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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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HANS KAUFMANN - Geschichte der deutschen Literatur von I9I7—I945



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Betrachten wir es vielleicht als 'Axiom", da die Oktoberrevolution als weltgeschichtlicher Wendepunkt, die Novemberrevolution als Beginn eines neuen Abschnitts der deutschen Geschichte 'automatisch" eine neue Literaturepoche einleiten 'mssen"? - Es handelt sich weder um Axiomatik noch um Automatik, sondern um eine in ihren Erscheinungen beschreibbare, in ihren Ursachen erkennbare Tatsache. Allerdings wirken die gesellschaftlichen Gesetzmigkeiten, die in der Vorkriegszeit die 'Krise" der Kunst bedingten, weiter, z.T. sogar verstrkt. Doch treten neue, ebenfalls auf objektiven Gesetzmigkeiten beruhende Faktoren hinzu, die eine 'Gesundung" der 'erkrankten" Beziehungen von Kunst und Menschheit auch unter imperialistischen Verhltnissen in beachtlichem Ma ermglichen. Und zwar sind dies vor allem die Erfahrungen der revolutionren Massenkmpfe, die Vertiefung der Klassengegenstze, die Existenz der Sowjetunion und die Entstehung einer kommunistischen Weltbewegung, die den Sozialismus nicht nur als Idee, sondern als real sich entwickelnde neue Welt verteidigt - sowie die auf dieser Basis entstehenden bedeutenden Elemente einer sozialistischen Kultur. Diese Faktoren verndern die Gesamtheit der Beziehungen, in denen Literatur entsteht, und damit diese selbst. Sie wird im ganzen 'sozialer", gesellschaftsbezogener; eine vernderte Auffassung von der Situation und den Aufgaben der Kunst, vom Verhltnis des Ästhetischen zum Gesamtgesellschaftlichen, zu Politik, Geschichte und


