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ELISABETH SIMONS - Der sozialistische Realismus — eine neue Weltkunst



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Die junge Sowjetmacht war als Heimat des Weltproletariats Ziel der Hoffnungen und der Aufmerksamkeit der fortschrittlichen und revolutionren Werkttigen aller Lnder. Die sozialistischrealistische Literatur und Kunst der Sowjetunion gestaltete als erste das neue Menschenbild des revolutionren Kmpfers in Brgerkrieg und Klassenschlacht, den enthusiastischen Erbauer des Sozialismus, den Arbeitshelden, der nicht nur alle Vertreter der Vergangenheit aus ihren Schlupfwinkeln vertrieb, sondern der die Grundlagen fr menschlichere Formen des Zusammenlebens schuf und sich dabei selbst von alten Denk- und Verhaltensweisen befreite. Der schwere, konfliktreiche Aufbau des neuen sozialistischen Lebens bte den strksten Reiz auf die auslndischen Leser und Zuschauer aus. Sie suchten diese neue Kunst nicht formaler Experimente, sondern der objektiven Wiedergabe wirklicher Vorgnge wegen, sie fanden dort gestaltete revolutionre Praxis als Verwirklichung eigener Wnsche und Ziele. [...]

Eine tiefe Wirkung hinterlie das 'groe Sichaufrichten der Arbeiterklasse" in der Sowjetunion bei proletarischrevolutionren Schriftstellern und Knstlern in kapitalistischen Lndern. Die sozialistisch-realistische Sowjetkunst hatte in den Arbeitermassen dieser Lnder neue Kunstbedrfnisse geweckt. Siehatte auch die groen sthetischen Mglichkeiten und die unerschpfliche Themenflle dieser knstlerischen Richtung als erste 'erprobt und damit knstlerische Vorbilder geschaffen.
      Durch ihr Menschenbild inspiriert, durch unmittelbare Erlebnisse und Begegnungen mit seiner realen Grundlage, den Sowjetmenschen, bestrkt, fanden viele Knstler endgltig Zugang zu den Schaffensprinzipien des sozialistischen Realismus. Die Gestaltung des 'sowjetischen Stoffes" fhrte zur sthetischen Entdeckung des groen menschheitsgeschichdichen Prozesses des Aufstiegs der Arbeiterklasse fr das Kunstschaffen. Johannes R. Becher hob diese Seite 1930 hervor: 'Dort — so mssen wir in alle Welt verknden —, dort beginnt fr alle Schaffenden, gleichgltig, ob Kopf- oder Handarbeiter, ein Leben, das lebenswert ist, ein Leben, darin der Mensch nicht mehr als Ware verschachert wird, sondern wo der alte, geknechtete kapitalistische Mensch sich zu einem neuen Menschentypus entwickelt, berufen, Herr der Natur, Herr der Maschinen zu werden, berufen, die Welt zu erobern." [1] Diese als politische Aufgabe verstandene Hinwendung zur Gestaltung der Sowjetwirklichkeit erwies sich als fruchtbarer Impuls des knstlerischen Schaffens. Der humanistische Inhalt des revolutionren Kampfes wurde zuerst in kleineren, operativen Genres, spter in groen Kunstformen erfat: in der deutschen proletarischrevolutionren Literatur beispielsweise in Reportagen, Reiseberichten , in Gedichten , in dem Poem 'Der groe Plan" von Johannes R. Becher und vielen folgenden Werken. Das sowjetische Beispiel ermutigte zur Gestaltung der revolutionren Krfte und Aktivitten in der eigenen nationalen Entwicklung, die historisch-konkrete Zeichnung aller Erscheinungsformen des Klassenkampfes und aller individueller Entscheidungen, die der Revolution ntzten, wurde zum knstlerischen Ausdruck realhumanistischer Schritte zur Verbesserung der Welt, getragen von der optimistischen Siegesgewiheit und dem sozialistischen Lebensgefhl der revolutionren Arbeiterklasse. Über diese unmittelbare schpferische Anregung zu einem ganz eigenstndigen knstlerischen Schaffen, das sich aber wiederum dieser geistigkulturellen Welt durchaus zugehrig fhlte, berichteten Karl Grnberg [2], Hans Marchwitza, den seine erste Reise in die Sowjetunion veranlat hatte, seinen Roman 'Sturm auf Essen" zu schreiben [3], Anna Seghers, die beim Bau des Kraftwerkes Dnjeprostroj von der ungewhnlichen Art der Arbeit im Wettbewerb tief berhrt war [4], Egon Erwin Kisch, der 1930 uerte: 'Die literarische Reportage ... gewann in mir ... erst whrend meiner ersten Rulandreise ihren Sinn und Inhalt" [5], und viele andere.
