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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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HANS RICHTER - Die Ballade in der sozialistischen Dichtung



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Um die Mitte der zwanziger Jahre zeigte sich in Deutschland ein kräftiges Aufblühen der sozialen und politischen Poesie, und zwar insbesondere einer dem revolutionären Proletariat verpflichteten Poesie. Dieser Prozeß, der sich mehr und mehr zu einer umfassenden Literaturbewegung ausweitete, hatte seine wesentliche Voraussetzung in der Entwicklung der 1918/19 gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands zur konsequenten und einflußreichen Führerin der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft, zur revolutionären Massenpartei Leninschen Typs. Bemerkenswerterweise trägt die im Zusammenhang damit sich entfaltende sozialistische Lyrik dieser Jahre in einem weiten Umfang ausgesprochen balladesken Charakter. Die Arbeiterklasse hatte ein tiefes Bedürfnis, sich selbst, ihr Leiden und ihren heldenhaften Kampf um ihre politische und soziale Befreiung in kleinen lyrischepischen Dichtungen zu spiegeln. Sie hat sich deshalb solche Gedichte bzw. Lieder gelegentlich unmittelbar selber geschaffen. Das bezeugt zum Beispiel das Leunalied, dessen Entstehung Wolfgang Steinitz in einem gründlichen und aufschlußreichen Aufsatz als die Umwandlung eines 'passiven sentimentalen Soldatenliedes zum aktiven revolutionär-kämpferischen Arbeiterlied" [1] nachgewiesen hat. Die Geschichte dieses balladenhaften Kampfliedes deutet zugleich darauf hin, daß sich die sozialistische Ballade vielfach in engster Beziehung zum politischen Lied und entweder als sangbares Genre entwickelte oder doch zumindest im Hinblick auf den unmittelbaren Gebrauch durch das neue Publikum entstand, durch die neue literarische Ã-ffentlichkeit der arbeitenden Massen. Naturgemäß konnte die adäquate literarische Selbst-darstellung der Arbeiterklasse unter den damaligen sozialen Bedingungen immer nur Ausnahme bleiben; war es doch gerade die wesendiche gesellschaftliche Funktion der sozialistischen Dichtung, der Klasse insgesamt das Bewußtsein erst mit schaffen zu helfen, dessen sie zu ihrem erfolgreichen Befreiungskampf bedurfte. Eben dieser Aufgabe diente nun innerhalb der poetischen Literatur neben dem Kampflied vor allem die reiche Balladendichtung des aufkeimenden sozialistischen Realismus im Deutschland der zwanziger und der ersten dreißiger Jahre. Und umgekehrt erwies sich die Ballade als ein Genre, das es den zahlreichen aus bürgerlichen Schichten stammenden Dichtern der Arbeiterklasse erleichterte, ihre theoretischen Einsichten und sozialen Erfahrungen schnell und wirksam für ihre literarische Arbeit zu verwerten.

      Als erster dieser Dichter ist hier Erich Weinen zu nennen. Unter seinen nahezu tausend überlieferten Gedichten, die übrigens nur ein relativ kleiner Teil des von ihm in dreißig Jahren mit Hingabe und Leidenschaft Geschaffenen sind, findet sich eine Fülle von Balladen, und zu ihnen gehören viele seiner besten Arbeiten. Einige wenige Titel sollen diese Feststellung illustrieren: 'Stadtbahnbogen 314", 'Lied der Pflastersteine", 'Die Nacht des Gefangenen", 'Eine deutsche Mutter", 'Das Gästebuch des Fürsten Jussupow". Auch die große Masse der übrigen Gedichte von Erich Weinert zeichnet sich durch mehr ober weniger ausgeprägte balladeske Züge aus. Bertolt Brechts Orientierung auf das revolutionäre Proletariat und dessen Weltanschauung fand ihren frühesten literarischen Ausdruck in balladenhaften Gedichten aus den Jahren 1926 bis 1929, vor allem in dem bekanntesten aus dieser Gruppe: 'Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin". Brechts spätere Balladen bilden einen gewichtigen Bestandteil seines lyrischen Schaffens, ja seines Schaffens überhaupt. 'Ballade von den Osseger Witwen", 'Ballade von der Judenhure Marie Sanders", 'Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Wege des Laotse in die Emigration", 'Kinderkreuzzug" und 'Der anachronistische Zug" seien als einige hervorragende Beispiele hier in Erinnerung gebracht. Während Brechts Balladik noch verhältnismäßig gut bekannt ist, blieb die nach Umfang und Wert ebenfalls bedeutende Balladendichtung Johannes R. Bechers im großen und ganzen noch recht unbeachtet im Schatten seiner hymnischen und unmittelbar liedhaften Poesie. Aber gerade für die Entwicklung dieser Dichtung waren die zahlreichen Balladen, die Becher seit dem Ende der zwanziger Jahre schuf, von unzweifelhafter Wichtigkeit. Denn in ihnen fand er ähnlich wie Weinert und Brecht schon früh eine volkstümliche Form konkreter und direkt wirksamer politischer Aussage. Das zeigen solche Gedichte wie 'Posten stehen", 'Ballade vom Granatendrehen", 'Chronik", 'Gewehre", 'Bülowplatz 1931" und viele andere. In späteren Jahren gelangen Becher mehrfach Balladen, die durch einen umfassenden nationalen Gehalt hervorragen, beispielsweise die prägnante 'Ballade von den dreien", von der noch ausführlicher zu sprechen sein wird.
      Neben Weinert, Becher und Brecht leisteten auch jüngere sozialistische Dichter einen bemerkenswerten Beitrag zur Entwicklung der modernen Ballade, etwa Louis Fürnberg und der aus dem Proletariat stammende Kuba, dessen frühe Gedichte wie vieles andere Material leider noch immer nicht gesammelt vorliegen. Ãoberhaupt ist die Erneuerung der Ballade in den zwanziger und dreißiger Jahren eine erstaunlich breite Bewegung, an der weit mehr als die bisher genannten Dichter teilhaben. Mag auch die Zahl und Qualität ihrer Balladen unterschiedlich und nicht immer sehr groß sein, so müssen sie doch insgesamt als wirkende Momente eines bedeutsamen literarischen Prozesses begriffen und beurteilt werden. Außer anonym überlieferten balladesken Gedichten aus den Klassenkämpfen der Weimarer Republik verdienen die Balladen von Bert Brennecke, Emil Ginkel, Edwin Hoernle, Fritz Hampel , Paul Körner-Schrader, Heinz Lauckner, Hans Lorbeer und nicht zuletzt die von Hans Marchwitza, Berta Lask, Max Zimmering und Hedda Zinner sorgfältige Beachtung. [2]

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