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INGMAR DREHER - 20 Jahre Kinder- und Jugendliteratur der DDR -Ergebnisse, Probleme, Perspektiven



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Der historische Ausgangspunkt der Kinder- und Jugendliteratur der Deutschen Demokratischen Republik
Die objektiv-geschichtliche Grundlage für Entstehen und Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur der DDR bildet der weltumfassende Ãœbergang vom Kapitalismus zum Sozialismus und die nationalgeschichtliche Realisierung dieser welthistorischen Gesetzmäßigkeit in den grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen im Gebiet der heutigen Deutschen Demokratischen Republik. Die Eröffnung der sozialistischen Epoche der deutschen Geschichte durch die zur Herrschaft gelangte Arbeiterklasse der DDR, die nationalgeschichdicher Ausdruck des weltrevolutionären Prozesses unserer Epoche ist, wurde zum geschichtlichen Ausgangspunkt unserer Kinder- und Jugendliteratur und konstituierte deren objektive Maßstäbe, die natürlich nicht als starre, unveränderliche Normen aufzufassen sind. Denn wie für unsere Nationalliteratur überhaupt wird auch für die neue Kinder-und Jugendliteratur zum Kriterium, inwieweit sie ihrem Wesen, ihrer Funktion und ihrer Wirkung mit den geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten der Epoche übereinstimmt und deren geschichtsbildenden Kräften zur umfassenden Wirkung verhilft. Angesichts der Erfahrungen zweier Weltkriege und des veränderten Kräfteverhältnisses in der Welt nach 1945 kann es für die Kinder-und Jugendliteratur in Deutschland nicht genügen, sich an jenem 'idealen Menschen" und jener 'sozialen Humanität" zu orientieren, die der Reformpädagoge Heinrich Wolgast zu Beginn unseres Jahrhunderts postulierte und auf die sich bürgerliche Jugendschrifttheoretiker der Bundesrepublik noch immer berufen. [1]

Im bewußten Gegensatz zu apologetischen, aber auch im deutlichen Unterschied zu abstrakt-humanistischen Positionen in der bürgerlichen Kinder- und Jugendliteratur Westdeutschlands begriff sich die Kinder- und Jugendliteratur der DDR von Anfang an als Waffe der Arbeiterklasse im internationalen Klassenkampf unserer Zeit. Alex Wedding hat dies auf dem

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Stellerkongreß in die Worte gefaßt: '... Wir sind heute an der Macht. Und unsere Literatur dient unter anderem dazu, daß wir auch morgen an der Macht bleiben, ja, daß sich unsere Macht verbreitert und vertieft." [2] Die geschichtlich richtige Orientierung der Kinder- und Jugendschriftsteller durch Partei und Staat in unserer Republik, die innige Verbindung der Kinder- und Jugendschriftsteller mit dem Leben des befreiten Volkes und ihre aktive Teilnahme an der gesellschaftlichen Umgestaltung eröffneten der Kinder- und Jugendliteratur der DDR die Chance, neue ideologisch-ästhetische Qualitäten auszubilden und nationalliterarische Repräsentanz zu gewinnen.
      Der angemessene geschichtliche Standpunkt in den Kämpfen unserer Epoche wurde auch zur Voraussetzung, daß unsere Kinder-und Jugendliteratur ein produktives Verhältnis zu den national- und weltliterarischen Traditionen gewinnen konnte. Obgleich zu diesem Problem gesicherte wissenschaftliche Ergebnisse fehlen, kann im Prinzip folgendes festgestellt werden:
1. Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR weiß sich als Fortsetzer der Traditionen der proletarisch-revolutionären Kinder- und Jugendliteratur sowie der antifaschistischen Emigrationsliteratur [3] und Nachkriegsliteratur.
      2. Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR orientiert sich an der beispielhaften Leistung der sowjetischen Kinder- und Jugendliteratur, die eine historisch neue Qualität der Kinder- und Jugendliteratur im weltliterarischen Maßstab darstellt. Darüber hinaus empfängt unsere Kinder- und Jugendliteratur Anregungen von der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur aus allen Teilen der Welt und begreift sich als Bestandteil der sozialistischen Weltliteratur.
