Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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HANS-DIETRICH DAHNKE - Literarische Prozesse in der Periode von I789 bis I806



Die Französische Revolution eröffnete die Gesellschaftsformation des Kapitalismus im weltgeschichtlichen Maßstab. Sie führte nicht nur den Umsturz der feudalen Ordnung zugunsten bürgerlichkapitalistischer Verhältnisse in Frankreich herbei, sondern beeinflußte zutiefst die politische und soziale Entwicklung vieler Länder Europas.


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Auf der Basis dieser Umwälzungen stand auch die Literatur vor neuen Voraussetzungen und Aufgaben. Eine veränderte Wirklichkeit brachte neue Entwicklungsmöglichkeiten und neue Widersprüche. Ihr gegenüber mußten sich Inhalte und Formen, Zielstellung und Funktion der Literatur wie anderer Künste verändern. Die Stellungnahme zu den gesellschaftlichen Vorgängen und Problemen — direkt oder indirekt — wurde zur Probe aufs Exempel, welche Qualität in Hinsicht auf historisch-progressiven Gehalt und auf realistische Erfassung der Wirklichkeit die bereits wirkenden Strömungen und Gruppen der bürgerlichen Literatur erreicht hatten und die sich neu bildenden Strömungen und Gruppen zu erreichen imstande waren. [..,]
Mit der Revolution endete die politische und ideologische Stagnation, die in den achtziger Jahren die aufbegehrenden und vorandrängenden Teile der bürgerlichen Intelligenz in Krisen gestürzt hatten. Volkserhebungen unter dem Einfluß der französischen Ereignisse leiteten die Beseitigung des Feudalsystems ein. Bürgerliche Kreise, in denen Intellektuelle eine führende Rolle spielten, entfachten intensive politische und ideologische Aktivitäten. Allerdings zeigte sich bald, daß die Kraft der oppositionellen Bewegung nicht ausreichte, um die historische Hauptaufgabe, die Beseitigung der Feudalverhältnisse und die Herstellung eines einheitlichen nationalen Staatswesens, durch einen revolutionären Volkskampf von 'unten" her zu lösen. Die Unreife und Schwäche der Bourgeoisie nahm dieser Klasse die Möglichkeit, ihrer Rolle als Hegemon in der revolutionären Umwälzung gerecht zu werden. Die Volksbewegungen blieben lokal und wurden zerschlagen. Die ideologischen und politischen Bemühungen der bürgerlichen Opposition fanden keinen wirksamen Widerhall. Die alten herrschenden Kräfte konnten ihre Machtpositionen behaupten und sich zu Gegenmaßnahmen formieren, die die innere Bewegung unter Kontrolle hielten und sich nach außen gegen das republikanische Frankreich richteten. Ihre Niederlage im Interventionskrieg jedoch gab den tiefer schauenden Zeitgenossen die Möglichkeit zu begreifen, daß eine neue Weltgeschichtsepoche begonnen hatte und sich auf die Dauer unaufhaltsam Bahn brach. Im Zuge dieser Entwicklung erhielt auch die deutsche Nationalliteratur neue Impulse, Aufgaben und Perspektiven. Ein bemerkenswerter Aufschwung politischer Literatur, der Beginn einer echten politisch-revolutionären Dichtung sowie die Vorbereitung einer qualitativ neuen Stufe klassischer Literatur im Schaffen Goethes und Schillers waren die bedeutsamsten Folgen. Durch sie wurde die Kontinuität der bürgerlich-antifeudalen Nationalliteratur, wie sie durch Aufklärung und' Sturm und Drang repräsentiert worden war, auf neuer Stufe weitergeführt.
      Mit der Zuspitzung der Klassenschlachten in Frankreich und Europa 1792-94 kam es auch in Deutschland zu einer tiefgreifenden politisch-ideologischen Polarisierung. Sie schied einerseits zwischen den die bürgerliche Umgestaltung bejahenden und den sie verneinenden, reaktionären Kräften und löste somit gerade auch in der Literatur einen eindeutigen Klärungsprozeß in Hinsicht auf die gesellschaftliche Grundhaltung aus. Sie schied andererseits aber auch innerhalb des progressiven, für die bürgerliche Umgestaltung Deutschlands eintretenden Lagers. Unter den Bedingungen der deutschen Wirklichkeit war eine widerspruchsfreie Lösung unmöglich. So bildeten sich zwei Hauptrichtungen heraus, die die Umgestaltung auf unterschiedlichen Wegen zu verwirklichen suchten. Die revolutionär-demokratische Richtung ging davon aus, in der Hoffnung auf positive Folgen der Interventionskriege, das heißt, auf die Siege der französischen Republikaner und die re-volutionierenden Wirkungen der Niederlage der Feudalmächte, die geringen Chancen revolutionärer Umwälzung zu nutzen. Sie arbeitete im Bunde mit anderen unterdrückten Schichten auf den Sturz der alten Ordnung hin und betrieb zu diesem Zweck eine breite Agitation für die Revolution. Die reformerische Richtung strebte die bürgerliche Umgestaltung auf dem Weg evolutionärer Veränderungen, unter Ausschluß der Volksmassen und im Bündnis mit einsichtigen Vertretern der herrschenden Klasse an. Dieser Richtung standen auch Goethe und Schiller nahe, deren Position von der Erkenntnis bestimmt war, daß Deutschland für eine Revolution nicht reif sei. In diesem Sinne arbeiteten sie seit 1794 gemeinsam für die Klärung der Epochenprobleme im bürgerlichen Sinne und prägten in entscheidendem Maße das Profil der zweiten Phase der Periode, die sich bis 1800 erstreckte. [...]
Das im Verlauf der neunziger Jahre sichtbar werdende Nebeneinander von alten Zuständen und Fortschritten im Prozeß der Kapitalisierung und Verbürgerlichung, denen sich erste Erfahrungen in Hinsicht auf den Klassencharakter der in Frankreich entstandenen und in Deutschland partiell eingeleiteten neuen Ordnung hinzugesellten, stellte die deutschen Schriftsteller vor komplizierte Probleme. Es vertiefte die innere Widersprüchlichkeit der ideologischen und literarischen Entwicklung und führte mit der Herausbildung der Romantik als selbständiger literarischer Bewegung zu einer qualitativ neuartigen Differenzierung innerhalb der bürgerlichen Literatur Deutschlands. Die Romantik war in ihrer Ausgangsposition von humanistischen Zielen bestimmt, aber sie reagierte auf die widerspruchsvolle Wirklichkeit mit einem kleinbürgerlichen Antikapitalismus, der - was immer er zur Aufdeckung der Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft und zur Kritik ihrer menschen- und kunstfeindlichen Auswirkungen beitrug — sie in Widerspruch zum Geschichtsprozeß und schließlich auf die Position einer Apologie vorkapitalistischer, feudaler Verhältnisse brachte. Sie versuchte, die bedrohte Individualität gegen die feindliche Wirklichkeit abzuschirmen und richtete ihre Kritik vordringlich gegen die neuen kapitalistischen Widersprüche und ihre Urheber. Das führte sie in der Konsequenz zum bewußten Verzicht auf die Fortführung des Antifeudalismus und Realismus, wie er sich als Leitlinie der progressiven bürgerlichen Nationalliteratur herausgebildet hatte.
      Die Tatsache, daß das Ausmaß an klassenegoistischen Er-oberungs- und nationalen Unterdrückungstendenzen in den militärischen und politischen Unternehmungen des von der Großbourgeoisie beherrschten französischen Staates, zumal unter Napoleon, ständig anwuchs, veränderte wesentliche Grundbedingungen für die ideologische Entwicklung in Deutschland. Seit 1800 verlor Frankreich für die meisten progressiven Ideologen Deutschlands den Charakter einer weltbürgerlichen Führungskraft. An die Stelle des aufklärerischen Kosmopolitismus trat eine national-patriotische Orientierung. Die bürgerliche Umgestaltung vollzog sich zu einem wesentlichen Teil, im Zusammenhang mit dem Prozeß einer nationalen Regeneration. Diese Entwicklung hatte auch für die deutsche Literatur einschneidende Auswirkungen, die ab 1800/01 eine neue Phase begründeten und vor allem die politische Publizistik und Dichtung und die frühe Romantik, aber auch die Klassik betrafen.
