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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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GEORG BÜCHNER - Briefe



An Gutzkow
Lieber Freund! War ich lange genug stumm? Was soll ich Ihnen sagen? Ich sa auch im Gefngnis und im langweiligsten unter der Sonne, ich habe eine Abhandlung geschrieben in die Lnge, Breite und Tiefe, Tag und Nacht ber der ekelhaften Geschichte, ich begreife nicht, wo ich die Geduld hergenommen. Ich habe nmlich die fixe Idee, im nchsten Semester zu Zrich einen Kurs ber die Entwicklung der deutschen Philosophie seit Cartesius zu lesen; dazu mu ich mein Diplom haben, und die Leute scheinen gar nicht geneigt, meinem lieben Sohn Danton den Doktorhut aufzusetzen. Was war da zu machen?

Sie sind in Frankfurt und unangefochten? — Es ist mir leid und doch wieder lieb, da Sie noch nicht im Rebstckel angeklopft haben. Über den Stand der modernen Literatur in Deutschland wei ich so gut als nichts; nur einige versprengte Broschren, die, ich wei nicht wie, ber den Rhein gekommen, fielen mir in die Hnde.
      Es zeigt sich in dem Kampfe gegen Sie eine grndliche Niedertrchtigkeit, eine recht gesunde Niedertrchtigkeit, ich begreife gar nicht, wie wir noch so natrlich sein knnen! Und Menzels Hohn ber die politischen Narren in den deutschen Festungen ... und das von Leuten — mein Gott, ich knnte Ihnen brigens erbauliche Geschichten erzhlen!
Es hat mich im tiefsten emprt; meine armen Freunde! Glauben Sie nicht, da Menzel nchstens eine Professur in Mnchen erhlt?
Übrigens, um aufrichtig zu sein, Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht grade den klgsten Weg gegangen zu sein. Die Gesellschaftmittelst der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unmglich! Unsere Zeit ist rein materiell; wren Sie je direkter politisch zu Werke gegangen, so wren Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehrt htte. Sie werden nie ber den Ri zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen.
      Ich habe mich berzeugt, die gebildete und wohlhabende Minoritt, so viel Konzessionen sie auch von der Gewalt fr sich begehrt, wird nie ihr spitzes Verhltnis zur groen Klasse aufgeben wollen. Und die groe Klasse selbst? Fr sie gibt es nur zwei Hebel: materielles Elend und religiser Fanatismus. Jede Partei, welche diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen. Unsere Zeit braucht Eisen und Brot — und dann ein Kreuz oder sonst so was. Ich glaube, man mu in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volke suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen. Zu was soll ein Ding wie diese zwischen Himmel und Erde herumlaufen? Das ganze Leben derselben besteht nur in Versuchen, sich die entsetzlichste Langeweile zu vertreiben. Sie mag aussterben, das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann.
      Straburg, den 28. Juli 1835. An die Familie
Über mein Drama mu ich einige Worte sagen. Erst mu ich bemerken, da die Erlaubnis, einige Änderungen machen zu drfen, allzusehr benutzt worden ist. Fast auf jeder Seite weggelassen, zugesetzt, und fast immer auf die dem Ganzen nachteiligste Weise. Manchmal ist der Sinn ganz entstellt oder ganz und gar weg, und fast platter Unsinn steht an der Stelle. Auerdem wimmelt das Buch von den abscheulichsten Druckfehlern. Man hat mir keinen Korrekturbogen zugeschickt. Der Titel ist abgeschmackt, und mein Name steht darauf, was ich ausdrcklich verboten hatte; er steht auerdem nicht auf dem Titel meines Manuskripts. Auerdem hat mir der Korrektor einige Gemeinheiten in den Mund gelegt, die ich in meinem Leben nicht gesagt haben wrde. Gutzkows glnzende Kritiken habe ich gelesen und zu meiner Freude dabei bemerkt, da ich keine Anlagen zur Eitelkeit habe. Was brigens die sogenannte Unsittlichkeit meines Buchs angeht, so habe ich folgendes zu antworten: Der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts als ein Geschichtsschreiber, steht aber ber letzterem dadurch, da er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittel-bar, statt eine trockne Erzhlung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine hchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als mglich zu kommen. Sein Buch darf weder sittlicher noch unsittlicher sein als die Geschichte selbst; aber die Geschichte ist vom lieben Herrgott nicht zu einer Lektre fr junge Frauenzimmer geschaffen worden, und da ist es mir auch nicht belzunehmen, wenn mein Drama ebensowenig dazu geeignet ist. Ich kann doch aus einem Danton und den Banditen der Revolution nicht Tugendhelden machen! Wenn ich ihre Liederlichkeit schildern wollte, so mute ich sie eben liederlich sein, wenn ich ihre Gottlosigkeit zeigen wollte, so mute ich sie eben wie Atheisten sprechen lassen. Wenn einige unanstndige Ausdrcke vorkommen, so denke man an die weltbekannte, obszne Sprache der damaligen Zeit, wovon das, was ich meine Leute sagen lasse, nur ein schwacher Abri ist. Man knnte mir nun noch vorwerfen, da ich einen solchen Stoff gewhlt htte. Aber der Einwurf ist lngst widerlegt. Wollte man ihn gelten lassen, so mten die grten Meisterwerke der Poesie verworfen werden. Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mgen dann daraus lernen, so gut wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht. Wenn man so wollte, drfte man keine Geschichte studieren, weil sehr viele unmoralische Dinge darin erzhlt werden, mte mit verbundenen Augen ber die Gasse gehen, weil man sonst Unanstndigkeiten sehen knnte, und mte ber einen Gott Zeter schreien, der eine Welt erschaffen, worauf so viele Liederlichkeiten vorfallen. Wenn man mir brigens noch sagen wollte, der Dichter msse die Welt nicht zeigen, wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, da ich es nicht besser machen will als der liebe Gott, der die Welt gewi gemacht hat, wie sie sein soll. Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, da sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben, deren Leid und Freude mich mitempfinden macht und deren Tun und Handeln mir Abscheu oder Bewunderung einflt. Mit einem Wort, ich halte viel auf Goethe oder Shakespeare, aber sehr wenig auf Schiller. Da brigens noch die ungnstigsten Kritiken erscheinen werden, versteht sich von selbst; denn die Regierungen mssen doch durch ihre bezahlten Schreiber beweisen lassen, da ihre Gegner Dummkpfe oder unsittliche Menschen sind. Ich halte brigens mein Werk keineswegs fr vollkommen und werde jede wahrhaft sthetische Kritik mit Dank annehmen, f...]
Erstdruck: Georg Bchner: Smtliche Werke und Briefe. Hg. v. Fritz Bergemann.
      Insel-Verlag. Leipzig 1922, S. 433-435, 421-423.
      Textvorlage: Georg Bchner, Werke und Briefe. Gesamtausgabe. Neue, durchgesehene
Ausgabe. Hg. von Fritz Bergemann. Insel-Verlag. Wiesbaden 1958, S. 411-412,

399-401.
     

 Tags:
GEORG  BÜCHNER  -  Briefe    





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