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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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GOTTFRIED KELLER - Jeremias Gotthelf I



Besprechung von 'Uli der Knecht" und 'Uli der Pächter"
'Die Verlobten gingen miteinander über die Wiese, da raufte Reinhard jene Pflanzen aus und zeigte Lorle den wundersam zierlichen Bau des Zittergrases und die feinen Verhältnisse der Glockenblume. ,Das gehört zu dem Schönsten, was man sehen kann', schloß er seine lange Erklärung. ,Das ist eben Gras', erwiderte Lorle, und Reinhard schrie sie heftig an: ,Was du nur so was Dummes sagen kannst, nachdem ich schon eine Viertelstunde in dich hineinrede.'" Diese gute Stelle kommt vor in Auerbachs 'Frau Professorin". Sie machte mich augenblicklich stutzen. Wie, dachte ich, sollte diese Stelle am Ende bezeichnend sein für die ganze Dorfgeschichten-Literatur? 'Das ist eben Gras!" Sollte das Volk vielleicht den Schilderungen seines eigenen alltäglichen Lebens einen ähnlichen Titel geben, nachdem wir Gebildeten und Studierten schon eine Viertelstunde und länger in dasselbe hineingeredet haben? Wenigstens haben wir keinen Beweis vom Gegenteil; denn wir haben überhaupt noch gar keinen Bericht, ob unsere Volksschriftsteller in den Hütten des Landvolks ebenso bekannt seien wie in den Literaturblättern und allenfalls bei den Bürgerklassen der Städte, und wenn sie es sind, welche Wirkung sie gemacht haben. Nur von Hebel weiß man, daß er in den alemannischen Gauen populär geworden ist. Es kann auch nicht anders sein. Die wohlfeilste Ausgabe von Pestalozzis 'Lienhard und Gertrud", dem unübertroffenen Muster, kostet, trotzdem daß das Buch vor einem halben Jahrhundert geschrieben wurde, heutenoch über einen Gulden; Auerbachs verschiedene Auflagen sind bis jetzt noch sämtlich von dem gewöhnlichen belletristischen Publikum konsumiert worden, gleich wie Geßners 'Idyllen" nicht von Schafhirten, sondern von Marquisen und Patriziern gelesen wurden, ohne daß ich übrigens eine weitere Vergleichung hier beabsichtigte. Die angeführten zwei Bücher von Gotthelf: 'Uli der Knecht" und 'Uli der Pächter" kosten zusammen beinahe vier Gulden. Wie lange es geht, bis ein Bauer für ein Buch, das nicht gerade die Bibel ist, vier Gulden disponibel hat, weiß jeder selbst, der mehr in einem Bauernhaus verweilt hat, als bloß um an einem heißem Sommertage eine frische Milch darin zu essen. Und vollends ein armer Bauer oder gar ein Knecht! Und wenn sich endlich ein solcher Sonderling und Verschwender findet, gewiß eine Vogelscheuche für das ganze Dorf: wie soll das Buch zu ihm gelangen oder er zu dem Buche? Er bekommt keine Bücherpakete 'zur gefälligen Einsicht", und ebensowenig hat er Muße und Gelegenheit, sich in den Buchläden herumzutreiben und nach 'Novitäten" zu fragen; und auf den Büchertischen am Jahrmarkt, wo der 'Eulenspiegel" und der 'Gehörnte Siegfried", 'Trenck" und das Kochbuch liegen, sind obige Volksschriften leider nicht zu finden. Ich übertreibe zwar: ich weiß wohl, daß hier und da ein Schullehrer, ein aufgeklärter Pfarrer oder sonst ein ordentlicher Mann sich dergleichen hält und diesem oder jenem strebsamen Jüngling oder Mädchen in die Hände gibt; aber das ist erst ein schwacher Anfang, der auf eine fernere Zukunft deutet.

