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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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FRIEDRICH SCHILLER - Über naive und sentimentalische Dichtung



[...]
Die Dichter sind berall, schon ihrem Begriffe nach, die Bewahrer der Natur. Wo sie dieses nicht ganz mehr sein knnen und schon in sich selbst den zerstrenden Einflu willkrlicher und knstlicher Formen erfahren oder doch mit demselben zu kmpfen gehabt haben, da werden sie als die Zeugen und als die Rcher der Natur auftreten. Sie werden entweder Natur sein, oder sie werden die verlorene suchen. Daraus entspringen zwei ganz verschiedene Dichtungsweisen, durch welche das ganze Gebiet der Poesie erschpft und ausgemessen wird. Alle Dichter, die es wirklich sind, werden, je nachdem die Zeit beschaffen ist, in der sie blhen oder zufllige Umstnde auf ihre allgemeine Bildung und auf ihre vorbergehende Gemtsstimmung Einflu haben, entweder zu den naiven oder zu den sentimentalischen gehren.

      Der Dichter einer naiven und geistreichen Jugendwelt, so wie derjenige, der in den Zeitaltern knstlicher Kultur ihm am nchsten kommt, ist streng und sprde, wie die jungfruliche Diana in ihren Wldern; ohne alle Vertraulichkeit entflieht er dem Herzen, das ihn sucht, dem Verlangen, das ihn umfassen will. Die trockene Wahrheit, womit er den Gegenstand behandelt, erscheint nicht selten als Unempfindlichkeit. Das Objekt besitzt ihn gnzlich, sein Herz liegt nicht wie ein schlechtes Metall gleich unter der Oberflche, sondern will wie das Gold in der Tiefe gesucht sein. Wie die Gottheit hinter dem Weltgebude, so steht er hinter seinem Werk; er ist das Werk, und das Werk ist er; man mu des erstem schon nicht wert oder nicht mchtig oder schon satt sein, um nach ihm nur zu fragen.
      So zeigt sich z. B. Homer unter den Alten und Shakespeare unter den Neuern: zwei hchst verschiedene, durch den unermelichen Abstand der Zeitalter getrennte Naturen, aber gerade in diesem Charakterzuge vllig eins [...]
So lange der Mensch noch reine, es versteht sich, nicht rohe Natur ist, wirkt er als ungeteilte sinnliche Einheit und als ein harmonierendes Ganzes. Sinne und Vernunft, empfangendes und selbstttiges Vermgen, haben sich in ihrem Geschfte noch nicht getrennt, vielweniger stehen sie im Widerspruch mit einander. Seine Empfindungen sind nicht das formlose Spiel des Zufalls, seine Gedanken nicht das gehaltlose Spiel der Vorstellungskraft; aus dem Gesetz der Notwendigkeit gehen jene, aus der Wirklichkeit gehen diese hervor.
      Ist der Mensch in den Stand der Kultur getreten, und hat die Kunst ihre Hand an ihn gelegt, so ist jene sinnliche Harmonie in ihm aufgehoben, und er kann nur noch als moralische Einheit, d. h. als nach Einheit strebend, sich uern. Die Übereinstimmung zwischen seinem Empfinden und Denken, die in dem ersten Zustande wirklich stattfand, existiert jetzt blo idealisch; sie ist nicht mehr in ihm, sondern auer ihm, als ein Gedanke, der erst realisiert werden soll, nicht mehr als Tatsache seines Lebens. Wendet man nun den Begriff der Poesie, der kein andrer ist, als der Menschheit ihren mglichst vollstndigen Ausdruck zu geben, auf jene beiden Zustnde an, so ergibt sich, da dort in dem Zustande natrlicher Einfalt, wo der Mensch noch, mit allen seinen Krften zugleich, als harmonische Einheit wirkt, wo mithin das Ganze seiner Natur sich in der Wirklichkeit vollstndig ausdrckt, die mglichst vollstndige Nachahmung des Wirklichen — da hingegen hier in dem Zustande der Kultur, wo jenes harmonische Zusammenwirken seiner ganzen Natur blo eine Idee ist, die Erhebung der Wirklichkeit zum Ideal oder, was auf eins hinausluft, die Darstellung des Ideals den Dichter machen mu. Und dies sind auch die zwei einzig mglichen Arten, wie sich berhaupt der poetische Genius uern kann. Sie sind, wie man sieht, uerst von einander verschieden, aber es gibt einen hheren Begriff, der sie beide unter sich fat, und es darf gar nicht befremden, wenn dieser Begriff mit der Idee der Menschheit in eins zusammentrifft. [...]
