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EGON ERWIN KISCH - Reportage als Kunstform und Kampfform



Die doppelte Tätigkeit, die dem sozial bewußten Schriftsteller gestellt ist, die des Kampfes und die der Kunst, würde in ihrer Einheit aufgehoben, sie würde in beiden Teilen wirkungslos und wertlos werden, wenn er in seiner Kunst oder in seinem Kampf zurückwiche. Nicht um formaler Wirkung wegen haben wir uns auferlegt, das Erbe der bürgerlichen Kunst zu verwalten und zu entwickeln. Nicht in der Hoffnung, vor dem Tribunal der herrschenden Ästhetik Gnade zu finden, haben wir zu verabscheuen all das, was wirklich banal ist, was wirklich demagogisch ist, was wirklich plebejisch ist, was wirklich Phantasielosigkeit, was wirklich öder Rationalismus oder starrer Materialismus ist.

      Mit allen unseren Kräften haben wir für den Ausdruck unserer Erkenntnis eine Form zu suchen, die allen idealen Gesetzen einer absoluten Ästhetik genügt. Wir sollen das, und wir tun das. Aber tun es auch die, die gegen uns die Vorwürfe erheben? Sie tun es nicht, und es wäre eine verlockende Aufgabe, in einer Literaturgeschichte aufzuzeigen, wie sich ihre hohe Literatur gegen die eignen Paragraphen versündigt, welch üble Phantasielosigkeit sich in ihr breitmacht, wie der Wille nach Karriere, Reichtum und Herrschaft über Frauen, also purer 'Materialismus" in ihrem Sinne, die Helden ihrer Romane und demnach auch die Autoren bewegt, wie alles auf Tendenz, einer bewußten oder unbewußten, basiert ist.
      Es gibt nicht nur die 'hohe Literatur". Es wird nicht nur in der ersten Zeit der sozialistischen Gesellschaft besondere Literaturformen geben, die sich an eilige, noch ungeschulte, noch unentwickelte Leserschichten wenden, aber diese Literaturformen müssen einen Charakter tragen, jenem just entgegengesetzt, den sie heute in fünf Sechsteln der Welt tragen. Lassen Sie mich als Beispiel die Reportage heranziehen, eine besondere Kunstform der Literatur, die von den bürgerlichen Ästhetikern diskreditiert ist und in der Tat von den Schreibern ihrer eigenen Welt herabgewürdigt wurde, daß selbst sie mit Geringschätzung auf sie herabsehen.
      Der Reporter war als die niedrigste Spezies der Zeitungsschreiber verachtet, bevor die Werke eines John Reed und einer Larissa Reissner darüber belehrten, daß der Tatsachenbericht auch unabhängig und künstlerisch abgestattet werden könne. Und wer nicht durch sie darüber belehrt ward, hätte aus der feindseligen gehässigen Haltung der kritischen Tempelhüter darüber belehrt werden können.
      Diese Haltung der kritischen Tempelhüter wandte sich nicht nur gegen das Neue, sondern vor allem gegen das Gefährliche. Lassen Sie mich ein Beispiel anführen: Vor etwa einem Vierteljahr war ich auf Ceylon; die Bücher, die ich an Bord des Schiffes über dieses Land gelesen hatte, waren teils offiziöse Reiseführer und Propagandaschriften der Reisebüros, teils literarische Reisebücher. Bei der Konfrontation dieser Literatur mit der Wirklichkeit packte mich helles Entsetzen. Ich sah eine Insel, auf der von Oktober bis Januar nicht weniger als dreißigtausend Kinder an Malaria und Unterernährung gestorben waren, eine Insel, auf der 80 Prozent der Kinder wegen Unterernährung unfähig zum Schulbesuch sind, wo die Weißen die Prügelstrafe täglich praktizieren, eine Insel, auf der für die Einheimischen keine Arbeitsmöglichkeit besteht, weil man lieber Arbeiter vom indischen Festland importiert, die sich nicht organisie-ren dürfen, eine Insel, auf der Menschen Baumblätter und Gras knabbern, eine Insel, auf der jedermann auf Schritt und Tritt vom Elend und Hungertod angestarrt wird.