      Auf obige Stelle nun, das 'Gras" betreffend, hat Auerbach selbst in 'Schrift und Volk" sehr gut geantwortet: 'Das Volk liebt es nicht, sich seine eigenen Zustände wieder vorgeführt zu sehen; seine Neugierde ist nach Fremdem, Fernem gerichtet, wie sich das auch in anderen Bildungskreisen zeigt. Erst wenn sich die Ãœberzeugung auftut, daß man in sich selbst neue Bekanntschaften genug machen kann, wenn höhere Beziehungen in dem alltäglich Gewohnten aufgeschlossen werden, lernt man das Alte und Heimische neu lieben."
Es handelt sich eben darum, daß das 'Volk" so gut zu sich selbst zurückgeführt werde wie überhaupt alle Menschheit und auch bei ihm der Geschmack am Fremden und Sonderbaren vertrieben werde. Denn vieles, was man für ursprünglich Volkstümliches hält, die Lust an allerlei gepfeffertem Abenteuer- und Sagenspuk, ist ebenfalls nur ein Hinzugekommenes und in den tiefen Grundschichten und Spalten länger Hängengebliebenes. Es ist sehr natürlich, daß der Görres des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige für urvolksmä-ßig und ewig erkläre, was ein Görres des zehnten Jahrhunderts ausgestreut hat; aber nicht so natürlich ist es, daß wir andern Leute darauf schwören. Und was vor tausend Jahren da und dort volkstümlich gewesen sein mag, es ist es jetzt nicht mehr. Das Volk streift zeitweise alte geborstene Rinden von sich ab, und man wird vergebens diese Bruchstücke trocknen, zu Pulver stoßen und ihm wieder unter die Nahrung mischen wollen; sie werden entweder sogleich ausgespien, oder die gute Natur hilft sich durch Geschwüre und Ausschläge.
      Ewig sich gleich bleibt nur das, was rein menschlich ist, und dies zur Geltung zu bringen, ist bekanntlich die Aufgabe aller Poesie, also auch der Volkspoesie, und derjenige Volksdichter, der ein gemachtes Prinzip braucht, um arbeiten zu können, tut daher am besten, die Würde der Menschheit im Volke aufzusuchen und sie demselben in seinem eigenen Tun und Lassen nachzuweisen. Gelingt ihm dies, so erreicht er zugleich einen weitern Zweck und deckt eine Blöße im Getriebe der Kultur. Es ist nämlich die laute Klage der Retrograden und wirklich eine häufige Erscheinung, daß durch die sogenannte Aufklärung, d. h. durch die Verbesserung und Ausbreitung der Volksschule, ein unnatürlicher Ehrgeiz, allerlei windiges Wesen und Unzufriedenheit mit seinem Stande geweckt werden. Mancher Bauer, dessen Sohn einen guten Brief schreiben, eine Wiese ausmessen gelernt oder in Erfahrung gebracht hat, daß die Gewächse sich auch geschlechtsweise fortpflanzen, oder der über 1812 und 1798 hinauf noch einige historische Jahreszahlen mehr kennt, der sagt: Potz Blitz! Mein Bub muß ein Gerichtsschreiber oder gar ein Advokat, ein Ingenieur, ein Doktor, ein Lehrer werden. Und statt eines tüchtigen, kundigen Bürgers, der mit Rat und Tat bei der Hand und eine Zierde seiner Gemeinde ist, erzieht er mit seinem sauer erworbenen Gelde dem Staate ein mißlungenes Subjekt, einen Winkeladvokaten und käuflichen Geschäftsmacher, einen versoffenen Geometer, welcher nichts zu tun hat, weil er über das Ausmessen der Wiese hinaus zu nichts Weiterm das Zeug im Kopf hatte, einen Quacksalber und einen aufgeblasenen Schulmeister, der sich auf alles versteht, nur nicht auf die Kinder. An dieser Kalamität ist aber nicht die Aufklärung schuld, sondern die menschliche Schwachheit, und die Abhilfe liegt in der Bildung selbst, einesteils dadurch, daß dieser falsche Ehrgeiz eben einfach ein erstes Stadium ist, welches durch den steten Fortschritt von selbst überwunden wird, andernteils durch die Volkspoesie, von