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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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HANS KOCH - Der einzelne und die Gesellschaft. Einige geistige Probleme unserer Gegenwartsliteratur



Die Frage nach Kräften, Fähigkeiten und Möglichkeiten, nach Stellung, Wert und Rolle der einzelnen Persönlichkeit in unserer Gesellschaft wird immer mehr zu einem wesentlichen Gegenstand künstlerischen Nachdenkens.

      In Romanen, Erzählungen und Gedichten, Theaterstücken und Spielfilmen ist eine 'Diskussion" in Gang, die Wesen und Substanz sozialistischer Persönlichkeiten gilt, den Bedingungen und der Art und Weise ihres Werdens, ihrer moralischen Integrität. Diese künstlerische 'Diskussion" wird um so fruchtbarer sein, je intensiver sie öffentlich wird als Gespräch über wichtige weltanschauliche und ethische Probleme des heutigen persönlichen und gesellschaftlichen Lebens und ihrer künstlerisch-geistigen Verallgemeinerung. 'Auf dem von unserem VI

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Parteitag vorgezeichneten Weg", sagte Genosse Erich Honecker auf der 9. Tagung des Zentralkomitees der SED, 'beim weiteren Aufbau des Sozialismus wird mit der Aufgabe zugleich das Anliegen von Kunst und Literatur darin bestehen, das sozialistische Bewußtsein, die Rolle der sozialistischen Persönlichkeiten bei der Gestaltung unserer Gesellschaft noch wirksamer fördern zu helfen." In diesem Sinne sollen einige geistige, letztlich weltanschauliche Probleme sozialistischer Persönlichkeitsbildung im Spiegel der Literatur und durch die künstlerischen Möglichkeiten von Literatur erörtert werden.
     

Aktive und bewußte Erbauer des Sozialismus
Im Mittelpunkt aller Fortschritte unserer Literatur steht die immer tiefere und differenziertere Ausprägung des Bildes der Menschen, die aktiv und bewußt den Sozialismus erbauen. Mit seiner Gestaltung wird eine Fülle geistiger Fragen aufgeworfen, die den Wechselbeziehungen des einzelnen mit der sozialistischen Gesellschaft gelten.

     
In Bernhard Seegers 'Vater Batti singt wieder" geht es um nicht weniger, als um das Ausforschen einer geistigen, moralischen Lebenskraft, die in der Lage ist, sogar geistigen, nahezu physischen Tod zu überwinden. Dies ist die moralische Quintessenz einer Parteihaltung, die im 'Vater Batti" Gestalt werden soll. Woraus wächst sie; was bringt Vater Batti über den Berg? Wo liegen im Leben und für die Kunst - Seeger fragt nach beidem - die Quellen einer Kraft, die dem einzelnen ein sinnerfülltes Leben ermöglicht? Sinnerfüllt - weil und indem er ständig an der weiteren revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft teilhat.
      Alles steht bei Seeger auf der Macht des unmittelbar erzieherischen Wirkens und des dadurch bewirkten Anstoßes, der durch das persönliche politisch-moralische Beispiel der besten Genossen gegeben wird. Immer sind es diese Beispielhaftigkeit und die aus ihr wachsenden persönlichen Beziehungen des Batti zu diesen Genossen, die Lebenskraft bewahren, nähren, steigern. Die Leidenschaft für Seegers Plädoyer für die Erziehungsmächt der besten Parteikader fordert Respekt. Sie will einem wesentlichen Element des Reifens sozialistischer Persönlichkeiten zu neuem Glanz verhelfen. Das ist nur zu unterstützen. Doch Seeger gibt seinem Batti unversehens Züge von Selbstgerechtigkeit, die das angestrebte Maß moralischer Größe und Vorbildhaftigkeit mindern.
      Kants David Groth ist künstlerisch von dem Bestreben geprägt, den Reichtum einer Persönlichkeit als den Reichtum ihrer praktischen und geistigen Beziehungen nachzuweisen. Auch im 'Impressum" geht es vielfach um Erziehung. Doch alle ihre Wirkungen sind gebrochen durch ein Prisma erzählerischer Ironie. Diese Ironie ist nuancenreich, sie vermag respektvolle Hochachtung zu erkennen geben oder sehr sarkastisch zu sein. Sie kennt alle Töne dazwischen. Die ästhetische Funktion dieses Prismas ist prinzipieller geistiger Natur. Sie läßt nicht zu, den Mann, der hier geprüft wird, aufzufassen als ein Erzkhungs" produkt" im Sinne passiven, 'erlittenen" Geformtseins. Dies, sagt das 'Impressum", stünde im Widerspruch zum Selbstverständnis des Groth als Subjekt im historischen Sinne, als 'eigene" volle Persönlichkeit im moralischen. Aber hält uns die freundliche Ironie nicht auch die einzelnen Genossen, die persönlichkeitsformende Kraft ihrer Kollektivität auf Distanz?