      Und was stand in den Reisebeschreibungen? Da wird die Schönheit des perlenförmigen Eilands besungen, die Brandung des Meers, das Ewigkeitssuchen des Dschungels, die Ruinen des alten Kaiserschlosses und tausenderlei anderes von blühender Kultur, aber nichts von dem entsetzlichen, fürchterlichen Alltag.
      Wenn wir nun den Autoren solches zum Vorwurf machen wollten, so würden sie nicht nur darauf hinweisen, daß sie nicht gelogen haben, daß alle diese vergangene Schönheit der Paläste und alle diese bestehende Schönheit der Natur wirklich vorhanden ist, sondern sie würden auch dagegen protestieren, daß wir ihre Freiheit zu beschränken wagen, indem wir ihnen die Themen vorschreiben. Und dann würden sie zum Angriff übergehen und sagen, daß sie eben Künstler seien und wir nur 'banal", 'demagogisch", 'phantasielos" und weiß Gott, was noch.
      Nun liegt es allerdings für einen sozial empfindenden Menschen nahe, solche Tatsachen, wie sie auf Ceylon auf uns einstürmten, einfach zu registrieren, die Greuel einfach aufzuzählen, wirklich banal zu sein. Nicht minder nahe liegt die Versuchung, zu schreien angesichts dieses Jammers, also in den Verdacht der Demagogie zu geraten. Nicht minder nahe liegt die Versuchung, diese gehäuften Fakten durch sich selbst wirken zu lassen, also phantasielos zu erscheinen.
      All diese Versuchungen muß der wahre Schriftsteller, das ist: der Schriftsteller der Wahrheit, vermeiden, er darf die Besinnung seiner Künstlerschaft nicht verlieren, er soll das grauenhafte Modell mit Wahl von Farbe und Perspektive als Kunstwerk, als anklägerisches Kunstwerk gestalten, er muß Vergangenheit und Zukunft in Beziehung zur Gegenwart stellen — das ist logische Phantasie, das ist die Vermeidung der Banalität und der Demagogie. Und bei aller Künstlerschaft muß er Wahrheit, nichts als Wahrheit geben, denn der Anspruch auf wissenschaftliche, überprüfbare Wahrheit ist es, was die Arbeit des Reporters so gefährlich macht, gefährlich nicht nur für die Nutznießer der Welt, sondern auch für ihn selbst, gefährlicher als die Arbeit des Dichters, der keine Desavouierung und kein Dementi zu fürchten braucht.
      Es ist schwer, die Wahrheit präzis hinzustellen, ohne Schwung und Form zu verlieren; Reportage heißt Sichtbarmachung der Arbeit und der Lebensweise — das sind oft spröde, graue Modelle in den heutigen Zeitläufen.
      Wahrheit ist das edelste Rohmaterial der Kunst, Präzision ihre beste Behandlungsweise. In den Ländern, in denen die Freiheit darniederliegt und die Tyrannei herrscht, das kann auch der Unpolitische erkennen, dominiert in der Literatur gefühlsbetonte Verschwommenheit, mystisches Schwärmen für Blut und Boden und dergleichen, weil kein Problem des Lebens angeschnitten werden darf.
      Uns aber stehen der Mensch und das Leben am höchsten. Ihnen, ihrem Sein und Bewußtsein soll unsere Literatur dienen!
Entstanden: 1

  
   Erstdruck: Auszüge unter dem Titel: Eine gefährliche Literaturgattung, in: Der Gegenangriff Nr. 28, 12. Juli 1935 und unter dem Titel: Reporter, in: Die neue Weltbühne vom 11. Juli 1935.
      Textvorlage: Zur Tradition der sozialistischen Literatur in Deutschland. Eine Auswahl von Dokumenten. Hg. und kommentiert von der Deutschen Akademie der Künste. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 21967, S. 720-723.
     

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