der wir sprechen. Wenn die Bewohner der Bauernhütten erfahren, daß ihr Herz gerade auf die gleiche Weise schlägt wie das der feinen Leute, wenn sie sehen, daß ihre Liebe und ihr Haß, ihre Lust und ihr Leid sobedeutungsvoll ist wie die Leidenschaften der Prinzen und Grafen, wenn der kräftige Bauernbursche fühlt, daß seine Faust ihr bestimmtes Gewicht und Ansehen hat und daß seine frischen Augen im Lande so guten Schein geben als irgend andere Augen; wenn die einsame graue Großmutter weiß, daß ein Dorfkirchhof so gut eine adelige Burg der Trauer und des geheimnisvollen Schicksals ist wie der Kreuzgang einer alten Abtei: wenn das ländliche Dirnchen merkt, daß sein Kränzlein grüner ist und höher im Werte steht als manches andere: - dann wird endlich jene Sucht nach Karriere und Vornehmheit wie ein trüber Nebel verschwinden, und für jeden Kopf, welcher dennoch, mit Berechtigung, aus seinem Stande sich herausarbeitet, wird alsdann ein anderer aus andern Ständen sich einfinden; aus manchem vornehmen Feldverderber und Branntweinbrenner, der jetzt nicht Fisch und nicht Vogel, nicht Herr und nicht Bauer ist, wird dann ein tüchtiger Ackersmann werden, wenn die Vorurteile verschwunden sind und er nicht mehr gemeiner zu werden braucht, indem er endlich den Zwillichrock anzieht und die Hand wirklich an den ersehnten Pflug legt. Dann wird es hoffentlich auch dahin kommen, daß es nur noch eine Poesie gibt.
      Man wende nicht ein, daß der fleißige Bauer und sonstige Arbeiter mit einer veredelten Anschauungs- und Empfindungsweise, mit einem solchen poetischen Bewußtsein ein schlechter Arbeiter und Geschäftsmann sein werde. Die religiösen Sekten verschiedener Art haben bewiesen, daß man sogar durch unnatürliche fanatische Schwärmerei die Arbeitstüchtigkeit nicht verliert, und gerade die Pietisten mit ihrer krankhaften Empfindelei und näselnden Religiosität sind es nicht, welche sich ökonomisch am übelsten zu stehen pflegen. Waren Cromwells Rundköpfe weniger gute Soldaten, weil sie vor der Schlacht geistliche Seufzer ausstießen und nach der Schlacht predigten? Und warum sollte ich auch die Kraft verlieren, eine Eiche zu fällen, weil ich weiß, daß der grüne Wald schöner ist als der Salon eines Bankiers? Warum die Besonnenheit, ein Schifflein zu lenken, weil ich mit klarem Blick in die Tiefe des Wassers zu dringen vermag? Warum die Fähigkeit, einen Pflug zu führen, weil ich mich auf dem weiten Acker unter dem blauen Himmel so recht glücklich und andächtig fühle? Warum mit minderm Eifer ein Hufeisen schmieden, weil ich weiß, daß ein wohlgeschwungener Hammer dem Schmied gut ansteht? Und sollte ich das Geld, welches ich aus zehn Scheffel Weizen gelöst habe, wohl nicht so gut zählen und zusammenhalten können als mancher Schriftsteller das Honorar für seine empfindsamen Romane? Es gibt Leute, welche in der Ästhetik drin stecken wie ein Wurm im Mehle und aus lauter ästhe ihm folgen und hat die gerechte Hoffnung, ebendahin zu gelangen. Uli ist ein junges blutarmes Knechtlein, welches, in der Ãœberzeugung, daß es sein Leben lang ein solches bleiben müsse, arbeitet, so schlecht und recht es eben muß, seinen spärlichen Lohn durchbringt, spielt, trinkt und sich darein ergeben hat, dies immer so zu machen. Sein Meister, ein reicher, kluger und wohlgesinnter Bauer, welcher den Grundsatz befolgt, einen Dienstboten womöglich bessern zu wollen, ehe er ihn fortjagt, nimmt ihn in die Schule. Uli wehrt sich hartnäckig. 