Persönliches Reifen in verantwortlichem Tun
Charakteristisch für Günter Görlichs Erzählung 'Den Wolken ein Stück näher" ist die soziale Ernsthaftigkeit, mit der Fragen nach dem gesellschaftlichen Verantwortungsbewußtsein angegangen werden. Die Probleme der Schulklasse des Klaus Herper und die Probleme des Betriebes, in dem sein Vater Parteisekretär ist, sind unterschieden, aber es sind gleichgerichtete Probleme der einen Gesellschaft. Ideale und Ziele, Sorgen und Konflikte der Kinder äußern sich anders als bei Erwachsenen, aber es sind keine anderen — und sie haben kein geringeres moralisches Gewicht. Vorstellungen von einem Idealmaß des 'Fertigen" in der Persönlichkeitsauffassung werden in der Logik dieses Buches nicht als 'kindgemäß" abgetan, sondern als letztlich hinderlich und schädlich für Gesellschaft und eigene Persönlichkeitsentfaltung widerlegt. Auch Zurückbleiben kommt nicht nur bei Kindern vor.
      Görlich gibt eines der 'durchdachtesten" Bilder der menschenbildenden Wirksamkeit sozialistischer Kollektivität. Dabei liegt in seinem Falle der Tenor weniger auf der Hilfe, die ein Kollektiv für die Entwicklung des einzelnen zu geben vermag, sondern auf der Verantwortlichkeit, die der einzelne wiederum innerhalb und für eine soziale Gemeinschaft trägt, in deren Vollzug er wächst.
      Joachim Nowotnys 'Der Riese im Paradies" gibt ein Bild vom komplizierten 'normalen" Hineinwachsen eines Jungen in unsere Welt, von 'normalen" Rückzügen aus der Wirklichkeit, von der schwierigen Selbstüberwindung zu neuen Vorstößen. Nowotnys Held, ein Dreizehnjähriger, wirkt künstlerisch nicht dort am überzeugendsten, wo er aktiv und schöpferisch im Sinne von Handlung und Tat ist - und keinesfalls 'beginnt" das Sozialistische im Bild des Jungen erst dort, wo er zu Handlung und Tat übergeht. Es drückt sich im ganzen aus. Am stärksten in jenen widersprüchlichen inneren Vorgängen, in denen Aktivität vorbereitet und geboren wird: In der erträumten sozialen Rolle, Großes und Gutes für das Volk zu tun, in der Scham, den Traum nicht durch Tun bestätigen zu können. In der jugendlichen Selbstüberschätzung — die immerhin von einer hohen moralischen Maxime und ehrlichem Wollen getragen ist: Im Streben zum Ganzen und im Rückzug auf sich selbst, der Moment neuen Kräftesammelns sein kann. Im Fertigwerden mit seiner Resignation, die Bewährungsprobe und Element einer schöpferischen Haltung ist. [...]â–  Es geht hier um die generelle Sicht, die einen Menschen im Prozeß seines Werdens erfaßt - jenseits aller Statik und ein für allemal festgelegten Züge und schematischen Kriterien. Nowotny bringt Entdeckungen, wie bestimmende Elemente einer sozialistischen Lebenshaltung auch in Gefühlen und Verhaltensweisen 'rumoren", die auf den ersten Blick als Gegensatz zu dieser Lebenshaltung erscheinen.
      Tragfähige Grundlagen zur Lösung neuer Fragen
Eine solche Reihung könnte fast beliebig weitergeführt werden. Sie zeugt davon, daß mit einer breiteren Differenzierung, einer größeren Vielfarbigkeit des Bildes aktiver und bewußter Erbauer des Sozialismus sich auch die Skala 'geistiger Fragestellungen" nach Wesen und Wert sozialistischer Persönlichkeiten in jeweils bestimmter Art ihrer Beziehungen mit dieser unserer Gesellschaft wesentlich verbreitert hat. Wir haben es sicher nur ganz ungenügend verstanden, die jeweiligen Werke nicht nur als einzelne zu nehmen und zu nutzen, sondern mit dem — immerhin — Pfunde zu wuchern und das stetige Nachdenken über geistige, ethische, sozialpsychologische Fragen des Persönlichkeitswerdens und -seins in der sozialistischen Gesellschaft zu einem festen Bestandteil des geistigen Lebens zu machen. Wie viele Zuschriften und Leserdiskussionen auch über wenig spektakuläre Werke ausweisen, werden damit vielfältige geistige Interessen getroffen. Ein stärkeres geistiges Klima um solche Fragen käme dem Wachstum der Literatur selbst zugute. Es würde sicherlich auch helfen, daß die Summe tragfähiger schöpferischer Erfahrungen und produktiver Ansätze, welche die Literatur selbst gewonnen hat, ständig zum Nährstoff weiteren und breiteren Wachstums unserer Literatur wird.
      Künstlerisches Neuerertum, neue kühne Vorstöße sind nötig. Um so mehr bedarf es einer tragfähigen Grundlage aller schöpferischen Erfahrungen, die bereits gewonnen sind. Denn eine Reihe neuer Fragen, die das Leben und die literarische Entwicklung stellen, sind kompliziert genug. [...]

