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FERDINAND LASSALLE, KARL MARX, FRIEDRICH ENGELS - Die 'Sickingendebatte



Lassalles Aufsatz über die tragische Idee

Beilage zum Brief Lassalles an Marx vom 6. März 1

  
   Ãœber die formelle tragische Idee, die ich dem Drama und seiner Katastrophe zugrunde legte - den tiefen dialektischen Widerspruch, welcher der Natur alles Handelns, zumal des revolutionä-. ren, innewohnt —, habe ich mich in dem beim Allgemeinen stehenbleibenden Vorwort natürlich nicht ausgesprochen und sie in der Tragödie selbst erst im fünften Akt deutlicher hervortreten lassen. Die ewige Stärke aller herrschenden, eine bestehende Ordnungverteidigenden Klassen liegt in der nicht zu täuschenden, durchgearbeiteten Bewußtheit, mit welcher sie ihr Klasseninteresse, eben weil es ein bereits herrschendes, ausgearbeitetes ist, durchdringt.

      Die ewige Schwäche einer jeden berechtigten revolutionären Idee, die sich zur Praxis kehren will, liegt in dem Mangel an Bewußtheit seitens der Glieder der ihr zugetanen Klassen, deren Prinzip noch nicht verwirklicht ist, sowie in dem hiermit zusammenhängenden Mangel an Organisation der ihr zu Gebote stehenden Mittel. Der hierbei stets wiederkehrende dialektische Widerspruch ist kurz folgender. Die Stärke der Revolution besteht in ihrer Begeisterung, diesem unmittelbaren Zutrauen der Idee in ihre eigene Kraft und Unendlichkeit. Aber die Begeisterung ist - als die unmittelbare Gewißheit von der Allmacht der Idee - zunächst ein abstraktes Hinwegsehen über die endlichen Mittel zur wirklichen Ausführung und über die Schwierigkeiten der realen Verwicklung. Die Begeisterung muß sich somit auf die reale Verwicklung und in eine Operation mit den endlichen Mitteln einlassen, um in der endlichen Wirklichkeit ihre Zwecke zu erreichen. Sie scheint sonst in ihrem Schwärmen für das Was? die reelle Seite des Wie?, der Verwirklichung, zu übersehen.
      Unter diesen Umständen scheint es ein Triumph übergreifender realistischer Klugheit seitens der Revolutionsführer, mit den gegebenen endlichen Mitteln zu rechnen, die wahren und letzten Zwecke der Bewegung andern geheimzuhalten und durch diese beabsichtigte Täuschung der herrschenden Klassen, ja durch die Benützung dieser, die Möglichkeit zur Organisation der neuen Kräfte zu gewinnen, um so durch dies klug erlangte Stück Wirklichkeit die Wirklichkeit selbst dann zu besiegen.
      In dieser unendlichen realistischen Ãœberlegenheit steht Sickingen im dritten Akte Hütten gegenüber da, wie er denn übrigens ihm, als dem bloß geistigen Revolutionär, gegenüber die Ãœberlegenheit des realistischen Blickes und des praktisch-politischen, staatsmännischen Genius dauernd behält. Aber in diesem Sicheinlassen der Begeisterung auf das Endliche, in dieser Unterordnung unter dasselbe, hat sie, weit entfernt, sich auszuführen, vielmehr grade ihr formelles Prinzip — die Unendlichkeit der Idee — aufgegeben, hat sich an ihr Gegenteil, die Endlichkeit als solche, deren Aufhebung grade ihre Bedeutung ist, hingegeben und muß daher hier unterliegen.
      In der Tat, so schwer es dem Verstände wird, dies einzugestehen, beinahe scheint es, als ob ein unlöslicher Widerspruch zwischen der spekulativen Idee, welche die Kraft und Berechtigung einer Revolution ausmacht, und dem endlichen Verstände und seiner Klugheit bestünde. Die meisten Revolutionen, die gescheitert sind, sind — jeder wahrhafte Geschichtskenner wird dies zugeben müssen — an dieser Klugheit gescheitert, oder mindestens alle sind gescheitert, die sich auf diese Klugheit gelegt haben. Die große Französische Revolution von 1792, die unter den schwierigsten Umständen siegte, siegte nur dadurch, daß sie verstand, den Verstand beiseite zu setzen.
      Hierin liegt auch das Geheimnis der Stärke der äußersten Parteien in den Revolutionen, hierin endlich das Geheimnis, weshalb der Instinkt der Massen in den Revolutionen in der Regel so viel richtiger ist als die Einsicht der Gebildeten. 'Und was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet usw." [1] Grade der Mangel an Bildung, der den Massen innewohnt, bewahrt sie vor der Klippe des klugverständigen Verfahrens.
      Ãœbrigens liegt in dem Gesagten bereits die wirkliche Auflösung und die innere Notwendigkeit jenes dialektischen Widerspruchs zwischen dem unendlichen Zweck der Idee und der endlichen Klugheit der Vermittlung. [...]
Jene Schuld Sickingens ist also grade besonders eine sittliche Schuld, die, um mich so auszudrücken, dadurch gemildert bleibt, daß sie eine intellektuelle ist, und grade deshalb auch, weil sie eine intellektuelle ist, weil sie auf einem in allen Wendeepochen ewig wiederkehrenden Gedankenkonflikt beruht, aufhört, Schuld des partikularen zufälligen Charakters zu sein, und ihrerseits zu einem notwendigen ewigen Standpunkt wird, dessen große relative, nicht zu leugnende Berechtigung und innerste Unberechtigung sein tragisches Schicksal, seinen dialektischen Untergang nach sich zieht. Mutato nomine de nobis fabula narratur [2], und ewig so. Gerade solche Verschuldung also, die zugleich sittlich und intellektuell ist, eben deshalb also auf einem ewigen und notwendigen objektiven Gedankenkonflikt beruht, scheint mir den tiefsten tragischen Konflikt zu bilden.
      Oder, um jetzt nun meine Ansicht in aller Bestimmtheit und Schärfe hierherzusetzen, jede wahrhaftige sittliche Schuld ist nur eine intellektuelle, und nur solche Schuld ist eine sittliche, welche eine intellektuelle ist. Denn die sittliche Schuld besteht eben, im Unterschied von der moralischen, welche lediglich dem besonderen Subjekt und seiner Innerlichkeit anklebt, in nichts anderem als in der Praxis und Realisation eines objektiven und relativ berechtigten Gedankens und Gedankenstandpunktes, der aber seines dialekti-sehen Gegenteils nicht Herr ist, deshalb den Einklang in der Ideenwelt wie in der Realwelt verletzt und darum in der Theorie einseitig, in der Praxis schuldvoll ist. [...]
Marx an Lassalle London, 19. April 1