'Was soll ich", meint er, 'meinen Lohn zur Seite legen und sparen? Aus nichts wird nichts! Was soll ich mir Mühe geben, ein einsichtsvoller und gewandter Landwirt zu werden, da ich keinen Menschen auf der Welt habe und niemals zu einem eigenen Stück Land komme?" Der wackere Meister gibt aber nicht so bald nach, und es gelingt ihm endlich, dem Burschen die schöne Wahrheit beizubringen, daß ein gewissenhafter und tüchtiger Bauernknecht zu sein, keinem Menschen mehr zugute komme als ihm selbst und daß, wer sich Arbeitsliebe und Arbeitskenntnis erworben habe und dadurch in seiner Art berühmt sei, schon in diesem guten Namen ein Kapital besitze, welches unschätzbar sei, und er werde, wenn er seinem Rate folge, dieses schon noch erfahren. Und so wird denn Uli wirklich ein Knecht, welchem man alles anvertrauen darf, zu des Bauern großer Freude, und für sich selbst hat er mit seinem Lohne, welcher mit seinen Leistungen gern vergrößert wurde, eine schöne Summe beiseite gelegt, der erste Grund zu einstiger Selbständigkeit. [. ..]
Uli ist nun ein blühender Dreißiger geworden. Kinder umgeben ihn. Arbeits- und Ordnungsliebe sind ihm zur andern Natur geworden, und er weiß mit fester Hand ein Haus zu führen. Ist er nun fertig? Nein! Jetzt kommt er erst in die Jahre, wo der Mensch Gefahr läuft, in die gröbste Selbstsucht und Engherzigkeit zu versinken, über Arbeit und Sorge alle höhere Bedeutung seines Wesens zu vergessen, mit einem Wort: zum Philister zu werden. Uli, von Natur aus ängstlich und kurzsichtig, verliert sich in die ärgste Klauberei, und die Sucht, reich zu werden, quält ihn unaufhörlich. Obgleich er weiß, daß gute, obgleich teuere Knechte nützlicher sind als schlechte und wohlfeile, so hat er doch keine Ruhe, da es nun auf seine eigene Rechnung geht, bis er sein vertrautes solides Gesinde, welches er sich selbst mit großer Mühe herangezogen, verdrängt und wohlfeiles fahrendes Gesindel angestellt hat, in der Hoffnung, dasselbe bald für wenig Lohn ebensowohl ausnutzen zu können wie jene guten Knechte. Er verwickelt sich in jenes ungerechte schmutzige Prozeßführen, welches, da es leider keine Schande ist,die Bauern leidenschaftlich betreiben, solange sie triumphieren können. Seine liebsten Freunde sind Schwätzer und Ränkeschmiede, welche ihn aussaugen, während er glaubt, bei ihnen ein grundgescheiter Kerl zu werden. Daher geht es überall schief; er wird mürrisch und unzufrieden und ist gar nicht imstande, sich seiner Errungenschaft zu freuen. Seine liebenswürdige und grundtüchtige Frau redet ihm vergeblich zu, von diesem eiteln Treiben abzulassen; es entsteht ehelicher Kummer, obgleich von der edleren und feinern Art; denn die gute Gesellschaft, welche bis unter einen gewissen Punkt nie herabsinkt, verbreitet sich durch alle Stände und ist in den niedern Regionen ebensooft zu finden als in den hohen. Auch versteht Gotthelf trefflich, ihre feinen Sitten zu schildern. Man lese nur, hier nebenbei gesagt, jene Stellen, wo er den diplomatischen Anstand eines rechten Berner Bauers beschreibt. Ein solcher, so ungehalten er auch ist, wird nie einen Knecht öffentlich anfahren und beschämen; sondern er macht nur im Vorbeigehen, ohne daß es jemand weiter hört, eine ruhige Bemerkung, wie zufällig; und wenn das nicht hilft, so nimmt er ihn nach Feierabend oder sogar erst gelegentlich ins Nebenstübchen und sagt ihm daselbst ohne grobe zornige Worte, aber entschieden seine Meinung. Noch unerhörter wäre es, daß die Familie unter sich öffentlich zanken würde. Ebensowenig wird ein solcher Mann in fremden Händeln seinen Rat aufdrängen wollen oder nach Verhältnissen fragen, die ihn nichts angehen. Diese edle Sitte haben freilich die Bauern vor den Diplomaten voraus.