      In der Weimarer Republik gestalteten sozialistische Kunstschaffende von neuem Typus, die ihre schpferischen Fhigkeiten ganz in den Dienst der Revolution stellten und 'sich auch nicht zu schade waren, um in Straenkmpfen und Saalschlachten ihren Mann zu stehen", wie Johannes R. Becher rckblickend urteilte [6], in einer umfangreichen Literatur, Dramatik und Theaterkunst, in Anstzen eines proletarisch-revolutionren Hrspiel- und Spielfilmschaffens, in vielen Genres der Bildenden Kunst ein neues Menschenbild. Die geistige Welt der historisch progressiven Klasse wurde fr die Nationalliteratur und -kunst erschlossen. Das knstlerische Schaffen von Becher, Brecht, Seghers, Wolf, Dessau, Eisler, Grundig, Nagel, Heartfield, Busch und anderen wurde weltbekannt.
      Auch in vielen anderen kapitalistischen Lndern vollzog sich ein im Prinzip gleicher Proze. Um die Kommunistischen Parteien scharten sich revolutionre Schriftsteller und Knstler, die sich in zunehmendem Mae der sozialistisch-realistischen Schaffensmethode bedienten und sympathisierende demokratischhumanistische Kulturschaffende anzogen. Solche Zentren gab es z. B. in Frankreich, bezeichnet durch Namen wie Louis Aragon, Henri Barbusse, Paul Vaillant-Couturier, Jean Richard Bloch und einen groen Kreis eng mit ihnen verbundener Knstler vom Rang eines Romain Rolland, Anatole France, Roger Martin du Gard, Le Corbusier. Nach Barbusses 'Feuer" und 'Clarte" wurde die sozialistisch-realistische Literatur in Frankreich am meisten durch Louis Aragon bereichert, und zwar mit seinem Zyklus 'Wirkliche Welt" und durch seine theoretischen Schriften . In der Tschechoslowakei hatten sich ebenfalls zahlreiche begabte Schriftsteller und Knstler dem sozialistischen Realismus angeschlossen, so S. K. Neumann, Peter Jilemnicky, Jifi Wolker, Marie Pujmanov , Marie Majerov , Ivan Olbracht , J. Kratochvil,

V.

Vancura. Ähnlich war die Lage in Polen. Neben den Werken von Julian Tuwim, Wladislaw Broniewski, E. Szymanski und Leon Kruczkowski sind vor allem die in den dreiiger Jahren ent-standenen Romane von Wanda Wasilewska und Bruno Jasienski hervorzuheben. Die ungarischen Schriftsteller und Kritiker Georg Lukcs, Andor Gabor, Bela Illes, A. Hids, J. Mathejka, A. Komjt und M. Zlka frderten nach der Niederlage der ungarischen Rterepublik in der deutschen Emigration und nach 1933 in der Sowjetunion durch wertvolle literarische und theoretische Beitrge die internationale Entwicklung des sozialistischen Realismus. Starke Gruppierungen sozialistisch-realistischer Knstler fanden sich auch in berseeischen Lndern, so in den USA.