      Während in Frankreich, dem Zentrum weltgeschichtlicher Entscheidungskämpfe, alle Kräfte auf die realen politischen und sozialen Klassenauseinandersetzungen konzentriert waren und dementsprechend in der Literatur hauptsächlich die publizistischwissenschaftlichen und politisch-rhetorischen Gattungen Leistungen von übernationaler Gültigkeit hervorbrachten, erreichten in Deutschland, wo die Klassenkämpfe ein weit geringeres Ausmaß annahmen, wie die Philosophie auch Literaturtheorie und Poesie einen Entwicklungsstand, der durch die Verarbeitung der Probleme, die sich beim Ãœbergang zu einer höheren Gesellschaftsformation ergaben, zunehmende weltliterarische Wirksamkeit und Geltung gewann. Unter den gegebenen Bedingungen erhielten Philosophie und Literatur eine besonders wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie waren das aktuell-bedeutsamste Organ gesellschaftlicher Selbstverständigung und Auseinandersetzung in dieser Periode. Ihre geschichtliche Leistung bestimmt sich aus der Wahrnehmung und Erfüllung folgender Aufgaben: Es ging um den spezifischen Beitrag zur bürgerlichen Umgestaltung auch in Deutschland, zur Erkenntnis und Ausgestaltung der neuen geschichtlichen Epoche unter dem Aspekt ihrer Leistung für die Vervollkommnung und Befreiung der Menschheit, zur Ãœberwindung der aus dem Verlust der heroischen Illusionen resultierenden Enttäuschungen und zu einem tieferen Verständnis der Gesetzmäßigkeit und Dialektik von gesellschaftlichen Prozessen. Es ging um die Weiterentwicklung des humanistischen Menschenbilds und des künstlerischen Realismus unter den Bedingungen der neuen Epoche.
      Die Voraussetzungen dafür waren günstig und ungünstig zugleich. Günstig insofern, als der Anbruch der neuen Epoche weitreichendegesellschaftliche Erfahrungen und Durchblicke vermittelte und als die besondere Weise, in der sich der geschichtliche Prozeß in Deutschland vollzog, eine Verarbeitung der neuen Wirklichkeit ohne radikalen Kontinuitätsbruch ermöglichte; anknüpfend an die weltanschaulichen, ästhetischen und poetischen Errungenschaften der vorangehenden Periode, konnten deutsche Ideologen und Schriftsteller als Zeitgenossen des weltgeschichtlichen Umbruchs wesentliches für die Analyse der neuen Epoche leisten. Ungünstig insofern, als die wechselseitige Ãœberlagerung alter und neuer Widersprüche ein richtiges Erkennen und Handeln außerordentlich erschwerte und komplizierte Lebens- und Schaffensbedingungen bereitete. Epocheneinschätzung und Gesellschaftskonzeption, Menschenbild und Kunstauffassung gestalteten sich dementsprechend wechselhaft und unterschiedlich.
      Das Hauptproblem bestand in dem Mangel an gesellschaftlicher Praxis. Die deutschen Ideologen und Schriftsteller mußten mit einer Wirklichkeit fertig werden, die ihnen die Erprobung und Realisierung ihrer Gedanken verwehrte, die ihre Vorstellungen und Absichten zurückwies oder umkehrte, die sie durch die Un-beeinflußbarkeit der realen Entwicklung einengte und zu idealistisch-spekulativen Auffassungen und Lösungswegen drängte. Sie fanden keine Möglichkeit, sich in realen Aktionen und Kämpfen mit den Volksmassen zusammenzuschließen, und konnten ihren Demokratismus nur ideell, sei es in folgenlosen Bekenntnissen oder utopischen Erwartungen, bewähren. Diese Widersprüchlichkeit zwischen Ideal und Wirklichkeit, Theorie und Praxis, Wollen und Vermögen kennzeichnet die gesamte deutsche Literatur dieser Periode. Damit produktiv fertig zu werden, gelang nur wenigen Schriftstellern und nahm selbst bei diesen, wie das Beispiel Goethes zeigt, einen wechselhaften und langwierigen Verlauf.
      Die neue weit- und nationalgeschichtliche Situation, die sich im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts herausbildete, warf für die Entwicklung des künstlerischen Realismus grundlegend neue Probleme auf und verlangte die Ãœberprüfung bisheriger theoretischer Auffassungen wie praktischer Verfahrensweisen. Die Schaffenskrise, in die Goethe und Schiller als führende Nationalautoren noch vor dem Ausbruch der Revolution geraten waren, zeigte bereits an, daß Ziele und Methoden der Literatur, wie sie in der Sturm-und-Drang-Periode angelegt worden waren, unter den sich verändernden geschichtlichen Voraussetzungen neugefaßt und weiterentwickelt werden mußten. Während die Grundrichtung literarischer Entwicklung in Frankreich mit der revolutionären Umwälzung eine historische Bestätigung erfahren hatte, verschärfte sich für die deutsche Literatur der Widerspruch zwischen ideell entwickelten, durch den Gang der Weltgeschichte bekräftigten, historischen Erfordernissen und realen gesellschaftlichen Gegebenheiten noch weiter. Das erschwerte die Lösung der Aufgabe, weltgeschichtliche Epochenhöhe und konkrete deutsche Wirklichkeit als dialektische Einheit realistisch gestaltend zu erfassen. Daraus ergab sich als Konsequenz, einmal die gesellschaftliche Funktion der Literatur genauer zu erforschen und zu bestimmen, zum anderen neue poetische Methoden für die Gestaltung der großen Epochen- und Menschheitsprobleme zu entwickeln. Die Kompliziertheit dieser Aufgabe führte bei vielen Autoren zu unzulänglichen und falschen Lösungen. Sie wirkte andererseits aber auch als Triebkraft dafür, das literarische Schaffen theoretisch und praktisch zu vertiefen, die Probleme umfassend bewußtzumachen und produktive Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Gerade so wuchsen die hohen und bedeutsamen Leistungen der Literatur dieser Periode hervor.
      Es war charakteristisch für die neunziger Jahre, daß angesichts der fehlenden revolutionären Massenbewegungen und -kämpfe Ideologie und Kunst zu Hauptfeldern der Klassen- und Fraktionsauseinandersetzungen wurden. Die Wirklichkeit selbst zwang die deutschen Ideologen und Schriftsteller - unabhängig von ihrem subjektiven Wollen - in diese Richtung. So entstand das Problem der 'Kunstperiode", von der Heine um 1830 kritisch zurückblickend in Hinsicht auf die politische Abstinenz der klassischen und romantischen Literatur sprach. Das Problem lag darin, daß auf Grund des Praxismangels vielfältige Aktivitäten zur Beförderung der bürgerlichen Umgestaltungen auf den Bereich der Ideologie und Kunst abgedrängt wurden und sich dort teilweise verselbständigten, daß auf der Suche nach aktiven Wirkungspotenzen der Literatur bei der Vorbereitung und Realisierung individueller und gesellschaftlicher Wandlungsvorgänge die Tendenz zu einer illusionären Ãœberschätzung von Kunst und Poesie hervortrat. Andererseits jedoch trug die enge Verbindung literarischer und gesellschaftlicher Entwicklungsprobleme positiv dazu bei, die Literatur zum aktiv wirkenden Instrument öffentlicher Bewußtseinsbildung zu machen und die Probleme ihrer gesellschaftlichen Funktion auf einem hohen theoretischen Niveau zu überdenken und zu klären.
