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FRANZ MEHRING - Der heutige Naturalismus



In unserer Betrachtung über den Begriff des künstlerischen und literarischen Naturalismus waren wir zu dem Ergebnis gekommen, daß sich dieser Begriff gar nicht unter eine allgemeine Formel bringen lasse, daß man in jedem einzelnen Falle untersuchen müsse, welche Stellung die naturalistische Richtung in den Klassenkämpfen ihrer Zeit einnimmt.

      Prüfen wir nun den heutigen Naturalismus an diesem Maßstab, so läßt sich nicht verkennen, daß er der Widerschein ist, den die immer mächtiger auflodernde Arbeiterbewegung in die Kunst wirft. Es kommt wenig darauf an, ja es ist bis zu einem gewissen Grade unvermeidlich, daß der Naturalismus dabei das Kind mit dem Bade verschüttet. Indem er sich gegen die Unnatur entarteter Zustände empört, indem er sich gegen die akademisch-konventionelle, der Natur entfremdete, überlebte Dicht- und Malweise auflehnt, verleugnet er das Wesen jeder Kunst durch die Forderung, daß die Bedeutung des Kunstwerks einzig und allein nach seiner Naturwahrheit zu beurteilen, daß als Preis der Kunst die sozusagen buchstäbliche Wiedergabe der Natur aufzufassen, daß jede eigene Zutat aus der Phantasie des Künstlers, jede künstlerische Erfindung und Komposition zu verwerfen sei. Auf diesem Wege gelangt man beispielsweise zu der unvermeidlichen Schlußfolgerung, daß die Photographie die höchste Vollendung der bildenden Kunst sei. Wohl steckt die Kunst in der Natur, wie Albrecht Dürer in seiner tiefsinnigen Weise sagt; wer sie heraus kann reißen, der hat sie, aber 'sie wird offenbar durch das Werk und die neue Kreatur, die einer in seinem Herzen schafft in Gestalt eines Dinges".
      Will man dem Naturalismus trotz dieses allzu heftigen Rückschlages dennoch gerecht werden, so muß man im Auge behalten, daß er frei sein will, frei von den erstickenden Banden einer untergehenden Gesellschaft. Der Impressionismus, die Freilichtmalweise in der Malerei, der Naturalismus in der Dichtung ist eine künstlerische Rebellion; es ist die Kunst, die den Kapitalismus im Leibe zu spüren beginnt; 'sie fährt herum, sie fährt heraus und säuft aus allen Pfützen". In der Tat erklärt sich auf diese Weise leicht die sonst unerklärliche Freude, welche die Impressionisten der bildenden und die Naturalisten der dichtenden Kunst an allen unsauberen Abfällen der kapitalistischen Gesellschaft haben; sie leben und weben in solchem Kehricht, und es gibt auch gar keinen peinlicheren Protest, den sie in ihrem dunklen Drange ihren Peinigern ins Gesicht schleudern können. Aber von einem dunklen Drange bis zur klaren Erkenntnis einer neuen Kunst- und Weltanschauung ist noch ein weiter Weg, und auf diesem Wege machen die künstlerischen Richtungen, die zu einer wahrhaftigen Kunst zurückstreben, meist noch schwankende und unsichere Schritte.
      Erst wo der Naturalismus die kapitalistische Denkweise selbst durchbrochen hat und die Anfänge einer neuen Welt in ihrem inneren Wesen zu erfassen weiß, wirkt er revolutionär, wird er eine neue Form künstlerischer Darstellung, die schon jetzt keiner früheren an eigentümlicher Größe und Kraft nachsteht und sie dermaleinst alle an Schönheit und Wahrheit zu übertreffen berufen ist. [...]
Es ist ein Verdienst des heutigen Naturalismus, daß er den Mut und die Wahrheitsliebe gehabt hat, das Vergehende zu schildern, wie es ist. Und dies Verdienst kann ihm auch nicht geschmälert werden durch die Auswüchse und Ãobertreibungen, die jede Rebellion in ihren Anfängen mit sich bringt. Aber er hat soweit nur erst den halben Weg zurückgelegt, und wenn er dabei stehenbliebe, so würde er allerdings den unaufhaltsamen Verfall von Kunst und Literatur einleiten, so würden seine Bekenner, wie ein der naturalistischen Richtung nahestehender Schriftsteileres jüngst ausdrückte, 'Dekadenzjünger, Fäulnispiraten, Verfallsschnüffler" werden, die 'sich mit der Syphilis brüsten, um ihre Mannheit zu beweisen". Ist die ganze Gesellschaft verfallen, so ist es die Kunst, die nur um diesen Verfall herumzugrinsen weiß, erst recht.
      Aber die ganze Gesellschaft ist nicht verfallen, und das Schicksal des Naturalismus hängt davon ab, ob er den zweiten Teil seines Weges vollenden, ob er den höheren Mut und die höhere Wahrheitsliebe finden wird, auch das Entstehende zu schildern, wie es werden muß und täglich schon wird. Es ist aufrichtig zu wünschen, daß erdies Ziel erreicht, und dann freilich, aber auch dann erst wird er den Ruhm beanspruchen dürfen, ein neues Zeitalter der Kunst und Literatur zu eröffnen.
      Erstdruck: Der heutige Naturalismus. In: Die Volksbühne Jg. 1, H. 3 Berlin 1892/93, S. 9-12.
      Textvorlage: Franz Mehring: Gesammelte Schriften. Hg. v. Prof. Dr. Thomas Höhle, Prof. Dr. Hans Koch, Prof. Dr. Josef Schleifstein. Band 11: Aufsätze zur deutschen Literatur von Hebbel bis Schweichel. , Dietz Verlag. Berlin 1961, S. 131-133.
     

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FRANZ  MEHRING  -  Der  heutige  Naturalismus    





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