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HEINZ ENTNER/WERNER LENK - Literatur und Revolution im I6. Jahrhundert - Zu einigen Aspekten der Renaissancekultur



Die sozialistische Kultur gründet sich auf die Ideologie des revolutionären Proletariats, die sich 'alles, was in der mehr als zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war, aneignete und es verarbeitete" [2]. Diese Aneignung und Verarbeitung ist aber kein einmaliger Akt, sondern ein stets von neuem zu vollziehender Prozeß. Darin spielt das Erbe der revolutionären Renaissanceepoche eine besondere Rolle, weil in ihm das Modell einer aufsteigenden Klasse überliefert ist, die sich aus kultureller Bevormundung befreit, ihre eigenen weltanschaulichen, ethischen und gesellschaftlichen Positionen als Leitbilder postuliert und künstlerisch gestaltet. Aus der Erforschung der damit verbundenen Prozesse lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die auch für die Bewältigung der kulturpolitischen Aufgaben der Gegenwart wichtig sind. Das ist im Prinzip keine neue Einsicht; denn immer wieder haben sich progressive Kräfte gerade auf dieses Erbe berufen, so etwa der demokratische Sturm und Drang, und in der sozialistischen Bewegung hat die Formulierung der eigenen theoretisch-praktischen Position seit Marx und Engels immer wieder bewußt an die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Renaissance angeknüpft. Diese Tradition führt die marxistisch-leninistische Kulturpolitik der DDR fort.

      In bewußtem Gegensatz zur bürgerlichen Auffassung, für die 'Kultur" auf die unmittelbar geistig-künstlerischen Aspekte der Persönlichkeitsentfaltung eingeengt bleibt, umfaßt der marxistische Kulturbegriff das ganze vom Menschen hervorgebrachte System objektivierter und verinnerlichter Fähigkeiten, die ganze Weite menschlichen Schöpfertums von der produktiven Arbeit über Naturerkenntnis, künstlerische Wirklichkeitsgestaltung bis hin zur praktischen Teilnahme an den die Gesellschaft verändernden Prozessen. Der marxistischen Geschichtswissenschaft stellt sich also die Renaissance nicht einseitig dar als Begriffshypostase einer auf die 'Wiederbelebung des klassischen Altertums" orientierten klassizistischen Theorie der Literatur und der bildenden Kunst, sondern als ein epochenspezifisches System schöpferischer Antworten auf den revolutionären Prozeß der Ablösung des feudalen Mittelalters durch die bürgerlich kapitalistische Neuzeit. Inhalt dieses Prozesses, der sich über Jahrhunderte hinzieht und in der Renaissance erst eingeleitet wird, ist das Fortschreiten der Entwicklung von Gesellschaftsformen, in denen 'persönliche Abhängigkeit" herrscht und 'sich die menschliche Produktivität nur in geringem Umfang und auf isolierten Punkten entwickelt", zur zweiten großen 'Form, worin sich erst ein System des allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels, der universalen Beziehungen, allseitiger Bedürfnisse, und universeller Vermögen bildet": 'Persönliche Unabhängigkeit auf sachlicher Abhängigkeit gegründet..." [3]
Eine solche Bestimmung des Begriffs 'Renaissancekultur" berücksichtigt den realen Klasseninhalt der historischen Erscheinungen. Sie geht davon aus, daß der gesellschaftlich-kulturelle Prozeß auf der vom Bürgertum der Städte geschaffenen ökonomischen Basis beruht und daß er vollzogen wird einmal von diesem Bürgertum selbst, indem es sich eigene Formen und Instrumente der Weltbewältigung erarbeitet und zum Bewußtsein seiner selbst als einer die herkömmlichen feudalen Bindungen sprengenden Kraft gelangt.
      Zweitens aber bezieht sie die werktätigen ausgebeuteten Massen als Schöpfer kultureller Werte ein, die auf ihre Weise ebenfalls der neuen Situation antworten und ihrerseits am Vollzug des gesellschaftlich-kulturellen Prozesses aktiv beteiligt sind. Die enge Wechselwirkung beider Faktoren, die in der noch relativ offenen Gesellschaftsstruktur 'gewesener Stände und ungeborener Klassen" besonders markant hervortreten und am Kulminationspunkt der Widersprüche zu einer zeitweiligen Einheitsfront im nationalen Maßstab führen kann, in der 'Bauern und Plebejer mit Ideen und Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft genug zurückschaudern", [4] diese Wechselwirkung erzeugt in der Renaissancekultur ein Klima der Volkstümlichkeit, das als ihr für uns wichtigstes Kriterium anzusehen ist und das Verbindungsfäden selbst zwischen scheinbar so extrem verschiedenen Phänomenen wie der lateinischen Humanistenliteratur und der Volksdichtung schafft.
      Drittens schließlich geht in diese marxistische Begriffsbestimmung die Tatsache ein, daß als 'ein unvermeidliches Produkt und eine unvermeidliche Form der bürgerlichen Epoche der gesellschaftlichen Entwicklung" [5] die Nationen entstehen, ja, daß die Na-tionwerdung der europäischen Völker ein wesentlicher Teil der kulturellen Entwicklung ist. So wird die Renaissancekultur als eine Einheit in der Mannigfaltigkeit verstanden, wobei die Mannig-faltighcit die »ehr verschiedenen nationalen Ausdrucksformen der

