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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG - Aphorismen



Es ist ein Fehler, den der bloß witzige Schriftsteller mit dem ganz schlechten gemein hat, daß er gemeiniglich seinen Gegenstand eigentlich nicht erleuchtet, sondern ihn nur dazu braucht, sich selbst zu zeigen. Man lernt den Schriftsteller kennen und sonst nichts. So hart es auch zuweilen widergehen sollte, eine witzige Periode wegzulassen, so muß es doch geschehen, wenn sie nicht notwendig aus der Sache fließt. Diese Kreuzigung gewöhnt allmählich den Witz an die Zügel, die ihm die Vernunft anlegen muß, wenn sie beide zusammen mit Ehren auskommen sollen.


     
Was hilft das Lesen der Alten, sobald ein Mensch den Stand der Unschuld einmal verloren hat, und wo er hinsieht, überall sein System wieder erblickt. Daher urteilt der mittelmäßige Kopf, es sei leicht, wie Horaz zu schreiben, weil er es für leicht hält, besser zu schreiben, und weil dieses Besser zum Unglück schlechter ist. Je älterman wird , desto mehr verliert man die Hoffnung, besser zu schreiben als die Alten, am Ende sieht man, daß das Eichmaß alles Schönen und Richtigen die Natur ist, daß wir dieses Maß alle in uns tragen, aber so überrostet von Vorurteilen, von Wörtern, wozu die Begriffe fehlen, von falschen Begriffen, daß sich nichts mehr damit messen läßt.

      B3

   [. ..] Man sollte eigentlich nur das ein Buch nennen, was etwas Neues enthält, die andern sind nur Mittel, bald zu erfahren, was die Menschen schon in einer gewissen Sache getan haben. Neue Länder entdecken und richtige Karten von den entdeckten liefern, das ist der Unterschied. [...]
C2

   Eine Hauptregel für Schriftsteller, zumal solche, die ihre eigenen Empfindungen beschreiben wollen, ist: ja nicht zu glauben, daß, weil sie solches tun, dieses bei ihnen eine besondere Anlage der Natur dazu anzeige. Andere können dieses vielleicht ebensogut als du. Sie machen nur kein Geschäft daraus, weil es ihnen einfältig vorkommt, solche Dinge bekanntzumachen.

      C

  
   Es gibt Menschen, die nicht sowohl schön schreiben, als vielmehr jedem decennio und saeculo das Modegesicht ablernen können, daß der Teufel selbst glauben sollte, sie schrieben von Natur so. Es mag stürmen wie es will, so schwimmen verzwickte Bälge immer oben. Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, daß es Mode werden kann, als den, der so schreibt, wie es Mode ist.

      C3

   Da sitzen sie, legen die Hände zusammen, ohne die Augen aufzutun und wollen warten, bis ihnen der Himmel einen Shakespeare-Geist gibt. 'Verlaßt euch nicht darauf, daß Shakespeare geboren worden ist", so tröstet der Teufel die Ochsen. Shakespeare hat keine Offenbarungen gehabt. Alles, was er euch sagt, hat er gelernt oder erfahren. Also, um wie Shakespeare zu schreiben, muß man lernen und

1 ,f.erfahren, sonst wird nichts daraus. Wenn ihr auch gleich eure Werke den seinigen so ähnlich haltet als ein Ei dem andern. [. . .]
E

   Gerade das Gegenteil tun, ist auch eine Nachahmung, und die Definitionen der Nachahmung müßten von Rechts wegen beides unter sich begreifen. Dieses sollten unsere großen nachahmenden Originalköpfe in Deutschland beherzigen.

      F
Wenn sich unsere jungen Leute gewöhnten, gegen 3 Gedichtchen für das Herz nur eins für den Kopf zu machen, so hätten wir Hoffnung, einmal im Alter einen Mann zu sehen, der Herz und Kopf hätte, die seltenste Erscheinung. Die meisten haben selten mehr Licht im Kopf, als gerade nötig ist, zu sehen, daß sie nichts drin haben.

      F

   [. ..] Wahrheit, Unterricht und Besserung des Menschen sei der Hauptzweck eines Schriftstellers; erhält er diesen, so können wir über die Mittel ziemlich gleichgültig sein. [. . .]
F5

   Der Sturm am Berge, das Rauschen des Eichenwaldes und das Silbergewölke sind alles ganz gute Sachen, aber neue Bilder sind besser.

      F

  
   Wenn die bittere Satire fein ist, so hält es die Welt im schlimmsten Fall mit ihr wie mit dem Verrat, sie liebt die Satire und haßt den, der sie schrieb. [. . .]
F 1

  
   Ich habe öfters gesehen, daß sich, wo die Schweine weiden, Krähen auf sie setzen und acht geben, wenn sie einen Wurm aufwühlen, herabfliegen und ihn holen, alsdann sich wieder an ihre alte Stelle setzen. Ein herrliches Sinnbild von dem Kompilator, der aufwühlt, und dem schlauen Schriftsteller, der es ohne viele Mühe zu seinem Vorteil verwendet.
      Erstdruck und Textvorlage: Georg Christoph Lichtenbergs Aphorismen. Nach den Handschriften hg. v. Albert Leitzmann. Erstes Heft: 1764—1771. Behr's Verlag. Berlin 1902, S. 136, 153. - Zweites Heft: 1772-1775. Berlin 1904, S. 56, 73, 76. - Drittes Heft: 1775-1779. Berlin 1906, S. 77, 134, 153, 230, 253, 310. - Viertes Heft: 1789-1793. Berlin 1908, S. 4.
     

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GEORG  CHRISTOPH  LICHTENBERG  -  Aphorismen    





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