  
   [...]
Ich komme nun zu 'Franz von Sickingen". D' abord [3] muß ich loben die Komposition und die Aktion, und das ist mehr, als man von irgendeinem modernen deutschen Drama sagen kann. In the second instance [4], alles rein kritische Verhältnis zu der Arbeit beiseite gesetzt, hat sie beim ersten Lesen mich sehr aufgeregt und wird darum auf Leser, bei denen das Gemüt mehr vorherrscht, diesen Effekt in noch stärkerem Grad hervorbringen. Und dies ist eine zweite sehr bedeutende Seite. Nun the other side of the me-dal [5]: Erstens — diese ist rein formell —, da Du einmal in Versen geschrieben hast, hättest Du die Jamben etwas künstlerischer verarbeiten können. Indes, so sehr Dichter von Fach von dieser Nachlässigkeit schokiert werden, betrachte ich sie im ganzen als einen Vorzug, da unsre poetische Epigonenbrut nichts als formelle Glätte übrigbehalten hat. Zweitens: Die beabsichtigte Kollision ist nicht nur tragisch, sondern ist die tragische Kollision, woran die revolutionäre Partei von 1848/49 mit Recht untergegangen ist. Ich kann also nur meine höchste Zustimmung dazu aussprechen, sie zum Drehpunkt einer modernen Tragödie zu machen. Aber ich frage mich dann, ob das behandelte Thema passend zur Darstellung dieser Kollision war? Balthaser kann sich in der Tat einbilden, daß, wenn Sickingen, statt seine Revolte unter einer ritterlichen Fehde zu verstecken, das Banner eines Antikaisertums und offenen Kriegs gegen das Fürstentum aufgepflanzt, er gesiegt hätte. Können wir aber diese Illusion teilen? Sickingen ging nicht unter an seiner Pfiffigkeit. Er ging unter, weil er als Ritter und als Repräsentant einer untergehenden Klasse gegen das Bestehende sich auflehnte oder vielmehr gegen die neue Form des Bestehenden. Streift man von Sickingen ab, was dem Individuum in seiner besondren Bildung, Naturanlage usw. angehört, so bleibt übrig — Götz von Berlichingen. In diesem letztern miserablen Kerl ist der tragische Gegensatz des Rittertums gegen Kaiser und Fürsten in seiner adäquaten Form vorhanden, und darum hat Goethe mit Recht ihn zum Helden gemacht. Soweit Sickingen — selbst Hütten gewissermaßen, obgleich bei ihm wie bei allen Ideologen einer Klasse bedeutend solche Aussprüche modifiziert werden müßten — gegen die Fürsten kämpft , ist er in der Tat nur ein Don Quichote, wenn auch ein historisch berechtigter. Daß er die Revolte unter dem Schein einer ritterlichen Fehde beginnt, heißt weiter nichts, als daß er sie ritterlich beginnt. Sollte er sie anders beginnen, so müßte er direkt, und gleich im Beginn, an Städte und Bauern appellieren, d. h. exakt an die Klassen, deren Entwicklung = negiertem Rittertum.
      Wolltest Du also die Kollision nicht einfach auf die im Götz von Berlichingen dargestellte reduzieren — und das war nicht Dein Plan —, so mußten Sickingen und Hütten untergehen, weil sie in ihrer Einbildung Revolutionäre waren und ganz wie der gebildete polnische Adel von 1830 sich einerseits zu Organen der modernen Ideen machten, andrerseits in der Tat aber ein reaktionäres Klasseninteresse vertraten. Die adligen Repräsentanten der Revolution — hinter deren Stichworten von Einheit und Freiheit immer noch der Traum des alten Kaisertums und des Faustrechts lauert — durften dann nicht so alles Interesse absorbieren, wie sie es bei Dir tun, sondern die Vertreter der Bauern und der revolutionären Elemente in den Städten mußten einen ganz bedeutenden aktiven Hintergrund bilden. Du hättest dann auch in viel höherem Grade grade die modernsten Ideen in ihrer naivsten Form sprechen lassen können, während jetzt in der Tat, außer der religiösen Freiheit, die bürgerliche Einheit die Hauptidee bleibt. Du hättest dann von selbst mehr shakespearisie-ren müssen, während ich Dir das Schillern, das Verwandeln von Individuen in bloße Sprachröhren des Zeitgeistes, als bedeutendsten Fehler anrechne. Bist Du nicht selbst gewissermaßen, wie Dein Franz von Sickingen, in den diplomatischen Fehler gefallen, die lutherisch-ritterliche Opposition über die plebejisch-münzersche zu stellen?
Ich vermisse ferner das Charakteristische in den Charakteren. Ich nehme aus Karl

V.