      3. Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR verbreitet die progressiven Leistungen der bürgerlich-humanistischen Kinder- und Jugendliteratur, wobei sie deren historisch bedingte gesellschaftliche Illusionen und utopische Zielsetzungen, die Erkenntnisgrenzen und den abstrakten Charakter ihres Humanismus durch die Herausarbeitung des realen, sozialistischen Humanismus positiv aufhebt. Progressive Elemente der bürgerlich-humanistischen Kinder-und Jugendliteratur, wie die Ideen der Völkerfreundschaft und der Friedensliebe, Erkenntnis- und Erziehungsoptimismus, Persönlichkeitsentfaltung, humanistische Tat und Widerstand gegen die Mächte der Unmenschlichkeit, die wir auch schon in der proletarischen Kinder- und Jugendliteratur der zwanziger Jahre finden, stellen wesentliches Traditionsgut unserer Kinder- und Jugendliteratur dar. [4] Dabei setzen sich die Kinder- und Jugendliteraturtheoretiker der DDR auch kritisch mit der bürgerlichen Jugendschriftenbewegung und -theorie auseinander [5], grenzen sich prinzipiell von allen reaktionären Traditionen der Kinder- und Jugendliteratur ab und bekämpfen ihre Apologeten im heutigen Westdeutschland. [6]
So erweist sich, daß die Kinder- und Jugendliteratur der DDR in dem umfassenden gesellschaftlichen Erneuerungsprozeß wurzelt. [• • •]
Ohne die Widersprüche in der Entwicklung unserer Kinder- und Jugendliteratur einebnen zu wollen, kann gesagt werden, daß sie von Anfang an mit den Siegern der Geschichte war. Diese historische Standortbestimmung bezeichnet die wesentliche objektive Bedingung für die bisherigen Leistungen unserer Kinder- und Jugendliteratur wie für ihre Perspektiven.
      Zur Herausbildung neuer nationalliterarischer Qualitäten in unserer Kinder- und Jugendliteratur
Die Herausbildung neuer nationalliterarischer Qualitäten in unserer Kinder- und Jugendliteratur kann zunächst an deren stofflichthematischer Beschaffenheit abgelesen werden.
      Unter diesem Gesichtspunkt sind folgende wesentliche Merkmale zu erkennen:
1. Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR widerspiegelt wesent- liehe Prozesse aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung
bis zum Jahre 1945. [7]
In diesem Bereich finden wir zunächst einige biographischhistorische Erzählungen vor, die den Bogen von Anfängen der Arbeiterbewegung bis zum kommunistischen Widerstandskampf gegen den Hitlerfaschismus spannen. Wir nennen hierzu die Marx-Engels-Darstellungen 'Mohr und die Raben von London" von

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und I. Korn, 'Jenny" und 'Marie und ihr großer Bruder" von G. Hardel. [8]
Ferner sind hier zu erwähnen das Zetkin-Buch 'Das Mädchen aus Wiederau" von L. Hardel und die Rosa-Luxemburg-Geschichte 'Es begann mit Antonis Verhaftung" von G. Radczun. Nicht weniger Beachtung verdient A. Lazars phantasievolle Geschichte 'Jura in der Leninhütte" , die, ohne im eigentlichen Sinne historisch-biographischen Charakters zu sein, Lenins Persönlichkeit und die tiefgreifende Wirkung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution plastisch vor Augen führt. [9]

Schließlich ist auf R. Werners 'Olga Benario" zu verweisen, in dem den Jungkommunisten ein würdiges Denkmal gesetzt wird.
      Die Widerspiegelung der Epochenproblematik tritt uns auch in Lazars 'Sally Bleistift in Amerika" entgegen, denn hier wird der Gang der Geschichte in unserer Epoche mit hoher philosophischer Verallgemeinerung ins Bild gesetzt. Nach historischer Kontinuität strebt auch K. Vekens 'Kellerschlüssel" , in dem wichtige Episoden aus dem Kampf der Arbeiterklasse von der 48er Revolution bis zum Ende des zweiten Weltkrieges hin gezeigt werden.
