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HORST HARTMANN - Das Faustbuch - ein Volksbuch?



Der Ahnherr der Bezeichnung 'Volksbuch" ist [...] Joseph Görres geworden, der in seiner 1807 in Heidelberg erschienenen Sammlung 'Die Teutschen Volksbücher" wenig beachtetes mittelalterlichfeudales und frühbürgerliches Literaturgut der breiten Öffentlichkeit wieder zugänglich machen wollte. Daß diese Bemühungen von Görres ähnlich wie die Wiederbelebung alten deutschen Volksliedgutes durch Arnim und Brentano und überhaupt die Bestrebungen der deutschen Romantiker, verschüttetes nationales Kulturgut in einer Zeit der nationalen Unterdrückung durch die napoleonische Fremdherrschaft wieder lebendig werden zu lassen, verdienstvoll gewesen sind, ist unbestritten. Dennoch wohnt der unkritischen Zusammenfassung feudaler Auflösungsdichtungen, wie 'Ge-nofeva" oder 'Kaiser Octavianus", frühbürgerlicher Satiren wie dem 'Laiebuch", das später den Titel 'Die Schildbürger" erhalten hat, und plebejischer Oppositionsliteratur, wie dem 'Eulenspiegel", schon die Problematik inne, die die gesamte weitere Volksbuchforschung belastet hat; und die Bevorzugung der feudalen Stoffe sowie die Betonung religiöser Aspekte in den alten Dichtungen lassen die für die Romantik charakteristische Tendenz erkennen, auch durch diese Sammlung das angeblich politisch und religiös so harmonische Mittelalter wieder als vorbildlich für die Orientierung der Gesellschaft darzustellen. [•-.]