, Balthasar und Richard von Trier. Und gab es eine Zeit von mehr derber Charakteristik als die des löten Jahrhunderts? Hütten ist mir viel zu sehr bloßer Repräsentant von 'Begeisterung", was langweilig ist. War er nicht zugleich geistreich, ein Witzteufel, und ist ihm also nicht großes Unrecht geschehen?
Wie sehr selbst Dein Sickingen, der nebenbei auch viel zu abstrakt gezeichnet ist, leidet an einer von allen seinen persönlichen Berechnungen unabhängigen Kollision, tritt hervor in der Art, wie er seinen Rittern Freundschaft mit den Städten etc. predigen muß, andrer-seits dem Wohlgefallen, womit er selbst faustrechtliche Justiz an den Städten ausübt.
      Im einzelnen muß ich hier und da übertriebenes Reflektieren der Individuen über sich selbst tadeln - was von Deiner Vorliebe für Schiller herrührt. Z. B. pag. 121, als Hütten der Marie seine Lebensgeschichte erzählt, wäre es höchst natürlich gewesen, die Marie sagen zu lassen: 'Die ganze Leiter der Empfindungen" etc. bis 'Und schwerer wiegt sie als mir Jahre wogen"; Die Verse, die vorhergehn, von 'Man sagt" - bis - 'gealtert", könnte dann folgen, aber die Reflexion 'Es reift zum Weib in einer Nacht die Jungfrau" , war ganz nutzlos; am allerwenigsten aber dürfte Marie mit der Reflexion über ihr eignes 'Altern" beginnen. Nachdem sie gesagt, was sie alles in der 'einen" Stunde erzählt, konnte sie ihrer Empfindung allgemeinen Ausdruck geben in der Sentenz über ihr Altern. Ferner, in den folgenden Zeilen schockiert mich: 'Ich hielt es für ein Recht" . Warum die naive Anschauung, die Marie bis dato von der Welt gehabt zu haben behauptet, Lügen strafen, indem sie in eine Rechtsdoktrin verwandelt wird? Vielleicht werde ich Dir ein andermal mehr im Detail meine Meinung auseinandersetzen.
      Als besonders gelungen betrachte ich die Szene zwischen Sickingen und Karl

V.

, obgleich der Dialog etwas zu sehr Plädoyer auf beiden Seiten wird; ferner die Szenen in Trier. Sehr schön sind Huttens Sentenzen über das Schwert.

      Und nun genug für diesmal.
      An meiner Frau hast Du einen besonderen Anhänger für Dein Drama gewonnen. Nur mit der Marie ist sie nicht zufrieden. [...]

