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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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FRANZ MEHRING - Gerhart Hauptmanns 'Weber



Und eine bedeutende Dichtung sind die 'Weber". Es ist das gute Recht des Dramatikers, seinen Stoff zu nehmen, wo er ihn findet, und Hauptmann hat gewiß nicht seine Beziehungen zu Wolff zu verwischen beabsichtigt, wenn er in der Widmung an seinen Vater Familienerzählungen — er ist der Enkel eines schlesischen Webers - als den 'Keim" seiner Dichtung nennt. [...]


So wie Hauptmann den gegebenen Stoff nahm, mußte er die Massen selbst in dramatische Bewegung setzen und noch dazu in einer mit episodenhafter Breite sich langsam fortschiebenden Handlung, ohne die auf- und absteigende Bewegung um einen beherrschenden Mittelpunkt. Es war bis zu einem gewissen Grade ein Bruch mit aller bisherigen Bühnentechnik, den Hauptmann unternahm, und das kecke Wagnis ist ihm in hohem Grade gelungen. In hohem Grade, denn an manchen Einzelheiten mag man mit Recht oder Unrecht mäkeln. Aber jeder neue Wurf hat das gute Recht, aufs Ganze und Große hin geprüft zu werden, und da gebührt dem Dichter der 'Weber" ein kräftiges Glückauf!
Keine dichterische Leistung des deutschen Naturalismus kann sich nur entfernt mit den 'Webern" messen; eben deshalb machen sie aber auch der großmäuligen Spielart des Naturalismus den Garaus. Sie stehen in schärfstem Gegensatze zu jener 'genialen" Kleckserei, die irgendein beliebiges Stück banaler und brutaler Wirklichkeit mit photographischer Treue abkonterfeit und damit wunder was erreicht zu haben glaubt. Die 'Weber" quellen über von echtestem Leben, aber nur, weil sie mit dem angestrengten Fleiße eines feinen Kunstverstandes gearbeitet sind. Eine wie sorgfältige Abtönung und Abwägung war notwendig, um einem bunten Mosaik genrehafter Szenen dramatische Spannung zu geben! Welch ernstes Nachdenken gehört dazu, jene Fülle lebendiger, meist trefflich und mitunter ganz meisterhaft geratener Gestalten zu schaffen, aus denen die handelnden Massen bestehen mußten, wenn sie wirklich in dramatische Bewegung gesetzt werden sollten. Hauptmann weiß sehr wohl, daß der Fleiß heutzutage mehr denn je die bessere Hälfte des Talents ist.
      Erstdruck: Gerhart Hauptmanns 'Weber". In: Die Neue Zeit. Jg. 11, 2. Bd. Berlin 1893/94, S. 769-774.
      Textvorlage: Franz Mehring: Gesammelte Schriften. Hg. v. Prof. Dr. Thomas Höhle, Prof. Dr. Hans Koch, Prof. Dr. Josef Schleifstein. Bd. 11: Aufsätze zur deutschen Literatur von Hebbel bis Schweichel. , Dietz Verlag. Berlin 1961, S. 283-284.
     

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