Geschichte, Gesellschaft und die Persönlichkeit
Betrachten wir demgegenüber 'jüngere" Erzieher-Gestalten, wie die Mariott bei Alfred Wellm, die Anne Morgenstern bei Görlich, den Anton Nickel in Uwe Kants 'Das Klassenfest" und andere. Sie sind meist nicht weniger interessant, weil oft in lebensvollen, konkreten Konfliktsituationen dargestellt. Indessen: Ihr 'persönlicher Fundus" erscheint in der Regel weitaus weniger - teilweise gar nicht - durch erlebte und erfahrene Geschichte ihrer Zeit geprägt; der gesamte Umkreis ihrer Wirklichkeitsbeziehungen hat in ungleich geringerer Weise die Qualität 'geschichtserfahrener" Beziehungen. Was sie anziehend macht und was durch sie als Bild erzieherischer Wirkungen und Werte eingebracht wird, liegt sozusagen auf anderer Ebene. Ist das, was hier vorgeht, ««reine Frage des 'Alters" der Figuren? Als der junge Ernst Machner seinen Weg beginnt, der - am Beginn unserer Revolution - 'die besten Jahre seines Lebens" kennzeichnet, wird er von den geschichtlichen Erfordernissen, den gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen des Aufbaus einer neuen Ordnung gleichsam unmittelbar beim Kragen genommen und nach vorn gestoßen.
      Wie wirkt 'Geschichte" heute auf persönliche Wege ein, wie prägt sie heute individuell bestimmte Gesichter? Die Tatsache, daß die aktiven bewußten Erbauer des Sozialismus durch ihre tagtägliche schöpferische und 'stille", aufregende und präzise Arbeit Geschichte bewirken, reicht als Antwort für künstlerisches Schaffen zweifellos nicht aus. Sie legt die Verbindungsfäden nicht bloß, die das Mühen des einzelnen heute mit dem Schicksal der Republik, des internationalen Sozialismus, mit dem Weltgeschehen künstlerisch 'be-greifbar" lebendig und erlebbar verbinden. Daraus resultieren schöpferische Schwierigkeiten, die nicht zu übersehen sind.
      Kant hat im 'Impressum" seinen Mann in eine Position gebracht, in der diese Verbindungen sein täglich Brot sind. Er hat sein Bild gleichsam als einen gegenwärtig gezogenen Querschnitt durch dessen gesamtes 'historisches Gewordensein" angelegt; die geschichtliche Skala ist breit und reicht zeitlich und persönlich tief. Bei alledem, so scheint mir, fügen sich die vielen Episoden, die sein Buch tragen, nicht in einer der 'Aula" vergleichbaren Weise zur inneren Geschlossenheit eines Romanwerkes. Eine 'rein formale" Frage? Kann dieser Eindruck damit zusammenhängen, daß der David Groth auf der 'Gegenwartsebene" des Nachdenkens über seine Entscheidung zu kontemplativ ist? Und das wiederum damit, daß Kant für diese Ebene keine unmittelbare Begebenheit, keine Fabel und keine Form fand, in der er eine unmittelbare aktive Beziehung mit der 'Zeitgeschichte" in einer der 'Vergangenheitsgeschichte" adäquaten Dimension hätte darstellen können?