      Uli gerät immer tiefer in sein untröstliches Wesen hinein, bis das Unglück ihn aufrüttelt. Ein Hagelwetter zerschlägt seine Jahreshoffnungen, er kann seine Pacht nicht bezahlen und steht auf dem Punkte, da endlich auch der Hof verkauft werden soll, gänzlich auf die Straße gesetzt und wieder zum ärmsten Knecht degradiert zu werden, nur mit dem Unterschied, daß er jetzt Frau und Kinder hat. Durch dies Unglück wird er dem Einfluß seiner Frau wieder empfänglich gemacht, er bessert sich, lebt wieder auf und wird ein vernünftiger Mensch, und alles geht gut, da noch ein deus ex machina hinzukommt, der ihn zum reichen Eigentümer des Hofs macht.
      Fragen wir nun nach dem Prinzip, zu welchem hinauf und durch welches Gotthelf seinen Uli gerettet hat, so finden wir ein strenges positives Christentum. Darüber ist nicht mit ihm zu rechten. Etwas ist besser als gar nichts, und mit einem Menschen, welcher den gekreuzigten Gottmenschen verehrt, ist immer noch mehr anzufangen als mit einem, der weder an die Menschen noch an die Götter glaubt. Wo reine Humanität fehlt, da muß die Religiosität das Fehlende ersetzen; wenn sie nur erwärmt und erhebt. Aber die Art und Weise, wie Gotthelf seinen Zweck verfolgt, ist zu verwerfen, nicht nur, weil sie pfäffisch und bösartig ist, sondern auch weil sie seine Schriften verdirbt.
      Bitzius sagt in einer Vorrede: man werde ihm wenigstens nicht ein gedankenloses und feiles Segeln mit herrschenden Winden vorwerfen können. Das ist allerdings sehr wahr; er verfällt aber in das andere Extrem und sucht mit dem größten Eigensinn gegen den Strom zu schwimmen, und das ist für einen Volksschriftsteller auch nicht klug und weise. Ein solcher hat vom Volke ebensoviel zu lernen, als es von ihm lernen soll, und es ist seine Pflicht, auch ein wenig zu merken, was die Stunde geschlagen hat, wenn er segensreich wirken will.
