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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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GOTTFRIED AUGUST BÜRGER - Daniel Wunderlichs Buch.



II: Herzensausgu ber Volkspoesie

[...]
Unsere Nation hat den leidigen Ruhm, nicht gerade die weise, sondern die gelahrte zu heien. Der Ruhm mchte ganz schtzbar sein, wenn's nur nicht gar zu viel Quisquilien [1] — Gelahrtheit wre. Dieser Quisquilien-Gelahrtheit haben wir's gutenteils zu verdanken, da bei uns die Poesie des allgemeinen Eingangs in Ohren und Herzen sich nicht rhmen kann, den sie bei mancher anderen Nation schon fand, weil wir so hoch und tief gelahrt sind, da wir schier aller Vlker Sprachen reden knnen, ihre Handlungen, Sitten und Gebruche, alle ihre Weisheit und Torheit auswendig wissen, in ihren Feldern und Wldern, Stdten und Drfern, Tempeln und Palsten, Husern und Stllen, in ihren Kchen, Kellern, Boden und Zimmern, in Garderoben, Kisten und Kasten, und der Himmel wei, wo alle noch sonst, bekannt und bewandertsind. So sind wir auch in unserem Dichten und Trachten, Reden und Tun so fremd und auslndisch, da der Ungelehrte unserer Landsleute selten klug aus uns werden kann. Das Schlimmste ist, da wir das alles lernen, blo um es zu wissen und dadurch znftig zu sein. Es bleibt meistens totes Kapital. Und wie kann auch Mnze kursieren, die oft gar keinen innerlichen Wert hat, und deren Geprge lngst aus der Mode gekommen ist?