      Die deutschen Schriftsteller standen vor einer Wirklichkeit, deren poetische Bewältigung hohe Ansprüche stellte. Es mußten Methoden der Gestaltung gesucht, entwickelt, erprobt werden, die den

Gefahren banaler und trivialer, naturalistischer Wirklichkeitsabspiegelung wie unhistorischer Utopieentfaltung entgingen, die die Probleme der gegenwärtigen Entwicklungsphase der Menschheit, der Nation, der Klassen, der Individuen unter voller Nutzung der zur Verfügung stehenden geschichtlichen Erfahrungen und Einsichten zu beantworten und zu lösen halfen. Ein problemloses Verhältnis zur Wirklichkeit, das ungehemmt und unreflektiert das Bild einer 'Lebenswirklichkeit" ausbreitete, in dem die tatsächlichen Widersprüche verkleinert erschienen, aus der Darstellung herausgedrängt, umgangen oder oberflächlich gelöst wurden, führte unweigerlich zur Trivialität.
      Die nationalliterarisch bedeutsamen Autoren und Autorengruppen trugen der Notwendigkeit, mit einem Zustand gespannter Beziehung zur Wirklichkeit fertig zu werden, auf unterschiedliche Weise Rechnung. Während der neunziger Jahre traten sich zwei einander dem Wesen nach, wenn auch deshalb, nicht mechanisch entgegenstehende Auffassungen und Methoden gegenüber, die vor allem durch die klassische und romantische Literatur repräsentiert wurden.
      Die realistische Richtung stellte sich produktiv der komplizierten Aufgabe, indem sie, ausgehend von der Gesetzmäßigkeit und den Erfordernissen der Wirklichkeit, Möglichkeiten und Wege zu einer positiven Veränderung der bestehenden Gesellschaft, zu ihrer Umwandlung in eine dem bürgerlichen Humanitätsideal angemessene wahrhafte Welt des Menschen zu zeigen suchte. Sie ließ sich in ihrer Literaturauffassung - ungeachtet individueller Unterschiede - von dem Primat der Wirklichkeit und von der gesellschaftlichen Funktion der Literatur leiten. In diesem Sinne standen Goethe und Schiller, Herder, Forster und Hölderlin nicht weit voneinander. Die romantische Dichtung, vertreten durch die Brüder A. W. und F. Schlegel, Novalis, Tieck und Wackenroder, individuell gleichfalls differenziert, wandte sich in der Konsequenz von der Traditionslinie realistischen Kunstschaffens ab und verwandelte die Poesie in eine Sphäre unbegrenzter subjektivschöpferischer Freiheit, die ihre eigene Gesetzmäßigkeit beansprucht, die der Wirklichkeit nicht verpflichtet und deren Zustand nicht zu ändern gehalten ist, die auch ihre Leser nicht zur Wirklichkeit hinführt, sondern ihnen im Reich der Phantasie imaginäre Freiheit verschafft. Sie betrachtete die Literatur als reine Schöpfung des menschlichen Bewußtseins und als unabhängig von Anforderungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit.
      Natürlich gibt es bei beiden Richtungen Theorie- und Pra-xiselemente, die in einem einfachen Gegensatz von Realismus und Nicht-Realismus nicht aufgehen. Schiller und Hölderlin, deren vom heroischen Pathos des bürgerlichen Citoyen geprägte unerbittliche moralische Kritik an ihrem Zeitalter zu einer scharfen Gegenüberstellung von Ideal und Wirklichkeit führte, mußten sich Möglichkeiten einer 'realistischen Gestaltung teilweise schwer erkämpfen. Ebenso sind in frühromantischen Werken Elemente realistischer Durchdringung der Wirklichkeit, besonders in Hinsicht auf die Widersprüche zwischen Individuum und Gesellschaft, Kunst und Leben, wie sie für die kapitalistische Gesellschaftsformation charakteristisch wurden, enthalten. Dennoch behält der prinzipielle Gegensatz der Auffassungen und Methoden seine Gültigkeit. Er bestimmte in sich wandelnden Ausprägungen fortan durchgängig die bürgerliche Literatur.
      Der Realismus in der deutschen Literatur dieser Periode kann mit den Maßstäben weder der englischen und französischen Literatur des 18. Jahrhunderts noch der Sturm-und-Drang-Poesie gemessen werden. Unübersehbar ist bei Goethe, dem bedeutendsten und konsequentesten realistischen Dichter der Epoche, die aus der Kleinlichkeit und Unentwickeltheit der zeitgenössischen deutschen Gesellschaft sich ergebende Tendenz, die großen Epochenfragen als Teile umfassender Menschheitsentwicklung in überhöhenden poetischen Sujets und Formen zu behandeln. Sein symbolisierender Stil, den er allmählich ausbildete, 'repräsentiert das Allgemeine ganzer Zeitaltervorgänge, den Zusammenhang weltgeschichtlicher Entwicklungsprozesse direkt, ohne das Individuell-Anschauliche des Ausdrucks preiszugeben". Trotz der Abschwächung unmittelbarer und konkreter Historizität erschloß er sich damit die Möglichkeit von Darstellungen voller tiefer geschichtsphilosophi-scher Aussagekraft wie etwa der 'Faust"-Dichtung, die Grundkriterien realistischer Literatur erfüllen. Ähnlich leisteten andere Dichter Beiträge zu spezifischen, epochenangemessenen Weiterentwicklungen des Realismus.
      Als Kennzeichen des Literaturprozesses in dieser Periode ist hervorzuheben, daß sich die Rolle der ästhetischen und literarischen Theorie beträchtlich erhöhte. Allerdings bestimmte die intensive theoretische Diskussion und Parteibildung die Praxis poetischen Schaffens bei weitem nicht in dem Maße, wie sie es anstrebte. Zweifellos ergaben sich aus den theoretischen Ãœberlegungen vielerlei Auswirkungen auf die poetischen Werke. Unverkennbar ist eine Reihe von zeitgenössischen Werken als Versuch entstanden, solche Vorgaben praktisch umzusetzen. Generell jedoch gilt, daß dieklassischen Autoren trotz der Verstärkung der theoretischen Arbeit die in der Ãœberwindung ahistorisch-normativer Auffassungen gewonnene Historizität und Praxisbezogenheit der Theoriebildung nicht zurücknahmen. Andererseits konnte selbst ein Dichter wie Novalis, dessen poetisches Schaffen in besonders hohem Maße eine weltanschaulich-ästhetische Programmatik zu realisieren bemüht war, seine Absicht nur mit wesentlichen Einschränkungen erreichen.
      Im Zuge der theoretischen Arbeit gewann die Aneignung der großen überdauernden Leistungen der Welt- und Nationalliteratur wesentlich an Bedeutung. Dieser Prozeß verlief in mehreren Bahnen, einmal als die der Theorie wie der Praxis dienende Entschlüsselung des Geheimnisses von Entstehung und Wirkung, Gehalt und Struktur solcher großen Kunst und als Herstellung der übergreifenden Kontinuität in der poetischen Bewältigung und Objektivierung der Menschheitsgeschichte, zum anderen als Ãœbersetzung und Einbürgerung der poetischen Schätze der Weltliteratur. Während die Klassik dabei ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf Antike, Renaissance und Aufklärung richtete und entschieden an historisch-genetischem Weitblick gewann, vollzog die Romantik, zunächst durchaus auch unter dem Aspekt der Erschließung nationaler wie übernationaler Geschichts- und Kunsttraditionen, wenngleich von Anfang an in weltanschaulich bedenklichen Zusammenhängen, ihre verhängnisvolle Wende zu Kunst und Literatur des Mittelalters bzw. einer als Mittelalter interpretierten frühen Neuzeit. Diese ausgebreitete Aneignung und Verarbeitung von weit- und nationalliterarischen Traditionen, verbunden mit einem wachen Sinn für die Historizität der kulturellen Prozesse, half im weltliterarischen Maßstab den Ãœbergang vom 18. zum 19. Jahrhundert vorzubereiten und zu vollziehen. Sie entwickelte, anknüpfend an die Vorleistungen der europäischen Aufklärung und der deutschen Sturm-und-Drang-Literatur und sie weiterführend, neue Auffassungen und Beziehungen zum kulturellen Erbe der Menschheit.