      Von welcher Art die Religiosität ist, welche Gotthelf zu seiner Verbündeten macht, mag man am besten aus folgender Geschichte ersehen, welche er in seinem 'Pächter" erzählt. Ein Bauer hat zur Zeit der Ernte seine ganze Jahresfrucht geschnitten auf dem Felde liegen. Es ist Sonntag und ein Gewitter im Anzug. Da macht der Bauer Anstalt, die Ernte zu retten und heimzuführen, ehe es zu spät ist. Eine uralte Großmutter beschwört ihn, nichts zu tun, denn solches sei auf diesem Hofe noch nie vorgekommen; solange er bestehe, sei am Sonntag nichts gearbeitet worden. Der Mann mochte aber etwas von dem Esel, welcher in eine Grube gefallen und von der Jünger Ährenrupfen gelesen haben; er läßt sich durch die Lamentationen der Alten nicht einschüchtern und bringt glücklich sein Korn unter Dach. Kaum ist aber der letzte Fuder in die Scheune gefahren, so kommt ein Blitzstrahl und verzehrt Haus und Habe, und der Bauer, ein trauriges Exempel des göttlichen Zorns, wird blödsinnig. Diese Geschichte schmeckt mehr nach dem Judentum als nach dem Christentum. Gotthelf führt die Worte Sünde und sündlich fortwährend im Munde; fühlt er wohl nicht, daß es ebenfalls sündlich sein dürfte, dem christlichen Gott solch krasse Erfindung unterzuschieben? Ebenso spielen der Teufel und seine Hölle eine große Rolle in Gotthelfs Schriften. Folgende Stelle nimmt sich z. B. sehr trübselig aus im Munde eines reformierten Geistlichen:
'Es ist schrecklich, im Feuer zu erwachen; wer es erlebt hat, zittert, sooft er dessen gedenkt. Wie muß es den Sündern erst sein, wenn sie erwachen in der Hölle: Feuer ringsum und nirgend eine Tür zum Entrinnen, gefesselt auf ewig mit feurigen Ketten im ewigen Brand!"
Und die gleiche Erzählung, wo diese Süßigkeit vorkommt , schließt mit der erbaulichen Versicherung, daß der Teufel eine Seele geholt habe.

     
Möchte sich Gotthelf doch ein wenig an seinem berühmten und braven Vorgänger spiegeln, an Hebel, welcher ebenfalls Geistlicher war. Wie verschieden behandelt dieser sowohl als Künstler wie als Moralist den Teufel in seinem 'Karfunkel"! Diese pietistische Tendenz tut den Volksbüchern großen Eintrag: auf jeder Seite wird gepoltert und gepredigt, und oft im abenteuerlichsten Stil.
      Aus allem diesem geht nun natürlich hervor, daß Gotthelf auch gegen Volksschule und Aufklärung eifert. Und er tut dies bis zum Ãœberdruß. Auf jeder Seite eifert er über Lehrer, Professoren, Seminardirektoren usw. Besonders führt er immerfort das Wort Professor auf verächtliche Weise in der Feder. Wenn es nach ihm ginge, so würden heute noch sämtliche Professoren und Doktoren aller Fakultäten, ausgenommen der theologischen, beseitigt; sie sind ihm ein Dorn im Auge, und das mit Recht; denn wenn diese abscheulichen Bücherwürmer nicht wären, so gäbe es auch keine Volkslehrer mit ihren verhaßten Naturgeschichten, Landkarten, populären Physikbüchern, astronomischen Leitfaden und dergleichen mehr. Man sieht, der gute Jeremias hält sich an die Quelle; er ist hierin kein gewöhnlicher Aristokrat. Wenn Gotthelf in Sachen der Kultur überall Opposition gegen die Zeit macht, so wird er in politischen Dingen häufig geradezu zum Wühler. Er gehört der konservativen Partei des Kantons Bern an, welche schon seit mehreren Jahren gründlich in Ruhestand versetzt ist. Daher wimmeln seine Schriften von Invektiven gegen die jetzigen Regenten und alles, was von ihnen ausgeht. Alles Unheil, alles Schlechte, alles Ärgste vindiziert er ihnen. Wenn die Gerichtshöfe nach den neuern mildern Grundsätzen verfahren und nicht mehr jeden Dieb hängen, der eines Strickes Wert gestohlen hat, so kommt es daher, daß die Regierenden selbst Diebe und Halunken sind und alle Missetäter aus purer Sympathie verschonen, und - drückt Gotthelf sich ziemlich aufmunternd aus — es wird nicht besser werden, bis diese Erzhalunken selbst an den Galgen gebracht resp. zum Teufel gejagt sind. Man rechnet es dem Aristophanes nicht hoch an, daß er in ähnlicher Weise die Leute durchhechelte, welche er nicht leiden konnte; die Athenienser selbst lachten ihm zu, krönten seine Stücke und — ließen ihren Kleon am Staatsruder. Aristophanes schrieb aber seine Komödien absichtlich und allein zu diesem Zwecke, und wenn sie gut sein sollten, so mußte er die Realität verhöhnen. Wenn Gotthelf ein satirisches Buch schreiben würde, in welchem er alle seine Parteiansichten niederlegt, so würde man nichts dawider haben; daß er aber seine Malice durch alle seine Schriften gleichmäßig zerstreut, auf der einen Seite das Pathos von Treu und Glauben hervorkehrt und hintenherum den negativen Hohn und die parteiliche Verdrehung hervorschiebt, das ist keine Art und schadet ihm selbst am meisten. [...]