      Der um die Zeitschrift 'New Masses" und den John-Reed-Club vereinte Kreis, der von Michael Gold geleitet wurde, stand in enger Verbindung mit dem amerikanischen Arbeitertheater und vielen namhaften Vertretern der ,Roten Dekade' in der amerikanischen Literatur wie Dreiser, Dos Passos und anderen. Albert Maltz, Alvah Bessie, W. Lowenfels und andere verbanden sich fest, John Steinbeck und Erskine Caldwell zeitweise mit dieser progressivsten amerikanischen Richtung. Zeitlich etwas frher lag der Hhepunkt der entschiedenen knstlerischen Linksbewegung in Japan, bezeichnet durch das Schaffen von Schriftstellern wie Tokunaga , der 1933 zu Tode gefolterte Kobayashi Takiji und andere. In der ganzen Welt entstand sozialistisch-realistische Kunst, so auch in China, im dichterischen Schaffen von Guo Moruo, Emi Siao, Mao Dun und Lu Xun, der sich auch erfolgreich fr die revolutionre Wiederbelebung der chinesischen Holzschnittkunst einsetzte, auf dem sdamerikanischen Kontinent, z. B. durch Werke des Brasilianers Jorge Amado, des Kubaners Nicolas Guillen, des Chilenen Pablo Neruda; in der Dichtung des Schotten Hugh MacDiarmid und den Stcken des irischen Dramatikers Sean O'Casey; im literarischpublizistischen Werk des Jugoslawen Miroslav Krleza und des ungarischen Dichters Attila Jozsef, in der Lyrik der Bulgaren Christo Smirnenski und Nikola Wapcarow und der Prosa ihres Landsmanns Georgi Karaslawow ; in den Gedichten des Trken Nazim Hikmet, des Spaniers Antonio Machado und den Dokumentarfilmen des Niederlnders Joris Ivens. Das proletarisch-revolutionre Lied erlebte nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in Frankreich, der Tschechoslowakei und in anderen Lndern einen groen Aufschwung, die besten Kampflieder Hanns Eislers undseiner deutschen Genossen wurden zu klassischen Beispielen des sozialistischen Realismus. [...]
In der Mitte der dreiiger Jahre fhrte die vernderte weltpolitische Situation zu einer neuen Entwicklungsetappe der sozialistischrealistischen Weltkunst mit anderen Organisationsformen. Die von der kommunistischen Weltbewegung ausgearbeitete neue Strategie zielte auf den Zusammenschlu aller revolutionren und demokratischen Krfte zur Zerschlagung des Faschismus als der Vorbedingung zum weiteren sozialen und auch kulturellen Fortschritt. Auch die weitere Frderung und Entwicklung der sozialistisch-realistischen Kunst, die in Deutschland, Japan und anderen Lndern durch Terror, Verbote und blutige Verfolgung abrupt unterbrochen worden war, konnte nur im greren Rahmen der Verteidigung der humanistischen Menschheitskultur stehen.
      Diese grundstzliche Zielstellung wurde im Kampf um die Volksfront der antifaschistischen Bewegung verfolgt. Gegen die reaktionre Kunst des Imperialismus formierten sich gemeinsam revolutionre sozialistische und progressive brgerliche Kunstschaffende.
      In groen Manifestationen und politischen Massenkundgebungen traten sozialistische und brgerliche Knstler gemeinsam auf. Gegen die faschistische Intervention kmpften in den spanischen Interbrigaden Seite an Seite Ludwig Renn, Mate Zlka, Ernest Hemingway und viele andere. Der Kongre der amerikanischen Schriftsteller im April 1935 war die letzte groe Tagung, die von der IVRS einberufen worden war. Er kndigte die Volksfront-Ära deudich an: in der neu gegrndeten 'Kampfliga amerikanischer Schriftsteller gegen Krieg und Faschismus" waren neben Michael Gold und Albert Maltz auch J. Steffens und Erskine Caldwell in das Prsidium berufen worden. [7]
An dem ersten internationalen Schriftstellerkongre im Juni 1935 in Paris beteiligten sich Schriftsteller mit unterschiedlichen, ja gegenstzlichen Weltanschauungen aus 37 Lndern. Die Mitglieder verschiedener IVRS-Sektionen gehrten zu den aktivsten Teilnehmern der Tagung. In den meisten Reden wurde auf die Zusammengehrigkeit von Kultur, Frieden und Sozialismus als einer politischen Aufgabe und auch als Vorbedingung knstlerischer Schaffensfreiheit hingewiesen. 'Wir waren erregt, mit Knstlern aus allen Teilen der Welt, die wir oft nur dem Namen nach kannten, zusammen zu sein", berichtete Anna Seghers ber den Kongre. 'Etwas Bestimmtes haben wir damals zum erstenmal ganz ver-standen: Warum alle gekommen waren. Wogegen wir auftraten [...] Jetzt wuten wir, da die Kraft aller anstndigen Menschen ntig war, um den Faschismus aufzuhalten, bevor er den Krieg ausbrten konnte. Das zu verhindern, hat die Kraft des Kongresses nicht gereicht. Aber sie hat unser aller Werk zu einem Bestandteil der antifaschistischen Front gemacht." [8] Es wurde die Internationale Schriftstellerassoziation zur Verteidigung der Kultur gegrndet, ihrem Stndigen Bro gehrten u. a. Maxim Gorki, Heinrich Mann, Henri Barbusse, George Bernard Shaw, Sinclair Lewis, Selma Lagerlf, Michael Scholochow, Alexej Tolstoi an. Im Dezember 1935 wurden die IVRS und ihre Sektionen aufgelst, um die gesamte Kraft der sozialistischen Schriftsteller auf die Sammlung aller antifaschistisch-demokratischen Autoren zu konzentrieren. Dieses Ziel wurde beispielsweise in der Zusammenarbeit der in verschiedenen Emigrationszentren lebenden deutschen Schriftsteller und Knstler weitgehend erreicht.
