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HANS KAUFMANN - Krisen und Wandlungen der deutschen Literatur von Wedekind bis Feuchtwanger. Fünfzehn Vorlesungen



In der nachrevolutionären Periode bilden sich die Beziehungen von Künstler und Gesellschaft und in ihrem Gefolge die Literaturästhetik allmählich um. Im Krieg und besonders in der Revolution als einer riesigen Massenaktion hatte sich die Verflochtenheit der ureigensten Probleme des Künstlers mit dem Schicksal der breitesten Massen deudicher denn je herausgestellt, und das war auch nach dem Ende der revolutionären Nachkriegsbewegungen nicht mehr aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Dafür sorgen in erster Linie die revolutionäre Arbeiterbewegung und die Existenz der Sowjetunion, die einen ständig bohrenden Pfahl im Fleische ästhetischer Selbstgenügsamkeit bilden. In einem zuvor unbekannten Ausmaß sieht sich der Künstler mit der Forderung konfrontiert, die Existenzberechtigung der Kunst in der sozialen Welt zu beweisen. Das meint Thomas Mann, wenn er vom Ende der bürgerlich-ästhetischen Epoche spricht. Eine ganze Generation von Schriftstellern formt ihr weltanschauliches und künstlerisches Profil unter dem Eindruck dieser Tatsache: von Feuchtwanger und Arnold Zweig, die schon vor dem ersten Weltkrieg schrieben, aber erst jetzt, als sie das Erlebnis von Krieg, Revolution und Nachkrieg verarbeiten, bedeutende Romanciers werden, bis zu Tucholsky, Kästner, Remarque, Fallada - um nur ein paar Namen zu nennen. Und es bildet sich — auf andere Weise ebenfalls an den Expressionismus anknüpfend und sich von ihm abgrenzend - eine mit der revolutionären Arbeiterbewegung direkt verbundene und von ihr inspirierte Literaturbewegung heraus, die wachsenden Einfluß auf das gesamte literarische Leben nimmt. Die Bezogenheit der Literatur auf die Gesellschaft macht sich als objektive Entwicklungstendenz selbst dort geltend, wo sie erbittert abgewehrt wird. [...]


Es handelt sich also bei der tendenziellen Umstrukturierung des Verhältnisses von Kunst und Leben nicht um etwas dem eigentlichen künstlerischen Schaffen Äußerliches, sondern um dieses selbst. Denken wir wieder an frühere Erörterungen, in denen skizziert wurde, wie und warum in der expressionistischen Ästhetik die extreme Subjektivierung der Beziehung des Ichs zur Außenwelt alle Arten literarisch-künstlerischer Gestaltung einem Prinzip unterwirft, das, mindestens der Tendenz nach, die Aussagemöglichkeiten beschneidet, indem es Drama, Prosa und Gedicht auf die bloße Exponierung des Ichs festlegt. Die Ãœberprüfung des Verhältnisses zur Wirklichkeit nach den Erfahrungen des Krieges und der Revolution [...] führt zur Befreiung von dieser einengenden Tendenz. Die Palette der Literatur wird wieder reicher. Während in der ersten Phase der Entwicklung des Imperialismus Subjektivierung und Monotonisierung' vordringen, verstärkt sich nun die gegenläufige Bestrebung, es erfolgt eine stärkere Differenzierung. Es zeichnet sich namentlich eine neue 'Arbeitsteilung" zwischen den literarischen Gattungen ab, die freilich von keinem klassischen Kanon, sondern von der Gegenwart diktiert wird. Wenn zum Beispiel der Roman angefochten, für unmöglich gehalten, als typisches Produkt des bürgerlichen Zeitalters verworfen wird, so sind seine Verteidiger veranlaßt, seine Würde, sein Lebensrecht, seine humane Bedeutung nachzuweisen — nicht nur theoretisch, sondern vor allem praktisch, indem sie ihre Romane verfassen. Der Roman in seiner Besonderheit steht zur Diskussion, und diese bildet sich aus und um, weil - vom Künstler selbst, vom Kritiker, vom Leser - nach seiner Rolle im Leben gefragt wird. Aus dem Bestreben, die Fülle des sozialen Lebens reicher und direkter mitzuteilen, als es der Roman gestattet , erhebt sich die Reportage zu einer selbständigen Bedeutung.
      Dieses Beispiel, wenn es auch abgekürzt und vergröbert angeführt sein mag, zeigt bereits, daß sich bei der Differenzierung und Neuformierung der Literatur und speziell auch der Gattungen soziale Impulse durchsetzen. Für Lyrik und Drama ist die Rolle der revolutionären Bewegung noch größer. Während die politische Lyrik in der Vorkriegszeit im ganzen ein Schattendasein führte, nimmt sie schon in den zwanziger Jahren im Gefolge der besten Leistungen des Expressionismus einen beträchtlichen Aufschwung, und zwar nicht nur als unmittelbar rhetorischer Appell, als 'gereimter Leitartikel", sondern auch in balladesken, lied- und spruchhaften Formen, in Chören und so weiter. Die Ausbildung spezifisch politischer Genres der Lyrik trägt ihrerseits dazu bei, daß sich Besonderheit und Daseinsberechtigung auch des nicht direkt politischen, des subjektiv emotionsgetönten, bekenntnishaften Gedichts wie des Naturgedichts neu prägen. Wie der Romancier und Lyriker, so bezieht auch der Dramatiker in die Formung seines Werkes Reflexionen über die materiellen und ideellen Bedingungenein m denen es sich zu behaupten hat: soziale Kämpfe, veränderte Publikumsschichten und ihre Mentalität, die technische Welt im allgemeinen und die Verbreitung der Kunst mittels der Technik im besonderen, Film, Funk, Presse, Propaganda- und Reklamemittel des Kapitahsmus und so weiter. Auf dem Gebiet des Dramas und Theaters gehen in den zwanziger Jahren bereits alle entscheidenden Anregungen und Neuerungen von Kräften aus, die mit der Arbeiterbewegung sympathisieren. [...]


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