Wir müssen [...] feststellen, daß die literaturwissenschaftliche Forschung - auch die in der DDR — keine klare Antwort auf die Frage erteilt, ob das Faustbuch als Volksbuch zu werten ist. Die Hauptursache ist offensichtlich darin zu sehen, daß es bisher keine eindeutige und in der Literaturwissenschaft einheidich verwendetei Festlegung über die Wesensmerkmale eines Volksbuches gibt. Dort gilt es deshalb auch zunächst anzusetzen, wenn wir einen Beitrag zur Klärung des Problems leisten wollen.
      Das bekannte 'Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte" von Paul Merker und Wolfgang Stammler sieht die Volksbücher als abgesunkenes Literaturgut, das durch die Erfindung des Buchdruckes zum Volkslesegut geworden ist. Das 'Volk im engeren Sinne" ist nach Meinung der Verfasser nicht 'schöpferischer Quell ihres Ursprungs" [1], und ihr Wesen ist durch 'phantastische Unterhaltsamkeit" und 'anschauliche Greifbarkeit" [2] charakterisiert. Die Verfasser sehen also den Volksbuchcharakter eines Werkes als gegeben an, wenn es zum Volkslesegut gehört und durch eine bestimmte — oben schon genannte — Darstellungsweise gekennzeichnet ist. Im Gegensatz dazu ist für Gero von Wilpert gerade die Stoffquelle das entscheidende Kriterium für ein Volksbuch, und er sieht als echt nur ein Werk an, das eine 'erste literarische Zusammenfassung vorher nur unliterarischer mündlich verbreiteter und versprengter Teile erzählenden Volksguts" [3] darstellt. Wir sind der Meinung, daß die bürgerlichen literaturwissenschaftlichen Lexika hier bei der Bestimmung der Charakteristika eines Volksbuches jeweils nur Teilaspekte erfaßt haben und daß Friedrich Engels schon 1839 in seinem Aufsatz über 'Die deutschen Volksbücher" bei ihrer Wesensbestimmung erheblich weiter gekommen ist. In bewußter Polemik gegen die deutsche Romantik [4] betont er vor allem die inhaltlichen Merkmale eines Volksbuches und fordert neben einem 'reiche poetische Inhalt, derbe Witz" und 'sittliche Reinheit", daß es dem Leser aus dem Volk 'sein sittliches Gefühl klarzumachen, ihm seine Kraft, sein Recht, seine Freiheit zum Bewußtsein zu bringen, seinen Mut, seine Vaterlandsliebe zu wecken" [5] hat. Damit wird bei Engels der Terminus 'Volksbuch" in erster Linie zu einem Wertbegriff, und von hier aus sollte auch die Bestimmung der Charakteristika eines Volksbuches ausgehen.
      Am unzulänglichsten [...] ist für die Bestimmung eines echten Volksbuches die Berufung auf die in der hohen Auflagenzahl eines Werkes sichtbar werdende Massenwirksamkeit. [...] Wir müssen nämlich dabei bedenken, daß die relativ geringe Auflagenfcöfee von vornherein nur die begrenzte Verbreitung eines Buches zugelassen hat, daß weiter gerade die bäuerlichen und plebejischen Volksschichten wegen der unter ihnen nur wenig verbreiteten Lesefertigkeit als Konsumenten der Werke kaum in Frage gekommen sind, so daß die Auflageziffern nichts über die Interessen der unteren Volksschichten aussagen, und daß schließlich und vor allem die Bedarfslenkung durch kirchliche und staatliche Institutionen aus ideologischen und durch die Verlage aus kommerziellen Gründen manch minderwertiges und vor allem dem Volksinteresse keinesfalls dienendes Literaturgut unverdient popularisiert hat. Wer würde heute etwa auf den Einfall kommen, die in der bürgerlichen Literaturgesellschaft zu Massenauflagen lancierten Groschenromane als Volksliteratur zu bezeichnen! Es scheint uns deshalb nicht möglich, allein oder auch nur in erster Linie aus der Massenwirksamkeit eines literarischen Werkes der frühbürgerlichen Periode seinen Volksbuchcharakter abzuleiten.
      Wenn wir im folgenden den Versuch unternehmen, die Kriterien für ein echtes Volksbuch zusammenzustellen, so glauben wir, insgesamt fünf Gesichtspunkte anführen zu müssen:
1. Ein Volksbuch ist eine literarische Zusammenfassung bisher mündlich verbreiteten volkstümlichen Erzählguts.
      Wir folgen also in der Stoffrage Gero von Wilpert und schließen damit aus dem Kreis der echten Volksbücher im allgemeinen Auflösungsdichtungen, also die Prosabearbeitungen mittelalterlicher Ritterepen und Legenden, aus.
      2. Im Volksbuch spiegelt sich das Leben der werktätigen Schichten des Volkes so wider, daß der Leser aus dem Volk in seinem Klassen-und Selbstbewußtsein gestärkt wird.
      Wir übernehmen hier von Friedrich Engels vor allem die klassengebundene Wertbestimmung für das echte Volksbuch.
      3. Das Volksbuch ist in seiner Gestaltung durch einen hohen Grad an gegenständlicher Anschaulichkeit ausgezeichnet, der gedankliche Abstraktionen und moralische Belehrungen weitgehend ausschließt.
      [...]
4. Das Volksbuch gehört zur epischen Gattung und ist genreästhetisch gesehen eine Vorform des Romans. Lose aneinandergereihte Episoden werden kompositorisch durch eine Zentralgestalt oder eine zentrale Gestaltengruppe zusammengehalten. [6] Ansätze zur Gestaltung eines zentralen Konfliktes sind vorhanden.
      5. Das Volksbuch hat wegen seines dem Volke dienenden Inhaltes und der volkstümlichen Gestaltungsweise große Massenwirksamkeit erlangt.
      Hier [...] betonen aber ausdrücklich, daß dieser nur Aussagewert besitzt, wenn die vorangegangenen vier Kriterien ebenfalls nachweisbar sind.
     
Ãœberprüfen wir zum Beispiel, um im Rahmen der Lehrplanstoffe zu bleiben, das Werk vom 'Till Eulenspiegel" anhand der genannten Kriterien, dann zeigt es sich, daß in ihm alle Wesensmerkmale für ein Volksbuch eindeutig nachzuweisen sind, daß also der 'Eulenspiegel" ein echtes Volksbuch ist.
     

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