Da der naive Dichter blo der einfachen Natur und Empfindung folgt und sich blo auf Nachahmung der Wirklichkeit beschrnkt, so kann er zu seinem Gegenstand auch nur ein einziges Verhltnis haben, und es gibt, in dieser Rcksicht, fr ihn keine Wahl der Behandlung. Der verschiedene Eindruck naiver Dichtungen beruht, , beruht, sage ich, blo auf dem verschiedenen Grad einer und derselben Empfindungsweise; selbst die Verschiedenheit in den ueren Formen kann in der Qualitt jenes sthetischen Eindrucks keine Vernderung machen. Die Form sei lyrisch oder episch, dramatisch oder beschreibend: wir knnen wohl schwcher und strker, aber nie verschiedenartig gerhrt werden. Unser Gefhl ist durchgngig dasselbe, ganz aus einem Element, so da wir nichts darin zu unterscheiden vermgen. Selbst der Unterschied der Sprachen und Zeitalter ndert hier nichts, denn eben diese reine Einheit ihres. Ursprungs und ihres Effekts ist ein Charakter der naiven Dichtung.
      Ganz anders verhlt es sich mit dem sentimentalischen Dichter. Dieser reflektiert ber den Eindruck, den die Gegenstnde auf ihn machen, und nur auf jene Reflexion ist die Rhrung gegrndet, in die er selbst versetzt wird und uns versetzt. Der Gegenstand wird hier auf eine Idee bezogen, und nur auf dieser Beziehung beruht seine dichterische Kraft. Der sentimentalische Dichter hat es daher immer mit zwei streitenden Vorstellungen und Empfindungen, mit der Wirklichkeit als Grenze und mit seiner Idee als dem Unendlichen zu tun, und das gemischte Gefhl, das er erregt, wird immer von dieser doppelten Quelle zeugen. [...] Da also hier eine Mehrheit der Prinzipien stattfindet, so kommt es darauf an, welches von beiden in der Empfindung des Dichters und in seiner Darstellung berwiegen wird, und es ist folglich eine Verschiedenheit in der Behandlung mglich. Denn nun entsteht die Frage, ob er mehr bei der Wirklichkeit, ob er mehr bei dem Ideale verweilen — ob er jene als einen Gegenstand der Abneigung, ob er dieses als einen Gegenstand der Zuneigung ausfhren will. Seine Darstellung wird also entweder satirisch, oder sie wird elegisch sein; an eine von diesen beiden Empfindungsarten wird jeder sentimentalische Dichter sich halten.
      Satirisch ist der Dichter, wenn er die Entfernung von der Natur und den Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideale zu seinem Gegenstande macht. Dies kann er aber sowohl ernsthaft und mit Affekt als scherzhaft und mit Heiterkeit ausfhren, je nachdem er entweder im Gebiete des Willens oder im Gebiete des Verstandes verweilt. Jenes geschieht durch die strafende oder pathetische, dieses durch die scherzhafte Satire. [.. .]
Setzt der Dichter die Natur der Kunst und das Ideal der Wirklichkeit so entgegen, da die Darstellung des ersten berwiegt und das Wohlgefallen an demselben herrschende Empfindung wird, so nenne ich ihn elegisch. Auch diese Gattung hat, wie die Satire, zwei Klassen unter sich. Entweder ist die Natur und das Ideal ein Gegenstand der Trauer, wenn jene als verloren, dieses als unerreicht dargestellt wird. Oder beide sind ein Gegenstand der Freude, indem sie als wirklich vorgestellt werden. Das erste gibt die Elegie in engerer, das andere die Idylle in weitester Bedeutung. [...]