Durch diese Tendenzen Gotthelfs haben nun seine Schriften das schöne Ebenmaß verloren; die ruhige, klare Diktion wird unterbrochen durch verbittertes, versauertes Wesen; er überschriftstellert sich oft und gefällt sich darin, überflüssige Seiten zu schreiben, indem er seine eigene Manier sozusagen nachahmt und damit kokettiert. Man erhält nicht ein gereinigtes Kunstwerk, durch die Weisheit und Ökonomie des geschulten Genies zusammengefügt, man erhält auch nicht das frische, naive Gewächs eines Naturdichters, denn Gotthelf ist ein studierter und belesener Mann; sondern man erhält ein gemischtes literarisches Produkt, das sich nur durch das vortreffliche Talent Bahn bricht, welches sich darin zeigt. ... Gotthelfs Scheu vor den Volksspielen mag es auch erklären, warum man in seinen sonst so ausführlichen Erzählungen nirgends eine Spur vom Volksliede findet. Auerbach hat dies Element reichlich ausgebeutet, und die leichten schwäbischen Liedlein klingen lustig durch Wald und Flur; auf der einsamen Feldhöhe sind sie der Ausdruck für Wohl und Weh. Gotthelf hätte uns mit wahren Kabinettsstückchen aufwarten können; denn im Bernervolk sind uralte Lieder mit den prächtigsten Mollmelodien gang und gäbe, Lieder, welche die Zierde des 'Wunderhorns" und von Uhlands Sammlung sind, zum Teil auch noch nicht einmal darin stehen. In diesem Punkt ist aber das tausendjährige Volk dem konservativen Literaten von heute wahrscheinlich zu modern und zu weltlich. ...
      Man verzeihe mir, daß ich an diesen Kleinigkeiten so weitläufig herumklaube. Ich halte es aber von der größten Wichtigkeit, daß gerade ein Volksbuch durch und durch wahr und klar, in allem Detail ohne Verwirrung und Sophistik gehalten sei. Das Volk hat ohnehin einen Hang, alles zu mißverstehen, zu verspotten, was ihm nicht geläufig ist, sich selbst und seine Ungezogenheiten zu hätscheln und alles nach Belieben zu verdrehen, so oder so zu deuten. Das darf nicht noch genährt werden.