      Die deutsche Literatur dieser Periode erreichte in einer Reihe von Gattungen Leistungen von hohem national- und weltliterarischem Wert. Dabei gingen die entscheidenden positiven Ausstrahlungenvon der realistischen Richtung aus, die die besondere Chance^, aufdem Boden der deutschen Wirklichkeit eine Literatur mit einem weitreichenden perspektivischen Gehalt und einer spezifischen geschichtsphilosophischen Qualität zu schaffen, gut nutzte. Die geschichtsphilosophische Publizistik Forsters und Herders, die
ästhetische und literaturtheoretische Essayistik Schillers, Goethes, Herders, partiell auch der Frühromantiker, die poetischen Werke Goethes, Schillers und Hölderlins in den verschiedensten Genres bilden einen reichen Beitrag zur Menschheitskultur und einen wesentlichen und fruchtbaren Bestandteil sozialistischen Kulturerbes.
      Entwicklung und Wirkung der bürgerlichen deutschen Literatur zwischen 1789 und 1806 wurden dadurch gefördert, daß auf der Basis eines funktionierenden Systems kapitalistischer Literaturvermittlung wesentliche Ansätze einer bürgerlichen Literaturgesellschaft existierten. Hierfür hatte schon die vorangehende Periode Voraussetzungen geschaffen. So mannigfach die politischen und ökonomischen Bedingungen der im ganzen noch ständischen Gesellschaft die bürgerliche Literatur hemmten, bildete sich diese doch kontinuierlich weiter aus.
      Die feudalabsolutistische Klasse in Deutschland besaß bei Ausbruch der Französischen Revolution nur in beschränktem Maße Herrschaft und Kontrolle über den Bereich der Kultur, besonders der Literatur. Das geistig-kulturelle Leben der Nation war nicht mehr an die politischen Zentren und geselligen Zirkel der Herrschenden gebunden. Die feudalabsolutistischen Machthaber vermochten auch nicht über die ihnen zur Verfügung stehenden staatlichen und ideologischen Institutionen bestimmenden Einfluß auf die geistige und kulturelle Kommunikation als Ganzes auszuüben. Der Aufbau einer direkt staatlich gesteuerten Agitation und Propaganda nach dem Ausbruch der Revolution gelang nur mit Verzögerung und konnte die Wirksamkeit der durch rigorose Zensurmaßnahmen eingeengten revolutionär-demokratischen Publizistik nicht ausschalten. Selbst das System der absolutistischen Zensur erwies sich angesichts der partikularstaatlichen Zersplitterung als nicht zureichend, um der antifeudalen Literatur entschieden Einhalt gebieten zu können.
      Dennoch funktionierte der herrschende feudale Ãœberbau noch als Mittel für die Stabilisierung der politischen und sozialen Verhältnisse. Ãœber Religion und Kirche übte er nachhaltige Wirkung auf die Volksmassen aus, die noch nicht zum Bewußtsein der eigenen Kraft gelangt waren. Getragen von bürgerlichen, aber der herrschenden Klasse dienenden Ideologen, wie Gentz, bildete sich eine konterrevolutionäre Publizistik heraus, die, anknüpfend an die Auffassungen des Engländers Burke, die Revolution grundsätzlich bekämpfte und erst später zu voller Wirkung gelangende Konzeptionen der Kapitalisierung durch die herrschende Klasse undzu deren hauptsächlichem Nutzen entwickelte. Die hiervon ausgehenden systemstabilisierenden Wirkungen wurden durch die aus der Unreife des deutschen Bürgertums resultierenden idealistischen Tendenzen sowie durch die wachsende Furcht bürgerlicher Kreise vor revolutionär-demokratischen Bewegungen und Umwälzungen unterstützt. Noch vor der Revolution hatte sich eine ideologischliterarische Richtung konstituiert, in der ehemals der Sturmund-Drang-Literatur nahestehende Schriftsteller, wie die Brüder Stolberg, F. H. Jacobi, Schlosser, Claudius u. a., zusammenwirkten, die kategorisch allen politischen und weltanschaulichen Bestrebungen antifeudalen Charakters entgegentraten und apologetische Funktionen ausübten. Diese Richtung gewann nach der Revolution Verstärkung und enthüllte ihre konterrevolutionäre Zielrichtung eindeutig. Schließlich unterwarfen sich Autoren, die durchaus nach bürgerlichen Veränderungen strebten, aus Furcht vor obrigkeitlichen Repressalien wie vor revolutionären Volksmassen einer Selbstzensur in Hinsicht auf politische und soziale Inhalte.
      Ungeachtet dessen schritt der Prozeß der Kapitalisierung und Demokratisierung der literarischen Verhältnisse und damit die Entwicklung einer bürgerlichen, nach Ablösung des noch herrschenden feudalen Ãœberbaus drängenden Kultur weiter voran. Die Wandlungsprozesse in der Struktur des Lesepublikums und in den Proportionen der literarischen Gattungen untereinander setzten sich auch in den neunziger Jahren fort. Insbesondere wuchs das Bedürfnis nach Belletristik weiter an. Das von Freunden wie Feinden der Revolution geteilte Interesse am Weltgeschehen förderte die Entwicklung von Öffentlichkeit und damit von literarischpublizistischer Kommunikation. Auf diese Weise verstärkte sich die Rolle der Literatur im gesellschaftlichen Leben, und ihre Weiterentwicklung im bürgerlichen Sinne fand viele Anwälte. Die Bemühungen, in der staatlichen Gesetzgebung bürgerliche Interessen in Hinsicht auf die Gestaltung der literarisch-gesellschaftlichen Verhältnisse zu berücksichtigen, wurden fortgesetzt und führten zu einigen Zugeständnissen seitens der herrschenden Kräfte, beispielsweise im Allgemeinen Preußischen Landrecht. Auch innerhalb der Vermittlungssphäre der Literatur, im Verlagswesen und Buchhandel, zeigten sich neue Bestrebungen, notwendige ökonomischorganisatorische Regelungen im gesamtnationalen Rahmen durchzusetzen und damit die Einheitlichkeit und Wirksamkeit des literarischen Marktes zu fördern. Ãœberdies wurden noch in den neunziger Jahren in einigen deutschen Partikularstaaten die Zensurbestimmungen teils gelockert, teils aufgehoben. Das schloß zwardie Möglichkeit willkürlicher Eingriffe keineswegs aus, trug aber dazu bei, daß das literarische Leben sich, soweit es nicht die progressive politische Publizistik betraf, ohne tiefreichende Beeinträchtigungen weiterentwickeln konnte.
      Damit verbesserten sich die Chancen der bürgerlichen Autoren, ihre Publikumswirksamkeit zu erhöhen sowie unabhängig von absolutistischen Bedienstungen und Mäzenatsbeziehungen vom Ertrag ihrer Feder zu existieren - obwohl das in Deutschland nach wie vor eine nur für wenige lösbare Aufgabe blieb. Die quantitative Ausweitung und qualitative Veränderung des Lesepublikums, die sich vor allem auf kleinbürgerliche, nur in geringerem Maße auf plebejische Schichten erstreckte, trug wesentlich zur Förderung der bürgerlichen Literatur bei und stimulierte das Schaffen der Schriftsteller.
      Gleichzeitig erwiesen sich aber die Gestaltungs- und Wirkungsabsichten gerade der nationalliterarisch führenden Schriftsteller und die Bedürfnisse und Erwartungen der Mehrheit des Publikums als nicht übereinstimmend. Das lag darin begründet, daß einerseits die große Literatur unter den Auswirkungen der gesellschaftlichen Widersprüche oftmals nur Lösungen entwickeln konnte, die der Vielschichtigkeit der Realität nicht angemessen waren und den unmittelbaren Interessen der Volksmassen nicht Rechnung trugen, und daß sich andererseits die Mehrheit des Publikums auf einem rückständigen Niveau ideologischer und ästhetischer Entwicklung befand. So hatten die Bemühungen der progressiven Autoren um einen Durchbruch beim Publikum keinen tiefgreifenden Erfolg, und so suchten die Publikumsmassen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse bei einer Literatur, die ihrer Lebenswirklichkeit wie ihren Erwartungsmodellen naheblieb, ohne auf der Höhe der Epoche zu stehen. Dabei ist zu betonen, daß die Unterhaltungs- und Trivialliteratur, zumal am Anfang der Periode, keineswegs den herrschenden Verhältnissen gegenüber unkritisch eingestellt war, sondern der Lebenswirklichkeit und der Empfindungsweise der Mehrheit des Publikums oft unmittelbarer als die 'große" Literatur Rechnung trug. Allerdings erwies sie sich wiederum, wenn es um die Durchdringung gesellschaftlicher Zusammenhänge und Herausarbeitung historischer Perspektivlinien ging, außerstande, über den bestehenden Zustand der Gesellschaft hinauszublicken.
