ersten Phase behandelten Hauptfragen lassen also die nationale Problematik erkennen und zeigen, da der
Krieg unmittelbar wie mittelbar weite Bereiche des Fhlens und Denkens bestimmte. [...]
Die zweite Phase unserer Darstellung behandelt die geistige Verarbeitung des Krieges, die Reaktion auf die Nachkriegszeit und damit auch auf die zunehmende Feudalisierung des gesellschaftlichen Lebens. Die progressiven wie regressiven Tendenzen der vorangegangenen Phase rcken noch strker auseinander, bis sich schlielich immer deutlicher zwei in ihrer knstlerischen wie ideologischen Position entgegengesetzte Hauptgruppen erkennen lassen. Auf der einen Seite finden wir ein zunehmendes Hfischwerden der meist von abhngigen Brgern geschaffenen Literatur, ihr endgltiges Absinken durch die Flucht in die Formspielerei und eine Aussage im Dienst hfischer Kunstinteressen; Worte wie 'galant" oder 'Schwulst" sind uere Kennzeichen dieser Richtung. Auf der anderen Seite sehen wir, da die vergangenen Leistungen der vom Brgertum bestimmten Dichtung bewut weitergefhrt werden; neue realistische und volksverbundene, durch das harte Kriegserlebnis gefrderte Tendenzen, meist mit ausgesprochen gegenhfischem Einschlag, treten auf; dabei liegt nicht selten irrationales Denken in stndigem Kampf mit der durch naturwissenschaftliche Erkenntnis impulsierten menschlichen Vernunft.
      Dieser Entwicklungsproze zeigt oft Überschneidungen und widersprchliche Formen. So bediente sich zum Beispiel der gegen-reformatorische Katholizismus gern volkstmlicher Ausdrucksmittel, whrend progressive Tendenzen innerhalb der mystischketzerischen Strmung das Gewand dunkler und von Inspiration berwucherter Symbolik trugen. Hingegen wurde die Klassenfront in den groen Gattungen des Romans und des Dramas, deren Weiterentwicklung sich vor allem in der zweiten Phase dieser Periode abzeichnet, sichtbar: whrend auf der einen Seite eine offene oder verschlsselte Apologetik der bestehenden Feudalordnung gegeben wurde, orientierte man sich im anderen Lager in Stoff-, Helden- und Themenwahl auf das Volk bzw. auf breite Schichten des Brgertums; damit wurde ideologisch der um die Jahrhundertwende einsetzenden Aufklrung Vorarbeit geleistet. [...]
Wie im 16., so war auch im 17. Jahrhundert die literaturtragende Klasse das - in seiner gesellschaftlichen Position allerdings vernderte — Brgertum. Das Volk, in wachsendem Mae wieder den herrschenden Mchten, Staat und Kirche, ausgeliefert und im Chaos des groen Krieges der Hauptleidtragende, besa nicht mehr jenes plebejisch-rebellische Selbstbewutsein, den brgerlichen Stolz und Freiheitsdrang, nicht mehr das buerlich-trotzige Aufbegehren, welche ber den buerlich-revolutionren und brgerlich-reformatorischen Bewegungen zu Beginn des 16. Jahrhunderts leuchteten. Politische Aktionen waren zur Wirkungslosigkeit verdammt. Die Volksmassen selbst hatten keine Gelegenheit, sich unmittelbar knstlerisch zu bettigen oder etwa gar die Dichtung der Zeit zu bestimmen; es fehlten die gesellschaftlichen und ideellen Voraussetzungen. Und der brgerliche Dichter mute sich aus existentiellen Grnden eng an den Hof oder die stdtische Oberschicht halten, war zudem durch seinen meist akademischen Werdegang und einen entsprechenden Beruf auf eine Lebenssphre angewiesen, die ihm den Kontakt mit dem einfachen Volk erschwerte.
      Nicht zufllig rckt neben dem Geistlichen und Schulmann, der schon in der zweiten Hlfte des 16. Jahrhunderts den Ton in der Literatur angab, der Stand des Gelehrten in den Vordergrund. [...]
Innere Unruhe und Bewegung, hufig wechselnde Frb- und Klangkontraste, rauschhafte Metaphorik und antithetisches Denken, ausladendes Pathos und die Lust an rationaler Erkenntnis und zugespitzter Sentenz, elegische, von Todesahnung beschattete Tne, aber auch derbe, vor krassen Geschmacklosigkeiten nicht zurckschreckende Komik - oft erschien alles vereinigt in heterogenen Mischformen wie auch in den groen Gattungen, der Lyrik, dem Drama, dem Roman.