      Stoffliches Interesse findet ferner die Novemberrevolution, so in L. Renns 'Auf den Trümmern des Kaiserreiches" oder in H. Meyers 'Geheimauftrag für Kasper B." und 'Kasper B. in Gefahr" .
      Vielfältig ist die Darstellung des proletarischen Klassenkampfes in den Jahren der Weimarer Republik. Dafür stehen stellvertretend: A. Wedding: 'Ede und Unku" ; M. Zimmering: 'Die Jagd nach dem Stiefel" ; M. Zimmering: 'Rebellion in der Oberprima" ; M. Zimmering: 'Buttje Pieter und sein Held" {1951); K. Mundstock: 'Ali und die Bande vom Lauseplatz" ; 'Gespenster-Edes Tod und Auferstehung" ; W. Meinck: 'Der Herbststurm fegt durch Hamburg", ; K. Veken: 'Auf Tod und Leben" .
      In diesem stofflichen Umkreis treffen wir schließlich auf Werke, die die Auseinandersetzung mit der Hitlerherrschaft zwischen 1933 und 1945 zum Gegenstand haben. Werke, wie A. Lazars 'Jan auf der Zille" , J. Brezans 'Christa" , K. Beuchlers 'Entscheidung im Morgengrauen" , W. Heiduczeks 'Matthes" , A. Lazars 'Die Brücke von Weißensand" , K. Neumanns 'Das Mädchen hieß Gesine" oder O. Gotsches 'Ardak und Schneedika" beweisen, daß die geistige Auseinandersetzung mit dem Faschismus und die antifaschistische Tat sehr differenziert gestaltet werden.
      Insgesamt läßt sich sagen, daß dieser Stoffkomplex Bestandteil jener 'Totalkritik der Vergangenheit" ist, die zu einer wesentlichen Voraussetzung für die ideologische und ästhetische Erneuerung der Gesellschaft in unserem Teil Deutschlands geworden ist.
      2. Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR bezieht ihren Stoff aus den grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen, die sich nach 1945 in der DDR vollzogen haben sowie aus den Klassenwidersprüchen zwischen Sozialismus und Imperialismus in Deutschland nach 1945. Nicht zufällig nehmn in diesem Bereich jene Werke einen breiten Raum ein, die stofflich an die gesellschaftlichen Veränderungen auf dem Lande gebunden sind. Der Kampf um das neue Dorf ist Gegenstand von E. Strittmatters 'Tinko" , der tief in zentrale Probleme der gesellschaftlichmenschlichen Beziehungen unter den neuen Bedingungen eindringt und Maßstäbe für die sozialistische Kinderliteratur überhaupt setzt. Auch der zehn Jahre später vorliegende Roman 'Die Moral der Banditen" von H. Bastian widerspiegelt diese Phase unserer gesellschaftlichen Entwicklung auf einprägsame Weise.