      So setzte sich in den neunziger Jahren der Prozeß der Differenzierung zwischen ideologisch und ästhetisch bedeutsamer Literatur einerseits, der nur eine Minderheit folgte, und marktgerechter Unterhaltungs- und Trivialliteratur andererseits, die die
Massen bediente, fort. Es vertiefte sich die für die entwickelte kapitalistische Literaturgesellschaft charakteristische Spaltung zwischen 'großer", vornehmlich auf ein gebildetes Publikum wirkender, und 'massenhafter", vornehmlich den ungebildeten Schichten des Publikums dienender Literatur. Dieser Prozeß, der die führenden Autoren der Nationalliteratur in einen permanenten Widerspruch von Kunstfortschritt und Publikumsanpassung hineinzwang, war trotz aller Bemühungen nicht mehr aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen. Damit verlor die progressive bürgerliche Nationalliteratur als wichtige Repräsentanz der antifeudal-demokratischen zweiten Kultur wesentliche Wirkungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, während die Unterhaltungs- und Trivialliteratur sich in rasch wachsendem Maße als ernstes Hemmnis für die Entfaltung der zweiten Kultur erwies.
      Diese Vorgänge verstärkten die unbewußte oder bewußte Orientierung auf idealistische Auffassungen und auf Haltungen der Isolierung und Distanz. Sie wurden noch dadurch unterstützt, daß sich im Zuge der Weiterentwicklung des literarischen Marktes die schwer durchschaubaren Abhängigkeitsverhältnisse, die aus der Verwandlung der Literatur in Ware entstanden, weiter ausprägten. Das traf am schärfsten solche Autoren, die nicht gewillt waren, auf die ethischen und ästhetischen Wirkungspotenzen der Literatur zu verzichten und sich in Instrumente der bloßen Bedürfnisbefriedigung für ein unentwickeltes Publikum zu verwandeln. Da die jüngeren unter den Autoren, die noch um Anerkennung ihrer Werke ringen mußten, diese Schwierigkeiten besonders stark erfuhren, war es natürlich, daß sie die spezifischen Auswirkungen dieser kapitalistischen Warenbeziehungen öffentlich-literarisch am deutlichsten herausstellten.
      Die Widersprüche der Epoche reproduzierten sich in dem buntscheckigen Gesamtbild, das die deutsche Literatur dieser Jahre darbietet. Darunter litt auch der Prozeß von öffentlicher Meinungsund Gruppenbildung im bürgerlichen Sinne. Nach wie vor waren die Möglichkeiten der Vereinigung von Autoren in bestimmten Zentren oder um literarische Unternehmungen stark eingeschränkt. Die Bedingungen der partikularstaatlichen Zersplitterung und absolutistischen Willkür verhinderten die Entwicklung von geselligen oder publizistischen Konzentrationspunkten, die zur Herausbildung von einflußreichen und wirksamen Gruppen hätten führen können. Das trifft auch auf die zeitgenössische Wirkung der Weimarer Klassiker und Jenaer Frühromantiker zu. Es gilt in besonderem Maße von der demokratisch, politisch progressivengagierten Literatur, deren Existenzbedingungen sich am schwierigsten gestalteten.
      Der Anfang der Periode, insbesondere die Zeit der akuten revolutionären Kämpfe in Frankreich, ist nationalliterarisch wesentlich durch eine bedeutsame, seit der frühbürgerlichen Revolution nicht mehr erlebte, neue Maßstäbe und Traditionen schaffende politische Literatur bestimmt. Der ideologische Aufschwung erreichte eine für deutsche Verhältnisse außerordentlich breite Wirkung. In Gedichten und Romanen, Korrespondenzen und Reisedarstellungen, in Flugschriften und Journalen, Almanachen und Kalendern trugen bürgerliche Autoren ihre Auffassungen und Erkenntnisse dem Publikum vor, bei dem sie ein starkes Interesse und eine bedeutsame Resonanz fanden.
      Um das Jahr 1793 allerdings, angesichts der revolutionären Klassenkämpfe in Frankreich und der konterrevolutionären Intervention seitens der europäischen Feudalmächte, vollzog sich eine spürbare Differenzierung in Reformer, Liberale und konstitutionelle Monarchisten nach englischem Vorbild einerseits, und in Revolutionsanhänger, Demokraten und Republikaner nach französischem Vorbild andererseits. In diesen politischideologischen Auseinandersetzungen erreichte die zeitgenössische politische Literatur in Deutschland ihren Höhepunkt. Forsters Schriften, die aus den Kämpfen um die Mainzer Republik erwuchsen, sind der Kulminationspunkt dieser leidenschaftlich Partei ergreifenden und kämpfenden Literatur, in der die besten Züge des Antifeudalismus und Demokratismus des 18. Jahrhunderts aufgehoben wurden.
      Gesellschaftliche Krisenerscheinungen hatten schon vor 1789 für die klarsichtigsten Zeitgenossen die Frage nach Notwendigkeit und Möglichkeit revolutionärer Umgestaltung aufgeworfen. Das Bewußtsein einer sich in Widersprüchen gesetzmäßig vollziehenden gesellschaftlichen Entwicklung war in geschichtsphilosophischen Schriften und poetischen Werken der früheren Nationalliteratur klar sichtbar geworden. Aber die Französische Revolution gab der Welt das Beispiel einer durch politisches Handeln, das sich in Ãœbereinstimmung mit dem gesetzmäßigen Gang der Geschichte befindet, erreichten vollständigen revolutionären Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse einer Nation.
      Auch für Deutschland war revolutionäres politisches Handeln ein grundlegendes Erfordernis, ging es doch um die Frage, welche Variante der Kapitalisierung nationalgeschichtlich zum Zuge kommen würde. Allerdings waren die objektiven und subjektiven

Voraussetzungen nicht so weit gereift, daß der Umschlag der politischen und sozialen Spannungen in eine offen revolutionäre Situation erfolgen konnte; demzufolge mischten sich auch in die Positionen politisch aktiver Gruppen zahlreiche idealistische Vorstellungen. Aber die Herausbildung und Erprobung eines revolutionären politischen Bewußtseins im deutschen Volk war eine Aufgabe von hoher Bedeutung. In dieser Hinsicht hat die politische Literatur der neunziger Jahre, auch wenn sie ihre Ziele nicht erreichte, erstmals nach der frühbürgerlichen Revolution den Vorstoß zu einer neuen Qualität geschafft und für die revolutionäre politische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts ein Vorbild aufgestellt. Nicht zufällig hat die bürgerliche Literaturwissenschaft diese Traditionslinie progressiver deutscher Literatur totgeschwiegen und aus ihren Literaturgeschichtsdarstellungen ausgeschlossen.
      Zugleich war allerdings in dieser Literatur, mit Ausnahme ganz weniger führender Vertreter, wie Forster und Herder, die Fähigkeit zur tiefdringenden Analyse der neuen Gesellschaftsformation und Geschichtsepoche und zur Entwicklung von perspektivischen Durchblicken, die auf der Erkenntnis von geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten beruhten, nur gering entwickelt. In gewisser Weise war sogar die Aufrechterhaltung heroischer Illusionen über Möglichkeiten gesellschaftsverändernden politisch-revolutionären Handelns und über das Wesen der neuen Formation notwendige Vorbedingung für die politischen und ideologischen Aktivitäten dieser Demokraten.