Zukunft, neue Erwartungen des Publikums an die Literatur, die sich gegen Massenkommunikationsmittel und moderne Unterhaltungsindustrie oder mit ihnen zu behaupten hat, greifen Platz und finden nicht nur als Literaturprogrammatik, sondern auch in Gehalt und Struktur von Romanen, Dramen, Gedichten ihren Niederschlag. Kurz, von allen Kriterien her, die die Unterscheidung der Literatur einer Epoche von der einer anderen ermglichen, mu die Zeit nach der Oktober- und Novemberrevolution als neuer Abschnitt der Literaturgeschichte dargestellt werden. Und zwar sind die neuen Momente nicht nur bei politisch besonders hellsichtigen oder in ihren Sujets besonders eng an die Kmpfe der Gegenwart gebundenen Autoren konstatierbar, sondern bei Schriftstellern verschiedener Stilrichtungen und politischer Auffassungen - freilich mit unterschiedlicher, sogar entgegengesetzter und entsprechend zu bewertender Akzentsetzung.
      An erster Stelle unter den neuen Faktoren steht allerdings die Neuformierung einer sozialistischen Literatur. Im Unterschied einerseits zur fortschrittlichen brgerlichen Kultur, die materiell, institutionell, personell die Bindungen an ausbeutende Klassen niemals abstreifen konnte, andererseits zu den Elementen sozialistischer Kultur, die im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert im Scho der Arbeiterbewegung entstanden und einen meist nur beschrnkten, nicht kontinuierlich wachsenden Einflu auf das Gesicht der gesamten literarischen Entwicklung ausbten, bringt die revolutionre Arbeiterbewegung nach 1917 soziale, institutionelle, personelle und ideelle Voraussetzungen fr die Entstehung bedeutender Elemente einer neuen Kultur hervor, die sich von den Bindungen an Ausbeuterklassen befreit und einen wachsenden, nicht mehr rckgngig zu machenden Einflu auf das gesamtnationale literarische Leben ausbt. Damit erffnet sich ein Ausweg aus dem Dilemma von Esoterik und Kommerzialisierung - auch wenn in der sozialistischen Literatur zunchst noch nicht alle historisch bereits erprobten Mglichkeiten literarischen Schaffens und Wirkens theoretisch reflektiert und praktisch realisiert werden. Auch wo die Rolle der Kunst berwiegend noch politisch-didaktisch formuliert und realisiert ist, wird ihr bereits eine fr das menschliche Leben bedeutende Funktion zurckgewonnen. Von hier aus ist die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der im ganzen immer reicher werdenden sozialistischen Literatur zu begreifen. Diese Faktoren wirken auch in den neuen Zgen mit, die die brgerlichhumanistische Literatur aufweist. Sie verbinden sich mit den im Lichte der vernderten Weltsituation durchreflektierten Erfahrungen des Kriegs und der Revolution, der groen Klassenkmpfe der zwanziger Jahre, der faschistischen Barbarei und des erneuten Weltkrieges. Sie bewirken, da - bei allem Abstand, der zumeist zur Arbeiterbewegung und zum Kommunismus bestehen bleibt - die sozialen und politischen Probleme der Volksmassen strker mitbedacht werden, Elemente sozialistischer Ideologie das Geschichtsbewutsein strken, die Menschenauffassung beeinflussen und die Rolle der Kunst strker 'engagiert", als Faktor der Zukunftsgestaltung, gesehen wird. Man sucht knstlerische Wege, um den keineswegs erledigten Tendenzen zur Unfabarkeit und Nichtmehr-Darstellbarkeit der Welt entgegenzuwirken. Die so entstehenden Leistungen vermgen auch die knstlerische Konzeption sozialistischer Autoren zu bereichern.
      Schlielich ist - ebenfalls als Ergebnis der neuen Weltlage und der Erfahrungen von Krieg und Revolution - die Herausbildung reaktionrer Literaturfraktionen 'neuen Typs" zu konstatieren. Zwar setzen sich die frheren Strmungen reaktionrer Heimatkunst ebenso fort wie verlogene Pseudohistorie und alle traditionellen Arten literarischer Massenverdummung. Aber neue Zge zeigen sich im Aufgreifen von Krieg und Revolution im Interesse konterrevolutionrer, militaristischer Mobilisierungsideologie, in der chauvinistischen und rassistischen Politisierung frher sthetisierender Elitekonzeptionen, in dem von der Technik geprgten, von humanen Skrupeln freien Menschentyp und weiteren Elementen faschistischer Literatur, die bis 1933 fast vllig entwickelt sind. [...]
Nicht weniger deutlich sind in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen Zsuren erkennbar. Die selbstndige Darstellung der ersten Nachkriegsphase ist zwar wenig 'dankbar", weil das Neue hier meist erst keimhaft und verworren zutage tritt, aber sehr notwendig. Denn in dieser Zeit werden die Weichen fast aller wesentlichen knftigen Entwicklungen der Literatur bis 1945 gestellt. In der Auseinandersetzung mit Krieg, Revolution und Nachkriegskrisen, mit den in soziale Bewegung geratenen Massen und der ihrer Krone beraubten herrschenden Gesellschaft, die dadurch in ihrem Klassenwesen klarer hervortritt, finden die wichtigen Prozesse des Umdenkens, der Neuorientierung und Neugruppierung statt, die inder folgenden Zeit knstlerisch reife Frchte tragen. Trger der sozialistischen Literatur sind in dieser Phase vorwiegend einzelne, durch Krieg und Revolution radikalisierte Intellektuelle oder kleine Gruppen, deren Beziehungen zu der selbst noch sehr jungen Arbeiterpartei meist ungefestigt sind - whrend in der folgenden Phase sich ein fester und organisierter Kern herausbildet, Talente aus der Arbeiterklasse hervortreten und eine breite und bedeutende proletarisch-revolutionre Kulturbewegung der sozialistischen Literatur eine Basis bietet. Auf der Gegenseite schlieen sich die pr- und profaschistischen literarischen Bestrebungen, die lngst da sind, gegen Ende der zwanziger Jahre ebenfalls zur 'Bewegung" zusammen und beteiligen sich z. T. aktiv an der 'Machtergreifung". Und die brgerliche Mitte wird in den letzten Jahren der Weimarer Republik mit einer neuen Dringlichkeit zu Entscheidungen gedrngt, die dann 1933 unausweichlich und folgenschwer fallen. Das Jahr 1933 mu wiederum als Zsur kenndich gemacht werden. Denn obgleich die Entscheidungen fr oder gegen den Faschismus, fr die Emigration oder das Verbleiben in Deutschland in den vorangegangenen Jahren herangereift waren , obgleich hier also durchaus Kontinuitt waltet, bedeutet die terroristische Ausschaltung der demokratischen und sozialistischen Kultur aus dem Leben in Deutschland eine so wichtige Vernderung der Voraussetzungen literarischen Schaffens, da dies auch seine eingreifenden Auswirkungen auf die Werke selbst haben mute.

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