Kultur und die teils sehr erheblichen zeitlichen Verschiebungen von Land zu Land meint, während die Einheit von der allen diesen Erscheinungen in letzter Instanz zugrunde liegenden gemeinsamen gesellschaftlichen Basis und von der allen beteiligten Völkern in gewissen Hauptzügen doch gemeinsamen kulturellen Tradition her gefaßt wird. Diese Gemeinsamkeit ist am deutlichsten sichtbar im Humanismus, der seit dem 15. Jh. von Italien ausgehend in ganz Europa in Erscheinung getreten ist und viele wichtige kulturelle Anregungen vermittelt hat, wobei er sich der mittelalterlichen Tradition des Lateins als internationaler Verkehrssprache der Bildungsschichten bediente, sie aber zugleich im Dienst der Opposition gegen die Träger mittelalterlich-feudaler Ideologie umfunktionierte.
      So stellt sich für die marxistische Geschichtsauffassung die Renaissance nicht als eine Stilrichtung oder gar eine Mode dar, sondern als gesetzmäßige Zäsur im Verlauf der Weltgeschichte. Das festzustellen ist wichtig, weil dies allein die tragfähige Basis für das Bemühen bietet, das progressive Erbe gegen jeden Versuch der Verfälschung oder Zurücknahme zu verteidigen. An solchen Versuchen hat es, seit die bürgerlich-kapitalistische Ordnung in ihr imperialistisches Stadium eingetreten ist, nicht gefehlt. Zwei Richtungen beanspruchen dabei wegen ihrer Aktualität besondere Aufmerksamkeit. Das ist einmal die Tendenz zur Ersetzung der Renaissance durch ein aufgewertetes und ausgeweitetes Mittelalter und zweitens die Polarisierung des gesamten Entwicklungsprozesses der europäischen Kultur in einer konstanten Alternation zwischen Klassizismus und Manierismus, wobei die Renaissance auf einen abstrakten, nur punktuell realisierten Klassizismus reduziert wird und der 'Manierismus" die Rolle der entscheidenden Epochensignatur erhält.
      Gemeinsam ist diesen beiden Richtungen vor allem das Bestreben, die Humanität der Renaissancekultur, ihre Diesseitsorientierung und Wirklichkeitsverbundenheit, ihre Schöpferkraft und ihren Optimismus zu denunzieren oder - womöglich - zurückzunehmen, sie als potentiellen Richtpunkt in den Auseinandersetzungen unserer eigenen Zeit 'unschädlich" zu machen.