Engels an Lassalle in Berlin
6 Thorncliffe Grove, Manchester, 18. Mai 1

  
   Lieber Lassalle!
Sie werden es einigermaßen befremdend gefunden haben, daß ich Ihnen so lange nicht schrieb, und um so mehr, als ich Ihnen noch mein Urteil über Ihren 'Sickingen" schuldig war. Aber grade das ist der Punkt, der mich so lange vom Schreiben abgehalten hat. In dieser Dürre der schönen Literatur, die jetzt überall herrscht, kommt es mir selten vor, daß ich ein derartiges Werk lese, und seit
Jahren ist es mir nicht vorgekommen, ein solches so zu lesen, daß ein eingehendes Urteil, eine bestimmt festgestellte Meinung das Resultat der Lektüre wäre. Der Schund ist dieser Mühe nicht wert. Selbst die paar besseren englischen Romane, die ich noch von Zeit zu Zeit lese, Thackeray z. B., haben mir trotz ihrer unbestreitbaren literar- und kulturhistorischen Bedeutung doch dies Interesse nie abgewinnen können. Mein Urteil hat sich durch so lange Brache aber sehr abgestumpft, und es bedarf längerer Zeit, bis ich mir erlauben darf, eine Ansicht auszusprechen. Ihr 'Sickingen'Verdient aber andre Behandlung als jenes Zeug, und daher hab' ich mir die Zeit genommen. Die erste und zweite Lektüre Ihres in jedem Sinne, nach Stoff und Behandlung, deutsch-nationalen Dramas regte mich gemütlich so auf, daß ich es einige Zeit zurücklegen mußte, und um so mehr, als der in diesen magern Zeitläuften so geschwächte Geschmack, ich muß es zu meiner Beschämung sagen, mich dahin reduziert hat, daß zuweilen auch Sachen von geringerem .Wert bei erster Lektüre einigen Effekt auf mich nicht verfehlen. Um ganz unparteiisch, ganz 'kritisch" zu werden, legte ich den 'Sickingen" also zurück, d. h. ließ ihn mir von einigen Bekannten abpumpen. Habent sua fata libelli [6] — wenn sie abgepumpt werden, kriegt man sie selten wieder zu sehen, und so hab' ich mir meinen 'Sickingen" auch mit Gewalt wieder erobern müssen. Ich kann Ihnen sagen, daß der Eindruck bei dritter und vierter Lektüre derselbe geblieben ist, und im Bewußtsein, daß Ihr 'Sickingen" die Kritik vertragen kann, gebe ich Ihnen meinen 'Senf" dazu.
      Ich weiß, daß ich Ihnen kein großes Kompliment mache, wenn ich die Tatsache ausspreche, daß keiner der gegenwärtigen offiziellen Poeten Deutschlands auch nur im entferntesten imstande wäre, ein solches Drama zu schreiben. Indessen, es ist eben eine Tatsache, und eine für unsre Literatur zu charakteristische, um sie nicht auszusprechen. Um auf das Formelle zunächst einzugehen, so hat mich die geschickte Schürzung des Knotens und das durch und durch Dramatische des Stücks sehr angenehm überrascht. Mit der Versifikation haben Sie sich allerdings manche Freiheiten erlaubt, die indes mehr im Lesen als auf der Bühne stören. Ich möchte wohl die Bühnenbearbeitung [7] gelesen haben; so wie das Stück vorliegt, ist es gewiß nicht aufführbar; ich hatte hier einen jungen deutschen Poeten , der ein Landsmann und entfernter Verwandter von mir ist und der ziemlich viel mit der Bühne zu tun gehabt hat; vielleicht kommt er als preußischer Garde-Kriegsreservist nach Berlin, für welchen Fall ich vielleicht so frei sein würde, ihm ein paar Zeilenan Sie zu geben. Er hielt sehr viel von Ihrem Drama, hielt es aber für durchaus