      Die groen Erfolge der demokratischen antifaschistischen Volksbewegung besttigten die Leninsche Lehre vom Zusammenhang zwischen dem Kampf um Demokratie und dem Kampf um den Sozialismus. Auch die sozialistisch-realistische Kunst erlebte in dieser Zeit eine Bltezeit. Neben den hervorragenden Leistungen der sowjetischen Literatur und Kunst der dreiiger Jahre wurden beispielsweise von Anna Seghers , Bertolt Brecht , Johannes R. Becher , Friedrich Wolf in der Emigration ebenfalls Meisterwerke des sozialistischen Realismus geschaffen. Durch die Orientierung auf die Volksmassen und auf die reale Perspektive einer demokratisch-sozialistischen Zukunft erstarkten auch die humanistischen und realistischen Positionen im brgerlichen Kunstschaffen. Der antifaschistische Widerstandskampf in Frankreich, der .
     
Die beeindruckende Strke der internationalen Bewegung der sozialistisch-realistischen Kunst bewies berzeugend die Un-haltbarkeit der trotzkistischen Auffassung, da eine neue Kunst der Arbeiterklasse vor dem Sieg der sozialistischen Revolution nicht mglich sei. Dieser damals wie heute propagierten linksradikalen Theorie von der permanenten Revolution zufolge knne erst die siegreiche Weltrevolution und die klassenlose Gesellschaft die notwendigen Vorbedingungen schaffen. Bis dahin knne die Arbeiterklasse, deren kulturschpferische Fhigkeit in Frage gestellt wird, bestenfalls Vorformen oder Rohmaterial einer solchen eigenstndigen proletarisch-revolutionren und sozialistischen Kultur schaffen, die ohne die fhrende Rolle der Partei entstehen. Diese Auffassungen stellten die revolutionre Bewegung und die sozialistische Kunst beziehungslos nebeneinander. Sie schadeten dem Bemhen der Partei um die ideologischorganisatorische Sammlung der Kunstschaffenden, sie relativierten das Streben nach knstlerischer Meisterschaft durch den konstruierten Gegensatz von Agitation und Kunst und die Behauptung vom 'Ende der Literatur". Der Bund proletarisch-revolutionrer Schriftsteller Deutschlands nahm bereits 1930 scharf gegen solche Tendenzen Stellung. 'Hinter dieser Theorie des Rohmaterials und des damit verbundenen Verzichts auf hohe Qualitt versteckt sich eine kleinbrgerliche Angst vor unserem Tempo, das Unvermgen, sich in der komplizierten Wirklichkeit der Aufbauperiode zurechtzufinden, das Unvermgen, sie knstlerisch bewutzumachen", heit es in einem 'Linkskurve"-Beitrag von Johannes R. Becher. [9]
Die Widerlegung der linksradikalen und trotzkistischen Anschauungen in der Theorie und vor allem durch die eindrucksvolle Praxis der sozialistisch-realistischen Kunst und die Durchsetzung der leninistischen Auffassung von der notwendigen Einheitlichkeit und Organisiertheit auch des kulturellen Kampfes der Arbeiterklasse waren wichtige Grundlagen fr den internationalen Aufschwung des sozialistischen Realismus.
     

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