Dies mchte meinetwegen berall so seinen alten Gang hingehen, nur nicht in der Poeterei. Die deutsche Muse sollte billig nicht auf gelehrte Reisen gehen, sondern ihren Natur-Katechismus zu Hause auswendig lernen. Wo steht aber im deutschen Natur-Katechismus geschrieben, da sie fremde Phantasien und Empfindungen einholen, oder ihre eigene in framde Mummerei hllen solle? Wo steht's geschrieben, da sie keine deutsche Menschensprache, sondern vel quasi [2] eine Gttersprache stammeln soll? [. . .] Diesem Unheil abzuhelfen, ist freilich kein krftigeres Mittel als das so oft beschrieene und zitierte, aber so selten gelesene Buch der Natur zu empfehlen. Man lerne das Volk im ganzen kennen, man erkundige seine Phantasie und Fhlbarkeit, um jene mit gehrigen Bildern zu fllen und fr diese das rechte Kaliber zu treffen. Alsdann den Zauberstab des natrlichen Epos gezckt! Das alles in Gewimmel und Aufruhr gesetzt! Vor den Augen der Phantasie vorbeigejagt! Und die gldenen Pfeile abgeschossen! Traum! Dann soll's anders gehen, als es bisher gegangen ist. Wer's dahin bringt, dem verspreche ich, da sein Gesang den verfeinerten Weisen ebensosehr als den rohen Bewohner des Waldes, die Dame am Putztische wie die Tochter der Natur hinter dem Spinnrocken und auf der Bleiche entzcken werde. Dies sei das rechte non plus ultra [3] aller Poesie!
[...] Mir liegt das Wohl und Wehe der Poesie am Herzen. Ihre Produkte wnscht' ich insgesamt volksmig zu machen. Zunchst ist hier von der lyrischen und episch-lyrischen Gattung die Rede.
      Aber der Zauberstab des Epos, der den Apparatus der Phantasie und Empfindung beleben und in Aufruhr setzen soll, ist nur in wenigen Hnden. Viele suchten und fanden ihn nicht, weil er wirklich nicht leicht zu finden ist und sie ihn nicht am rechten Orte suchten. Wo er noch am ersten und leichtesten zu finden ist, das sind unsere alten Volkslieder. Seit kurzem erst sind einige echte Shne der Natur ihm hier auf die Spur gekommen.
      Diese alten Volkslieder bieten dem reifenden Dichter ein sehr wichtiges Studium der natrlich poetischen, besonders der lyrischen und episch-lyrischen Kunst dar. Sie sind meist, sowohl in Phantasie als Empfindung, wahre Ausgsse einheimischer Natur. [.. .]
In jener Absicht hat fters mein Ohr in der Abenddmmerung dem Zauberschalle der Balladen und Gassenhauer unter den Linden des Dorfs, auf der Bleiche und in den Spinnstuben gelauscht. Selten ist mir ein sogenanntes Stckchen zu unsinnig und albern gewesen, das nicht wenigstens etwas, und sollte es auch nur ein Pinselstrich des magisch rostigen Kolorits gewesen sein, poetisch mich erbauet htte. Gar herrlich und schier ganz allein lt sich hieraus der Vortrag der Ballade und Romanze oder der lyrischen und epischlyrischen Dichtart - denn beides ist eins! und alles Lyrische und Episch-Lyrische sollte Ballade oder Volkslied sein! - gar herrlich, sag ich, lt er sich hieraus erlernen.
      Freilich kommt mir hier wieder die sogenannte hhere Lyrik, die unter dieser Gattung nicht stehen will und sich wohl recht was dnkt, quer in den Weg gelaufen. Ich kenne Werke von dieser hheren lyrischen Gattung, die bei alledem sehr volksmig sind. Jene, die nicht frs Volk ist, mag hinlaufen, wohin sie will. Mag sie doch fr Gtter und Gttershne den erhabensten Wert haben! Fr das irdische Geschlecht hat sie nicht mehr als der letzte Fixstern, dessen Licht aus tiefer, dunkler Ferne zu uns her flimmert. Dies Urteil wrde ich aussprechen, wenn ich auch selbst ein solcher Gttersohn wre; denn es ist mir hier mehr frs liebe Menschenwerk als fr Gtter und Gttershne zu tun.
      Durch Popularitt, mein' ich, soll die Poesie das wieder werden, wozu sie Gott erschaffen und in die Seelen der Auserwhlten gelegt hat. Lebendiger Odem, der ber aller Menschen Herzen und Sinnen hinweht! [...]
Von der Muse der Romanze und Ballade ganz allein mag unser Volk noch einmal die allgemeine Lieblingsepope [4] aller Stnde, von Pharao an bis zum Sohne der Magd hinter der Mhle, hoffen; [...] Ihr Dichter, die ihr ein solches nicht geleistet habt und daher wenig oder gar nicht gelesen werdet, klaget nicht ein kaltes und trges Publikum, sondern euch selbst an! Geb' uns einer ein groe? Nationalgedicht von jener Art, und wir wollen's zu unserm Taschenbuch machen. Steiget herab von den Gipfeln eurer wolkigen Hochgelehrtheit und verlanget nicht, da wir vielen, die wir auf Erden wohnen, zu euch wenigen hinaufklimmen sollen.
      Da Volkspoesie bisher vernachlssigt, da Ballade und Romanze schier verdchtlich und poetisches Spielwerk worden, daran sind wohl hauptschlich mit die nackigen Poetenknaben schuld, die sich einbilden, sie knnten auch wohl Balladen und Romanzen machen, und diese Dichtart gleichsam fr das poetische A-B-C halten. Da nehmen sie das erste, das beste Histrchen ohne allen Endzweckund alles Interesse, leiern es in langweiligen, gottesjmmerlichen Strophen, hier und da mit alten Wrtchen und Phrasen lppisch durchspickt, auf eine drollig sein sollende Art, mit allen unerheblichen Nebenumstnden des Histrchens, von Kopf bis zu Schwanz herab, und schreiben darber: Ballade, Romanze. Da regt sich kein Leben! Kein Odem! Da ist kein glcklicher Wurf! Kein khner Sprung, so wenig der Bilder als Empfindungen! Nirgends etwas Aufrhrendes, so wenig fr den Kopf als frs Herz! - O, ihr guten Poetenknaben, nehmt's von nun an zu Ohren und Herzen, da Volkspoesie eben deswegen, weil sie das non plus ultra der Kunst ist, die allerschwerste sei. [...]
Erstdruck: Aus Daniel Wunderlichs Buch. In: Deutsches Museum. Hg. v. Heinrich
Christian Boie und Christian Conrad Wilhelm Dohm. Leipzig in der Weygandschen
Buchhandlung. Fnftes Stck. May. 1776. S. 440-450.
      Textvorlage: Brger: Werke und Briefe. Auswahl. Hg. von Wolfgang Friedrich. VEB
Bibliographisches Institut. Leipzig 1958, S. 578-582.
      Erluterung: [1] Wertloses Zeug. - [2] Gleichsam. - [3] Das Vollkommenste. - [4]
Kleinere, epische Dichtung.
     

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