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ERICH WEINERT - Politische Satire — Politisches Kabarett



Wo die Dichtung sich in den Dienst des politischen Kampfes stellt, bedient sie sich entweder der pathetischen oder der satirischen Ausdrucksform. Das Pathos greift an der gefhrlichen, die Satire an der lcherlichen Seite des Feindes an. Die Satire ist ihrem Ursprung nach Volksdichtung. Die anonymen Spottgedichte, welche im alten Rom an ffentlichen Orten angeheftet wurden und in denen sich derber oder geschliffener Volkswitz gegen die Unnatur der herrschenden Klasse austobte, hatten den Charakter der politischen Satire. Sie wirkten in ihrer Bissigkeit strker als die offene Anklage. Der rmische Dichter Lucilius erhob im zweiten vorchristlichen Jahrhundert die Satire zur Kunstform, als welche sie auch von bedeutenden Dichtern aller Zeiten gepflegt wurde. Aber alle groen Satiriker entlehnten Ton und Rhythmus dem Volksliede, welches immer das Element der Satire in sich trug. [...]

Die groen Satiriker der Weltgeschichte jedoch rckten den Dummheiten und Verlogenheiten ihrer Umwelt scharf zu Leibe; sie griffen den Feind da an, wo er am empfindlichsten ist. Da sie in ihren Dichtungen eine gewisse gallige Heiterkeit zur Schau trugen, beweist nichts gegen den tiefen revolutionren Ernst, mit dem sie ihre Lebensaufgabe erfllten. Nicht umsonst haben sie Kerker, Exil und Verfolgungen auf sich genommen. Seit dem achtzehnten Jahrhundert, wo das demokratische das autokratische Prinzip zu verdrngen begann, entwickelte sich die politische Satire zu einer gefrchteten Waffe im sozialen Befreiungskampf. Das wute die Reaktion, und deshalb nahm sie den satirischen Dichter schrfer aufs Korn als den agitierenden Rebellen. Wir wissen, da Beranger fr seine Spottlieder gegen die nachrevolutionre franzsische Bourgeoisie, Heinrich Heine fr seine Attacken gegen das vermuk-kerte vormrzliche Deutschland, Glabrenner fr seine witzigen Hiebe gegen das vertrottelte Gottesgnadentum seiner Zeit, Ludwig Thoma fr die Beleidigungen Seiner Majestt des letzten deutschen Thronwrmers sich den gehssigsten Verfolgungen durch die Reaktion aussetzten.
      Die enge Verwandtschaft der Satire mit der elementaren Volksdichtung macht es wohl nun auch verstndlich, da jene im politischen Leben des Proletariers einen strkeren Widerhall findet als die Stimme des revolutionren Pathetikers. Der Satiriker spielt auf demselben Instrument wie der naive Mensch; der Pathetiker entlehnt seine Ausdrucksformen mehr der klassischen brgerlichen Literatursprache. Wie oft habe ich in proletarischen Veranstaltungen erlebt, da der flammendste Hymnus die Hrer nicht zu entznden vermochte, der volkswitzhafte satirische Ton hingegen spontane Kundgebungen entfesselte. Der Ton des Pathetikers wirkt eben nur mittelbar, weil er sich ungelufiger Worte und Bilder bedient; der Satiriker wird unmittelbar verstanden.
      Wie nahe der politische Satiriker dem Volksempfinden steht, liee sich beinahe durch die Tatsache beweisen, da alle bedeutenden Dichter dieser Art auf der revolutionren Seite zu finden sind. Oder gibt es nicht zu denken, da die gegnerische Seite ber keine Satiriker von Rang verfgt, obwohl es doch in unserem Lager auch gengend Unzulnglichkeiten gibt, die fr einen rechten Satiriker ein gefundenes Fressen sein mten? Aber unsere guten Feinde kommen ber ein paar geradezu bemitleidenswerte Klad-deradatschwitzchen nicht hinaus, die selber lcherlich wirken, da sie immer daneben treffen. Die Satire kann galliger oder lachender Natur sein; das liegt im Temperament des Dichters begrndet. Die gallige seziert diese gottgewollte Weltordnung, die lachende enthllt deren ganze Komik und verlogene Dummheit. Zuweilen greift der Satiriker zum Pathos, aber zum falschen Pathos dessen, den er entlarven will. Er braucht z. B. nur die aufgeblasene pastorale oder kleinbrgerlich-patriotische Phrase um ein Geringes zu bersteigern, um sie in ihrer unnatrlichen Albernheit in Erscheinung treten zu lassen.
      Lcherlichkeit ttet. Und der Getroffene hat nicht mal mehr die Mglichkeit, sich mit Erfolg zur Wehr zu setzen, dA )ede Geste des Protestes ihn noch lcherlicher macht.
      Halten wir die Satire in Ehren! Sie soll die erfrischende Trompete auf unsern ermdenden Vormrschen sein! [...]

Erstdruck: Politische Satire - Politisches Kabarett. In: Kulturwille. Berlin 1926, H. S. Textvorlage: Zur Tradition der sozialistischen Literatur in Deutschland. Eine Auswahl von Dokumenten. Hg. und kommentiert von der Akademie der Knste der DDR zu Berlin. Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 21967, S. 21-23

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