nicht aufführbar, wegen der langen Reden, bei denen ein Schauspieler allein zu tun hat und die anderen ihre ganze Mimik 2—3mal durch erschöpfen können, um nicht wie Statisten dort zu stehn. Die beiden letzten Akte beweisen hinlänglich, daß es Ihnen leicht wird, den Dialog rasch und lebhaft zu machen, und da mit Ausnahme einiger Szenen es mir scheint, als könnte dasselbe in den ersten 3 auch geschehen, so zweifle ich nicht, daß Sie in der Bühnenbearbeitung diesem Umstand Rechnung getragen haben werden. Der Gedankeninhalt muß natürlich darunter leiden, das ist aber unvermeidlich, und die volle Verschmelzung der größeren Gedankentiefe, des bewußten historischen Inhalts, die Sie nicht mit Unrecht dem deutschen Drama zuschreiben, mit der shakespearischen Lebendigkeit und Fülle der Handlung, wird wohl erst in der Zukunft, vielleicht nicht einmal durch die Deutschen erreicht werden. Darin sehe ich allerdings die Zukunft des Dramas. Ihr 'Sickingen" ist durchaus auf der richtigen Bahn; die handelnden Hauptpersonen sind Repräsentanten bestimmter Klassen und Richtungen, somit bestimmter Gedanken ihrer Zeit, und finden ihre Motive nicht in kleinlichen individuellen Gelüsten, sondern eben in der historischen Strömung, von der sie getragen werden. Aber der Fortschritt, der noch zu machen wäre, ist der, daß diese Motive mehr durch den Verlauf der Handlung selbst lebendig, aktiv, sozusagen naturwüchsig in den Vordergrund treten, daß dagegen die argumentierende Debatte , im angedeuteten Sinn in ein Bühnendrama verwandeln. Damit hängt die Charakteristik der handelnden Personen zusammen. Mit vollem Recht treten Sie der jetzt herrschenden schlechten Individualisierung entgegen, die auf lauter kleine Klugscheißereien hinausläuft und ein wesentliches Merkmal der im Sande verrinnenden Epigonenliteratur ist. Indes scheint mir, daß eine Person nicht bloß dadurch charakterisiert wird, was, sondern auch, wie sie es tut; und nach dieser Seite hin glaub' ich, würde es dem Gedankeninhalt des Dramas nicht geschadet haben, wenn einzelne Charaktere etwas schärfer voneinander in mehr gegensätzlicher Weise geschieden worden wären. Die Charakteristik der Alten reicht heutzutage nichtmehr aus, und hier, meine ich, hätten Sie der Bedeutung Shakespeares für die Entwicklungsgeschichte des Dramas wohl unbeschadet ein wenig mehr Rechnung tragen können. Doch dies sind Nebensachen, die ich bloß aufführe, damit Sie sehen, daß ich mich auch um das Formelle Ihres Dramas bekümmert habe.
      Was nun den historischen Inhalt angeht, so haben Sie die beiden Seiten der damaligen Bewegung, die Ihnen zunächst lagen, sehr anschaulich und mit berechtigter Hinweisung auf die folgende Entwicklung zur Darstellung gebracht: die nationale Adelsbewegung, repräsentiert durch Sickingen, und die humanistisch-theoretische Bewegung mit ihrer weiteren Entwicklung auf theologischem und kirchlichem Gebiet, der Reformation. Die Szene zwischen Sickingen und dem Kaiser, zwischen dem Legaten und Erzbischof von Trier gefallen mir hier am besten; die Charakteristik ist auch in der Szene Sickingen und Karl sehr frappant. In der Selbstbiographie Huttens, deren Inhalt Sie mit Recht als wesentlich bezeichnen, haben Sie allerdings ein