Vergnügen am Meistern gegenwärtiger Historie
Wie dem im konkreten Falle auch sei. Wir stehen vor einem Widerspruch, aus dem m. E. ein Kernproblem unserer weiteren Literaturentwicklung heranwächst. Der XX

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Parteitag der KPdSU hat international — wie der VI

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Parteitag der SED für unser Land - die Verwirklichung des Sozialismus in neuen qualitativen und quantitativen Dimensionen eingeleitet. Es wird ein qualitativ neuer Höhegrad der - um mit Brechts Worten zu reden - 'Meisterungsmöglichkeit des menschlichen Schicksals durch die Gesellschaft" erreicht. Das Vergnügen daran zu fördern, der Meisterung frische Impulse zu geben, ist und bleibt ein sozialer Grundauftrag unserer Literatur. In der internationalen Arena vollziehen sich weitgreifende progressive Veränderungen. Erich Honecker unterstrich: 'Die Veränderungen, die in der Welt vor sich gehen, die Wende vom ,kalten Krieg' zur Entspannung in Europa sind ein Beweis dafür, daß der real existierende Sozialismus nicht nur den Prozeß der sozialen Befreiung der Völker, sondern auch ihre Befreiung von der Geißel des Krieges beschleunigt." In nie gekanntem Umfange wird erstrangig durch das praktische Tun und die staatsbürgerliche Haltung der Menschen, die bewußt den Sozialismus errichten, 'Geschichte gemacht".
      Demgegenüber scheinen nun, auf den ersten Blick, Teile der Literatur eben diesen Gegenwartsprozeß als einen gewissen 'Rückgang" gegenwartsgeschichtlicher, sozialhistorischer und politischer Bezüge, Bedingungen und Erfordernisse für die sozialistische Persönlichkeitsentfaltung zu reflektieren. Die Vertiefung des Menschenbilds scheint nicht von einer entsprechenden Vertiefung des Geschichts- und Gesellschaftsbilds im 'Maßstab der siebziger Jahre" durchdrungen. Diese Bemerkung zielt nicht vorrangig auf das Schreiben großer Epopöen; in der realistischen Kunst ist ein großer Gesellschafts- und Zeitgehalt oft noch in der subtilsten Liebesgeschichte. Es harrt im wesentlichen noch der künstlerischen Entdeckung, wie heute diese großen geschichtlichen Vorgänge zum persönlichen Erleben und gerade dadurch zum Bestandteil des 'eigenen Ich" werden. Die Frage kann hier nur aufgeworfen werden; ihre Beantwortung wird meines Erachtens ein längeres kollektives geistiges Mühen voraussetzen, sicher nicht nur im künstlerischen Schaffen selbst.
      In der Lyrik gibt es m. E. wichtige Vorstöße - trotz dieser oder jener Widersprüche — im Schaffen Volker Brauns, der sich am entschiedensten für ein weitgreifendes Geschichts- und Gesellschaftsbild im lyrischen Persönlichkeitsausdruck ins Zeug legte.
      In der Einstellung zu diesen Problemen fallen wichtige geistige Entscheidungen in der immer tiefer greifenden Antwortsuche auf die Frage nach Wert und Rolle der Persönlichkeit.
     

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