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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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FRANZ MEHRING - Kunst und Proletariat



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Man muß sich auch davor hüten, die Bedeutung der Kunst für den Emanzipationskampf des Proletariats zu überschätzen. Die Versuchung dazu liegt ja sehr nahe, wenn man die hohe Bedeutung erwägt, welche die Kunst für den Emanzipationskampf ganz besonders auch des deutschen Bürgertums gehabt hat. Indessen, wenn die bürgerliche Klasse in Deutschland ihr Heldenzeitalter auf künstlerischem Gebiet gehabt hat, so doch nur, weil ihr der ökonomische und politische Kampfplatz verschlossen war. Dagegen steht dieser Kampfplatz dem modernen Proletariat wenigstens bis zu einem gewissen Grade offen, und es ist ebenso natürlich wie notwendig, daß es hier seine Kräfte zusammenfaßt. Solange es in diesem heißen Kampfe steht, kann und wird es keine große Kunst aus seinem Schöße gebären. Es würde eine eigene Abhandlung erfordern, diesen Gedanken eingehend auszuführen; hier wollen wir ihn nur durch ein Beispiel erläutern. Die große Rolle, die das Theater in den bürgerlichen Emanzipationskämpfen gespielt hat, ist bekannt. Die bürgerliche Klasse hatte das Geld, Theater zu bauen, und der alte Absolutismus drückte ein Auge zu, gleichviel ob aus Berechnung oder aus Verblendung, indem er der bürgerlichen Klasse auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gern gewährte, was er ihr in der Wirklichkeit unerbittlich versagte und versagen konnte. Heute hat die arbeitende Klasse aber kein Geld, Theater zu bauen, und der moderne Absolutismus, der ihr den Kampf auf dem Gebiete der Wirklichkeit nicht mehr versagen kann, kühlt wenigstens sein Mütchen, indem er ihr die Welt des schönen Scheins hermetisch verschließt. Die Arbeiterklasse, die auf ökonomischem und politischem Gebiete täglich neue Siege über den Kapitalismus und die Polizei erficht, ist ohnmächtig gegen diese erhabenen Mächte auf künstlerischem Gebiete. Die Dinge haben sich eben seit hundert Jahren vollständig umgekehrt, wenn auch gewiß nicht zum Nachteil des Proletariats.

      Um nun aber auf die Verhandlungen des Parteitags zurückzukommen, so hat er sich wohlweislich gehütet, das Kind mit dem Bade zu verschütten. Er hat hervorgehoben, was die arbeitende Klasse von der modernen Kunst trennt, aber er ist nicht so ungerecht gewesen, die moderne Kunst in Bausch und Bogen zu verwerfen oder gar zu verkennen, daß sie innerhalb der bürgerlichen Gesell-schaft allerdings ein Fortschritt ist. Einstweilen leben wir noch in dieser Gesellschaft, und es wäre unbillig, mehr von ihr zu verlangen, als sie leisten kann. Nur daß man das, was die moderne Arbeiterklasse gegen die moderne Kunst einzuwenden hat, nicht in irgendwelcher rückständigen Auffassung des Proletariats suchen darf. Es steht dieser Kunst mit gelassener Kühle gegenüber, nicht weil es ihre hehren Geheimnisse nicht zu fassen vermag, sondern weil sie nicht entfernt heranreicht an die historische Größe des proletarischen Emanzipationskampfes.
      Erstdruck: Kunst und Proletariat. In: Die Neue Zeit. Jg. 15, 1. Bd. Berlin 1896/97, S. 129-133.
      Textvorlage: Franz Mehring: Gesammelte Schriften. Hg. v. Prof. Dr. Thomas Höhle, Prof. Dr. Hans Koch, Prof. Dr. Josef Schleifstein. Bd. 11: Aufsätze zur deutschen Literatur von Hebbel bis Schweichel. , Dietz Verlag. Berlin 1961, S. 139-140.
     

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