verzweifeltes Mittel gewählt, diesen Inhalt in das Drama einzuschieben. Von großer Wichtigkeit ist auch die Unterredung zwischen Balthasar und Franz im 5. Akt, worin erste-rer seinem Herrn die wirklich revolutionäre Politik vorhält, die er hätte befolgen müssen. Darin tritt das eigentlich Tragische zum Vorschein; und eben wegen dieser Bedeutung kommt mir vor, als wäre darauf schon im 3. Akt, wo mehrere Gelegenheiten dazu sind, etwas stärker hinzuweisen gewesen. Doch ich verfalle wieder in Nebensachen. — Die Stellung der Städte und der Fürsten jener Zeit ist ebenfalls mit großer Klarheit mehrfach dargestellt, und somit sind die sozusagen offiziellen Elemente der damaligen Bewegung ziemlich erschöpft. Worauf Sie aber nicht, wie mir scheint, den gehörigen Nachdruck gelegt haben, sind die nichtoffiziellen, plebejischen und bäurischen Elemente mit ihrer daneben laufenden theoretischen Repräsentation. Die Bauernbewegung war in ihrer Weise ebenso national, ebenso gegen die Fürsten gerichtet wie die des Adels, und die kolossalen Dimensionen des Kampfes, in dem sie erlag, stechen sehr bedeutend ab gegen die Leichtigkeit, mit der der Adel, Sickingen im Stich lassend, sich in seinen historischen Beruf des Schranzentums ergab. Auch für Ihre Auffassung des Dramas,die mir, wie Sie gesehen haben werden, etwas zu abstrakt, nicht realistisch genug ist, scheint mir daher die Bauernbewegung ein näheres Eingehen verdient zu haben; die Bauernszene mit Joß Fritz ist zwar charakteristisch und die Individualität dieses 'Wühlers" sehr richtig dargestellt, allein sie repräsentiert nicht mit hinreichender Wucht, der Adelsbewegung gegenüber, den damals schon hoch anschwellenden Strom der Bauernagitation. Für meine Ansicht vom Drama, die darauf besteht, über dem Ideellen das Realistische, über Schiller den Shakespeare nicht zu vergessen, hätte die Hereinziehung der damaligen so wunderbar bunten plebejischen Gesellschaftssphäre aber noch einen ganz anderen Stoff zur Belebung des Dramas, einen unbezahlbaren Hintergrund für die vorn auf der Bühne spielende nationale Adelsbewegung abgegeben, diese eben erst selbst ins rechte Licht gesetzt. Welch wunderlich bezeichnende Charakterbilder gibt nicht diese Zeit der Auflösung der Feudalverbände in den regierenden Bettlerkönigen, brotlosen Landsknechten und Abenteurern aller Art - ein Falstaffscher Hintergrund, der in einem in diesem Sinn historischen Drama noch effektvoller sein müßte als bei Shakespeare! Davon abgesehn, erscheint mir aber gerade, daß diese Zurücksetzung der Bauernbewegung der Punkt ist, durch den Sie verleitet worden sind, auch die nationale Adelsbewegung, wie mir scheint, nach einer Seite hin unrichtig darzustellen und zugleich das wirklich tragische Element in Sickingens Schicksal sich entgehen zu lassen. Meiner Ansicht nach dachte die Masse des damaligen reichsunmittelbaren Adels nicht daran, mit den Bauern eine Allianz zu schließen; seine Abhängigkeit von den durch die Bauernbedrückung erhaltenen Einkünften ließ dies nicht zu. Eine Allianz mit den Städten wäre eher möglich gewesen; sie kam aber auch nicht oder nur sehr teilweise zustande. Die Durchsetzung der nationalen Adelsrevolution war aber nur möglich durch eine Allianz