      Auch in den Jahren zwischen dem Sturz der Jakobiner und der Machtübernahme Napoleons fochten deutsche demokratische Publizisten unermüdlich für den Sturz des Feudalabsolutismus und die Herbeiführung bürgerlicher Verhältnisse. Die Welle revolutionär-demokratischer, jakobinischer Publizistik endete erst, als der Staatsstreich Napoleons die letzten Hoffnungen auf die Realisierung eines von der Französischen Revolution initiierten Menschheitsreiches der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auslöschte, das auf Frankreich gerichtete weltbürgerliche Interesse deutscher Patrioten lähmte und eine engere nationalpatriotische Orientierung hervorzurufen begann. Politische Schriftsteller, wie Seume und Arndt, die von einem demokratischen Standpunkt aus bereits entschieden gegen Napoleon kämpften, erhoben ihre Stimme - ungleich vereinzelter - erst zum Abschluß der Periode.
      Mit den Bestrebungen deutscher revolutionärer Demokraten sympathisierte, ihren Hoffnungen und Plänen nahestehend, Höl-derlin, in dessen Dichtung die politische Problematik der Periode besonders tiefen Ausdruck fand. Er vereinigte in seinem Werk die weltanschaulich-geschichtsphilosophische Zielstellung und ästhetische Bewußtheit der klassischen Literatur mit einer auf revolutionäre Veränderungen der Gesellschaft gerichteten politischen Haltung. Er brachte damit in die Nationalliteratur das hohe Pathos revolutionärer Bestrebungen als etwas qualitativ Neues ein. Zugleich zeugt die zunehmende Isolierung seines Dichtertums und sein tragisches Scheitern von den Belastungen und Schwierigkeiten, die die deutschen Verhältnisse den revolutionär gesinnten Ideologen und Schriftstellern bereiteten.
      Es kennzeichnet die Widersprüchlichkeit der Situation, daß die Weimarer Klassiker, die ein zwiespältiges Verhältnis zur Revolution hatten, wichtige Erkenntnisse über Wesen und Richtung der Epochenentwicklung und damit Möglichkeiten geschichtsphi-losophischen Perspektiveaufbaus gewinnen konnten. Während Herder sich mit seinen Schriften in die Reihe der demokratischen politischen Publizisten stellte, gerieten Goethe und Schiller in den ersten Jahren der Periode in eine erneute Krise. Ihnen wurde zwar bald - Goethe bekanntlich endgültig während der Kanonade von Valmy 1792 - bewußt, daß 'eine neue Epoche der Weltgeschichte" angebrochen war, aber den revolutionären Aktivitäten deutscher Demokraten, wie beispielsweise Forster, standen sie mit unverhohlener Ablehnung gegenüber. Das hing mit ihrer negativen Beurteilung des vom deutschen Bürgertum erreichten Entwicklungsstandes und mit ihrer Skepsis gegenüber politischen und sozialen Umwälzungen auf dem Wege innerer revolutionärer Klassenkämpfe zusammen. Sie sahen trotz grundsätzlich gleicher Zielvorstellungen ihre langfristig orientierten Bemühungen um ein bürgerlich-humanistisches National- und Klassenbewußtsein, um ein Bündnis aller an der Veränderung der Zustände interessierten Schichten durch revolutionäre Aktionen, denen sie unter den deutschen Bedingungen Notwendigkeit und Erfolgschance absprachen, gefährdet und diskreditiert. Goethe scheute nicht davor zurück, politische Maßregelungen gegen revolutionär-demokratische Gruppen, beispielsweise unter Jenaer Studenten, einzuleiten. Schiller erreichte um die Mitte der neunziger Jahre in seiner Konzeption einer 'ästhetischen Erziehung", die die sittlichästhetische Veredlung als Voraussetzung politischer Freiheit vorbereiten und eine Alternative zur politisch-revolutionären Aktion bieten sollte, einen Höhepunkt illusionärer Perspektiveentwicklung.

     
Die Freundschaft und Zusammenarbeit beider Dichter stand dementsprechend zunächst im Zeichen des bewußten Verzichts auf politische Aktivitäten und Ziele, vielmehr der Orientierung auf kulturelle und künstlerische Wirksamkeit zugunsten einer evolutionären Herstellung bürgerlicher Verhältnisse. Diese Entscheidung wurde in der 'Horen"-Vorrede programmatisch verkündet. So erhielten ihre unmittelbaren aktuellen und nahperspektivischen Stellungnahmen objektiv apologetische und illusionäre Züge.
      Es reflektiert das Ausmaß an ideologischer Widersprüchlichkeit, daß Erwägungen, die Deutschen würden im Vollzug einer umfassenden Zeitenwende schon durch ihre kulturellen, wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen eine führende Position unter den Völkern einnehmen, Ende der neunziger Jahre unter Schriftstellern verschiedensten Standorts verbreitet waren . Das war das Ergebnis der Einschätzung, daß es keine Möglichkeit politischer Lösung für einen bürgerlichen deutschen Nationalstaat gäbe, und der Ausdruck der illusionären Hoffnung, daß der geistig-kulturelle Leistungsstand einer Nation künftig gewichtiger sein könnte als ihre politisch-gesellschaftliche Struktur. Darin spiegelt sich die Neigung zu idealistischen Alternativen für politische Aktivität, zur Ãœberschätzung der Bedeutung von Geistigkeit und Kultur und dementsprechend auch der gesellschaftlichen Leitfunktion der bürgerlichen Intelligenz.
      Die Entwicklung der Weimarer Klassik nahm jedoch trotz vieler Widersprüche einen wachsend progressiven Verlauf. Hatten schon die Epochendarstellungen in Goethes Roman 'Wilhelm Meisters Lehrjahre" und in Schillers 'Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen" ein hohes Maß an geschichtlichem Erkenntnis- und Durchdringungsvermögen bewiesen, so gelang es beiden Dichtern immer mehr, die Dialektik geschichtlicher Prozesse unter dem Aspekt der Menschheitsentwicklung zu erfassen und sie mittels antikisierender, mythologischer oder historischer Sujets und symbolisierender Stilformen poetisch zu gestalten. Dabei kamen ihnen die von den revolutionären Vorgängen abgeleiteten Erfahrungen und Erkenntnisse zustatten. Goethe entwickelte den klassischen Symbolstil als Mittel, um Dialektik und Perspektive der Menschheitsgeschichte in poetisch-bildhaften Gestaltungen, die von der Tagesgeschichte und Nahperspektive abgelöst sind, zu verdeutlichen. Seine enge Beziehung zur Praxis, die auf seiner politischen Tätigkeit und seinen naturwissenschaftlichen Studien beruhte, ermöglichte ihm diese Leistung. Schiller fand zu einerwieder politisch zielgerichteten Konzeption, die die Lösung der Probleme von Epochen- und Formationswechsel über die Vermittlung nationaler Befreiungskämpfe und das Handeln der Volksmassen erstrebte. Er gestaltete das mit Hilfe modellhafter Beispiele aus der Geschichte europäischer Völker und Nationen. Auf diese Weise erreichte der klassische Realismus - mit dem Spätwerk Goethes als Höhepunkt - seine einzigartige, national-und weltliterarisch weitreichende, auch für das kulturelle Erbe der sozialistischen Gesellschaft bedeutsame Leistung.