      [...]
Während der ersten Phase der 'Revolution in der Wissenschaft", worin die altererbten kanonisierten Ideen zurückweichen mußten vor einem nicht mehr so sehr qualitativ als quantitativ orientierten und stark erweiterten säkularen Weltbild, blieb jedoch die lebendige Verflechtung von Wissenschaft, Kunst und Arbeitstätigkeit erhalten. Aus ihr erklärt sich u. a. die eminente Rolle, die philosophisch-ästhetische Argumente neben mathematischen Berechnungen und astronomischen Beobachtungsergebnissen im kopernikanischen Weltmodell spielten. Dies ist auch der Kontext, in dem ein so unmittelbar literarisches Phänomen wie der Humanismus zur aktiven Kraft in der wissenschaftlichideologischen Umwälzung werden konnte. Denn noch war das meßbare Experiment nicht zur alleinigen Autorität in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung avanciert, aber schon war der Anspruch der bisherigen Autoritäten prinzipiell anfechtbar geworden. Die Kritik der Humanisten an der Scholastik war eben deshalb so wirkungsvoll, weil sie an dem noch allen Disziplinen gemeinsamen Medium ansetzte und von hier aus den ganzen Komplex von Theoremen und Methoden attackierte: an der lateinischen Sprache. Wenn dabei vom Stil ausgegangen wurde, so war auch das ein Ausdruck für die charakteristische Eigenart der Renäissancekultur.
      Wie die italienische Renaissance im Prozeß der Herausbildung eines nationalen Bewußtseins im italienischen Volk durch den Rückbezug auf die nun national gedeutete römisch-antike Vergangenheit Italiens entstand, so manifestierte sich auch die Opposition der Humanisten gegen die mittelalterliche Tradition in Ideologie und Wissenschaft als Rückgriff auf die antike Ãœberlieferung von Sprache und Literatur. Programmatisch formuliert hatte das zum erstenmal Francesco Petrarca, und er löste damit eine Welle von Wiederentdeckungen vieler wichtiger Werke der antiken Literatur aus. Auch wenn man die Berichte von Humanisten, die in den deutschen Klöstern auf Bücherjagd gingen, über die 'Kerkerhaft" ihrer Findlinge nicht ganz wörtlich nehmen darf, so war doch ihr Unternehmen bedeutend und folgenreich. Systematisch wurde nun die literarische Ãœberlieferung der Antike erforscht und publiziert, zuerst in Abschriften, dann auch in immer steigendem Ausmaß durch den Buchdruck. Dies signalisiert eine Grundtendenz des Humanismus, die für das Urteil über seine historische Leistung und sein Verhältnis zur frühbürgerlichen Revolution sehr wichtig ist: Bildung als Kenntnis originaler Texte wird nicht nur verlangt, es wird zugleich danach getrachtet, mit den Texten Bildung auch erlangbar zu machen. Bildung tendiert zum öffentlichwerden, und das in einem Maße, das, verglichen mit der bisherigen klerikalen Schultradition, revolutionär genannt werden muß.
      Als notwendige Konsequenz aus dieser Grundhaltung entstand das große Interesse an Pädagogik und praktischer Bildungsarbeit,das der Humanismus entwickelte und das als sein Beitrag zur Herausbildung des bürgerlichen Selbstbewußtseins eine so bedeutende Rolle spielen sollte, das aber auch als wertvolles Erbe in alle progressiven Bewegungen der folgenden Jahrhunderte eingegangen ist und in der Bildungspolitik der sozialistischen Gesellschaft auf einer neuen historischen und gesellschaftlichen Entwicklungsstufe 'aufgehoben" ist.
      Da der Bildungsbegriff des Humanismus durchaus nicht eingeengt war auf Gegenstände, die wir heute als 'literarisch" im engeren Wortsinn bezeichnen, sondern enzyklopädische Weite besaß .- das spiegelt sich auch im humanistischen Dichtungsbegriff wider, der eine Trennung von 'dichterischen" und 'nichtdichterischen" Gegenständen nicht kannte -, wurden in die Erforschung und Publikation des antiken Erbes selbstverständlich auch die naturwissenschaftlichen Texte einbezogen. So erschloß der Humanismus wichtige neue Anregungen für die Entwicklung der Naturwissenschaft und Technik, vor allem, als er daranging, auch die griechischen Quellen unmittelbar zugänglich zu machen.
     

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