Dem naiven Dichter hat die Natur die Gunst erzeigt, immer als eine ungeteilte Einheit zu wirken,' in jedem Moment ein selbstndiges und vollendetes Ganzes zu sein und die Menschheit, ihrem vollen Gehalt nach, in der Wirklichkeit darzustellen. Dem sentimen- talischen hat sie die Macht verliehen oder vielmehr einen lebendigen Trieb eingeprgt, jene Einheit, die durch Abstraktion in ihm aufgehoben worden, aus sich selbst wieder herzustellen, die Menschheit in sich vollstndig zu machen und aus einem beschrnkten Zustand zu einem unendlichen berzugehen. [...] Der menschlichen Natur ihren vlligen Ausdruck zu geben ist aber die gemeinschaftliche Aufgabe beider, und ohne das wrden sie gar nicht Dichter heien knnen; aber der naive Dichter hat vor dem sentimentalischen immer die sinnliche Realitt voraus, indem er dasjenige als eine wirkliche Tatsache ausfhrt, was der andere nur zu erreichen strebt. Und das ist es auch, was jeder bei sich erfhrt, wenn er sich beim Gensse naiver Dichtungen beobachtet. Er fhlt alle Krfte seiner Menschheit in einem solchen Augenblick ttig, er bedarf nichts, er ist ein Ganzes in sich selbst; ohne etwas in seinem Gefhl zu unterscheiden, freut er sich zugleich seiner geistigen Ttigkeit und seines sinnlichen Lebens. Eine ganz andre Stimmung ist es, in die ihn der sentimental ische Dichter versetzt. Hier fhlt er blo einen lebendigen Trieb, die Harmonie in sich zu erzeugen, welche er dort wirklich empfand, ein Ganzes aus sich zu machen, die Menschheit in sich zu einem vollendeten Ausdruck zu bringen. Daher ist hier das Gemt in Bewegung, es ist angespannt, es schwankt zwischen streitenden Gefhlen, da es dort ruhig, aufgelst, einig mit sich selbst und vollkommen befriedigt ist. [...]
Einem aufmerksamen und parteilosen Leser werde ich nach der hier gegebenen Schilderung nicht erst zu beweisen brauchen, da das Ideal menschlicher Natur unter beide verteilt, von keinem aber vllig erreicht ist. Erfahrung und Vernunft haben beide ihre eigenen Gerechtsame, und keine kann in das Gebiet der andern einen Eingriff tun, ohne entweder fr den innern oder uern Zustand des Menschen schlimme Folgen anzurichten. Die Erfahrung allein kann uns lehren, was unter gewissen Bedingungen ist, was unter bestimmten Voraussetzungen erfolgt, was zu bestimmten Zwecken geschehen mu. Die Vernunft allein kann uns hingegen lehren, was ohne alle Bedingung gilt und was notwendig sein mu. Maen wir uns nun an, mit unserer bloen Vernunft ber das ure Dasein der Dinge etwas ausmachen zu wollen, so treiben wir blo ein leeres Spiel, und das Resultat wird auf nichts hinauslaufen; denn alles Dasein steht unter Bedingungen, und die Vernunft bestimmt unbedingt. Lassen wir aber ein zuflliges Ereignis ber dasjenige entscheiden, was schon der bloe Begriff unsers eigenen Seins mit sich bringt, so machen wir uns selber zu einem leeren Spieledes Zufalls, und unsre Persnlichkeit wird auf nichts hinauslaufen. In dem ersten Fall ist es also um den Wert unsers Lebens, in dem zweiten um die Wrde unsers Lebens getan. [...]
Erstdruck: Ueber das Naive. In: Die Hren, eine Monatsschrift, herausgegeben von Schiller. Erster Jahrgang. Eilftes Stck. Tbingen in der J. G. Cottaischen Buchhandlung 1795, S. 43-76; Die sentimentalischen Dichter. Ebd. Erster Jahrgang. Zwlftes Stck, S. 1 — 55; Beschlu der Abhandlung ber naive und sentimentalische Dichter, nebst einigen Bemerkungen einen charakteristischen Unterschied unter den Menschen betreffend. Ebd. Zweyter Jahrgang. Erstes Stck. Tbingen in der J. G. Cottaischen Buchhandlung 1796, S. 75 — 122. - Unter dem endgltigen Titel 'Ueber naive und sentimentalische Dichtung" in: Kleinere prosaische Schriften von Schiller. Aus mehrern Zeitschriften vom Verfasser selbst gesammelt und verbessert. Zweiter Theil. Leipzig 1800, bey Siegfried Lebrecht Crusius. S. 3-216.
      Textvorlage: Schillers Werke. Nationalausgabe. Begrndet von Julius Petersen. Hg. im Auftrag der Nationalen Forschungs- und Gedenksttten der klassischen deutschen Literatur in Weimar und des Schiller-Nationalmuseums in Marbach von Lieselotte Blumenthal und Benno von Wiese. 20. Bd.: Philosophische Schriften. 1. Teil. Unter Mitwirkung von Helmut Koopmann herausgegeben von Benno von Wiese. Hermann Bhlaus Nachfolger. Weimar 1962, S. 432—501.
     

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