      Das literarische Menschenbild dieser Periode spiegelt die Probleme der Gesellschaftsentwicklung differenziert wider. Die neunziger Jahre verstärkten noch die Erfahrungen, die die bürgerlich-antifeudale Literatur in der'Sturm-und-Drang-Periode gemacht hatte. Der unlösbare Widerspruch von subjektivem Wollen und objektiver Determination, von bürgerlich-progressiver Programmatik und Entwicklung der Wirklichkeit hatte unvermeidlich zu Krisenzustanden und Selbstkorrekturen geführt, deren Lösungsvarianten einander bereits in den Weltanschauungskämpfen der achtziger Jahre, besonders in der Spinoza-Debatte, gegenübergestanden hatten. Der Versuch Jacobis, Lavaters und anderer, in resignativer Abwendung von der Konzeption einer sich selbst befreienden und bestimmenden Menschheit die Entwicklung materialistisch-irreligiöser Auffassungen einzudämmen und zur Religion zurückzulenken, war von den führenden Nationalautoren, die zugleich das Vermächtnis Lessings weitertrugen, kompromißlos zurückgewiesen worden. Auf der Grundlage eines spinozistisch-pantheistischen Natur- und Geschichtsverständnisses hatten sie das 'prometheische" Menschenbild verteidigt.
      Gerade in diesen Differenzierungsprozessen und Auseinandersetzungen war es gelungen, bestimmte Schwächen des Menschenbilds, die sich auf Grund der sozialen Isolierung der jungen bürgerlichen Intellektuellen innerhalb der feudalständischen Gesellschaft ergeben hatten, zu überwinden. Unbeschadet der Tatsache, daß in der sozialen Abstraktheit des Individualitäts- wie des Gattungsbegriffes die Grenzen bürgerlicher Ideologie wirksam blieben, hatten besonders Goethe und Herder einen großen Fortschritt in der Erkenntnis der gesellschaftlichen Bedingtheit des Individuums erzielt. Die Erfahrungen der Französischen Revolution wirkten in dieser Richtung weiter. Sie vermittelten ein tieferes Verständnis für die Gesetzmäßigkeit und Spezifik gesellschaftlicher Prozesse und für die Rolle der Volksmassen in der Geschichte.

     
Zugleich spitzte sich, zumal in Deutschland, die Konfrontation von Ideal und Wirklichkeit, von bürgerlich-humanistischen Bestrebungen und realen Handlungsmöglichkeiten weiter zu. Die durch die weltgeschichtlichen Bewegungen noch verstärkten Hoffnungen und Erwartungen fanden keine Verwirklichung, sondern führten nur um so tiefer in Enttäuschungen und Krisen hinein. Als die Grundfrage für die Entwicklung des literarischen Menschenbilds erwies sich, wieweit es gelang, auf der Basis einer zureichenden Erkenntnis gesellschaftlicher Zusammenhänge und geschichtlicher Gesetzmäßigkeiten die progressiven, humanistischen Ideale mit dem konkreten historischen Prozeß zu verbinden und Möglichkeiten einer schöpferisch-praxisverändernden Einstellung zur Wirklichkeit zu finden.
      Diese Aufgabe war schwierig, zumal für die junge Generation, die noch keine gesellschaftlichen Erfahrungen besaß. Die bürgerlichen Ideale stießen nicht nur auf eine ihre Realisierung verweigernde gesellschaftliche Situation, sondern auch schon - vornehmlich durch England und Frankreich vermittelt - auf das Resultat ihrer Wirksamkeit. Das Leitbild des politisch-revolutionären, republikanisch-demokratischen Citoyens, das sich auf die antidespotischen Helden des alten Rom berief, verblaßte angesichts der einander widerstrebenden und bekämpfenden Klassen, angesichts des Egoismus und der Käuflichkeit vieler der modernen Heroen. Das Leitbild der voll entfalteten, ganzen und harmonischen Individualität, historisch vorgeprägt in den vollendet schönen Göttermenschen der griechisch-antiken Kunst, stand dem durch Ausbeutung und Unterdrückung verkrüppelten, durch kapitalistische Arbeitsteilung verkümmerten Individuum als einem Zerrbild seiner selbst gegenüber. Die neue gesellschaftliche Formation gab dem aus ständischen Bindungen und Konventionen herausgetretenen, persönlich freien, aber sachlich abhängigen bürgerlichen Individuum keine Chance zur umfassenden Vervollkommnung seiner Persönlichkeit. Die Gleichgültigkeit und Brutalität, die sie gegenüber den unterdrückten Volksschichten an den Tag legte, war mit der Humanitätsidee unvereinbar.
      In den neunziger Jahren gelangte die Entwicklung des literarischen Menschenbildes an einen Punkt, wo die Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Formation erstmals umfassend sichtbar wurde und die radikale kritische Distanzierung der humanistisch gesinnten bürgerlichen Intelligenz von der eigenen Klasse, wie sie für die entwickelte bürgerliche Gesellschaft charakteristisch ist, hervorrief. Um so prekärer die Folgen, da weder eine revolutionäre Volksbe-wegung diese Opposition aufnehmen konnte noch bereits mit der revolutionären Arbeiterbewegung eine neue geschichtliche Dimension am Horizont auftauchte.
      Unter den sehr verschiedenen Varianten des Menschenbilds gewann der Lösungsweg der Weimarer Klassik entschieden die größte Produktivität und Wirksamkeit. Auf der Basis der weltanschaulichen und geschichtsphilosophischen Konzeptionen, die bei allem utopischen und - vor allem bei Schiller - auch illusionären Charakter in ihrem Kern von einem prozeßhaft-dialektischen Verständnis der Entwicklung ausgingen, gelang es der Klassik, in Anknüpfung an Sturm-und-Drang-Positionen und in Ãœberwindung ihrer Mängel, neue, differenzierte Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit, nach dem Gang gesellschaftlicher Entwicklung und Veränderung zu finden. Auch wenn die Beziehung zur Praxis nur mehr ideell und vermittelt und deshalb der Blick auf die Bedeutung der produktiven gesellschaftlichen Arbeit verstellt blieb, begriffen die Klassiker doch Wesentliches von den grundlegenden Inhalten und Perspektiven des Entwicklungsprozesses der Gesellschaft und von den Aufgaben des bürgerlichen Menschen in ihm. Die durch das Miterleben großer revolutionärer Massenaktionen geförderte Erkenntnis der Funktion von Kollektivität und Gesellschaftlichkeit bedeutete einen entscheidenden Gewinn, der kontinuierlich zum zweiten Teil des 'Faust", als der höchsten Stufe klassischen Menschenbilds, führte. Die wachsende Einsicht in die Dialektik geschichtlicher Entwicklung ermöglichte eine zugleich kritische und produktive Haltung zur Epoche. Das wurde auch durch die starken Spannungen in diesem Verhältnis nicht grundsätzlich beeinträchtigt. Zwar wirkte sich das dergestalt aus, daß das Ideal des allseitig entwickelten, schönen Menschen als Projektion einer höchsten Zielstufe künftiger Entwicklung bewußt utopisch von der Gegenwart abgehoben wurde und damit auch einen überhöhenden Stil der poetischen Umsetzung verlangte. Zwar erwies sich angesichts der Wirklichkeit das klassische Humanitätsideal als höchstens partiell realisierbar, machte sich für die gegebene Epoche eine gewisse 'Resignation" in Hinsicht auf die Möglichkeiten menschlich-individueller Entfaltung und die Orientierung auf die Gesetzmäßigkeit der Gattung notwendig. Entscheidend jedoch wurde die Erkenntnis, daß die Annäherung an das im klassischen Humanitätsideal artikulierte Ziel nur über das verändernde kollektive Wirken und Handeln in der konkreten Gesellschaft, nur in der Entwicklung zusammen mit der Wirklichkeit

- wie immer sie beschaffen sein mochte - vollzogen werden konnte. Dies sicherte dem klassischen Menschenbild Konkretheit und Produktivität, Zeitbezogenheit und Zukunftsträchtigkeit. Alle anderen Varianten des poetischen Menschenbildes dieser
Jahre blieben in dieser entscheidenden Bedingung hinter der Klassik zurück. Sie verharrten zumeist in Opposition oder Abgrenzung gegenüber der Wirklichkeit, ohne zugleich konzeptionell und praktisch eine aktuell-produktive und perspektivische Haltung zu
erreichen. Es ist aber zu berücksichtigen, daß sie — selbst Produkt
realer und konkreter Erfahrungen - wichtige Seiten der Wirklichkeit widerspiegelten und somit unerläßliche, von der Klassik nicht geleistete Beiträge zum literarischen Menschenbild erbrachten.
