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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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FRANZ MEHRING - Naturalismus und Neuromantik



[...] An und für sich besagt der Name, mit dem er [d. i. der Naturalismus] sich taufte, sehr wenig oder gar nichts; überall, wo in der Literaturgeschichte die Gedankenwelt einer aufsteigenden mit der Gedankenwelt einer absterbenden Klasse zusammenstößt, pflegt jene gegen diese mit dem Schlachtruf der Natur und Wahrheit anzustürmen. Das ist ja auch begreiflich genug. Denn eine absterbende Klasse klammert sich um so ängstlicher an starre Formeln, je mehr das innere Leben daraus entweicht, und eine aufsteigende Klasse rüttelt um so ungestümer an allen Schranken, je mehr der Drang und die Kraft des Lebens in ihr überquellen. Was sie leben kann und will, das ist für sie Natur und Wahrheit; einen anderen Maßstab für diese Begriffe gibt es auf künstlerisch-literarischem Gebiete nicht, hat es nie gegeben und wird es auch nicht geben.

      Mißt man nun den Naturalismus, wie er sich in der deutschen Literatur vor einigen zwanzig Jahren auftat, an diesem Maßstab, so war es sein Ruhm, daß er sich von den Lebensbedingungen der kapitalistischen Gesellschaft zu emanzipieren suchte, aber es wurde sein Verhängnis, daß er auf halbem Wege stehenblieb. Er sah in der herrschenden Misere nur das Elend von heute, aber nicht die Hoffnung auf morgen. Niemand verlangte von ihm, daß er nach der Pfeife 'geist- und kunstverlassener Nationalökonomen" tanzen solle, aber gerade wenn er nicht auf den Zinnen der Partei stehen wollte, mußte er nicht nur die vergehende, sondern auch die entstehende Welt schildern können. Dem entzog er sich durch die in der Tat 'geist- und kunstverlassene" Forderung, daß die Kunst nichts anderes als ein sklavisches Abschreiben der zufälligen Wirklichkeit, daß jede eigene Zutat aus der Phantasie des Künstlers, jede künstlerische Erfindung und Komposition zu verwerfen sei. Damit sprach er sich selbst sein künstlerisches Todesurteil, und seine Blüte welkte in wenigen Jahren.
      Seine legitime Tochter aber war die Neuromantik. Konnte und wollte der Naturalismus die kapitalistische Wirklichkeit nicht mehr ertragen, aber auch nicht den entscheidenden Schritt über ihre Grenzen tun, so blieb ihm nur die Flucht in ein Traumland übrig, das ihm das Gefühl einer illusionären Freiheit gab und ihm zugleich gestattete, allen nervösen Launen eines übersättigten Publikums genug zu tun. Es ist freilich richtig [...], daß diese neue Romantik tief unter der alten Romantik steht, in der sich immerhin eine große, historische Weltwende widerspiegelte. Historisch ist die Neuromantik nichts anderes als ein ohnmächtiges Abzappeln von Kunst und Literatur in den erstickenden Armen des Kapitalismus, und es ist am letzten Ende allerdings der 'Wille" des kapitalistischen Publikums, der ihr das Gesetz diktiert.
      Emanzipieren kann sie sich von diesem 'Willen" nur, indem sie sich von der kapitalistischen Gesellschaft emanzipiert, die nun einmal, sei es auch zum tiefsten Kummer aller Ästheten, eine 'national-ökonomische" Tatsache ist, und es ist die reine Illusion ins Blaue hinein, anzunehmen, daß sie jemals auf anderem Wege ein neues klassisches Zeitalter erleben könnte.
      Etstdruck: Naturalismus und Neuromantik. In: Die Neue Zeit. Jg. 26, Band 2, Berlin 1907/08, S. 961-963.
      Textvorlage: Franz Mehring: Gesammelte Schriften. Hg. v. Prof. Dr. Thomas Höhle, Prof. Dr. Hans Koch, Prof. Dr. Josef Schleifstein. Bd. 11: Aufsätze zur deutschen Literatur von Hebbel bis Schweichel. , Dietz Verlag. Berlin 1961, S. 228-229.
     

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