      Dabei ist bezeichnend, da gerade die bedeutendsten Dichter dieser Zeit, welche die nationale und individuelle Aussage miteinander verbanden und tief zu gestalten vermochten, solche unterschiedlichen Darstellungselemente zu ihrem eigenen, im wesentlichen realistisch bestimmten Stil machten: So zeitverhaftete Kunstwerke wie die Schpfungen eines Fleming oder Gryphius, Logau oder Grimmeishausen und vieler anderer sind - als wertvolle Bausteine unserer Nationalliteratur — deshalb heute noch von unverminderter Wirkung. Andere Schriftsteller jedoch, die der hfischen Ideologie und hfischen Kunstauffassung erlagen, verfielen - die Widerspiegelung der Wirklichkeit und die gesellschaftliche Bezogenheit durch Pomp und Schwulst ersetzend - einem Stilmanierismus, der alle bisher errungenen Mittel eklektizistisch aufnahm, sie zum Formspiel entwertete und ins 'Barock" steigerte. [...]

Wenn wir also die besondere Stilstruktur dieser Periode betrachten, so haben wir nicht nur die historisch verschiedenen Etappen zu prfen, sondern auch zwei Hauptlinien der Entwicklung - eine brgerliche, zu realistischer Gestaltung tendierende und eine im wesentlichen hfisch bestimmte, die sich unrealistischer Mittel bedient - zu verfolgen. Ein stndig wechselnder Blick auf Lngs- und Querschnitte ist notwendig. [...]
Zu einer historisch-konkreten Wrdigung der Schriftsteller des 17. Jahrhunderts gelangen wir nicht, wenn wir sie - angesichts der damaligen gesellschaftlichen und politischen Situation - allein danach bemessen, ob sie gegen die Feudalklasse und den landesfrstlichen Absolutismus rebelliert haben. Diese Aufgabe ergriffen in breitem Mae erst die Dichter des 18. Jahrhunderts. Gerecht werden wir ihnen, wenn wir auch erkennen, wie sie sich um die Entwicklung der deutschen Sprache und einer deutschen Nationalliteratur bemhten, und wie sie - von humanistischen Gedanken beflgelt - die starren Grenzen der kirchlichen Orthodoxie sowie die staatlich-stndische Bevormundung und Unterdrckung kritisierten und zu berwinden trachteten.
      So liegt zum Beispiel die Bedeutung der besten religisen Gedichte und Lieder jener Zeit nicht, wie gern gesagt wurde, in ihrer 'Innigkeit"; ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, da in diesen Dichtungen eine vermenschlichende, d. h. skularisierende Tendenz enthalten ist. [...]
Eine Formel wie 'aufsteigendes Brgertum" ist auf das 17. Jahrhundert angesichts der tatschlichen Machtverhltnisse und der gesellschaftlichen Ereignisse innerhalb der Gesamtgesellschaft in Deutschland nicht vollgltig und ausschlielich anwendbar. Dagegen scheint es - bei der zeitweiligen Interessensymbiose zwischen oberem Brgertum und landesfrstlicher Feudalitt - richtiger, von der Literatur des 17. Jahrhunderts sowohl als einer Periode der politisch-ideologischen Anpassung als auch einer klassenmigen Selbstbesinnung des deutschen Brgertums zu sprechen. Wenn auch die - zwar berwiegend von Brgerlichen geschaffene, doch oft hfisch-feudal bestimmte oder noch von auslndischen Vorbildern abhngige - deutsche Literatur dieser Periode fr die bewut brgerlichen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts nur selten von unmittelbarem Einflu war , so war sie es doch, die eine deutsche Kunstlyrik, eine eigenstndige deutsche Dramatik und einen deutschen Roman, berhaupt eine deutsche Literatur mit nationalem Inhalt schuf. [...] Die progressiven Schriftsteller des 17. Jahrhunderts sind nicht 'Barockmenschen", sie sind vielmehr in verschiedenster Differenzierung Wegbereiter der deutschen Nationalliteratur. Was sich im 18. Jahrhundert bis zu Goethe hin entwickelt, ist undenkbar ohne die Leistung des 17. Jahrhunderts.
     

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