      In der großen, von der Notwendigkeit grundlegender revolutionärer Veränderungen ausgehenden, in der deutschen Wirk-
lichkeit aber keine Erfüllung findenden Dichtung Hölderlins erreichte die poetische Gestaltung der revolutionären Citoyenideale innerhalb der deutschen Literatur ihren Höhepunkt. Der Zusammenstoß von unbedingter Treue zu den Vorstellungen von einem reichen und schönen Menschentum in einer harmonischen Gemeinschaft, die, abgeleitet an der griechischen Antike und verknüpft mit den Umwälzungen der Epoche, auf Realisierung drängten, mit den starren, einengenden, menschenfeindlichen Verhältnissen, der Gegensatz von Pathos und Elegik gaben dem Menschenbild Hölderlins sein charakteristisches Profil. Zugleich wurden aber auch Züge von Abstraktheit, Wirklichkeitsfremdheit und idealistischer Lösungssuche, die aus der Unversöhnlichkeit von Ideal und Wirklichkeit und aus der durch sie hervorgerufenen Isolierung des Dichters entsprangen, zu unvermeidbaren Bestandteilen dieses Menschenbildes. Die Bewahrung der in der Gegenwart nicht realisierbaren Ideale für die Zukunft, die zur Menschheitsmission des wahren Dichters erhoben wurde, fand ihre Existenzbasis nur in einer relativ unspezifischen, hinter der historischen Konkretheit des klassischen Epochenverständnisses zurückbleibenden Naturkonzeption und konnte sich nur als reine Utopie vergegenständlichen.
      Die Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit zeichnete auch das Menschenbild Jean Pauls mit unverwechselbaren Spuren. Angesichts des Versagens der politischen Hoffnungen und Absichten gewann sein echter Demokratismus nur in einer tiefen, mitleidvollohnmächtigen Liebe zu den Armen und Entrechteten Gestalt. Aus der resignierenden Anerkennung der determinierenden Gewalt objektiver Umstände erwuchs eine humoristische, den Gegensatzvon Ideal und Wirklichkeit voll reflektierende und demgemäß selbst widerspruchsvoll-zerrissene Haltung, die Hilfe und Trost gegenüber den Lasten und Leiden des Lebens nur in der Stiftung und Bewahrung privat eingegrenzter Verhältnisse von Freundschaft und Liebe gewinnen konnte. Moralismus und Religiosität ergaben sich zwangsläufig als Konsequenz. Jean Pauls Menschenbild führte die Tradition des Sentimentalismus aus der vorrevolutionären Periode, angereichert durch die Darstellung der sozialen Mißstände und Leiden in den kleinbürgerlich-plebejischen Schichten, unter den neuen geschichtlichen Bedingungen modifiziert fort.
      Das Menschenbild der Frühromantik wurde — ungeachtet starker Differenziertheit und Uneinheitlichkeit - durch den Grundzug entschiedener Distanzierung von der Wirklichkeit bestimmt. Die Frühromantiker suchten den Ausweg aus dem ohnmächtigen Erleiden von Widersprüchen in dem Ausbau der poetischen Welt zu einer unbeeinträchtigten und unbegrenzten Sphäre von Freiheit und Harmonie. Hier sollte der in der wirklichen Welt unbefriedigte und gefährdete Mensch sich voll verwirklichen können, unabhängig von der Gesetzmäßigkeit der Außenwelt, in Einklang mit dem Weltgeist, zu dem er im Mikrokosmos seiner Innenwelt wieder Zugang zu finden hoffte.
      Die Frühromantiker hatten im Grunde keine Hoffnung mehr, die Wirklichkeit verändern bzw. innerhalb der Wirklichkeit eine positive Veränderung erreichen zu können. Es ging ihnen deshalb darum, die Wirklichkeit neu zu interpretieren, sie um- und neuzudenken, sie durch eine vom Menschen selbst geschaffene Welt zu ersetzen. Es kam darauf an, die Empfindungsfähigkeit des Menschen so zu steigern, daß sie einen Zustand der Unabhängigkeit gegenüber der Realität und damit eine beliebig und dauerhaft herstellbare Harmonisierung ermöglichte. Nicht in der praktisch wirklichkeitsaneignenden und -verändernden Tätigkeit suchten die Romantiker eine Lösung; mit Schärfe lehnten sie alle Aktivitäten dieser Art ab und diskreditierten die Arbeit als das, was die Menschen aus dem Paradiese trieb. Vielmehr erstrebten sie einen Existenzzustand der innerlich-schöpferischen Aktivität, des kontemplativen Genießens.
      Dieses Wunschdenken von Freiheit, als 'der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen" , stürzte die Frühromantiker in ständig erneute Krisen. Während einige das Prinzip dieser inneren Befreiung durchzuhalten suchten, reflektierten andere bereits die Konsequenzen der Isolierung und Lebenszerstörung. Sie sahen den

Menschen unheimisch in seiner Welt, sich selbst entfremdet, ohnmächtig durch ein Schicksal bestimmt, das undurchschaubar war und folgerichtig über eine Kette von verhängnishaft erscheinenden Zufällen wirkte. Die Frühromantik kompensierte das Scheitern ihrer von humanistischen Intentionen her angesetzten Ideale mit einer mehr oder minder radikalen, auf alle Fälle zu einer passiv-kontemplativen Lebenshaltung führenden Flucht in die Religion. Damit schloß sie sich an die weltanschaulich-reaktionären Tendenzen, die in den Auseinandersetzungen der achtziger Jahre erstmals als neuartige Gegenströmung gegen die Aufklärungstradition ihr Haupt erhoben hatten, an und bildete den Gipfelpunkt der ersten großen Welle von Wiederbelebung der Religion in der bürgerlichen Ideologie. Durch ihre radikale Abtrennung von der gesellschaftlichen Praxis, durch ihre unproduktive Feindschaft gegen die Wirklichkeit, durch ihren Rückzug auf die Innenwelt begründete sie eine weltanschauliche und ästhetische Traditionslinie bürgerlicher Literatur, die in ihrer Konsequenz zum spätbürgerlichen Modernismus führte. Sie unterscheidet sich allerdings von diesem Spätstadium bürgerlicher Ideologie noch wesentlich durch die Bejahung eines harmonischen und universellen Menschentums, durch die utopischen Elemente ihres Geschichts- und

Menschenbilds.
      Das Bild, das die Literatur der Periode darbietet, ist durch komplizierte und widerspruchsvolle Wesenszüge gekennzeichnet. Die großen Leistungen, die — wie Engels hervorhob - dieses 'jämmerliche politische und soziale Jahrhundert" zum 'großen Jahrhundert der deutschen Literatur" machten, die in den Schatz des Kulturerbes der Menschheit eingegangen sind, mußten einer schwierigen und oftmals widrigen Lage abgerungen werden. Es charakterisiert die Literatur der Periode, daß sie ihre angemessene Repräsentanz nicht im Werk einiger führender Schriftsteller oder einer Gruppe findet, sondern daß sich das Bild ihrer wirklichen Beschaffenheit und Leistung erst aus dem Ensemble unterschiedlichster Lösungsversuche und Schaffensvarianten bei den verschiedenen Autoren und Autorengruppen ergibt.
      Die bürgerliche deutsche Literatur dieses Zeitraums hat große Anstrengungen unternommen, ihren den geschichtlichen Interessen ihrer Klasse, der Nation und der Menschheit verpflichteten Aufgaben gerecht zu werden. Wenn es ihr nicht gelang, die selbstgesetzten und historisch berechtigten Ziele zu erreichen und den Prozeß gesellschaftlicher Bewußtseinsbildung im Sinne ihrer progressiven Intentionen entscheidend zu beeinflussen, so kann dasnicht ihr, sondern nur der Schwäche der bürgerlichen Klasse in Deutschland angelastet werden.
     

 Tags:
HANS-DIETRICH  DAHNKE  -  Literarische  Prozesse  der  Periode  I789  bis  I806    





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