mit Städten und Bauern, besonders den letzteren; und darin liegt meiner Ansicht nach gerade das tragische Moment, daß diese Grundbedingung, die Bauernallianz, unmöglich war, daß die Politik des Adels daher notwendigerweise eine kleinliche sein mußte, daß im selben Moment, wo er an die Spitze der nationalen Bewegung treten wollte, die Masse der Nation, die Bauern, gegen seine Leitung protestierten, und er so notwendig fallen mußte. Inwiefern Ihre Annahme, daß Sickingen mit den Bauern wirklich in einiger Verbindung gestanden, historisch begründet ist, kann ich nicht beurteilen, darauf kommt es auch gar nicht an. Die Schriften Huttens übrigens, soviel ich mich erinnere, wo sie sich an die Bauern wenden, gehen leicht über den kitzligen Punkt wegen des Adels fort und suchen die Wut der Bauern besonders auf die Pfaffen zu konzentrieren. Aber ich will Ihnen keineswegs das Recht bestreiten, Sickingen und Hütten so aufzufassen, als hätten sie vorgehabt, die Bauern zu emanzipieren. Damit hatten Sie aber sogleich den tragischen Widerspruch, daß beide zwischen den Adel einerseits, der dies entschieden nicht wollte, und die Bauern andererseits, gestellt waren. Hier lag meiner Ansicht nach die tragische Kollision zwischen dem historisch notwendigen Postulat und der praktisch unmöglichen Durchführung. Indem Sie dies Moment fallenlassen, reduzieren Sie den tragischen Konflikt auf die geringeren Dimensionen, daß Sickingen, statt gleich mit Kaiser und Reich, nur mit einem Fürsten angebunden habe , und lassen ihn einfach an der Gleichgültigkeit und Feigheit des Adels untergehn. Diese wäre aber ganz anders motiviert, wenn vorher schon die grollende Bauernbewegung und die durch die früheren Bundschuhe und den Armen Konrad unbedingt konservativer gewordene Stimmung des Adels mehr hervorgehoben worden wäre. Es ist übrigens alles dies nur eine Seite, nach der hin die bäurische und plebejische Bewegung ins Drama hineingezogen werden konnte; es sind wenigstens noch zehn andre Weisen denkbar, die ebensogut sind oder besser.
      Sie sehen, ich lege einen sehr hohen Maßstab an Ihr Opus, nämlich den allerhöchsten, sowohl nach der ästhetischen wie nach der historischen Seite hin, und daß ich das tun muß, um hie und da einen Einwand machen zu können, das wird Ihnen der beste Beweis meiner Anerkennung sein. Unter uns ist ja seit Jahren die Kritik, im Interesse der Partei selbst, notwendigerweise so unverhohlen wie nur möglich; im übrigen aber macht es mir und uns allen immer Freude, wenn ein neuer Beweis vorliegt, daß unsere Partei, auf welchem Gebiete auch sie auftritt, immer mit Ãœberlegenheit auftritt. Und das haben Sie auch diesmal getan. [...]
Am 6. 3. 1859 sandte F. Lassalle sein Drama 'Franz von Sickingen" und die Abhandlung über die tragische Idee des Stückes an Marx. Auf die Antwortbriefe von Marx und Engels reagierte Lassalle mit einem erneuten Schreiben vom 27. 5. 1859. Unsere Auswahl reduziert Lassalles Aufsatz über die tragische Idee auf den bestimmenden Grundgedanken. Die Antwortbriefe von Marx und Engels werden nur geringfügig gekürzt wiedergegeben. Erstdruck der Briefe Ferdinand Lassalles: Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle. Hg. von Franz Mehring.