      Mehr und mehr tritt aber die sozialistische Umgestaltung des Dorfes und damit das Leben sozialistischer Menschen in den Mittelpunkt des Interesses. Bereits 1953 erfaßt B. Pludra mit der Erzählung 'In Wiepershagen krähn die Hähne" historisch Neues, indem er Anfänge der sozialistischen Produktionsgenossenschaften auf dem Lande ins Bild setzt. Im Gefolge der Bitterfelder Bemühungen bereichert B. Pludra mit der poesievollen Geschichte 'Lütt Matten und die weiße Muschel" unsere Kinderliteratur dadurch, daß er das Märchenhafte der sozialistischrealistischen Gestaltung des Gegenwartsstoffes nutzbar zu machen weiß; und A. Wellm erprobt im 'Kaule" erfolgreich eine komische Widerspiegelung der neuen Wirklichkeit. Schließlich entsteht mit H. Beselers 'Käuzchenkuhle" ein beziehungsreiches Abbild des Kampfes zwischen Neuem und Altem, wobei die entwickelten sozialistischen Verhältnisse das bestimmende Element bilden. Das sozialistische Menschenbild realisiert sich auch in Werken, die ihren Stoff aus Vorgängen in der sozialistischen Industrie, der sozialistischen Schule, den Beziehungen zwischen Elternhaus und Schule entnehmen. Hier wären als vorwärtsweisende Leistungen die beiden 'Frank"-Bände K. Neumanns zu nennen , aber ebenso A. Reinhards 'Brigitte macht die Probe" und A. R. Böttchers 'Betragen 4" . Besondere Originalität bei der ästhetischen Aneignung der neuen Wirklichkeit beweisen W. Küchenmeister in der phantasievollen Geschichte 'Die Stadt aus Spaß" und W. Meinck in 'Salvi Fünf oder Der zerrissene Faden" .
      Abschließend zu diesem Komplex sei auf Erzählungen mit unmittelbarem Gegenwartsstoff verwiesen, die sich auf den objektiven Widerspruch zwischen Sozialismus und Imperialismus imheutigen Deutschland gründen. Hier ist B. Pludras 'Sheriff Teddy" zu erwähnen, der über die Auseinandersetzung mit einem imperialistischen Alltagsmythos den Klassencharakter der nationalen Frage enthüllt. G. Hardel führt in 'Treffen mit Paolo" am Fall eines Bundeswehrsoldaten die Notwendigkeit klassenmäßiger Entscheidung in unserer Zeit vor, und W. Heiduc-zek widerspiegelt in 'Die Brüder" die objektive Dramatik des nationalen Grundwiderspruchs in der dem Gegenstand angemessenen Form der Novelle.
      3. Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR gestaltet Stoffe aus der frühen Geschichte des eigenen Volkes sowie aus Gegenwart und Vergangenheit im Leben anderer Völker.
      Die Gestaltung dieser Stoffe ordnet sich dem gesellschaftlichen Anliegen unserer Kinder- und Jugendliteratur logisch ein: Auch diese Stoffe werden zur Vermittlung objektiver Gesetzmäßigkeiten genutzt, bieten produktive Leitbilder, entwickeln gesellschaftlich wünschenswerte Gefühlshaltungen und stimulieren die Phantasie des jungen Lesers. Hinzu kommt, daß der durch die bürgerliche Kinder- und Jugendliteratur praktizierte Mißbrauch gerade dieser Stoffe für antihumane Zwecke die sozialistisch-humanistische Gestaltung auf diesem Gebiet zur unabdingbaren Notwendigkeit macht. Die Hinwendung unserer Autoren zu diesen Stoffen ist als wichtiger Beitrag zur sozialistischen Umgestaltung unserer gesamten Literatur zu werten.
      Die erste bemerkenswerte Darstellung in diesem Bereich ist A. Jürgens 'Blauvogel" , mit dem sich eine neue Qualität der traditionsreichen 'Indianerliteratur" anzeigt. L. Welskopf-Henrichs Romantrilogie mit den Bänden 'Die Söhne der großen Bärin" , 'Harka, der Sohn des Häuptlings" und 'Top und Harry" bietet ein phantasievolles, dennoch historisch-wissenschaftlich fundiertes Bild vom Kampf der Ureinwohner Nordamerikas.
      Ebenso ist L. Renns Erzählung 'Trini" hervorzuheben, die den mexikanischen Freiheitskampf zwischen 1910 und 1920 aufnimmt, aber auch seine märchenhafte Erzählung 'Nobi" ist ein bemerkenswerter Beitrag. Vor allem jedoch sind die beiden Bände L. Renns 'Herniu und der blinde Asni" und 'Herniu und Armin" zu nennen, mit denen der Autor eine großangelegte marxistische Darstellung über die Schlacht im Teutobur-ger Wald vorlegt. Ferner wollen wir auf G. R. Richters 'Savvy-Trilogie" verweisen , die

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