      Doch verlassen wir endlich dies unerquickliche Gebiet und kommen wir auf Gotthelfs Vorzüge zurück. Diese sind die Hauptsache, sonst wäre ich gar nicht im Fall, diese Rezension zu schreiben. Daß Gotthelf ein vortrefflicher Maler des Volkslebens, der Bau-erndiplomatik, der Dorfintrigen, des Familienglücks und Familienleids ist, daß er Feld und Stall, Stube und Küche und Speicher genau kennt, ist schon gesagt und versteht sich eigentlich bei vorliegendem Stoffe von selbst. Aber, wenn wir doch noch von einer abgeschlosse-nen Volkspoesie sprechen müssen: er hat Vorzüge darüber hinaus, welche in jeder Gattung, auch der höchsten, wenn es eine gibt, nur dem bevorzugten Talente eigen sind. Er hat gar keine charakterlosen, schwankenden Figuren. Jeder ist bei ihm an seinem Platz und gut durchgeführt, und er hat sich einer großen Mannigfaltigkeit zu rühmen, und ganz feine Nuancen kommen vor. Er weiß einen Unterschied zu machen zwischen zwei schlauen, verschmitzten Bauern, und durch die zartesten Linien getrennt, neigt sich der eine auf liebenswürdige Weise zum Guten, der andere zum Bösen. Hauptsächlich auch auf die Frauen versteht er sich sehr gut. Was für vortreffliche alte, dicke Bäuerinnen schildert er, die Zuflucht der ganzen Gegend, wohlwollend und klug! Wie lustig wissen die behaglichen und doch fein organisierten Frauen ihre störrischen Männer zu ihrem eigenen Besten an der Nase herumzuführen, daß einem das Herz lacht und man sich selbst unter ihre Fürsorge versetzt wünscht! Und wie schön sind die jungen Mädchen und Weiber gezeichnet! Der beste Beweis ist, daß man sich immer selbst mit verliebt oder wenigstens, um in Gotthelfs Sprache zu reden, sich 'sauwohl" bei ihnen befindet. Die Liebesverhältnisse sind überaus fein und meisterhaft angelegt. Sie entwickeln sich vor unsern Augen, ohne daß ein Wort davon geplaudert wird, und auf einmal — wir wußten es schon lange, daß es so kommen müsse, ersahen aber den Augenblick nicht — ist das Glück da. In wenigen treffenden Zügen wird es abgemacht. [...]
Dadurch, daß Gotthelf so sehr an der Vergangenheit hängt, gewinnen seine Darstellungen einen Reiz, welchen Auerbachs Geschichten nicht haben. Er gleicht hierin vielmehr Immermann, welcher in seiner westfälischen Idylle das Volk mit seinem ehrwürdigen historischen Roste vorführt. Das Leben auf den alten großen bernischen Bauerngehöften hatte etwas ungemein Ehrwürdiges, und Gotthelf schildert mit schöner Wehmut die alte Art und Weise. Aber alle Formen wechseln auf Erden, und eben dieser Wechsel ist es, welches das Vergangene mit einem verklärenden Lichte bestrahlt. Es würde vor unsern Augen vergehen und verdunkeln, wenn unsere'Sehnsucht erfüllt würde und wir wirklich zurückkehren könnten. Hin ist hin!
Der als Rezension angelegte Aufsatz Kellers erschien 1849 in den 'Blättern für literarische Unterhaltung" bei F. A. Brockhaus, Leipzig . Ihm folgten weitere Aufsätze über Albert Bitzius , Pseudonym: Jeremias Gotthelf. Die rezensierten Romane, 'Uli der Knecht" und 'Uli der Pächter" erschienen 1841, mit neuem Titel 1846 bzw. 1848/49 mit dem Zusatz: 'Ein Volksbuch von Jeremias Gotthelf". Keller reagierte auf diese Adressierung: Nannte sich die 1. Ausgabe des 1. Teils noch 'Eine Gabe für Dienstboten und Meisterleute", so änderte Gotthelf den Titel der 2. Ausgabe dieses Teils auf Bitten seines Berliner Verlegers ab: 'Ein Volksbuch von Jeremias Gotthelf. Bearbeitung des Verfassers für das deutsche Volk." Erstdruck: Jeremias Gotthelf I. In: Blätter für literarische Unterhaltung Nr. 302—305. Verlag Philipp Brockhaus. Leipzig 1849.
      Textvorlage: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in acht Bänden. Band 8, Aufbau-Verlag, Berlin 1958, S. 193-216.
     

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