I

V.

Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels. Stuttgart: Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. 1902. Erstdruck des gesamten Briefwechsels von Ferdinand Lassalle mit Marx und Engels: Ferdinand Lassalle: Nachgelassene Briefe und Schriften. Herausgegeben von Gustav Mayer. Bd. 3: Der Briefwechsel zwischen Lassalle und Marx. Stuttgart/Berlin 1922.
      Textvorlage: Karl Marx/Friedrich Engels: Ãœber Kunst und Literatur. In zwei Bänden. Auswahl und Redaktion: Manfred Kliem. 1. Bd. Dietz Verlag, Berlin 1967, S. 170-172, 174-175, 179-187.
      Erläuterungen: [1] Friedrich Schiller, 'Die Worte des Glaubens", 3. Strophe. - [2] Lat.: Mit verändertem Namen wird die Geschichte von uns erzählt. [3] Frz.: Zunächst. - [4) Zum zweiten. - [5] Engl.: Die andere Seite der Medaille. - [6] Zitat aus 'Carmen heroicum" 'Heroisches Lied" von Terentianus Maurus:Die Büchlein haben ihr Schicksal. - [7] 1858 erschien die anonyme Ausgabe einer Bühnenfassung des 'Franz von Sickingen". Eine Aufführung des Dramas lehnte das Königliche Hoftheater in Berlin ab, so daß Lassalle sein Stück 1859 als Lesedrama veröffentlichte. - [8] Am 22. November 1848 wurde F. Lassalle wegen Hochverrats verhaftet, nachdem er tags zuvor in Neuß in einer Versammlung dazu aufgerufen hatte, der preußischen Nationalversammlung, wenn notwendig, bewaffnete Hilfe zu leisten. Seine Verteidigungsrede vor dem Gericht ließ er vorher drucken. Als deshalb die Öffentlichkeit an der Verhandlung am 3. und 4. Mai 1849 nicht teilnehmen durfte, verzichtete Lassalle auf seine Assisenrede.
     

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